Zum Andenken an Univ.Prof. Dr. Jacob Kremer
© kathbild.at/rupprechtAus Anlass des Todes von Prof. Kremer wollen wir an jene gemeinsame Arbeit von ihm und Kardinal König erinnern, bei der sie sich Anfang der 90-er Jahre zusammen Gedanken über den Glauben an der Schwelle zum 3. Jahrtausend gemacht haben:

Inhaltsverzeichnis des Buches

Franz Kardinal König, Jacob Kremer
Jetzt die Wahrheit leben. Glauben an der Schwelle zum dritten Jahrtausend,
Herder, 1991


Vorwort
von Kardinal König

I. Teil

Die Mitte christlichen Glaubens - kurz erklärt für Menschen von heute
von Jacob Kremer

Einleitung: Heute noch glauben
1. Der Glaube an den einen Gott, den Schöpfer und Retter aller Menschen
2. Der Glaube an Jesus Christius, den wahren Sohn Gottes und Erlöser aller Menschen
3. Der Glaube an den Heiligen Geist, der die Kirche beseelt und den Getauften jetzt schon ewiges Leben schenkt

II. Teil

Neue Verkündigung alter Wahrheiten -
Hauptanliegen des Zweiten Vatikanischen Konzils
Franz Kardinal König im Gespräch mit Jacob Kremer

 

Vorwort

Seit dem Fallen des Eisernen Vorhangs Ende 1989 kommen viele bisher unterdrückte Menschen aus den östlichen Ländern in den freien Westen. Sie alle bestaunen den materiellen Wohlstand, halten oft aber auch bewußt oder unbewußt Ausschau nach einer neuen Lebensorientierung; denn die befohlene Ideologie des kommunistischen Sozialismus vermag ihnen eine solche nicht mehr zu bieten. Was aber soll an deren Stelle treten? Bei ihrer Suche erfahren diese Menschen bald, wie sich in den westlichen Ländern vielerorts neben einem hohen Lebensstandard Überdruß, Angst vor der Zukunft und Zweifel am Sinn des Lebens ausbreiten; sie müssen auch feststellen, daß der christliche Glaube oft nicht mehr als befreiende Wahrheit empfunden und gelebt wird. Selbst Christen, die regelmäßig oder wenigstens zu besonderen Anlässen noch am Gottesdienst und am Leben der Kirche teilnehmen, sind verunsichert bzw. halten sich nicht mehr an die Grundsätze christlicher Moral. Warum? Was sie im Elternhaus und im Religionsunterricht gelernt haben, können sie kaum mit den Erkenntnissen der modernen Wissenschaften in Einklang bringen; angesichts der durch Technik und Medizin eröffneten neuen Lebenschancen erscheint es ihnen als überholt. Sie zeigen sich dabei fast gänzlich unberührt vom Anliegen und den Aussagen des 2. Vatikanischen Konzils (1962-65); Johannes XXIII. erwartete ja von diesem nichts weniger als einen "Sprung nach vorne" (un balzo innanzi), damit die in der Sprache vergangener Generationen formulierte Botschaft des Evangeliums auch in unserer Zeit verstanden werde und Glauben finde.

Aus diesem Grunde erinnere ich als ehemaliger Teilnehmer am Konzil 25 Jahre nach dessen Abschluß an sein heute im Westen wie im Osten höchst aktuelles Grundanliegen: das Aggiornamento (Übersetzung ins Heute). Diese Rückbesinnung ist auch deshalb wichtig, weil manche Katholiken die Aussagen des Konzils als Preisgabe des katholischen Glaubens werten und diesem Konzil das Nachlassen des kirchlichen Lebens in den westlichen Ländern anlasten. Dabei beachten sie nicht, daß der bedauerliche Rückgang in nichtkatholischen Gebieten oft noch viel größer ist und letztlich seinen Grund in der rasant wachsenden Säkularisierung hat, die durch zunehmenden Wohlstand und den Einfluß der Medien wesentlich mitbedingt ist.

Ich veröffentliche diese Erinnerung an das 2. Vatikanische Konzil zusammen mit einer kurzen Darbietung der Mitte des christlichen Glaubens durch den Bibelwissenschaftler Jacob Kremer. Er hat es nach vielen Gesprächen mit mir unternommen, das alte kirchliche Glaubensbekenntnis aus der Sicht neuerer theologischer Forschung und in Abgrenzung von verbreiteten Mißverständnissen allgemeinverständlich zu erklären. Die Konzentration auf die Mitte erlaubt es, diese in ökumenischer Offenheit vorzulegen, ohne damit den konfessionellen Standpunkt aufzugeben. Der Leser findet darin zwar keine fertigen Antworten auf alle ihn bedrängenden Fragen, wohl aber Auskunft über die zentralen Probleme. Die Darlegungen können ihm als Kompaß dienen, um inmitten der Vielzahl heutiger Meinungen einen festen Standpunkt zu gewinnen. Wie Papst Paul VI. die Dokumente des 2. Vatikanischen Konzils als "den großen Katechismus für die moderne Zeit" betrachtete, so möchte diese kurze Erklärung der Mitte christlichen Glaubens - ganz auf der Linie des Konzils - zwar nicht ein "kleiner Katechismus", wohl aber eine kleine Ermutigung zum Glauben an der Schwelle des dritten Jahrtausends sein.

Die Anregung zu diesem Buch gab der Anblick tausender Tschechen und Slowaken, die unmittelbar nach der Öffnung der Grenze an den Wochenenden durch die Straßen Wiens zogen und die Auslagen in den Schaufenstern und Kiosken bestaunten. Welches Bild, so fragte ich mich mit vielen, erhalten diese Menschen aus dem ehemaligen Ostblock von uns Christen im Westen? Die vorliegende Schrift richtet sich darum an Glaubende, Verunsicherte oder auch Nichtglaubende in den westlichen Ländern ebenso wie an alle suchenden Menschen aus den Ländern des ehemaligen Ostblocks. Sie alle sind eingeladen, auf den Sinn der uns in zeitbedingter menschlicher Sprache anvertrauten biblischen Botschaft zu achten und wie viele Generationen vor uns den christlichen Glauben als befreiende Wahrheit für alle zu leben.

Franz Kardinal König
Wien, im Advent 1990

 

 

Allmächtiger Vater

Wenige Monate vor seinem Tod schrieb der Dichter Reinhold Schneider († 1958) in seinem Buch "Winter in Wien" beim Nachsinnen über das oft grausame und auf Raub ausgerichtete Verhalten der Tiere, die im Naturhistorischen Museum ausgestellt sind: "Und das Antlitz des Vaters? Das ist unfaßbar." Neben der schwermütig empfundenen Tragik der Geschichte ist für den Dichter also auch das Leiden der Kreatur mit dem Glauben an Gott, den gütigen Vater, unvereinbar. Auf andere Weise hatte vorher schon der Philosoph Friedrich Wilhelm Nietzsche († 1900) Zweifel und Kritik am christlichen Glauben geäußert: "Warum heute Atheismus? - 'Der Vater' in Gott ist gründlich widerlegt ...: er hört nicht - und wenn er hörte, er wüßte trotzdem nicht zu helfen" (Jenseits von Gut und Böse). Wie diesen Autoren scheint es heute sehr vielen Menschen unmöglich, an Gott, "den Vater", zu glauben bzw. den Schöpfer des Alls mit "Vater" anzureden. Sprechen nicht der Lauf der Geschichte und das entsetzliche Leid in der Welt - etwa das tägliche Verhungern so vieler unschuldiger Kinder - dagegen? Wie kann ein "Vater", der allmächtig ist, dies zulassen? Diese Fragen und Anklagen sind ganz ernst zu nehmen. Sie fordern uns heraus, aufmerksam auf die Aussagen der Bibel zu achten.

Schon in den Schriften des Alten Bundes finden sich mehrere Worte über Gottes väterlich liebende Sorge (Hos 11,3f) und über sein mütterliches Herz für das auserwählte Volk (Jes 49,15). Vereinzelt wird Gott auch direkt mit "Vater" angesprochen (Sir 23,1). Dies ist um so auffallender, als den Menschen damals keineswegs schweres Leid erspart blieb und ihnen die Klage über Gottes Schweigen durchaus geläufig war, wie viele Psalmen belegen. Ein Beispiel dafür ist auch das Buch Ijob, das literarisch wohl schönste Kunstwerk der Bibel: Der mit Gottes Zulassung Gepeinigte klagt Gott sein Leid, ja klagt verbittert Gott an und verflucht sogar sein Leben (Ijob 3,6-7). Die gutgemeinten Rechtfertigungen Gottes durch seine Freunde, die seine Pein als Strafe für begangenes Unrecht deuten, läßt er nicht gelten. Am Ende stellt sich ihm Gott in einer großen Rede und fragt ihn, was er denn überhaupt von der ganzen Schöpfung, ihren Anfängen und Zusammenhängen wisse (Ijob 38-41). Der heutige Leser kann diese Fragen ergänzen durch Hinweise auf die bislang unbekannte Größe des Universums und die ungeheure Komplexität selbst der Atome und Gene, aber auch auf die unbegreifliche "Tiefe" von "Weh" und "Lust" in der Welt: "Die Welt ist tief, tiefer als der Tag gedacht, tief ist ihr Weh, Lust tiefer noch als Herzeleid" (F. Nietzsche). Der Dulder Ijob gesteht schließlich beschämt seine Unkenntnis und damit seine mangelnde Berechtigung, mit Gott zu hadern (Ijob 42,1-6). Der biblische Dichter zeigt damit: Wir können zwar nicht, wie Ijobs Freunde vorgeben, alle Fragen nach dem Sinn des Leidens beantworten; doch fehlt uns wegen unseres unzureichenden Wissens auch die Kompetenz, Gott dafür anzuklagen. Das gilt heute nicht weniger als früher. Wenn wir die Grenzen unseres Erkennens eingestehen, kann uns heute noch die alte prophetische Zusage vor Verzweiflung bewahren und zum Glauben an Gott ermutigen: "Gott, der Herr, wischt die Tränen ab von jedem Gesicht" (Jes 25,8).

In Überbietung der alttestamentlichen Schriften verkündet das Neue Testament noch deutlicher, daß Gott den Namen und die Anrede "Vater" verdient. Für Christen ist der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs zugleich der "Vater unseres Herrn Jesus Christus" (Eph 1,3). Jesus hat als der Sohn Gottes Jahwe mit "Vater" angeredet und die Jünger angeleitet, sich diese Vater-Anrede zu eigen zu machen (Mt 6,9). Für die biblischen Verfasser ist Jesu Tod als Hingabe des Sohnes ein einzigartiger Erweis der Liebe Gottes. Dabei waren auch Jesus und den Autoren der neutestamentlichen Schriften die Leiden vieler Menschen und die Klagen über Gottes Schweigen bestens vertraut. Ein Beispiel dafür ist der Ruf des Gekreuzigten: "Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?" (Mk 15,34). Wenn Jesus und die Christen es daher wagen, Gott gegen allen Anschein "Vater" zu nennen, so tun sie dies im Wissen, daß ihnen wie Ijob kein Urteil über Gottes Schweigen zusteht. Außerdem zwingen uns Jesu Tod und Auferweckung zur Korrektur verbreiteter menschlicher Gottesvorstellungen: Wer ist denn Gott, der als Vater zum schrecklichen Tod seines Sohnes schweigt? Menschen können ihm nicht sein Handeln vorschreiben. Schließlich lehrt uns der Apostel, daß wir Gott immer nur dank einer Befähigung durch den Heiligen Geist mit "Vater" anreden können; denn dieser allein vermag die Herzen vom Starren auf die gegenwärtige Not zu befreien und zum Vertrauen auf Gott zu ermutigen, der allein uns wie seinen Sohn für immer aus aller Not befreien kann und will. Solcher Glaube allerdings verhindert nicht, daß auch Christen Gottes Schweigen oft nicht verstehen und sehr viele Fragen für sie ungeklärt bleiben.

Abschnitt aus dem 1. Kapitel von Jacob Kremer, S. 37-39

 

 

 

Katholisch-Theologische Fakultät der Universität Wien

Stephanscom.at, 15.02.2010


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