10. Kardinal König-Gespräch: Dürfen wir alles, was wir können?

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Das 10. Kardinal König Gespräch, das sich mit der Schöpfung und mit der Frage nach den Grenzen unserer Möglichkeiten befasste, wurde in diesem Jahr, unter ganz großer Beteiligung der Menschen aus den beiden Heimatgemeinden des Kardinals, Kirchberg und Rabenstein, aber auch darüber hinaus, wie immer am letzten Wochenende im August abgehalten und mit einem feierlichen Gottesdienst in der alten Andreaskirche verbunden, zu deren Restaurierung und Revitalisierung Kardinal König den Anstoß gegeben hatte. 
Als Referent konnte dieses Jahr der bekannte Humanethiker Prof. DDr. Johannes Huber gewonnen werden, der zudem auch fast 10 Jahre lang persönlicher Sekretär des Kardinals gewesen war.

 

© Mag. Wolfgang Zarl
vlnr: Dorli Draxler (NÖ-Volkskultur), Mitorganisatorin Monika Gansch, Landtagsabgeordneter Bgm. Dr. Martin Michalitsch, Kirchbergs Bürgermeister ÖkRat Anton Gonaus, Kirchbergs Pfarrer August Blazic, Kardinal König-Vereinsobmann-Stellvertreterin Dr. Annemarie Fenzl, Referent Prof. DDr. Johannes Huber, Rabensteins Bürgermeister Ing. Kurt Wittmann, Rabensteiner Pfarrer P. Leonhard Obex und Kardinal König-Gespräch-Moderator Prof. Heinz Nußbaumer

In seinem Vortrag appellierte Prof. Huber, die "Verfassung der Natur zu beachten"

Der bekannte Wiener Gynäkologe und Theologe zeigte beim 10. "Kardinal König-Gespräch" in Kirchberg an der Pielach dramatische Auswirkungen im Bereich der Reproduktionsmedizin und der Sexualerziehung auf – Frage der  Verantwortung muss in den Vordergrund gestellt werden

"Dürfen wir alles, was wir können?": Diese Frage stand am Samstag im Mittelpunkt des
10. "Kardinal-König-Gesprächs" in Kirchberg an der Pielach. Univ. Prof. Johannes Huber, Gynäkologe, Theologe, Ethiker und renommierter Naturwissenschaftler, zehn Jahre hindurch auch Sekretär von Kardinal König, gab eine differenzierte und doch eindeutige Antwort.  Prof. Huber hat selbst vielfach zum wissenschaftlichen Fortschritt – vor allem in den Bereichen der Reproduktionsmedizin - beigetragen, zugleich plädierte er eindringlich dafür, die "von der Evolution bestimmte Verfassung der Natur" und die "goldene Regel" ("behandle andere so, wie du von ihnen behandelt werden willst") zu beachten. Im Detail gehe es oft um "Güterabwägung", insgesamt seien aber gravierende Auswirkungen zu befürchten, wenn die Grundsätze der christlichen Ethik verschwinden. Das "warnende Wort" der Kirche sei wichtig für die gesellschaftliche Entwicklung und dürfe nicht "ironisiert" werden, sagte Prof. Huber vor den rund 300 Teilnehmerinnen und Teilnehmern. Er verwies sowohl auf Komplikationen im Zusammenhang mit der künstlichen Befruchtung  (In-vitro-Fertilisation/IVF), die "weitgehend ausgeblendet" werden, als auch auf den Trend zu einer "hedonistischen Sicht“ der Sexualität, die neuere wissenschaftliche Erkenntnisse vernachlässige. Die „Verfassung der Natur" beruhe auf einer viele Millionen Jahre umfassenden Entwicklung, kein Parlament könne diese Verfassung außer Kraft setzen, unterstrich der Wissenschaftler. Es sei erstaunlich, dass in manchen Bereichen – etwa beim Einsatz von Pestiziden oder von genveränderten Pflanzen – selbstverständlich der Respekt vor der Natur bemüht werde, nicht aber im Hinblick auf die menschliche Reproduktion.

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Prof. Huber wandte sich gegen eine Sicht menschlicher Sexualität, die sich auf das beschränkt, "was Spaß macht" und Verantwortung in den Hintergrund drängt. Diese Sicht sei leider oft auch im schulischen Aufklärungsunterricht greifbar. Neuere Erkenntnisse der Immunologie hätten gezeigt, dass das sexuelle Miteinander von Mann und Frau tiefer gehend ist als lange vermutet: "Die schwangere Frau trägt kindliche Zellen – mit DNA des Vaters und der Mutter – auch weiter in sich". Die Natur zeige hier, dass Verbindungen nicht so leicht auflösbar sind.

Man müsse sich der Frage stellen, was die biologische Verfassung der zweigeschlechtlichen Sexualität bedeute. In der Bibel habe Sexualität einen interpersonalen Charakter, dies sei gut für die Solidarität zwischen den Ehepartnern. Berührt werden vom anderen Geschlecht sei positiv. Vieles davon werde im Aufklärungsunterricht nicht ausreichend wahrgenommen – auch die Tatsache, dass für die Jugendlichen der Faktor Treue sehr wichtig ist. Die Natur habe ein Werk entworfen, das der Partnerschaft diene und das müsse man auch jungen Menschen sagen.

Beim "big Business" der künstlichen Befruchtung müsse man auf negative Folgen wie Missbildungen oder auf das vierfach höhere Risiko von Eierstockkrebs hinweisen, betonte Prof. Huber. Mit der IVF-Technik müsse sorgsam umgegangen werden.

Ausführlich ging Prof. Huber auf die Fragen der ethischen Probleme am Beginn und am Ende des menschlichen Lebens ein. In den USA und in China gebe es Versuche, bei Babies Gene zu deaktivieren. Solange es um die Behebung von Erbkrankheiten gehe, seien solche wissenschaftlichen Bestrebungen zu begrüßen, "aber wer denkt über die gesellschaftliche Dimension nach, wenn ‚designer babies‘ zum Prinzip werden".

Ähnliches gelte am Ende des Lebens, wenn angesichts der Zunahme der Lebensdauer über "Entsorgungsstrategien" für die Alten nachgedacht werde. Zugleich gebe es Bestrebungen, den menschlichen Alterungsprozess drastisch zu bremsen und "100 Jahre eines gesunden Lebens" zu ermöglichen, wie es der US-amerikanische Immunologe
Prof. Leroy Hood vor wenigen Jahren in Alpbach dargelegt habe.

Dass es im christlichen Bereich Aktionen gebe, die sich für den umfassenden Schutz des Lebens einsetzen, sei angesichts dieser Entwicklungen besonders bedeutsam und ein Dienst an der Gesellschaft, unterstrich Prof. Huber.

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Der Fall Galilei und seine Überwindung

Mit den "Kardinal König-Gesprächen" soll das große geistige und geistliche Erbe des im Pielachtal geborenen Kardinals (1905-2004) auf einer populären Ebene weitergeführt werden. Einleitend wurde in der Kirchberg-Halle eine historische "Christ in der Zeit"-Sendung  (Zum Download, 158 MB) des ORF-TV gezeigt: Am 8. November 1992 nahm Kardinal König in dieser Sendung zum "Fall Galilei" Stellung, wenige Tage zuvor, am 2. November 1992, war Galileo Galilei von der katholischen Kirche offiziell rehabilitiert worden. Dass Kardinal König eingeladen wurde, im ORF dazu Stellung zu nehmen, war kein Zufall, wie Annemarie Fenzl, die Leiterin des Kardinal-König-Archivs (und Generalsekretärin der Kardinal-König-Stiftung), betonte: Der Kardinal hatte am 1. Juli 1968 in einem Vortrag bei der Nobelpreisträger-Tagung in Lindau (zum Thema: "Überwindung des Galilei-Traumas im Verhältnis von Kirche und Profanwissenschaft") verkündet, dass er von Papst Paul VI. beauftragt sei, vor diesem Forum mitzuteilen, "dass von zuständigen Stellen bereits Initiativen ergriffen wurden, um den Fall Galilei einer klaren und offenen Lösung zuzuführen. … Die gläubige Vernunft hat mühsam um die Wahrheit gerungen und hat durch Erfahrung und Diskussionen, die mit Leidenschaft geführt wurden, allmählich den richtigen Weg gefunden. Sie hat gelernt, dem wissenschaftlichen Denken mit Offenheit und Anerkennung zu begegnen. Sie weiß, dass zwischen dem wissenschaftlichen Weltbild, dem Denken des modernen Menschen einerseits, und dem religiösen Glauben andererseits ein harmonisches Verhältnis möglich ist."

Annemarie Fenzl erinnerte daran, worum es im "Fall Galilei" ging: Der toskanische Universalgelehrte (1564-1642) war einer der wichtigsten Begründer der neuzeitlichen exakten Naturwissenschaften. Berühmt wurde er vor allem durch die Verurteilung seiner – auf den Annahmen des polnischen Priester-Wissenschaftlers Nikolaus Kopernikus beruhenden – heliozentrischen Weltmodells (die Erde bewegt sich um die Sonne und nicht umgekehrt) durch die römische Inquisition. Prof. Huber merkte in diesem Zusammenhang an, dass Kardinal König bei der Verhandlung am 22. Juni 1633  in der römischen Basilika Santa Maria sopra Minerva zweifellos mit den "drei Kardinälen gestimmt hätte, die ein Minderheitsvotum abgaben, weil sie zur Vorsicht mahnten und verstanden hatten, dass die Anklage gegen Galilei auf den Anzeigen von wissenschaftlichen Kollegen beruhte, die ihm den wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Erfolg neideten".

Kardinal König habe beim Zweiten Vatikanischen Konzil wesentlich dazu beigetragen, dass die Auseinandersetzung zwischen Kirche und Naturwissenschaft entkrampft wurde, sagte Annemarie Fenzl. Entscheidend war die Stellungnahme des Kardinals bei der 93. Generalkonferenz am 2. Oktober 1964 über die Irrtumslosigkeit der Schrift, worin er das Konzil aufforderte, "mit der Aussage, die ganze Schrift sei frei von Irrtum, vorsichtig umzugehen." Er belegte seine Ansicht mit Beispielen offensichtlicher historischer Fehler in der Bibel und zog daraus die Schlussfolgerung, dass der Verfasser, seiner Zeit entsprechend, "in Bezug auf historische Angaben … nur eine begrenzte Kenntnis gehabt habe und dass Gott ihn so, wie er eben war, zum Schreiben bewogen hat". Die  "Irrtumslosigkeit" der Heiligen Schrift - in der es historische und naturwissenschaftliche Irrtümer gibt - wurde dann vom Konzil dahingehend relativiert, dass es beim Lesen der Heiligen Schriften zuerst darum geht, dass der Mensch sich im Glauben auf Gott einlässt und erfährt, dass es Gott ist, der durch die Schrift zu ihm spricht. Die konkreten Verbesserungsvorschläge Königs zum Text der Konzilserklärung "Dei Verbum" wurden der Substanz nach berücksichtigt; Joseph Ratzinger – der spätere Papst Benedikt XVI. – beurteilte im "Lexikon für Theologie und Kirche" dann den endgültigen Text als einen, der "die Treue zur kirchlichen Überlieferung mit dem Ja zur kritischen Wissenschaft verbindet und damit dem Glauben den Weg ins Heute öffnet".

Dem langjährigen Wiener Erzbischof (und Leiter des Päpstlichen Sekretariats für die Nichtglaubenden) sei bewusst gewesen, dass das Verhältnis von Wissenschaft und Glaube "nicht immer ein einfaches, selbstverständlich harmonisches" war, so Annemarie Fenzl.  Der  Dialog zwischen Religion und Wissenschaft sei König seit seiner Salzburger Professorenzeit ein besonderes Anliegen gewesen. Als  Erzbischof von Wien habe er dann im April 1978 ein unter der Patronanz der Bayerischen Akademie der Wissenschaften in München stehendes Symposion zum Thema "Glaube und Wissen" einberufen, das großes Echo auslöste. Die dort versammelten hochrangigen Gelehrten aus verschiedenen europäischen Ländern hätten hier erstmals den Versuch gemacht, den geschichtlich schon längst überlebten Galilei-Komplex hinter sich zu lassen und das gegenseitige Gespräch zu suchen. Annemarie Fenzl zitierte aus der Eröffnungsansprache des Kardinals: "Eine Begegnung von Wissenschaft und Glaube hat zur Voraussetzung, dass es keine Frageverbote gibt, dass nicht nur die wissenschaftliche Vernunft, sondern auch das Herz des Menschen zu Wort kommt..." . Denn die Entdeckung der „Grenzen der Machbarkeit, die beunruhigende Frage, ob der Mensch alles machen dürfe, was er machen könne, "von Nuklearwaffen bis hin zur Genchirurgie", habe für das Gespräch von Wissenschaft und Glaube besondere Bedeutung. Die  Wissenschaft finde keine letzten Gewissheiten, aber auch der Glaube könne Gott nicht "beweisen". König habe gern namhafte Autoren als Zeugen für mögliche Allianzen zitiert, so etwa Max Planck: "Wohin und wie weit wir also blicken mögen, zwischen Religion und Naturwissenschaft finden wir nirgends einen Widerspruch, wohl aber gerade in den entscheidenden Punkten volle Übereinstimmung". Für den Kardinal, Erzbischof und Konzilsvater sei jener Weg der Gotteserkenntnis – "unter vielen anderen möglichen Formen" - ein für viele gangbarer gewesen, den Albert Einstein in einem seiner letzten Aufsätze ("Science and Religion") skizziert hatte: "Meine Religion besteht in meiner demütigen Bewunderung einer unbegrenzten geistigen Macht, die sich selbst in den kleinsten Dingen zeigt, die wir mit unserem gebrechlichen und schwachen Verstand erfassen können. Diese tiefe, emotionelle Überzeugung von der Anwesenheit einer geistigen Intelligenz, die sich im unbegreiflichen Universum eröffnet, bildet meine Vorstellung von Gott".

"Ein besonderer Niederösterreicher"

Seit 2008 sind die Pielachtal- Gemeinden Rabenstein und Kirchberg abwechselnd Schauplatz der "Kardinal-König-Gespräche". Mitveranstalter ist der Verein "Kardinal König – Glaube und Heimat im Pielachtal" mit seinem Vorsitzenden Gottfried Auer. Franz König wurde am 3. August 1905 im Rabensteiner Ortsteil Warth geboren und am 5. August in der Rabensteiner Pfarrkirche getauft. Er besuchte die Volksschule in Kirchberg an der Pielach.

Kardinal König sei ein besonderer Niederösterreicher gewesen, der "in der ganzen Welt zuhause war",  betonte der niederösterreichische Landtagsabgeordnete Martin Michalitsch beim 10. "Kardinal-König-Gespräch". Das Pielachtal sei stolz auf ihn: er sei weltoffen und zugleich bodenständig gewesen. Der Kardinal habe bei vielen Menschen Spuren hinterlassen. Sein Dialog mit den Religionen sei "aktueller denn je", so Michalitsch. Auftakt des diesjährigen "Kardinal-König-Gesprächs" war die Messfeier, der der scheidende Pfarrer von Kirchberg, August Blaziz in der Kirchberger Pfarrkirche vorstand. Moderator des 10. "Kardinal-König-Gesprächs" – bei dem auch Rückblick auf die erfolgreichen Veranstaltungen der letzten Jahre mit Referenten wie Weihbischof Helmut Krätzl, dem früheren Caritas-Präsidenten Franz Küberl und dem Europa-Politiker Othmar Karas gehalten wurde – war "Furche"-Herausgeber Prof. Heinz Nussbaumer.

Bericht: Prof. Erich Leitenberger

Berichte in den Medien:
Im Sonntagsblatt

Auf der Website der Gemeinde Rabenstein an der Pielach

Auf der Website der "Diözese St. Pölten"



10. Kardinal König-Gespräch: Dürfen wir alles, was wir können?

3. August 1905 - 112. Geburtstag von Kardinal Franz König

10 Jahre Kardinal König-Gespräche im Pielachtal - "Der Mensch und die Schöpfung"

Fronleichnam

Pfingsten





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