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Pfarrblatt der Pfarre Paudorf
Bilder und Bericht auf der Homepage der Diözese St. Pölten
Meditation von Annemarie FenzlEminenz, lieber Herr Metropolit, hochwürdigster Herr Abt von Göttweig, hochwürdigster Herr Alt-Abt von Geras, lieber P. Superior von Mariazell, lieber P. Udo, liebe hochwürdige Geistlichkeit, lieber Herr Bürgermeister von Paudorf, lieber Leo Pfisterer, liebe Pfarrgemeinde!
Zuerst einmal: Ich freue mich sehr, wieder einmal in Paudorf zu sein, wo ich oft mit Kardinal König zu unterschiedlichsten Anlässen war. Und ich denke heute auch daran, daß der PGR von Paudorf die letzte Pfarrgruppe war, die Kardinal König einen Monat vor seinem Tod zu Hause empfangen hat - ich vergesse nie, wie fröhlich er da war. Darum freut es mich auch, daß gerade hier die Erinnerung an ihn gepflegt wird. Und nun soll ich ein paar Worte sagen, aus Anlass der Enthüllung seiner Bronzefigur an der Brunnenwand, nahe bei der Mariazeller-Nische. Ich habe ihren Werdegang ein bißchen miterlebt, aber endgültig gesehen habe ich sie bis jetzt auch nur auf einem Bild.
Ich habe kurz nachgedacht, was ich zu diesem festlichen Anlass sagen kann, ohne etwas zu zerreden. So habe ich mir das Denkmal und die Absicht des Künstlers vor Augen geführt und dann ist mir ein Wort eingefallen, das - so meine ich - genau dazu passt, weil es eigentlich die ganze Person des Kardinals am besten umschreibt: "Der Hörende".
Mit Denkmälern ist es in der Regel so eine Sache. Sie präsentieren uns Menschen, an die wir uns erinnern sollen. Diese denkwürdigen Menschenbilder aus Stein, Bronze oder sonst einem Stoff stehen - meist überlebensgroß - in der Gegend herum und blicken über uns hinweg in eine uns unbekannte und unerreichbare Ferne.
Dieses Denkmal, das uns an Kardinal König erinnern soll und auch wird, der oft und gern hier im Hellerhof gewesen ist, ist anders. Es ist sozusagen mit uns auf gleicher Augenhöhe. So wie Kardinal König eben war: auf gleicher Augenhöhe mit den Menschen.
Er hat im Lauf seines langen Lebens und seiner Arbeit als Seelsorger mit Leib und Seele viel über die Menschen gelernt und hat am Ende seines Lebens viel über die Menschen gewusst. Er hat viel gebetet und gelesen. Und darum ist da auch das Buch. Es steht für Information, für Wissen, für Verstehen, für Achtsamkeit im Urteil. Und es steht auch für das Gebet. Es ist nicht klar, ob dieses Buch, das der Kardinal hier in der Hand hält, ein wissenschaftliches Werk, ein großer Lebensroman oder ein anderes Buch ist, vielleicht sein Brevier oder seine Bibel. Wir wissen es nicht. Er hat es vorübergehend zugeklappt und mit seinem Finger die Stelle markiert, an der er das Lesen unterbrochen hat.
Denn in dem durch den Künstler für die Unendlichkeit eingefangenen Augenblick liest er nicht darin. Er schaut auf und rundum. Er denkt nach. Er hört zu. Ein Hörender. Der Künstler, der den Kardinal ja auch oft erlebt hat, hat es mir erklärt, was er sich dabei gedacht hat: der Kardinal sitzt im Garten und liest in einem Buch. Aber - da kommt ein Mensch und setzt sich zu ihm und spricht ihn an - oder auch nicht. Aber in diesem Augenblick schließt der Kardinal das Buch und wendet sich dem Menschen zu. In jedem Fall. Beginnt mit ihm ein Gespräch. Oder schweigt mit ihm. Hört ihm zu. Und so kann man unter dem Schutzschild seines Geistes auch in unseren Tagen gut schweigen oder eben auch gute Gespräche führen, auch wenn der Kardinal nicht mehr sichtbar unter uns ist.
Weil er gut zuhören konnte, war er auch ein guter Gesprächspartner, der nie Monologe geführt hat, der sich immer um einen ehrlichen Dialog bemüht hat. Vieles, was heute zwischen Menschen, auch in der Kirche, geschieht, ist nicht Dialog, sondern Monolog. Monologe zu führen, war nicht die Sache von Kardinal König. Sein Gegenüber könnte wechseln. Es könnte hier bei ihm ein Angehöriger einer anderen Konfession, einer anderen Religion, einer ganz anderen weltanschaulichen Richtung oder auch ein Angehöriger unserer eigenen katholischen Kirche sitzen. Es wird in jedem Fall ein Dialog werden.
Der Kardinal hört zu und ermuntert damit, ohne Furcht seine Gedanken auszubreiten. Ihn kann nicht mehr viel erschrecken, ihn wundert nichts mehr, er hat in seinem langen Leben viel erlebt. Man kann frei sprechen in seiner Nähe. Ohne Angst. Der Kopf wird klar in der Stille des Hörens.
So gesehen, könnte dieser Ort ein Ort der gemeinsamen Gedankenfindung werden. Ein Ort der Toleranz. Ein Ort des Zuhörens. Ein Ort des einvernehmlichen Schweigens. Ein Ort des leidenschaftlichen ehrlichen Gesprächs. Ein Ort, an dem Neues angedacht werden kann. Ein Ort, an dem Neues in Angriff genommen werden kann. Ein Ort, an dem man eine Antwort erwarten und auch erhalten kann.
Und all das mit der Unterstützung der Gottesmutter von Zell. Ihre Kopie an der Brunnenwand gegenüber ist das ideale Gegenüber. Mariazell hat Kardinal König viel bedeutet, wir wissen das alle. Schon aus diesem Grund wird ihm auch dieser Ort jetzt gefallen. Ich sage bewusst "wird" ihm dieser Ort gefallen.
Schon als Kind hatte ihn, wie er später des öfteren erzählte, Mariazell fasziniert: die bunten Farben und Trachten der Menschen, die fremden Sprachen, die Prozessionen und Marienlieder in verschiedenen Sprachen, die weiträumige Basilika mit dem altehrwürdigen Gnadenbild.
Und als der alte Kardinal im Jänner 2004, nach überwundenem Oberschenkelhalsbruch wieder nach Mariazell zurückkehrte, führte ihn sein erster Weg - noch bevor er sein Quartier bezog - zur Gnadenmutter in die Basilika, um ihr für seine unerwartet gute Genesung zu danken. Er war ein diskreter, aber überzeugter Verehrer der Gottesmutter Maria. Seine unaufdringliche Frömmigkeit fand im täglichen Rosenkranzgebet einen festen Anker.
Ein solcher Ankerplatz ist auch diese Brunnenwand mit der Mariazeller Nische. Ein Ankerplatz für die Seele.
Ich hoffe, daß der Kardinal nicht zu oft allein hier sitzt, daß er immer wieder Gesellschaft bekommt. Und ich wünsche allen, Angehörigen der Pfarre oder Besuchern, die sich ein wenig Zeit nehmen und sich zum Kardinal dazusetzen, daß sie mit dem Herzen seine drei Fragen hören können: "Woher kommen wir? Wohin führt unser Weg? Welchen Sinn hat unser Leben?" - ganz wie er es zu Lebzeiten oft und oft getan hat und daß sie darüber nachdenken.
Und daß sie hören können, wie er ihnen den Sinn des Lebens erklärt, wie er es zu Lebzeiten oft und oft getan hat, wenn er sagte: "Ihr müsst nichts Besonderes tun, keine großartigen Taten setzen, ihr sollt nur schlicht und einfach euren Glauben leben, mitten in dieser Welt. Aber ihr sollt nicht nur schöne Worte von euch geben, sondern durch das praktische Beispiel eures Lebens andere davon überzeugen, dass es sich lohnt, alles auf Jesus Christus zu setzen. Und ihr sollt immer versuchen, zuerst das Gemeinsame zu sehen und erst dann das, was euch von den anderen trennt. Und ihr sollt nicht auf das Gebet vergessen, das die Nahrung eurer Seelen ist und die direkte Verbindung hin zu Gott."
So gesehen, wird dieser Ort ein Ort ruhiger Kraft sein.
Worte von Heinz NußbaumerEminenz, hohe Geistlichkeit, verehrte Festgäste, liebe Paudorfer - liebe Freunde von Kardinal König!
Als mich P. Udo für heute eingeladen hat, habe ich mich gefragt: Wozu ein Denkmal für Kardinal König? Braucht er es? Hätte er es gewollt und aktiv unterstützt? Wäre er stolz gewesen, auf diese Weise aus der Endlichkeit des Menschen herauszutreten - und zum Mythos aus Bronze zu werden?
Wohl kaum. Heldentum - und noch mehr Heldenverehrung - waren ihm eher fremd und verdächtig.
Und doch erinnere ich mich, dass wir einmal über ein Denkmal gesprochen haben, das ihn und auch mich tief berührt hat: das "Albert Einstein-Memorial" in Washington. Vielleicht kennen es einige von Ihnen: In einer umwerfenden Schlichtheit sitzt da der geniale Forscher auf einer kleinen Stufe - ganz in sich und seine Gedanken versunken. Da ist gar nichts Heroisches - kein Monument.
Und doch - vielleicht gerade deshalb - öffnet es auf wunderbare, ja einmalige Weise den Blick in eine andere Wirklichkeit. Richtet den Blick nach Innen - in die Welt des Geistes, der Stille und Einkehr - umgeben von Asteroiden und Galaxien.
Nie hat sich der große, geniale Physiker einer kirchlichen Gemeinschaft angeschlossen. Und doch lässt auch Albert Einstein - wie Kardinal König in einem seiner Bücher geschrieben hat - diese letzte Sehnsucht nach dem Bleibenden, nach der Geborgenheit im Ewigen spüren, wenn wir im allerletzten Aufsatz seines Lebens lesen: "Meine Religion besteht in meiner demütigen Bewunderung einer unbegrenzten geistigen Macht, die sich selbst in den kleinsten Dingen zeigt, die wir mit unserem gebrechlichen und schwachen Verstand erfassen können. Diese tiefe, emotionelle Überzeugung von der Anwesenheit einer geistigen Intelligenz, die sich im unbegreiflichen Universum eröffnet, bildet meine Vorstellung von Gott."
Warum ich das heute - und hier in Paudorf - erwähne?
Weil das Denkmal, das Sie hier im Hellerhof unserem unvergesslichen Kardinal errichtet haben - ohne jeden Auftrag und Vorteil, nur aus einem inneren Bedürfnis heraus - weil dieses Denkmal auf eine überraschende Weise genau diesem Einstein-Memorial entspricht. In seiner ganz und gar unheroischen Stille. Auch er, Kardinal König, sitzend und denkend.
Und doch ist da ein ganz wesentlicher Unterschied: Im Blick nicht Einsteins ratlose Bewunderung des Universums, sondern die Gottesmutter mit dem Kind. Die Gnadenstatue von Mariazell - eine der großen Perspektiven im Leben Kardinal Königs. Als Seelsorger und als Mensch.
Und da ist auch der Blick auf die große Mauer, Sinnbild für das, was unausweichlich auf uns alle zukommt - und die Öffnung neben der Gnadenstatue. Das Fenster, das staunend hinausblicken lässt - in eine andere Wirklichkeit, die Franz König seit 5 Jahren erreicht hat. "Aller Übergang ist gleitend", sagen meine Athos-Mönche. Wer hätte uns dieses tiefe Wissen eindrucksvoller vermittelt als Kardinal Franz König - der uns auf der letzten Etappe seines Weges - am Tor in die Ewigkeit - ebenso vorbildhaft war wie in seinem langen, gesegneten Leben.
Ja und dann ist da noch dieses weite Rund - und Platz genug für jeden und jede uns, um sich ganz ohne Scheu immer wieder einmal still zum Kardinal zu setzen und mit ihm hinzuschauen - auf die Mariazell-Nische und hinunter zum Brunnen. Wir Christen wissen auch um das Kürzel des Brunnens: Immer ein Ort der Begegnung - und eine Metapher für alles Lebendige, alles Fruchtbare. "Die Quelle des Gartens bist Du, ein Brunnen lebendigen Wassers", heißt es im Hohelied der Liebe.
Wie viel unausgesprochene Symbolkraft verdrängt hier alles Heldische, alles Pathetische! Wie viel Nachdenklichkeit hat diesen Platz entstehen lassen. Und wie viel Dankbarkeit wird hier spürbar - Dankbarkeit für einen Menschen, der ein Geschenk war. Der Glücksfall eines würde- und geistvollen Lebens.
Ich meine, hier ist tatsächlich ein "Denk-mal" im ursprünglichsten Wortsinn entstanden, das uns ermutigt und verlockt, diesem Aufruf "Denk mal!" zu folgen. Denk-mal an das große Vermächtnis, das uns Kardinal König hinterlassen hat: Er war beispielhaft ... In seiner Weisheit und seinem schlichten, seit Kindheit eingeübten und doch so überzeugenden Glauben. In seiner vollkommenen Übereinstimmung von Wissen und Gewissen, aus der auch seine Herzensklugheit gewachsen ist. In seiner enormen geistigen Weite und Tiefe, seiner Weltläufigkeit und seiner Bescheidenheit. In seiner Herzenswärme und stillen, unaufdringlichen Güte. In seiner beständigen Treue zur Kirche - und seinem stillen Leiden an ihr. In seiner Ehrfurcht vor dem Wunder Gottes und seiner Schöpfung - auch vor dem "Wunder Mensch". In seiner tägliche gelebten Überzeugung, dass es keine Trennlinie zwischen gläubigen, suchenden und glaubensfernen Menschen gibt und geben darf. Dass uns in jedem von ihnen der Geist und das Ebenbild - eine Ikone - Gottes begegnet. Und in seinem unbeugsamen Glauben an die Geschwisterlichkeit - über alle Grenzen der Konfessionen und Religionen hinaus.
Wie sonst wäre es denkbar, dass gerade ihm, dem weltbekannten katholischen Würdenträger, der orthodoxe Metropolit und Exarch des Ökumenischen Patriarchen von Konstantinopel geistig, geistlich und menschlich so nahe gewesen ist. So nahe, dass sich Seine Eminenz, Erzbischof Dr. Michael Staikos, heute den Weg hierher nach Paudorf nicht nehmen ließ.
So nahe auch, dass er am kommenden Samstag auch nach Mariazell unterwegs sein wird, um dort dem Schöpfer für diesen großen Glaubensbruder Franz König zu danken.
Sie, liebe Paudorfer, haben heute Vormittag Erntedank gefeiert. Kein Tag wäre besser geeignet, um an Kardinal Franz König in Dankbarkeit zu denken.
Er, der die Scheunen seines Lebens so überreich gefüllt hat: Als Seelsorger, Christ und Mensch. Als Vorbild einer dialogischen und bescheidenen, einer fürsorglichen und zuhörenden Kirche. Und als ein Segen für so viele von uns.
Hier in Paudorf hat Franz König ein neues, bleibendes Zuhause gefunden.
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