"Die Zeit des Vertuschens ist vorbei"
aus kathpress.info, Nr. 416, Do., 29. April 2010

Kardinal Schönborn bei Hintergrundgespräch über den Umgang der österreichischen Kirche mit den Missbrauchsvorwürfen, über den Reformbedarf der Kurie und einen moraltheologischen Paradigmenwechsel

Klare Worte rund um das Thema sexueller Missbrauch fand der Wiener Erzbischof, Kardinal Christoph Schönborn, bei einem Hintergrundgespräch mit Journalisten am 28. April in Wien worüber u.a. "Standard" und "Wiener Zeitung" am darauffolgenden Tag berichteten. "Die Zeit des Vertuschens ist vorbei", und vorbei sei auch jede Form der Bevorzugung des Täterschutzes vor dem Opferschutz, so Kardinal Schönborn. Nicht zuletzt angesichts der weiterhin anhaltenden Austrittswelle sei ein breites Nachdenken notwendig, das auch vor einem moraltheologischen Paradigmenwechsel nicht zurückschrecken dürfe.
Die Kirche in Österreich habe in der Missbrauchsthematik "von Anfang an eine klare Linie eingeschlagen" - beispielhaft seien hier etwa die Einrichtungen der diözesanen Ombudsstellen als Folge der "Causa Groer" sowie unlängst die Einrichtung der "Unabhängigen Opferschutzanwaltschaft" unter Waltraud Klasnic. "Wir haben gezeigt, dass wir keine Angst vor der Wahrheit haben, die uns nach dem Johannesevangelium freimachen wird", so Schönborn. Dennoch bestehe kein Anlass zur Selbstzufriedenheit: Auf einer Skala von 1 bis 5 beurteile er die Situation der Kirche wie folgt: "In Irland ist es katastrophal, es ist fast 5. In Österreich ist es dramatisch, ich würde sagen, Stufe 3."
Zugleich sparte Kardinal Schönborn nicht mit Kritik an vatikanischen Vorgängen. So bezeichnete er die Äußerungen Kardinal Angelo Sodanos am Ostersonntag, demnach die Missbrauchsberichte nichts mehr als "Geschwätz" seien, als eine "massive Verletzung der Opfer". Sodano sei es auch gewesen, so Schönborn, der vor 15 Jahren die Einsetzung einer Kommission zur Untersuchung der "Causa Groer" verhinderte, die der damalige Kardinal Joseph Ratzinger veranlassen wollte.
Mit einer ähnlichen Äußerung hatte Kardinal Schönborn bereits in der "ORF-Pressestunde" am 28. März für internationales Aufsehen gesorgt. Damals hat er bereits offen ausgesprochen, dass sich Kardinal Joseph Ratzinger 1995 energisch für eine Untersuchung der "Causa Groer" durch den Vatikan eingesetzt hatte - ein Ansinnen, das durch "die andere Seite" vereitelt wurde, wie ihm Ratzinger damals persönlich berichtet habe. Die Gegner hätten der "diplomatischen Schiene" im damals von Kardinal Sodano geleiteten Staatssekretariat angehört. Kardinal Ratzinger habe aber indes erreicht, dass die Zuständigkeit für die "delicta gravoria" der Glaubenskongregation übertragen wurde, so Kardinal Schönborn in der "Pressestunde".

"Dringender Reformbedarf" in der Kurie
Es sei kein Geheimnis, so Kardinal Schönborn, dass die Kurie "dringenden Reformbedarf" habe. Papst Benedikt XVI. habe hier bereits erste behutsame Schritte gesetzt, eine rasche Beratung und Umsetzung dieser Reform sei jedoch durch den päpstlichen Arbeits- und Kommunikationsstil nicht leicht.
Auf zwei Aspekte der Kurienreform wies der Wiener Kardinal besonders hin: Bei der Internationalisierung der Kurie durch entsprechende Personalentscheidungen gäbe es erste Fortschritte, wie die Personalpolitik des Papstes zeige. Dringender Handlungsbedarf bestünde aber weiterhin bei der kurieninternen Koordination.

Paradigmenwechsel andenken
Die Zeit sei reif für einen breiten Nachdenkprozess, der auch vor "heißen Eisen" nicht halt machen dürfe, meinte Schönborn: "Beim Thema Homosexualität etwa sollten wir stärker auf die Qualität einer Beziehung sehen. Und über diese Qualität auch wertschätzend sprechen. Eine stabile Beziehung ist sicher besser, als wenn jemand seine Promiskuität einfach auslebt", so Kardinal Schönborn. Weiters habe er auch Verständnis für das Drängen bei allen Fragen rund um das Thema wiederverheiratete Geschiedene: "Die Kirche braucht da eine neue Sichtweise. Viele heiraten heute ja gar nicht mehr und daher braucht es eine neue Wertschätzung für jene, die durch die Ehe öffentlich einander das Ja-Wort geben." Anzudenken sei laut Schönborn auch ein moraltheologischer Paradigmen-wechsel - weg von einer bloßen kantianisch grundierten "Pflicht-Moral", hin zu einer "Moral des Glücks", die sich am Prinzip der Gradualität bemisst, das nicht die Sünde ins Zentrum rückt, sondern den Versuch, den Geboten zu entsprechen, bewertet.

Gegen Fixierung auf Missbrauchsthematik
Insgesamt gehöre Missbrauch in der Kirche "zum Schlimmsten, was es gibt" - zugleich jedoch plädierte Kardinal Schönborn für eine gerechte Abwägung auch der kirchlichen Leistungen für die Gesellschaft. Wörtlich sagte der Kardinal: "Die Kirche ist eine Ressource der Gesellschaft, die in Zeiten krisenbedingter Armut immer wichtiger wird. Wir sollten uns überlegen, wie wir mit dieser Ressource umgehen. Das bedeutet nicht Schonung und Vertuschung, aber Ausgewogenheit."
Bedauerlich sei an der gegenwärtigen Fixierung auf das Missbrauchsthema laut Schönborn auch die gleichzeitige Überlagerung anderer wichtiger Themenfelder, in denen die Kirche aktiv ist und positives für die Gesellschaft leistet - so etwa im Rahmen der Tätigkeit der Caritas.

 


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