Die vierte Kerze - entzündet am vierten Adventsonntag - in diesem Jahr ist das zugleich der Heilige Abend

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Weihnachten, besonders der Heilige Abend, hat für mich, soweit ich mich zurück erinnern kann und so alt ich inzwischen geworden bin, nichts von seinem wunderbaren Zauber verloren. Unsere Mutter war eine sogenannte "Hausfrau", das heißt, sie war zu Hause und sie hat die Feste des Jahreskreises, verbunden mit den schönen alten Bräuchen der Kirche, immer liebevoll für uns, ihre ganze Familie vorbereitet. Das fing schon in der Adventzeit an: mit Kerzenlicht und abendlichem Zusammensein beim Adventkranz; mit alten Liedern und Geschichten, die die Erwartung von uns Kindern langsam immer sehnlicher werden ließ; mit heimlichen Vorbereitungen aller Art bis hin zur großen Keksdose, die erst zu Weihnachten geöffnet werden durfte; mit Briefen an das Christkind, die über Nacht vom Fensterbrett verschwanden; aber auch immer wieder mit dem einen oder anderen "Weihnachtsgast", der mit uns den Weihnachtsabend feierte: die Tante, deren Mann gestorben war im vergangenen Jahr oder einfach ein Mensch, der an diesem Abend aus irgendeinem Grund nicht so fröhlich war. Aber ich erinnere mich, dass es dann trotzdem immer ein guter Abend geworden ist, voll Geborgenheit und Dankbarkeit, für das Beisammensein und letztlich für Jesus, dem wir das alles verdankten; mit dem wir dann gemeinsam in der Mette seine Ankunft auf Erden feierten. Und nie haben wir unter dem Christbaum auf das Gebet für unsere Verstorbenen vergessen und auf wundersame Weise waren sie, deren Zahl im Lauf des Lebens immer größer wird, mitten unter uns und feierten mit.

Dieses Weihnachten meiner Kindheit hat mir eine Kraft geschenkt, die ich bis auf den heutigen Tag nicht verloren habe: die Gewissheit, dass immer wieder alles gut wird, auch wenn es oft nicht danach ausschaut, solang ich weiß, dass Jesus immer wieder – wie Angelus Silesius so schön sagt – auch in uns, in jedem von uns, geboren wird.

In einer bestimmten Lebensphase waren meine Weihnachtsabende dann nicht so ruhig und geborgen. Das war in jenen Jahren, als ich Kardinal König als Sekretärin unterstützen durfte. Sein Heiliger Abend war nicht ruhig.

 

 

Der Heilige Abend des Kardinals

Das begann schon in der Früh mit dem Licht von Bethlehem, das ihm die Pfadfinder jedes Jahr brachten. Da mussten immer Süßigkeiten aller Art und Obst für die Kinder vorbereitet werden, die mit einem Erwachsenen den ganzen Tag unterwegs waren, um das Licht zu den Menschen zu bringen. Ihr fröhlicher Gesang stimmte uns jedes Jahr ein. Dann fuhren wir – so gegen Mittag – hinaus auf den Küniglberg, wo der Kardinal alljährlich am Beginn von "Licht ins Dunkel" das Weihnachtslicht entzündete und damit seine Weihnachtswünsche für die Menschen in Stadt und Land verband. Dort im großen Studio mit den kunstweißen Weihnachtsbäumen herrschte kein klassischer Weihnachtsfriede, eher ein fröhliches, wenn auch ein bisschen angespanntes Durcheinander von Kinderchören, Sängern und anderen Menschen, die auf die eine oder andere Weise an diesem Tag via Radio und Fernsehen die Botschaft der Liebe in das Land hinaustragen sollten. Nachdem er seinen Part erledigt hatte, ging der Kardinal in der Regel dann durch das große Studio und bedankte sich bei den Mitwirkenden, dass sie ihren Heiligen Abend der guten Sache opferten und dabei trotzdem oder gerade deswegen so fröhlich waren.

Vom Küniglberg ging es zurück ins Altenheim der Barmherzigen Schwestern, wo er wohnte. Dort wartete schon die Heim-Weihnachtsfeier, bei der er nicht fehlen durfte. Und wir hörten wieder die Weihnachtsgeschichte und der Kardinal sprach zu den Leuten und teilte die Geschenke aus, die die Schwestern für jeden liebevoll vorbereitet hatten; und wir sahen langsam die Freude in den Augen unserer Mitbewohner aufglänzen, die an diesem Abend nicht von ihren Lieben geholt worden waren.

Dann war Ausruhen angesagt, zumindest für den Kardinal. Mich schickte er alljährlich mit einem Weihnachtsgesteck und einem Kuvert zu einer Adresse, die er zuvor von der Pfarre bekommen hatte: Menschen in Not, oder Einsame, deren Weihnachtsfest nicht so voll unbeschwerter Freude war. Ich wusste nie, wohin ich komme in unserem Bezirk, es war immer fast ein wenig spannend – aber ich werde nie das ungläubige Staunen, die zaghafte Freude vergessen, wenn ich auftragsgemäß sagte: "Mich schickt das Christkind und fröhliche Weihnachten!" Immer schon ein bisserl abgehetzt, aber mit einem unglaublich warmen Herzgefühl lief ich zurück, denn das Wichtigste stand noch vor uns.

 

Denn die letzte Station jedes Weihnachtsabends war die "Gruft", jener Raum unter der Mariahilferkirche, wo die Obdachlosen der Stadt ihr Weihnachten feierten. Dort wurde der Kardinal alljährlich erwartet: ich weiß nicht, wann das angefangen hat, ich weiß nur, dass er bis zwei Jahre vor seinem Tod immer dorthin gegangen ist. Die Barmherzigen Schwestern richteten einen riesigen Korb mit Weihnachtsschinken und anderen guten weihnachtlichen Dingen, mit Lebkuchen und Weihnachtsbäckerei, manchmal auch warme Schals und was man halt so brauchen kann an einem kalten Winterabend, zusammen und wir fuhren zur "Gruft".

© KK-Archiv

Ich weiß noch genau, dass ich jedes Mal ziemlich gestresst war, denn Kardinal König hatte in seiner letzten Lebenszeit allwinterlich eine starke Bronchitis und das Letzte, was ihm guttat, war starker Rauch. Und wir kamen zu der kleinen Tür an der Seite der Kirche, wo uns schon Mitarbeiter und Gäste erwarteten und wir gingen den schmalen Gang hinunter, wo junge Menschen am Boden saßen, die nur kurz aufschauten, als wir vorübergingen, um dann wieder in sich zu versinken. Der große Hauptraum war festlich geschmückt, ein Christbaum stand in der Mitte, auf den Tischen selbstgebastelter Weihnachtsschmuck, alle Plätze waren besetzt, die Luft war zum Schneiden, viele rauchten und fast alle husteten und ich hatte immer Angst, dass der Kardinal, der dem allen zunehmend nicht mehr so viel Widerstandkraft entgegensetzen konnte, krank werden würde, aber – das war das alljährliche Weihnachtswunder: nie, kein einziges Mal wurde er krank. Ich bin überzeugt: Das Christkind hat ihn persönlich beschützt.

Und dann begann die Weihnachtsfeier mit dem vertrauten Evangelium. Und die Geschichte von der heimatlosen Familie, für die in der Herberge kein Platz war, klang hier noch einmal ganz anders. Inzwischen breitete sich langsam aber sicher der verheißungsvolle Geruch des Weihnachtsessens im ganzen Raum aus. Und während sich nach dem Ende der Feier eine lange Reihe vor der Küche formierte, sprach der Kardinal mit vielen Gästen, die an ihn herandrängten. Und fast jeder wollte sein Schicksal erzählen: geschieden, hohe Unterhaltszahlungen, kein Kontakt mehr zu den Kindern, Traurigkeit, Einsamkeit, Alkohol als einziger Freund und Tröster, aus der Bahn und aus der Gesellschaft hinausgeworfen – so schnell kann das gehen… wir lernten Menschen jeder Schichte kennen, Arbeiter, Akademiker, junge und alte Menschen; viele vielleicht nicht so adrett, wie wir es gerne haben, aber ich kann mich an keinen erinnern, der überheblich oder abweisend war; ich erinnere mich an gute Augen, an Dankbarkeit, an echte Freude, an Mut und Hoffnung, an, so seltsam das vielleicht klingen mag, tolle Menschen, die einem das Gefühl vermitteln konnten, dass man sich auf sie verlassen konnte, vielleicht manchmal mehr, als so manche, die scheinbar noch sozusagen "drinnen" sind.

Ein heißer Tee – oder das Christkind persönlich – retteten uns, vor allem den Herrn Kardinal, alljährlich vor der immer allgegenwärtig drohenden Verkühlung. Mit vielen guten Wünschen und einem selbstangefertigten Geschenk verließen wir die gemütliche Weihnachtsfeier. Auf der Heimfahrt waren wir zufrieden, ja, irgendwie glücklich, von so viel Mitmenschlichkeit, die wir erfahren durften an diesem Abend und die genau den Sinn verdeutlichte, den viele arme "Reiche", die inmitten der Gesellschaft sind, nicht einmal ansatzweise begreifen können. Die Menschen in der "Gruft" haben den Sinn von Weihnachten verstanden und Kardinal König auch. Und sogar ich. Viel zu spät, aber voll zufrieden, kam ich dann immer bei meiner Familie an und dann begann der zweite Teil von Weihnachten auch für mich. Zu Ende ging der Weihnachtsabend mit der schönen Mette in der Mutterhauskirche der Barmherzigen Schwestern, immer zelebriert von Kardinal König.

 

In diesem Sinn wünschen wir allen Besucherinnen und Besuchern unserer Website, dass auch Sie den Sinn von Weihnachten spüren, erkennen, verstehen und die richtigen Konsequenzen daraus ziehen!



Die vierte Kerze - entzündet am vierten Adventsonntag - in diesem Jahr ist das zugleich der Heilige Abend

Die dritte Kerze

Kardinal-König-Kunstpreis 2017 für Kerstin von Gabain

Die zweite Kerze

Die erste Kerze





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