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Das II. Vatikanische Konzil setzte sich auch ganz eingehend mit dem Phänomen des Atheismus und der Haltung der Kirche diesem gegenüber auseinander und kam zu dem - durchaus realistischen - Schluss: "Das Heilmittel gegen den Atheismus kann nur von einer situationsgerechten Darlegung der Lehre und vom integren Leben der Kirche und ihrer Glieder erwartet werden. … Wenn die Kirche auch den Atheismus eindeutig verwirft, so bekennt sie doch aufrichtig, daß alle Menschen, Glaubende und Nichtglaubende, zum richtigen Aufbau dieser Welt, in der sie gemeinsam leben, zusammenarbeiten müssen. Das kann gewiß nicht geschehen ohne einen aufrichtigen und klugen Dialog." (GS 21)
Das Gespräch, der Dialog, durch den man sowohl von sich erzählt, als auch über den anderen etwas erfährt und so oft unbegründete Ängste und Vorurteile abbauen kann, war für Kardinal König daher vor allem ein wichtiges Instrument für den Frieden. "Um das gegenseitige Misstrauen zu zerstören, um die Herzen der Menschen einander näher zu bringen, dazu brauchen wir den Dialog", sagte er 1964 in seiner großen Ansprache an Nicht-Christen im Rahmen des Eucharistischen Weltkongresses in Bombay. (1) Er berief sich dabei auf die Enzyklika Ecclesiam suam, in der Papst Paul VI. die Katholiken zum Dialog mit der Welt aufgerufen hatte, zu einem Dialog, "der sich durch Klarheit, Wahrheit, Sanftmut und Vertrauen auszeichnen sollte." Dieser, den Kardinal König immer als den - seiner Meinung nach in all seiner Demut - größten Papst seiner Zeit bezeichnet hat, hatte am 6. August 1964 mit dieser seiner ersten Enzyklika gewissermaßen das Programm seines Pontifikates vorgelegt. Im Kontext des II. Vatikanischen Konzils verfasst, legt er für die Kirche einige neue Grundregeln fest: Der Dialog, das Gespräch im theologischen und kirchlichen Raum wurde durch das Konzil nicht erfunden, auch nicht entdeckt, wohl aber wurde er durch das Konzil als eine Grundhaltung der Kirche bestätigt.
Vier Jahre danach, 1968, bezeichnete der Kardinal in einem Vortrag auf der ersten christlich-marxistischen Dialogkonferenz in Santa Barbara, Kalifornien, den Dialog als ein "Abenteuer". Als Präsident des Sekretariats für die Nichtglaubenden sprach er sich damals sozusagen für einen freien Wettbewerb aus, meinte aber: "Es können nicht Institutionen miteinander reden, sondern nur Personen, mit klaren und festen eigenen Anschauungen. Dies ist der beste Ausgangspunkt für ein Gespräch in Freiheit und Bereitschaft zu wechselseitigem Lernen." (2)
In diesem Zusammenhang ist Kardinal König immer auch für recht verstandene Toleranz eingetreten, ohne die seiner Ansicht nach, menschliche Gemeinschaft nicht funktionieren kann. Im Gegensatz zur Gleichgültigkeit setzt allerdings wahre Toleranz das je eigene Bekenntnis voraus. Wörtlich erinnerte er daher immer wieder: "Soll ich die Meinung des anderen dulden und achten, dann muss ich eine eigene Meinung haben. Denn habe ich keine eigene Überzeugung, dann ist mir auch die Überzeugung des anderen kein Gegenstand der Achtung, sondern der Gleichgültigkeit."
Aus dieser Einstellung heraus hat Kardinal König auch wiederholt die zunehmende religiöse Unwissenheit bedauert und die Menschen ermuntert, sich für ihren eigenen Glauben mehr zu interessieren und das Wissen um dessen Inhalte nach und nach zu erweitern.
Er selbst konnte, gut gerüstet durch natürliche Anlagen ebenso wie durch seine Studien, Zeit seines Lebens Gespräche - ohne Berührungsängste - innerhalb seiner Kirche, mit den getrennten christlichen Kirchen, mit den großen Weltreligionen, mit Vertretern der Wissenschaft, mit jenen, die anderen Weltanschauungen anhängen und mit jenen, die an nichts glauben können, führen.
In seiner Enzyklika Ecclesiam suam hatte Papst Paul VI. angeordnet, daß die römische Kirche gleichsam in drei "konzentrischen Ringen" mit den anderen christlichen Konfessionen, mit den nichtchristlichen Religionen und schließlich mit jenen, die nicht glauben, ein Gespräch führen soll - nach dem Vorbild des Heilsdialoges, den Gott von Anbeginn an den Menschen angeboten hatte, im Sinne des Auftrags: "Geht hinaus in alle Welt und verkündet die Frohe Botschaft!"
Für jede dieser drei Gruppen hatte die Kirche noch während des Konzils ein eigenes Sekretariat eingerichtet. Das dritte Sekretariat per i non credenti - für die Nichtglaubenden wurde im April 1965 Kardinal König anvertraut, eine Aufgabe, die er durch 15 Jahre hindurch bis 1980 innehatte. Kardinal König hat oft schmunzelnd erzählt, wie simpel und undramatisch der Beginn war: "Im Frühjahr 1965 hat der Heilige Vater mich gebeten, ich möge die Leitung dieses dritten Sekretariats übernehmen. Ich hätte mich vielmehr für das zweite, das den Dialog mit den nichtchristlichen Religionen beginnen sollte, zuständig gefühlt; davon, so dachte ich, verstehe ich etwas, aber Dialog mit den Nichtglaubenden? Daher war meine Antwort zuerst: 'Ja, Heiliger Vater, damit habe ich keine Erfahrung. Wie soll ich denn so etwas machen? Für mich ist das eine terra incognita!' Darauf antwortete der Papst lateinisch einfach: 'Usus docebit'. Das heißt auf Deutsch soviel wie: 'Fangen Sie einmal an, dann werden Sie schon sehen!' - Heute würde man sagen: 'Learning by doing'. Ich habe dann eben angefangen." (3)
Dementsprechend waren die ersten Schritte des jungen Sekretariates nicht leicht. Viele Möglichkeiten standen offen, es galt, jene herauszufinden, die am besten dem Dialoganliegen des Konzils gerecht werden konnten. (4) Durch 15 Jahre hindurch stand Kardinal König diesem Sekretariat vor, das sich mit den unterschiedlichsten Erscheinungsformen des Atheismus in der säkularisierten Welt von heute auseinandersetzte. Mit besonderem Nachdruck bestand er auf der Sinnlosigkeit und dem Misserfolg des "wissenschaftlichen Atheismus", in dessen Namen Millionen von Menschen um ihres Glaubens willen zu leiden hatten und haben. (5)
Eben in dieser Zeit, im Jänner 1965, befasste sich der Kardinal in einem Artikel, welcher in der Londoner Times veröffentlicht wurde, auch mit dem Problem der Religionsfreiheit und der damit verbundenen Toleranz im Gegensatz zur atheistischen Intoleranz in den kommunistisch besetzten Ländern. Er stellte damals unter anderem fest: "Die Toleranz in geistigen Fragen ist eine der Grundüberzeugungen der heutigen Menschheit, auch wenn wir täglich Beispiele von Intoleranz erleben. Diese Toleranz basiert nicht auf der Gleichgültigkeit, sondern auf der Achtung vor der inneren Gewissensentscheidung der Menschen. Wenn der Kommunismus sich nicht von der geistigen Entwicklung der Welt ausschalten will, wird er auch in seinem Bereich die Toleranz als einen wesentlichen Wert zur Kenntnis nehmen, wird er auf die Dauer die persönliche Gewissensentscheidung des Menschen nicht ignorieren können. ... Man spricht heute des Öfteren von Verhandlungen, die zwischen der Kirche und Staaten mit kommunistischer Doktrin geführt wurden, geführt werden oder geführt werden sollen. Daß solche Verhandlungen möglich sind, ist immerhin ein Fortschritt und ein Zeichen der Hoffnung. Solche Verhandlungen, wenn sie nicht von Haus aus nur zur Täuschung des Verhandlungspartners dienen, setzen mehr voraus als Verhandlungsvollmachten. ... Sie setzen die Kenntnis der tatsächlichen Lage voraus, aber auch ein Verhandlungsklima, in dem dem einen Verhandlungspartner, das heißt, der Kirche, zumindest das Recht zugebilligt wird, atmen zu dürfen. Um diesen geistigen Atemraum geht es. Die Einräumung eines solchen Atemraumes müsste auch im kommunistischen Bereich möglich sein, ohne daß der Staat annehmen müsste, in seiner Existenzgrundlage gefährdet zu sein."
Drei Jahre danach, im Oktober 1968, übergab Kardinal König dann ein von seinem Sekretariat nunmehr ausgearbeitetes Dokument über den Dialog der Öffentlichkeit. Der authentische lateinische Text trägt das Datum vom 28. August 1968. Dieses Dokument hatte es sich folgerichtig zur Aufgabe gesetzt, den Dialog zwischen Glaubenden und Nichtglaubenden, zwischen der Kirche und der Welt, zu fördern und zwar durch Aufstellung allgemeinster, auf die ganze Welt bezogene Normen und Richtlinien. Und dies aus dem Grund, weil "die Nichtgläubigen heute in besonderem Ausmaß, stärker als früher, Wesen und Gestalt dieser Welt mitbestimmen." Und darum hat auch dieses in seinem ganzen umfassenden Aufbau von einer positiven Grundhaltung getragene Dokument seine Aktualität bis auf den heutigen Tag nicht verloren. Es erforscht eingangs die Natur des Dialogs und seine Bedingungen, fragt nach der Möglichkeit und Rechtmäßigkeit eines solchen Dialogs und schließt die Möglichkeit eines gegenseitigen Einverständnisses in der Verfolgung bestimmter praktischer Ziele nicht aus, selbst dann, wenn sich in den Grundfragen eine Annäherung zunächst kaum erzielen läßt. "Denn" - in realistischer Einschätzung der Tatsachen und mit einer weiten Perspektive in die Zukunft einer globalen Welt - "dieses Gespräch zielt nicht in erster Linie auf die Verkündigung des Evangeliums; es handelt sich nämlich um den Dialog, den die Christen mit den Menschen aufnehmen wollen, die ihren Glauben nicht teilen, sie es, um gemeinsam auf verschiedenen Gebieten die Wahrheit zu suchen, sei es, um in gemeinsamer Bemühung die drängenden Probleme unserer Zeit zu lösen." (6)
Die daran angeschlossenen praktischen Richtlinien und Direktiven zur Förderung eines konstruktiven Dialogs bauen auf klaren Grundsätzen auf, die den jeweils eigenen Standpunkt nicht verleugnen, aber durchaus dazu ermuntern, unterstützt durch eine gute Fachausbildung und mit klar offengelegten Zielen, ohne Furcht und Misstrauen dem Dialogpartner entgegenzutreten. Und, das war Kardinal König immer besonders wichtig zu betonen: "Der Beitrag, den das Zeugnis eines aufrechten und dem eigenen Glauben entsprechenden Lebens zur Wirksamkeit des Dialogs leisten kann, ist nicht zu unterschätzen."
Denn, so der Kardinal, "wenn der Dialog, das Gespräch ein wesentlich menschliches Attribut ist, wenn die religiöse Existenz des Menschen in dem Dialog zwischen Gott und dem Menschen begründet ist, dann kann das religiöse Gespräch, auch das Gespräch mit jenen, die nicht glauben, weil sie nicht glauben können, sich letztlich nicht in Worten erschöpfen. Dann kann das einzige Mittel des Gesprächs, das zu überzeugen vermag, nur jenes Wort sein, von dem es heißt, daß es von Anfang an war, jener Logos, der sich verkörpert in einer Tat der Milde und der Güte, der Menschenfreundschaft, der Barmherzigkeit, in einem Wort und in der Tat der christlichen und selbstlosen Liebe. ... Denn die Menschen, und gerade jene, im Westen und im Osten, denen eine so wesentliche Kategorie des Menschseins, nämlich die des Glaubenkönnens, erstorben zu sein scheint, können nicht allein durch Worte, sondern nur durch Taten überzeugt werden, daß es einen Gott gibt, der ein Gott der Liebe ist." (7)
Diese Gesprächskultur, nie von oben herab, nie belehrend, vor allem zuhörend, die ihm gewissermaßen angeboren war, war auch hier die tragfähige Basis für den guten zwischenmenschlichen Kontakt, den der Kardinal als eine wichtige erste Voraussetzung für notwendige und fruchtbringende Gespräche erkannte. "Wenn die Kirche sich mit der Gegenwart auseinandersetzen will - und das ist eines der Grundziele des Konzils - dann muß sie mit dieser Welt ins Gespräch kommen." Andere Haltungen in der Geschichte seien entweder die Beherrschung der Welt oder die Flucht aus der Welt gewesen, "beides Fehlhaltungen", so der Kardinal. (8) Aber er verkannte auch nicht die Gefahr, die ein solcher Dialog mit sich bringe: Wenn auch das Ziel nicht nur die Vermittlung der eigenen Wahrheit, sondern auch das Hinhorchen auf die Aussagen des Dialogpartners sein müsse, so müsse das Gespräch aber insofern ernst sein - wörtlich: "daß ich nicht nur den Gesprächspartner, sondern auch mich selbst ernst nehme. Wenn ich mich selbst relativiere und dies auch von meinem Partner erwarte, dann bleibt als Bodensatz eines solchen Gesprächs nur ein Wertrelativismus, ein müder Skeptizismus übrig." Kardinal König hat, wie auf allen Gebieten, auch hier große Anforderungen an, aber auch großes Vertrauen in die Menschen gesetzt, in der Überzeugung, daß es keinen anderen Weg gibt, der der menschlichen Freiheit und Würde entspricht.
So erfüllte der Kardinal, der keine Berührungsängste hatte, der im Gegenteil ein waches Interesse an den Menschen, ihrem Denken und Fühlen hatte, sein ganzes Leben lang jene Grundforderung des Konzils, die da lautete: Die Kirche muß zu einem Dialog mit der Welt kommen. Aber bevor man die Welt bekehrt, müsse man sich ihr nähern und mit ihr sprechen.
In dieser Grundhaltung mehrte Kardinal König die Kontakte zu Vertretern des areligiösen Humanismus im Westen ebenso wie des Staatsatheismus im Osten, wobei er sich aber stets gegen jede Form von politischer Instrumentalisierung seiner Arbeit zur Wehr setzte: "Der Kirche geht es hier, auch wenn man es ihr nicht immer glauben will, doch im wesentlichen um ein religiöses, ein seelsorgliches Problem."
Die Entwicklung hat dem Kardinal zweifellos Recht gegeben. Das Gespräch zwischen Glauben und Nichtglauben ist - in neuen Facetten - immer noch im Gang. Es ist erfreulich, dass auch Papst Benedikt XVI. die Initiative seines Vorgängers Pauls VI. wieder aufgreift und so die Aufbauarbeit und das Werk Kardinal Königs eine Fortsetzung erfährt.
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(1) Wortlaut der Ansprache in: Kardinal Franz König, Das Abenteuer des Dialogs, Verlag Die Arche, 1969, S. 7f.
(2) ebd. S. 45.
(3) vgl. Franz Kardinal König. Haus auf festem Grund, hrsg. von Annemarie Fenzl und Reginald Földy, Amalthea, 1994, S.68
(4) vgl. dazu: Elisabeth Peter, "Usus docebit". Kardinal König und das Sekretariat für die Nichtglaubenden, in: Kardinal König, Herold 1985, S. 107
(5) vgl. dazu: Erhard Mayerhofer, Kirche im Dialog. Kardinal Dr. Franz König und das Sekretariat für die Nichtglaubenden, in: Europäische Hochschulschriften, Reihe XXIII Theologie, Bd. 655, Peter Lang 1999
(6) ebd. S. 96
(7) ebd. S. 101
(8) Franz Kardinal König, Worte zur Zeit. Reden und Aufsätze, Herder, 1968, S. 87
Überarbeiteter Auszug eines Beitrags von Dr. Annemarie Fenzl
für eine Publikation von Pro Oriente, Salzburg (in Druck)