aus Anlass des PGR Kongresses mit der Österreichischen Bischofskonferenz vom 13. bis 15. Mai 2010 in Mariazell

© Kardinal König-Archiv

In nahezu allen Predigten, die Kardinal König anläslich seiner zahlreichen Pfarrbesuche gehalten hat, kam - wie das "Amen im Gebet" - der Satz: "Die Zukunft der Kirche liegt in den lebendigen Pfarrgemeinden". In der Regel sprach der Kardinal bei solchen Anlässen frei, hatte höchstens einen kleinen Handzettel mit meist stenographierten Stichworten. Manchmal aber, wenn ein besonderer Anlass dazukam, hat er seine ganze Predigt ausformuliert.
Immer ging es dem Kardinal dabei auch um die unverzichtbare Rolle der Laien für das Wohl der Kirche, wie sie das Zweite Vatikanische Konzil an mehreren Stellen eindrucksvoll festgeschrieben hat. Die aktuelle Lage bestätigt seine damals weitblickende Grundüberzeugung.
Eine kleine Auswahl davon möchten wir als Anregung bringen.

 

Aus der Predigt in der Pfarre Gersthof am 8. Oktober 1996

... Letztlich entscheidend aber für eine lebendige Pfarrgemeinde ist die gemeinsame Feier der Eucharistie. Sie ist von jeher die Feier der Kirche und der Gemeinde gewesen. Denn von den ersten Zeiten der Kirche an versammelten sich die Christen am Sonntag zur Feier der Eucharistie, um so den Auftrag des Herrn zu erfüllen.
So ist die Pfarre der Wurzelgrund der Kirche. Hier wird der Glaube zuerst gemeinsam gelebt und erfahren. Seit dem letzten Konzil ist in unseren Pfarren durch das Wissen um die gemeinsame Verantwortung vieles gewachsen. Hier, in der Pfarre, begegnet man dem, was Kirche bedeutet, hier lernt man sie kennen und wohl auch lieben. Was in unseren lebendigen Pfarrgemeinden vor sich geht, was hier wächst, das ist Kirche. Von hier, nicht von dem, was an vielen Orten geredet und debattiert wird, gehen die erneuernden Kräfte in der Kirche aus. ...

 

Aus der Predigt in der Pfarre Gumpendorf am 29. Jänner 2000

... Meine Antwort, auf die ich auch heute wieder hinweisen möchte, ist die erneuernde Kraft der lebendigen Pfarrgemeinden; diese kann ich auch hier bei euch in Gumpendorf oft feststellen. Wie ich weiß, gibt es in unserer Diözese, sowohl auf dem Lande als in der Stadt, eine ganze Reihe solcher lebendiger Zellen. Und obwohl der steigende Mangel an Priestern viele Schwierigkeiten bereitet, so wächst doch auf der anderen Seite ein verstärktes Bewußtsein der Laien für ihre Mitverantwortung um das Reich Gottes in den Pfarrgemeinden. Denn es ist die Pfarrgemeinde als kleinste Zelle der Kirche, wo man getauft wird und die Sakramente empfängt, wo man das Wort Gottes unmittelbar beim Sonntagsgottesdienst hört, wo man die Gemeinschaft mit Christus wissend, vertrauend und glaubend erfährt; hier wächst die Gemeinschaft des Glaubens im Kleinen, die einen in frohen und schweren Stunden des Lebens trägt. …
Ich danke damit für das Beispiel einer lebendigen christlichen Gemeinde in der Großstadt, die für die Erneuerung unserer Kirche neue Kräfte weckt und reiche Frucht bringt. ...

 

Aus der Predigt in der Pfarre Marchtrenk am 26. März 2000

... Die Pfarre ist der Ort, wo man getauft wird, wo man auf die Erstkommunion vorbereitet wird, wo man auf die Firmung vorbereitet wird, wo man an Sonntagen Gottesdienst feiert und wo man in den Sakramenten in frohen und schweren Stunden die menschliche und christliche Gemeinschaft erfährt.
Hier, in der Pfarre, stellt sich aber auch die Frage, was wir meinen, wenn wir von Kirche sprechen: Kirche sind nicht allein Papst, Bischöfe und Priester, wie man das früher zu sehen pflegte; Kirche sind vielmehr alle Getauften, die sich mitverantwortlich fühlen für den Weg der Kirche durch diese Zeit, in besonderer Weise in der Familie, in der Schule, im Beruf. Das war nicht immer so. In meiner Jugend erinnere ich mich an ein anderes Kirchenbild.
Es war das Zweite Vatikanische Konzil, das zum ersten mal wieder besonders auf die Mitverantwortung der Laien hingewiesen hat, ich zitiere zum Beispiel aus dem Kirchendokument, "Lumen gentium", Nr. 30, wo es heißt: "Die geweihten Hirten wissen sehr gut, wieviel die Laien zum Wohl der ganzen Kirche beitragen." - Oder, noch deutlicher, Nr. 33: "Die Laien sind besonders dazu berufen, die Kirche an jenen Stellen und in den Verhältnissen anwesend und wirksam zu machen, wo die Kirche nur durch sie Salz der Erde werden kann. So ist jeder Laie kraft der ihm geschenkten Gaben zugleich Zeuge und lebendiges Werkzeug der Kirche selbst." -Dieses Dokument macht damit aber auch aufmerksam, daß die Laien nicht nur Ersatz für eine immer kleiner werdende Zahl von Priestern sind, sondern daß sie in eigener Verantwortung mittragen an der Aufgabe der Kirche, der Pfarrgemeinde, in unserer Zeit. Dies bedarf sicher einer Umgewöhnung und eines wachsenden Verständnisses seitens der Pfarre für das neue Kirchenbild als das wandernde Gottesvolk, wie es das Konzil beschreibt. Dies ist mir aber auch ein Anlaß, um als Bischof den vielen ehrenamtlichen Mitarbeitern in eurer Pfarre zu danken, die spontan oder auf Einladung immer wieder einen Teil der Last aktiv mittragen und damit bezeugen, daß Glaube nicht nur eine individuelle Angelegenheit ist, sondern vor allem in Gemeinschaft gelebt werden muß. Ihr seid damit sozusagen die lebendigen Steine, von denen Petrus in der Epistel gesprochen hat, ihr seid damit das Volk, "das Gottes besonderes Eigentum wurde"; dieses Bewußtsein der Verbundenheit mit dem Vater im Himmel durch Jesus Christus stärkt auch die Kraft unserer Glaubensgemeinschaft am Beginn des neuen Milleniums.
Denn die Menschen stellen heute wie vor 2000 Jahren dieselben Fragen, die ihre Herzen bewegen und suchen nach Antwort auf die ungelösten Rätsel des menschlichen Daseins: Was ist der Mensch? Was ist Sinn und Ziel unseres Lebens? Was ist das Gute? Was ist die Sünde? Woher kommt das Leid und welchen Sinn hat es? Was ist der Tod und was kommt nach ihm? Und schließlich: Was ist jenes letzte, unsagbare Geheimnis, aus dem wir kommen und wohin wir gehen? - Auf all diese Fragen haben die großen Religionen der Menschheit ihre Antworten zu geben versucht. Unser christlicher Glaube aber gibt uns die größere Sicherheit, weil Christus als Gotteswort in Menschengestalt ein lebendiger Wegweiser für uns geworden ist, ein lebendiger Wegweiser bleibt durch seine Kirche, die er wie ein Samenkorn in die Geschichte der Menschheit eingesenkt hat, um uns damit Licht und Kraft zu geben.
Und wir werden Kraft brauchen: Denn als Christen sind wir in dieser unruhigen Zeit, auf dem Weg nach Europa, besonders aufgerufen, unseren Beitrag zu leisten. Dieses Europa, das auf christlichen Fundamenten gebaut wurde, wird in Zukunft nicht nur auf wirtschaftliche Strukturen angewiesen sein, sondern noch mehr auf jene geistigen Kräfte, die dem Frieden und der Völkerverständigung dienen. Friedfertigkeit, Rücksicht und Toleranz aber kommen nicht von selbst, sondern wachsen an der Basis, in den christlichen Familien und Gemeinschaften. Die Pfarrgemeinden, so wie dies auch bei euch der Fall ist, tragen in sich und miteinander die Erfahrung einer seit Generationen vom Christentum geprägten Welt, das Erbe der Väter, entsprungen aus der Verbindung von Glaube und Heimat.

 

Aus der Predigt in der Pfarre Probstdorf am 26. Oktober 2001

... Der Auftrag des Auferstandenen an seine Kirche geht nicht nur an Bischöfe und Priester, sondern spricht alle an, die aufgrund von Taufe und Glauben zur Kirche gehören wollen. Zwei Dinge liegen mir hier am Herzen:
Heute gibt es in Stadt und Land viele Suchende, die eine Antwort erwarten auf die ungelösten Rätsel des menschlichen Daseins, wie sie auch in unserer Stadt die Herzen der Menschen am tiefsten bewegen: Was ist der Mensch? Was ist Sinn und Ziel unseres Lebens? Was ist jenes letzte, unsagbare Geheimnis unserer Existenz, aus dem wir kommen und wohin wir gehen? - Alle, die nicht nur Christen heißen, sondern auch Christen sein wollen, haben damit nicht nur für sich selbst, sondern auch für viele andere eine Verantwortung.
Denn das Konzil hat uns bewußt gemacht, daß es in unserer Zeit nicht nur auf die Bischöfe und Priester ankommt, sondern ebenso auf die Mitverantwortung der getauften Christen und Christinnen. Das Konzil hat dies sehr schön ausgedrückt mit den Worten (LG 33): "Die Laien sind besonders dazu berufen, die Kirche an jenen Stellen und in den Verhältnissen anwesend und wirksam zu machen, wo die Kirche nur durch sie Salz der Erde werden kann". Daraus folgert das Konzil für den Klerus in der Kirche, die Bischöfe und Priester, sie "sollen die Würde und Verantwortung der Laien in der Kirche anerkennen und fördern. Sie sollen gerne deren klugen Rat benutzen, ihnen vertrauensvoll Aufgaben im Dienste der Kirche übertragen und ihnen Freiheit und Raum im Handeln lassen; sie sollen ihnen auch Mut machen, aus eigener Initiative Werke in Angriff zu nehmen" (LG 37).
Was also für die Kirche von heute wie von morgen nottut, sind Frauen und Männer, die bereit sind, in ihrem Leben schlicht und einfach, ohne Aufdringlichkeit, Zeugen des Evangeliums zu sein, wie es seit 2000 Jahren als Frohe Botschaft verkündet wird; Frauen und Männer, die damit aber auch bezeugen, daß Glaube nicht nur eine individuelle Angelegenheit sein kann, sondern daß bei aller legitimen Vielfalt der Ausdrucksmöglichkeiten der Blick auf die alles verbindende Einheit niemals verloren gehen darf. Der Garant für die notwendige Einheit in der gegebenen Vielfalt aber ist die Kirche. Das Wesen der Kirche hat das letzte Konzil einprägsam beschrieben, als eine "einzige komplexe Wirklichkeit, die aus menschlichen und göttlichen Elementen zusammenwächst" (LG 8); sie wurde von Gott wie ein Samenkorn in die Geschichte der Menschheit eingesenkt, um den Menschen durch die Jahrhunderte Begleiterin und Wegweiserin sein.
Diese Kirche wird in unserer Zeit immer mehr herausgefordert, Stellung zu beziehen zu den großen Lebensfragen unserer Gesellschaft. Es geht hier nicht nur um eine religiöse Dimension, sondern vor allem auch um gesellschaftliche Normen und Probleme; es geht um Menschenwürde und Menschenrechte, mit ihrer Wurzel im ersten und größten Gebot der Gottes- und Nächstenliebe; es geht um Freiheit und Verantwortung, eine Freiheit ohne persönliche Verantwortung für mich und für die anderen gibt es nicht. Daraus erwächst unser christliches Welt- und Menschenbild, das nicht nur für unser Land, sondern auch für das zusammenwachsende Europa von großer Bedeutung ist. ...

 

Informationen zum Kongress auf der Homepage der Kathpress

Drucken

Fenster schließen