Predigt von Bischof Maximilian Aichern bei der Gedenkmesse zum 6. Todestag von Kardinal König in der Basilika Mariazell am 13. März 2010

Für das, was wir gerade in den biblischen Lesungen gehört haben, ist der Wallfahrtsort Mariazell ein besonderer Ort. Wie das Volk Israel zur Zeit des Propheten Hosea haben auch hier viele tausende Menschen gesprochen: "Kommt, wir kehren zum Herrn zurück!" Sie haben erfahren, dass der Herr aufrichtet und Leben schenkt. In Demut und mit einem realistischen Blick haben sie an ihre Brust geschlagen, wie es uns das Gleichnis von den zwei Betern im Tempel nahelegt und sind als Glaubende und Hoffende nach Hause zurückgekehrt.

Gott bedient sich bei der Führung der Menschen - wie es die heutige Lesung andeutet - der Propheten. Durch sie schlägt er drein, wenn manches falsch läuft, durch sie ermutigt er aber auch und baut auf. Der heutige Gottesdienst gedenkt solcher Persönlichkeiten in unserer Zeit, nämlich des vor genau 6 Jahren verstorbenen Kardinals Dr. Franz König und des ungarischen Kardinals Joszef Mindszenty, der hier in der Basilika 16 Jahre lang sein Grab hatte.

Kardinal Franz König - hier in der Nähe, zwischen St. Pölten und Mariazell geboren und als Kind aufgewachsen - war sehr mit dem Wallfahrtsort verbunden. Seine Wirkungsorte waren allerdings fern seiner engeren Heimat - zuerst St. Valentin, dann St. Pölten, Krems, Salzburg, erneut St. Pölten, dann Wien und Rom, wo er beim 2. Vatikanischen Konzil einer der Wegbereiter bei der Erneuerung der Kirche war und als Präsident von einem der Päpstlichen Räte Wesentliches zur Verwirklichung des Konzils und zum Aufbau eines weltweiten Dialogs beigetragen hat. Als Brückenbauer in vielen Bereichen und Vermittler für die Kirche im damaligen Ostblock hat er viele Fahrten unternommen und Kontakte geknüpft. Namens des Papstes führte er Kardinal Mindszenty, die Symbolfigur gegen die kommunistische Gewalt, nach Österreich. Es gibt kaum einen Erdteil, wo Kardinal König nicht zu Gast war. Er hat an zahllosen Gesprächen, Kongressen und Verhandlungen mitgewirkt und in seiner ruhigen, freundlichen und vor allem weisen Art zu manchen Erfolgen beigetragen. Auch als Erzbischof von Wien und Vorsitzender der Österreichischen Bischofskonferenz hat er Weichen gestellt und als Brückenbauer neue Wege ermöglicht. Er war anerkannter Gesprächspartner mit den Institutionen der Öffentlichkeit, theologisch versiert, sozial engagiert. Für ihn stand dabei immer besonders die Frage der Ethik im Vordergrund: Ethik in der Wissenschaft, in der Wirtschaft, im persönlichen Leben. Nicht nur die Unterscheidung von Richtig und Falsch, sondern die Differenz von Gut und Böse, von positiven und negativen Werten. Ethik war für Kardinal König die Reflexion der Vernunft in Bezug auf menschliches Handeln. König war ein Anwalt der Menschenwürde in allen Lebensphasen und Lebensbereichen.

Ich erinnere mich, wie er bei seinen Pfarrvisitationen nicht nur geistlich, sondern auch sehr menschlich uns begegnete, etwa in St. Georgen in der Klaus bei Seitenstetten, wo er beim Mittagtisch uns allen die Suppe schöpfte und mir, dem jüngsten anwesenden Novizen, seine Torte zuschob mit den Worten: "Dass aus Ihnen etwas wird!" - Ich erinnere mich, wie er bei seinen Pfarrvisitationen in Wien auch bei den Priestereltern Hausbesuche machte, auch bei meinen Eltern in der Kalasantinerpfarre Wien 14 - St. Josef - Reinlgasse. - Als Abt meines Heimatklosters St. Lambrecht und Abtpräses durfte ich ihn bitten, der 1500-Jahr-Feier der Geburt des HI. Benedikt in Mariazell vorzustehen. Gemeinsam mit den meisten österreichischen Bischöfen beeindruckte er alle Mitfeiernden, besonders alle Brüder und Schwestern der benediktinischen Orden und Gemeinschaften in Österreich: Benediktiner, Zisterzienser, Trappisten, Mechitaristen und weitere Gemeinschaften. Bei seiner Messfeier schenkte er uns damals einen festen nachkonziliaren Impuls durch seine weise Interpretation von Hauptpunkten der Benediktusregel für das Heute. - Kardinal König als zuständiger Metropolit und Erzbischof hat mir im Linzer Dom die Bischofsweihe gespendet und ich habe vorher und nachher in persönlichen Gesprächen viele Anregungen und Ermutigungen von ihm bekommen. Auch viele andere haben solche Erfahrungen an Anregungen und Ermutigungen durch ihn gemacht. Einer Gruppe von Mitarbeitern, die von Misserfolgen und Burn-out berichteten, machte er geistlich und menschlich Mut: Er sprach vom Glauben und vom Vertrauen auf Gott, der trägt. Er sagte dann weiter: " Entspannt euch doch, bewegt euch viel, schlaft ausreichend, ernährt euch gesund und maßvoll und habt doch Freude an eurer Arbeit und am Menschsein!" Er ist mit Wohlwollen allen begegnet, wenn auch er es nicht immer allen recht machen konnte. In einem Gespräch sagte er mir einmal: "Jeder Mensch hat seine Grenzen, auch ich", und gegen Ende seiner Dienstzeit: "Du weißt gar nicht, wie müde ich bin." Und trotzdem blieb er auf Wunsch des Papstes noch länger im Dienst als er wollte. Er war auch noch als Emeritus eine Symbolfigur für die österreichische Kirche, für die Christen in den Oststaaten und in Europa, dessen Einheit ein besonderes Anliegen von ihm war. Das ihm von manchen gegebene Prädikat "liberal" verstand er als Offenheit: Politische Sensibilität und Zugewandtheit zu den Menschen, gleichzeitig mit Verwurzelung und Verankerung in Gott. Es war ihm ein Anliegen, die Botschaft Jesu Christi klar weiterzugeben, aber so, dass man sie verstehen konnte. Gläubig, menschenfreundlich, weltoffen - das war wohl Königs Konzept, das in die Herzen der Menschen drang und in den gesellschaftspolitischen Bereichen wie in der Ökumene und beim Dialog mit den nichtchristlichen Religionen und mit den Nichtglaubenden wirksam wurde.

In den Bereichen der Basilika Mariazell gibt es nun schon seit einigen Jahren Ausstellungen über Kardinal Mindszenty und Kardinal König. Sie zeigen den ungarischen Kardinal in seiner kompromisslosen Beharrlichkeit und den Wiener Erzbischof als Vermittler und Brückenbauer, wie es sich auch 1971 so deutlich gezeigt hatte. Mindszenty lebte die letzten Jahre im Pazmaneum in Wien, wo er verstarb. Als der Sarg mit dem verstorbenen Kardinal nach Mariazell gebracht wurde, durfte ich als Abt des Mutterklosters St. Lambrecht auf Wunsch der Ungarnseelsorger in Österreich vor dem historischen Portal dieser Basilika die erste Einsegnung halten. Am Hochaltar der Basilika feierte dann Kardinal König das Requiem, P. Werenfried van Straaten hielt die Predigt und Kardinal Döpfner das Libera sowie wiederum Kardinal König die letzte Einsegnung in der Ladislauskapelle, hier seitlich des Gnadenaltars. Die Basilika war überfüllt mit Gläubigen und man konnte nur schwer einen Weg vom Hochaltar zur Ladislauskapelle freimachen. Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs wurde der Sarg Mindszentys durch Kardinal Paskai nach Esztergom überführt und dort in der Basilika beigesetzt.

Kardinal Dr. König kam als amtierender Erzbischof von Wien und dann als Alterzbischof immer wieder als Wallfahrer nach Mariazell. Er war den Seelsorgern hier an der Basilika, besonders P. Superior Veremund von Kremsmünster und dann P. Superior Karl von St. Lambrecht, immer sehr verbunden und dankbar, wenn sie ihn zur "Magna mater Austriae", zur "Magna domina Hungarorum" und zur "Mater Slavorum gentium" führten. Hier hat er gerne gebetet und die heilige Messe gefeiert. Maria war für ihn, der von manchen als "Europabischof" eingeschätzt wurde, immer auch die Gnadenmutter Europas, vor allem der östlichen Länder.

So danken wir Gott für Kardinal König heute am 6. Jahrestag seiner Heimholung und wir danken allen, die den Kardinal im Leben und bis zuletzt begleitet und ihm geholfen haben. Wir danken aber auch allen, die sich für die Seelsorge und die Restaurierung dieses großen Marienheiligtums zu Zell eingesetzt haben. Wir freuen uns, dass das erfolgreiche Wirken von P. Superior Karl Schauer als St. Lambrechter Benediktiner in Mariazell heute seine besondere Anerkennung findet und gratulieren zur verdienten Auszeichnung als Ehrenbürger dieser Stadtgemeinde durch den Bürgermeister und die Gemeinderäte.

Und wir bitten Gott um seine Hilfe und Gnade auch für die Zukunft, damit wir wie ein Kardinal König aus dem Glauben leben und unsere Tage menschenfreundlich und weltoffen gestalten. Auf die Fürbitte Mariens wollen wir uns um eine immer neue Hinwendung zu Gott bemühen, der - wie es in der Lesung geheißen hat - Liebe und nicht Schlachtopfer will, der unsere Wunden heilt, uns aufrichtet und unser Leben mit Tiefe und Hoffnung erfüllt. Und wir alle wollen gemäß dem Wahlspruch von Kardinal König "die Wahrheit in Liebe tun", so wie er es getan hat.
Amen.

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