"Um die Wahrheit zu sagen, so halte ich dafür, dass man jedes Konzil der Bischöfe fliehen sollte, da ich einen glücklichen Ausgang noch bei keinem Konzil erlebte ..." Diese Worte stammen nicht von einem Katholiken, der das Zweite Vatikanische Konzil noch bewusst erlebt oder sogar als Berater teilgenommen, tiefe Hoffnung in dieses kirchliche Großereignis gesetzt hat und heute enttäuscht ist.
Diese Antwort gab vielmehr der Heilige Gregor von Nazianz im vierten Jahrhundert, als er vom Kaiser eingeladen wurde, am Ersten Konzil von Konstantinopel teilzunehmen. Gregor sagte dies in unguter Erinnerung an das Konzil von Nizäa im Jahre 325 und vor allem an die Zeit nach dem Konzil, die weithin einem großen Chaos glich.
Ein Freund Gregors, der Heilige Basilius, verglich die nachkonziliare Situation sogar mit einer Seeschlacht in der Nacht, in der sich alle gegen alle schlagen, und er meinte, infolge der konziliaren Dispute herrsche in der Kirche eine "entsetzliche Unordnung und Verwirrung" und ein "unaufhörliches Geschwätz".
Dies sind gewiss harte Urteile, die aber mit besonderer Deutlichkeit auf eine Grundlinie aufmerksam machen, die man in der ganzen Kirchengeschichte verfolgen kann: Die Zeiten, die auf ein Konzil folgten, waren fast immer besonders schwierige Zeiten.
Denn fast alle Konzilien haben zunächst Erschütterungen des kirchlichen Gleichgewichts ausgelöst und sind zu Faktoren einer tiefen Krise geworden. Es ist beinahe paradox, aber man kann es nicht verschweigen: Konzilien haben offensichtlich immer auch spalterische Keime in sich, die sich nach dem Konzil auswirken.
Ist dies nicht auch unsere Situation heute vierzig Jahre nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil? Liest man die vorher genannten Kirchenväter, kommen einem deren Texte ganz aktuell vor.
Bereits kurz nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil haben sich in unserer Kirche zwei recht unterschiedliche Strömungen herausgebildet, die jede für sich in Anspruch genommen hat, die authentische Interpretation und Verwirklichung des Konzils zu sein.
Beide Strömungen haben sich auch in der Gründung von zwei theologischen Zeitschriften - auf der einen Seite "Concilium" und auf der anderen Seite "Communio" - niedergeschlagen, so dass der Papst-Biograph George Weigel von einer eigentlichen "Concilium-Communio-Spaltung" in der Kirche nach dem Konzil sprechen kann.
Die Ausläufer dieser beiden Grundtendenzen sind bis heute spürbar und machen den Streit, der um das Konzil geführt wird, nicht nur sichtbar, sondern auch verständlich.
Angesichts dieser verworrenen Situation ist es für mich tröstlich, in die Kirchengeschichte zu blicken und festzustellen, dass die heutige Situation so neu und so außergewöhnlich nicht ist, wie es manchmal scheinen mag, dass solche Situationen vielmehr sehr oft nach einem Konzil anzutreffen waren.
Dies mag für viele wie ein billiger Trost wirken. Der viel größere Trost besteht für mich aber darin, dass gerade die großen Konzilien im vierten und fünften Jahrhundert, die so viele Irritationen ausgelöst hatten, später zu Leuchttürmen im Leben der Kirche geworden sind.
Darf man Ähnliches nicht auch im Blick auf das Zweite Vatikanische Konzil für die Zukunft erhoffen - und in dieser Hoffnung die heute schwierige Situation besser bestehen? Auch heute vermag der Heilige Geist auf krummen Zeilen gerade zu schreiben.
+ Kurt Koch
Bischof von Basel