40 Jahre nach der sogenannten Mariatroster Erklärung der damaligen Bischöfe Österreichs nach der Veröffentlichung der Enzyklika Humanae vitae und nach der parallelen Erklärung der deutschen Bischöfe in Königstein ist die Diskussion über diese Enzyklika und ihre Verbindlichkeit wieder aufgebrochen. Waren die damaligen Bischöfe zu wenig mutig?
Bischof Egon Kapellari: Ich bin davon überzeugt, dass die damaligen Bischöfe Österreichs, unter ihnen Kardinal König, Bischof Rusch und Bischof Schoiswohl, im Jahr 1968 im Rahmen ihrer damaligen Einsichten und der damaligen gesamtgesellschaftlichen und kirchlichen Situation sehr verantwortungsvoll gehandelt haben. Im Ganzen war und bleibt die Enzyklika Papst Paul VI. eine großartige Prophetie für das menschliche Leben und die Liebe, die einen verantwortungsvollen Umgang mit der Geschlechtlichkeit einschließen. Der Papst hat in einem weltgreifenden Kontext auch ein generelles Verbot jeglicher künstlicher Empfängnisverhütung ausgesprochen und gesagt, dass solche Methoden "die innerste Wahrheit der ehelichen Liebe" verletzen. Der Papst sprach auch von den Schwierigkeiten vieler Menschen, diese Botschaft zu verstehen, die doch "die Schönheit der ehelichen Liebe in ihrem natürlichen Ausdruck verteidigt". Ein technischer Ansatz auch in bedeutenden menschlichen Fragen erscheine oft als die einfachste Lösung. Sie verdecke jedoch die eigentliche Frage nach dem Sinn der menschlichen Sexualität, die Ausdruck persönlicher Liebe sei.
Das Problem war und ist doch der Ausschluss "jeglicher" künstlicher Empfängnisverhütung. Ist dieses hohe Ideal nicht zu hoch angesetzt? Diskreditiert es nicht Menschen, die ein glaubwürdiges Ja zu Leben, auch zu mehr Kindern als üblich gesagt haben?
Bischof Egon Kapellari: Ich kenne nicht wenige Katholiken, die sich an Humanae vitae orientieren. Ich kenne aber sehr viele andere Paare, die glaubhaft vermitteln, dass die natürliche Empfängnisverhütung alleine für sie nicht umsetzbar sei. In dieser seit Jahrzehnten bestehenden Spannung zwischen Gegensätzen kann es keinen Zwang, sondern nur eine friedfertige Argumentation und vorgelebte Beispiele geben. Es ist an der Zeit, die diesbezügliche Bewusstseinsbildung zu intensivieren. Es gibt auch außerhalb der Kirche Allianzen für eine natürliche Empfängnisregelung, die im Kern ja die Natur nicht überlisten, sondern ihrer inneren Dynamik folgen will. Es geht in diesem Zusammenhang besonders um den hohen Wert des Gewissens der Katholiken, das sich an Vorgaben des Glaubens und der gesamten natürlichen Wirklichkeit orientieren soll und muss, wenn es allseitig geachtet werden soll. Der demographische Winter in Europa, d. h. die katastrophal niedrige Geburtenziffer bei der eingestammten Bevölkerung in Europa, resultiert jedoch nach meiner Überzeugung nicht nur aus der generellen Bereitschaft zur künstlichen Empfängnisverhütung, sondern hat vielfältige Ursachen, die komplex ineinanderwirken.
Dieses Interview ist der genaue Wortlaut jener Passage, auf den sich der am 3. Dezember 2008 im Standard erschienene Bericht "Streit um Pille: Kapellari widerspricht Schönborn" von Walter Müller und Markus Rohrhofer bezieht.