Bauernbundwallfahrt nach Mariazell, 10. September 1995

Der Herbst ist die Zeit der Ernte und des Erntedanks. Alljährlich im September findet in Mariazell die große Wallfahrt des Bauernbundes statt. Sie vereint Menschen, die auf die eine oder andere Art und Weise in der Landwirtschaft tätig sind und sich um "das tägliche Brot" bemühen, das von vielen Menschen, vor allem in den Städten, gerade heute, als Selbstverständlichkeit angesehen wird.

Denn die Arbei der Bauern ist in ihren vielen wichtigen und unterschiedlichen Ausfaltungen immer noch weitgehend unbekannt und daher auch unbedankt. Von der Sorge um die Bewahrung der Schöpfung ausgehend bis hin zur Landschaftspflege als letzte Konsequenz daraus tragen die Bauern Sorge um unser Land und sind dadurch gewissermaßen das Rückgrat unseres ländlichen Raumes, wo Menschen heute, mehr noch als früher, aus der Stadt und aus den Industriegebieten Ruhe und Erholung suchen und auch finden.

Solche Gedanken und noch viel mehr hat Kardinal König, der selbst aus dem bäuerlichen Milieu stammte, in seiner Predigt bei der Gnadenmutter immer wieder zusammengefasst und dabei den Menschen, die in der Landwirtschaft arbeiten, ausdrücklich Dank gesagt.

 

 

© KK-Archiv
Bauernbundwallfahrt nach Mariazell, September 1995

Predigt in der Basilika von Mariazell

Reiche Ernte

Ein Sämann ging hinaus aufs Feld, um seinen Samen auszusäen. Diese Gleichnisrede, wie wir sie jetzt im Evangelium gehört haben, ist ein eindrucks-voller Hinweis auf das bäuerliche Leben in Israel. Denn damals wie heute gehörte es zu den Aufgaben und Sorgen des Bauern, mit einem kleineren oder größeren Besitz, das Land zu pflegen und zu bebauen. Im Herbst oder im Frühjahr ist der Bauer bemüht, den Samen - heute nicht mehr mit der Hand, sondern mit der Maschine - dem Boden, dem Acker, anzuvertrauen. Mit Sorge nimmt er dabei bedacht, ob das Feld auch geeignet ist, den Samen aufzunehmen, um im dunklen Schoß der Erde Wurzel fassen und keimen zu können. - Denn "wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein, wenn es aber stirbt, bringt es reiche Frucht".

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Mit wachem Sinn verfolgt der Bauer das Wachsen und Reifen des Samens, damit er eine vielfältige, gute Frucht heimbringen kann, um all denen, die Hunger haben, Brot, Nahrung, in vielfältiger Form geben zu können.
Die Gleichnisrede entwirft ein überzeitlichen Bild des bäuerlichen, mit dem Boden und der Natur verbundenen Lebens. Keine Form menschlicher Arbeit und Lebens ist ursprünglicher, enger mit der Natur und dem Leben des Menschen verbunden als die des Bauern. Das Leben des Menschen ist aus den Elementen der Erde genommen und kehrt am Ende seines Weges wieder zur Erde zurück. Das Geborenwerden und Sterben ist eingebunden in den Rhythmus des Werdens und Vergehens, läßt ein wenig hellhörig werden für die Frage: Woher komme ich, wohin gehe ich, und wo ist das Ziel meiner Mühen und Plagen? Brauchtum und religiöser Glaube werden hineingebunden in den Reigen des Jahres, in die größeren Zusammenhänge menschlicher Ordnung und Wege, um Trost zu suchen und Sicherheit zu finden.
Die Technik mit ihren neuen Möglichkeiten hat vor rund 200 Jahren, im aufkommenden Industriezeitalter, tief in die Wirtschaft, in das gesellschaftliche Gefüge eingegriffen, hat die Grundstruktur bäuerlichen Lebens mit hineingezogen in die großen Veränderungen. All das zu verkraften war oft schwierig. Äußere Umstände haben dazu oft Probleme gebracht, haben Ausdauer, Mut und Liebe zum heimatlichen Boden auf die Probe gestellt. Die Eigenverantwortung und Unabhängigkeit des Bauern brachte Vorteile, aber auch Nachteile, in Notzeiten alleingelassen zu sein.
Das Denken in Generationen und Lebenskreisen, in Verbindung mit der bäuerlichen Tradition, legte den Grund für ein weises bäuerliches Sinnen und Trachten: das heißt, was man von den Vorfahren ererbt hat, muß man entsprechend als gutes Erbe an die Nachfahren wieder weitergeben. Verbunden damit waren stets Werte, wie: Treue und Beständigkeit, Vorausschau, Genügsamkeit und Maßhalten, aber auch Freiheit und Frieden. Vom Bauern können wir auch lernen, Geduld zu haben und warten zu können. Daran erinnert uns die Heilige Schrift des Neuen Testamentes, wo es im Jakobusbrief heißt: "Ebenso geduldig sollt auch ihr sein. Macht euer Herz stark, denn" - so meinte man damals, - "die Ankunft des Herrn steht nahe bevor. Auch der Bauer wartet auf die kostbare Frucht der Erde, er wartet geduldig, bis im Herbst und im Frühjahr der Regen fällt" (Jak 5,7).

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Und als es nach dem letzten Krieg an allem fehlte, haben die Bauern nicht das letzte, noch vorhandene Korn zu Geld gemacht, sondern es aufbewahrt für die nächste Saat und Ernte. Die Sorge für die anderen gehört gerade heute zum Planen und Leben des Bauern. Viele Frauen und Männer unseres Landes, in verschiedenen Sparten des Lebens und des Berufes, haben durch ihre Familien eine bäuerliche Wurzel und zeigen damit, daß diese bodenständigen Werte, wie: Genügsamkeit, Maßhalten, Treue und Ehrlichkeit mit dem Land besonders verbunden sind.
Der junge Bauer, für den es heute nicht immer leicht ist, eine Frau und Gattin zu finden, die bereit ist, die Lasten eines selbständigen, kleineren oder größeren Hofes mit zu übernehmen, wird heute leicht verunsichert durch viele Änderungen, die etwa auch der Eintritt unseres Landes in die Europäische Gemeinschaft mit sich bringt. Die bäuerliche Produktion kann heute nicht mehr vorwiegend den Eigenbedarf decken, die Steigerung der Leistung, das Ringen um gute Preise, hineingestellt zu sein in eine immer größere Konkurrenz anderer Länder, das alles zwingt zur Spezialisierung und bringt damit ganz neue Sorgen und Probleme. Der Bauer, der gewohnt ist, in Generationen für seinen Hof und seine Familie zu denken, wird verunsichert, wenn er heute vor der Frage steht: Soll ich, lohnt es sich, noch den Hof zu übernehmen? Hat es noch einen Sinn, für meine eigene Zukunft und die meiner Nachfahren, Bauer zu sein?
Die Verunsicherung der bäuerlichen Familie könnte zu einer immer größeren Flucht aus dem bäuerlichen Leben und damit weg vom Land führen. Die Folge davon wäre, und dies ist uns viel zu wenig bewußt, eine Verödung größerer Teile unseres Landes.Es geht also - alles in allem - so glaube ich, nicht nur um Preise der produzierten Nahrungsmittel, sondern es geht um unsere Lebensgrundlage und den Lebensraum unserer Heimat.

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Auf dem Wege nach Mariazell bin ich durch das Land der Diözesen Wien und St. Pölten gefahren, vorbei an Siedlungen und Feldern, wohlbestellt und wohlgeordnet, an Bauernhöfen in der Ebene und an den Hängen des Traisentales bis Türnitz und der Mariazeller Gegend. Vieles ist hier gebaut und verbessert worden, vieles ist schöner und lebendiger geworden.
Auf dem Wege nach Europa, so hoffe ich, werden wir unsere Heimat neu sehen und schätzen lernen. Der menschliche und berufliche Lebenskreis unserer bäuerlichen Familien erfährt heute auch bei uns - Gottseidank - eine neue und große Wertschätzung. Damit erkennen wir mehr als früher, was es heißt, mit unserem Boden und so mit dem bäuerlichen Lebensraum verantwortungsvoll umzugehen. Es kann also - nochmals sei es gesagt, - nicht darum gehen, den Boden nach dem Prinzip des höchsten Gewinnes auszubeuten, ohne an die nachfolgende Generation zu denken; es geht um jene Pflege und Erhaltung, die es erlaubt, mit gutem Gewissen ein wohlbestelltes Land der kommenden Generation weitergeben zu können. Die Bauern sind so das Rückgrat unseres ländlichen Raumes, wo man heute, mehr als früher, aus der Stadt und aus den Industriegebieten Ruhe und Erholung sucht, um an den Quellen eines noch gesunden Lebensraumes neue Kräfte schöpfen zu können.
Die Zahl der hauptberuflichen, selbständigen Bauern nimmt zwar ab, aber das Verständnis und das Interesse für den Bauern und seine Arbeit nimmt zu. Aber auch bei den Bauern selber wächst die Verantwortung und das Bewußtsein, wie wichtig auch jene Werte sind, die man nicht gleich zu Geld machen kann.
Damit ein solches Denken, ein solches Bewußtsein gestärkt wird, kommt der dörflichen Gemeinschaft in unserem Lande, kommt dem heimatlichen Dorf, wie wir sagen, eine heute wachsende Bedeutung zu. Die bäuerlichen Familien sind die lebendigen Zellen einer solchen gesunden Gemeinschaft. Und dazu gehört nicht nur die Politik, sondern vor allem auch das Brauchtum, gehören die Vereine, wie etwa Musikkapelle und Feuerwehr, sowie Jugendgruppen; dazu gehören die Stammtischrunden, aber auch Frauengemeinschaften mit der Pflege heimatlichen Bauchtums, wie ich es unlängst in Oberösterreich, in Hinterstoder, gesehen habe. - Zum dörflichen Leben gehört, heute vielleicht mehr als früher, eine lebendige Pfarrgemeinde, als geistige Grundstruktur. Ich freue mich, bei meinen fast regelmäßigen Sonntagsgottesdiensten auf dem Lande zu sehen, wie viel hier etwa in den letzten beiden Generationen lebendig geworden ist.
Mit Freude und Genugtuung möchte ich außerdem hier feststellen, daß in dieser Hinsicht sehr viel dazu beigetragen hat die von Niederösterreich ausgegangene Idee der dörflichen Erneuerung. Dieser von Niederösterreich ausgegangene Impuls, das heißt, zu überlegen, in welcher Weise dörfliche Siedlungen baulich und geistig erneuert werden können, hat mehr als erwartet, Früchte getragen. Diese Idee ist zudem europaweit aufgegriffen worden und hat auch die etwas dürftigen Verbindungen zu unseren Nachbarn in Osteuropa auf eine neue, gute Grundlage gestellt.
Die dörfliche Erneuerung geht Hand in Hand mit der kirchlichen Erneuerung unserer Pfarren seit dem II. Vatikanischen Konzil. Durch die Anregungen dieses Konzils ist das Bewußtsein neu gewachsen, daß die Kirche in den Pfarren lebt und lebendig bleibt. Und kirchliche Gemeinschaft besteht nicht nur aus den Geistlichen, sondern aus der Verbindung von Laien und Priestern in der gemeinsamen Verantwortung gerade für die Kirche von heute. Auch hier ist viel in den vergangenen Jahrzehnten lebendig geworden: die erneuerte Form des Gottesdienstes, das Mitwirken von Lektoren, Kommunionhelfern und Diakonen hat vieles neu in Bewegung gesetzt. - In den kleinen geschlossenen Gemeinschaften und Dörfern auf dem Land tritt diese Entwicklung vielleicht noch deutlicher zum Vorschein als im städtischen Bereich. Die bäuerliche Familie, die lebendig mit der zuständigen Pfarre verbunden ist, gehört zu den Eckpfeilern unserer kirchlichen Gemeinschaft.
Hier, in den Familien, ist auch der Ort, wo neue Ideen und Perspektiven wachsen können: mutig neuen Herausforderungen zu begegnen, im Vertrauen auf den, der alles in seinen Händen hält und dem gerade der Bauer oft so unmittelbar in seiner Schöpfung begegnet. Dazu möchte ich noch besonders auf die Frauen und Mütter hinweisen, die nicht nur einen Großteil der Lasten bäuerlicher Arbeit mittragen, sondern die für die Kinder die ersten Boten und Vermittler des Glaubens sind, und so auch das menschliche und geistliche Antlitz der bäuerlichen Familie prägen. Sie weisen auf jene Werte hin, die mit Geld allein nicht gemessen werden können. Unschätzbar sind ihre Dienste, ist ihre Mithilfe im pfarrlichen Leben, bei Kinder- und Jugendgruppen, bei der Vorbereitung auf die Erstkommunion, sowie auf die Firmung, bei den Ehevorbereitungen und der Grundlage der jungen Familien. Unsere Frauen und Mütter verdienen gerade auch aus kirchlicher Sicht höchste Wertschätzung und Anerkennung.
Meine lieben Mariazeller Pilger des niederösterreichischen Bauernbundes. Seit 50 Jahren kommt heute bereits die zweite Generation niederösterreichischer Bauern nach Mariazell, um so, wie unsere katholischen Staatsmänner der ersten Stunde, - etwa Figl und Raab in ihren gefahrvollen Jahren der Besatzung unseres Landes durch fremde Truppen, - um die Fürsprache unserer lieben Frau in Mariazell zu erbitten, damit eine damals schwer belastende Unsicherheit von uns allen genommen wurde.

© A. Fenzl

In der Basilika zu Mariazell zum festlichen Gottesdienst heute versammelt, möchte ich aber nicht nur von den Sorgen sprechen, die euch, meine lieben Pilger aus Niederösterreich, heute zurecht bedrücken, sondern vielmehr auf die Chancen hinweisen, die in der neuen Wertschätzung und Volksverbundenheit des bäuerlichen Berufes gegeben ist. Ich möchte außerdem darauf hinweisen, daß gerade die mittleren und kleinen bäuerlichen Betriebe im Familienbesitz auch für die Zukunft in Europa Möglichkeiten haben, die wir zu wenig sehen.
Der selbständige österreichische Bauer, der gelernt hat, sich gegen Schwierigkeiten neu durchzusetzen, steht mit seiner Zähigkeit und Erfindungsgabe vor neuen Herausforderungen, die nicht überall in Europa in gleichem Maße zu verwirklichen sind.
Die uns bekannte Kolchosenmentalität in unseren Nachbarländern hat die Gefahren für Grund und Boden deutlich gemacht. Nur der freie, unabhängige Bauer kann uns vor solchen Gefahren schützen.
Auf dem nicht leichten Weg nach Europa, in Verbindung mit der Sicherung eines überregionalen Friedens und grenzüberschreitender Zusammenarbeit, kann es daher nicht mehr die einzige Aufgabe des Bauern sein, seinen Landsleuten den Tisch zu decken, sondern in zunehmendem Maße gewinnen neue Erkenntnisse und Aufgaben an Bedeutung. Der Bauer weiß: den Boden muß ich pflegen, ich muß ihm geben, was er braucht, auch ohne dafür unmittelbar Geld zu bekommen.
Angesichts der riesigen Dimensionen grenzüberschreitender Verbindungen und Strukturen, die viele erschrecken, beginnt man in unseren Tagen wieder das Überschaubare zu suchen. Die Erkenntnis beginnt zu wachsen: Wir brauchen groß und klein, Rohstoffe und Spezialitäten. Wichtig wird es sein, die rechte Mitte zu finden.
Eine erst langsam in das Bewußtsein der Menschen tretende, unersetzliche Aufgabe der Bauern ist es auch, das Land, die Natur, zu pflegen, um so die Schönheit unserer Heimat zu erhalten und damit zugleich für das seelische Wohlbefinden der Erholung suchenden Landsleute zu sorgen. Dies ist ein erst spät erkanntes Verdienst unserer Bauern vom Neusiedler- bis zum Bodensee. Die Grundlage hierfür ist vor allem eine nicht materielle: Selbstlos zu sein, nicht nur an sich, sondern auch und vor allem an die Nachkommenden zu denken, genügsam sein, Maß zu halten. Daß dies aber auf die Dauer nicht ohne entsprechendes Entgelt durchzuführen ist, liegt auf der Hand, braucht eine neue Einstellung und neue Überlegungen von allen Seiten. Sinngemäß heißt es dazu schon im zweiten Timotheusbrief des Apostels Paulus: "Der Bauer, der die ganze Arbeit macht, soll als erster seinen Teil von der Ernte erhalten" (2 Tim 2,6). - Durch euren Dienst am Menschen und an seinem gesunden Lebensraum steht ihr als Bauern ganz besonders im Dienste des Schöpfers und der Schöpfung.
Und wenn heute wirtschaftliche Probleme manchmal alles zu beherrschen scheinen, dann wissen wir, daß wir nicht nur auf die wirtschaftlichen Gesetze vertrauen müssen. Denn: "Nicht die verschiedenartigen Früchte ernähren den Menschen, sondern dein Wort erhält alle, die dir vertrauen" - so steht es im Buch der Weisheit des Alten Testamentes (16,26). Und wir, meine lieben Bauern, wissen, auf wen wir vertrauen.
In dieser Zuversicht empfehlen wir uns daher hier besonders der Fürsprache unserer lieben Frau, damit auch die junge Generation Glaube und Heimat so verbinden möge, wie es unsere Vorfahren getan haben.



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