Ausführlicher Lebenslauf von Kardinal Dr. Fanz König

Als ältestes von zehn Kindern einer Bauernfamilie wurde Franz König am 3. August 1905 in Warth bei Rabenstein an der Pielach (Niederösterreich) geboren. Nach dem frühen Tod seines Vaters Franz heiratete seine Mutter Maria, geborene Fink, ein zweites Mal. Die Beziehung zu seinem Stiefvater, Johann Kaiser, der den wissbegierigen Buben nicht verstehen konnte oder wollte, gestaltete sich schwierig. Trotzdem erinnerte sich der Kardinal bis in sein hohes Alter gerne an sein einfaches Elternhaus, das ihm als Kind, trotz allem, Geborgenheit und eine natürliche Begegnung mit der bodenständigen Gläubigkeit der Menschen auf dem Land vermittelte. Dies kam ganz besonders zu Weihnachten zum Vorschein, wo die religiöse Wurzel des Festes eng verbunden war mit dem schönen Brauchtum der Heimat. Immer wieder erzählte er gerne von seinen lebhaften und bleibenden Erinnerungen der Weihnachtszeit seiner frühen Kindheit: Nach einer bescheidenen Bescherung im Elternhaus kam der anschließende Gang mit meinen Eltern zur Weihnachtsmette nach Kirchberg an der Pielach. Noch heute sehe ich die zahlreichen Lichter von Laternen, die von den Anhöhen ins Tal, Richtung Kirche, wanderten. In der hell erleuchteten und dicht besetzten Kirche strahlte neben dem Hochaltar die Weihnachtskrippe und am Beginn der Mette sangen wir alle das alte Weihnachtslied: "Stille Nacht, heilige Nacht", das für mich das Tor zur Weihnachtszeit wurde. Die Weihnachtslieder, die Weihnachtskrippe, die vielen Kerzen vermittelten ein Gefühl der Geborgenheit und einer tiefen Freude, die ich in manchen Gesichtern geradezu lesen konnte. Das war gewissermaßen ein Ahnen, daß sich damals in der Geschichte etwas zugetragen haben mußte, was von großer Bedeutung auch für mich war.

Franz König besuchte von 1912 bis 1918 die Volksschule in Kirchberg an der Pielach und kam 1919 auf Empfehlung seiner Lehrerin an das Stiftsgymnasium Melk. Nach der dort 1927 mit Auszeichnung bestandenen Matura - das von ihm selbst gewählte Thema seiner Maturaarbeit über Die Frauen zur Zeit Homers, in lateinischer Sprache abgefasst, beeindruckte den Vorsitzenden der Maturakommission derart, dass er dem jungen Mann ein Hochschulstipendium für England anbot - entschied sich Franz König aber dann doch für ein zur selben Zeit von kirchlicher Seite angebotenes Stipendium nach Rom. Hier begann er im Herbst desselben Jahres als Alumne des Collegium Germanicum das Studium der Philosophie und Theologie an der Päpstlichen Universität Gregoriana sowie der altpersische Religion und Sprachen an der Orientalistischen Fakultät des Päpstlichen Bibelinstitutes. Sein österreichischer Studienkollege, der spätere Erzbischof von Salzburg, Karl Berg, beschrieb ihn als einen glänzenden und ehrgeizigen Studenten, der vor allem aber ein beliebter und ausgeglichener Kollege und darüber hinaus auch ein ausdauernder Wanderer und ausgezeichneter Handballspieler war.

Der Aufenthalt in Rom sollte in mehrfacher Hinsicht entscheidend werden. Gleich in den ersten Wochen seines Aufenthaltes führte ihn sein Weg auf das Kapitol. Mit seinen Mittelschulvorstellungen über das römische Weltreich im Herzen blickte ich vom Kapitol auf das Forum Romanum hinunter, in meiner Vorstellung hatte ich das Bild von prächtigen Bauten und Straßen dieses Nervenzentrums des riesigen Reiches vor Augen - statt dessen aber sah ich ein riesiges Trümmerfeld. Damals dachte ich mir: Das also ist das alte Rom. So vergehen also die Dinge in der Geschichte, so verändern sich die Verhältnisse. Das hat mich damals sehr beeindruckt.

Für eine Festschrift des Collegium Germanicum beschrieb er später aus seiner Erinnerung auch das Leben im Colleg, die ernste Arbeit im Studium, aber auch die fröhliche Kameradschaft mit Kollegen aus aller Herren Länder: In der Hausordnung hieß es schlicht und einfach: "Studium per totum diem nisi aliud notatur". Wir haben es damals übersetzt: Lerne deine Zeit zu nützen und einzuteilen! Wenn ich mich in der ersten Zeit viel zu lange im "Lesezimmer" aufhielt, um Zeitschriften und Bücher zu lesen oder durchzublättern, so merkte ich spätestens bei den ersten Prüfungen, daß ich meine Zeit besser und mit mehr Verantwortung einteilen müsse. Ansonsten war für Leben und Bewegung im Hause gesorgt durch die Gesang- und Orchesterproben, durch Akademien und Zirkel, durch Theater und Konzerte, durch den Besuch bekannter Gäste und deren Vorträge. Zudem gab es im Hause sowohl für die "Philosophen" wie für die "Theologen" einen Repetitor, der die Aufgabe hatte, in regelmäßigen Besprechungen und Diskussionen den Stoff der Hauptvorlesungen an der Gregoriana, der päpstlichen Universität, in der betreffenden Hausgemeinschaft und deren Jahrgängen durchzuarbeiten. Dazu kamen Sondervorträge bzw. Sondervorlesungen in Pastoral, Homiletik und Katechetik mit entsprechenden Predigtübungen. Jene unter uns, die über eine gute Sprachkenntnis im Italienischen verfügten, meldeten sich gelegentlich, um teilzunehmen am sonntäglichen Religionsunterricht in der zuständigen Pfarrgemeinde San Camillo.

Eine besondere Bedeutung hatten auch in meinem Leben die Ferienmonate in San Pastore. Der Idee des hl. Ignatius entsprechend, sollten die Studenten - wenn nicht besondere Gründe eine andere Entscheidung notwendig machten - in der Gemeinschaft und Atmosphäre des Germanikums auch im Sommer verbleiben, um in einer natürlich gesunden und übernatürlich soliden Gemeinschaft auch tief Wurzel fassen zu können. Das heißt, als junge Studenten sollten wir in einer Kollegsgemeinschaft durch eine längere gemeinsame Zeit auch für unsere Berufsentscheidung und für unseren Lebensweg eine solide Grundlage erhalten.

Die Umstellung - mit Ferienbeginn - auf Sport und Wandern, die fröhliche Stimmung, die in einem solchen Ferienhaus besonderer Art junge Menschen begeisterte, bewegte mehr, als man normalerweise erwarten konnte. Auch in den Kollegien anderer Nationen gab es ähnliche Einrichtungen. So erinnere ich mich heute noch an eine schöne Bergtour auf den Monte Semprevisa in den Sabinerbergen, vorbei an Carpineto, dem Heimatstädtchen Papst Leos XIII. Ein größerer Ausflug brachte uns als Diakone über Berg und Tal nach Subiaco, wo wir Gäste in Sta. Scholastica waren und zu Fuß zurückkehrten über Olevano Romano - und den berühmten deutschen Dichterhain in der Nähe des Städtchens. - Als Handballspieler gehörte ich zu einer bevorzugten Kollegsmannschaft und als Theaterdirektor plante ich sogar die Aufführung von "Wallensteins Lager" im Garten von San Pastore, es war für uns der erste Versuch einer Freilichtbühne.

Aus diesem Grund gehörte es damals zur Tradition des Hauses, auch die Ferienmonate in der ländlichen Umwelt von San Pastore zu verbringen. So wurden diese langen Sommermonate in San Pastore für mich zu einem El Dorado durch die Umstellung auf Sport und Wandern, auf Freizeit und persönliche Interessen, auf Musik und Theater. Es war eine sehr fröhliche Atmosphäre und sommerliche Stimmung, die alles zusammenhielt und das Haus erfüllte. Zu meiner bevorzugten Beschäftigung gehörten das Bergsteigen und das Handballspiel auf dem Sportplatz. Das Ende der Ferien mit abschließenden Exerzitien um die Mitte des Oktobers brachte mir zum Bewußtsein, welche physische und psychische Stärkung und Erholung die Monate in San Pastore gebracht hatten.

1930 wurde er zum Dr. phil. promoviert und am 29. Oktober 1933 in Rom in der Kirche des ebenfalls von Jesuiten geleiteten südamerikanischen Kollegs Pio Latino Americano vom damaligen Generalvikar der Stadt Rom, Kardinal Francesco Marchetti-Selvaggiani, zum Priester geweiht. Die Feier der Primiz fand am 1. November statt. Immer wieder hat Kardinal Franz König später betont, wie sehr ihn das Erlebnis der nationale Grenzen überschreitenden Weltkirche, wie sie damals in Rom in ihrer Einheit, aber gerade auch in ihrer Vielfalt deutlich wurde, für sein späteres Leben geprägt hat.

Von 1934 bis 1937 war er, von seinem Bischof, der geglaubt hatte, er wolle sich vor der Arbeit in der Seelsorge drücken, gerufen, zwischendurch in seiner Heimatdiözese St. Pölten als Kaplan in Altpölla, Neuhofen an der Ybbs, St. Valentin und Scheibbs in der praktischen Seelsorge an der Basis tätig. Nebenbei vollendete er in dieser Zeit auch seine theologischen Studien und wurde 1936 zum Dr. theol. promoviert. 1936-1937 studierte er mit einem Stipendium an der nordfranzösischen Universität Lille zwei Semester Rechtswissenschaft und arbeitete dort nebenbei auch in der Seelsorge mit. Dort vervollkommnete er sein bereits früher begonnenes Studium der russischen Sprache. In der Zeit vor dem Krieg war König auch Aushilfskaplan in England, im Sommer 1937 Repetitor der Salzburger Hochschulwochen.

Ab 1938 war Dr. König, von seinem Bischof als Domkurat nach St. Pölten berufen, auch inoffizieller Jugendseelsorger der Diözese. Nebenbei sollte er auch am dortigen Staatsgymnasium für Jungen, wie es hieß, Religionsunterricht erteilen. Einer seiner damaligen Schüler, der spätere Ministerialrat im Unterrichtsministerium, Karl Dillinger, erinnert sich: Es hatte sich herumgesprochen, daß dieser Priester in Rom und Frankreich studiert hatte und mehrere Sprachen beherrschte. Die wenigen Stunden, die er uns unterrichtete, unterschieden sich von Religionsstunden im herkömmlichen Sinn. Er lehrte nicht toten Wissensstoff, sondern warf sehr geschickt Fragen auf, die uns alle bewegten. Nachdem dieser freiwillige Religionsunterricht aber bald nicht mehr möglich geworden war, begann Franz König, andere Wege zu gehen: in privaten Runden, zuerst nur Burschen, später auch Mädchen, mangels anderer Möglichkeiten in der schönen und altehrwürdigen St. Pöltner Domsakristei - die Rosenkranzkapelle im St. Pöltner Dom war eine Zeit lang das spirituelle Zentrum - gab er den von widersprüchlichsten Eindrücken verunsicherten jungen Menschen jene Grundsätze mit, auf welchen er selbst sein Leben aufgebaut hatte: zu einem echten Leben aus dem Glauben gehört das persönliche Gebet, das still macht und komplizierte Dinge vereinfacht; ein Gebet Kardinal Newmans gab König den jungen Leuten mit: O Gott! Die Zeit ist voller Bedrängnis. Die Sache Christi liegt wie im Todeskampf. Und doch: Nie schritt Christus mächtiger durch die Erdenzeit. Nie war sein kommen deutlicher. Nie seine Näher spürbarer als jetzt ... Aber er lehrte sie auch, dass die schönsten Worte nichts nützen, wenn nicht das Beispiel des Lebens hinzukommt. Und immer gab er seiner Überzeugung Ausdruck, dass Religion zum Wesen des Menschen gehört; dass alle Menschen Suchende sind, die an den großen Fragen nicht vorbeikommen, die da heißen: Woher komme ich? Wohin geht mein Weg? Welchen Sinn hat mein Leben? Die jungen Menschen verstanden sein Anliegen sehr wohl: gerade in dieser Zeit der andauernden Entscheidungen das Gewissen zu schärfen, ohne Furcht, aber klug und ohne Provokation die von Christus verkündete Wahrheit zu vertreten und so auch manchmal, wenn es erforderlich war, Widerstand zu leisten.

So war es kein Wunder, dass die Gestapo aufmerksam wurde und neben Schikanen verschiedenster Art auch ein HJ-Streifenspitzel in die Jugendgruppe Dr. Franz Königs eingeschleust wurde. König, der auch Familien von Verfolgten anonym Pakete überbringen ließ, der Juden falsche Dokumente ausstellte, warnte seine Jugendlichen vor allen schriftlichen Aufzeichnungen und schärfte allen besondere Vorsicht ein. Dennoch wurde er selbst in dieser Zeit in die Wiener Gestapo-Zentrale zitiert, entging nur knapp der Verhaftung und musste nur eine Geldstrafe von RM 1.000 bezahlen.

Ein besonderes Anliegen war ihm die Kriegsgefangenenseelsorge, für die ihn seine Kenntnis der russischen Sprache prädestinierte. Zu Kriegsende und während der Zeit der russischen Besatzung stand König als Luftschutzwart, als Rot-Kreuz-Helfer, als Dolmetscher und als Beschützer vieler Frauen und Mädchen im Einsatz. Wochenlang schlief er bei den verängstigten Menschen in den weitläufigen Kellern den Bischofshofes, vermittelte, da er die Sprache konnte, immer wieder, wenn russische Soldaten Frauen aus den Kellern holen wollten, und versteckte Mädchen in den kastenförmig engen Räumen unter den Orgelpfeifen. Er protestierte - im Talar - auf der russischen Kommandantur gegen Übergriffe.
Daneben aber führte er am Orientalischen Institut der Universität Wien die religionswissenschaftlichen Studien für seine Habilitation weiter. In dieser Zeit eignete er sich die Kenntnis der meisten wichtigen vorderasiatischen Sprachen und der Keilschrift an. Darüber hinaus arbeitete er am Seelsorgeinstitut Karl Rudolfs als Vortragender für das Alte Testament und Kursen für Laientheologen mit.

1945 wurde er als Religionsprofessor nach Krems versetzt. Trotz der räumlichen Entfernung habilitierte er sich 1946 nebenbei in Wien an der Theologischen Fakultät der Universität Wien mit seiner Arbeit Der Jenseitsglaube im Alten Testament und seine Parallelen in der Religion des Zarathustra als Privatdozent für Religionswissenschaften im Rahmen des Faches der alttestamentlichen Wissenschaften. Er wurde ein versierter Kenner der Ideenwelt der altiranischen Religion des Zarathustra. Am 20. Februar 1946 bestätigte das BM für Unterricht und Kunst seine Venia legendi für Alttestamentliche Wissenschaft unter Berücksichtigung der Iranistik. 1947 erschien bereits sein Buch: Das Alte Testament und die altorientalischen Religionen. Im darauffolgenden Jahr 1948 aber erhielt er einen Ruf nach Salzburg als außerordentlicher Professor für Moraltheologie. In den folgenden vier Jahren wohnte und lebte der Religionswissenschaftler, der vom pastoralen Engagement her auch Moraltheologe war, in zwei kleinen Räumen im sogenannten Oberhaus des Benediktinerinnenstiftes Nonnberg. Franz König bezeichnete diese Zeit später als die glücklichste meines Lebens. Er dachte damals, dass nun sein Weg bis zum Ende klar vorgezeichnet sei. In dieser Zeit erschienen verschiedene religionswissenschaftliche Aufsätze und Abhandlungen, wie: Das Rätsel des Alten Testaments, 1948, Schuld und Sühne im Alten Testament, 1951, und andere mehr; hier leistete er in der Folge aber vor allem die Hauptarbeit der Herausgabe des großen religionsgeschichtlichen Werkes Christus und die Religionen der Erde (1951), das viele Auflagen erlebte und auch heute noch als ein Standardwerk der Religionswissenschaft angesehen wird. In seinem darin eingangs enthaltenen Beitrag Der Mensch und die Religion finden sich bereits Grundsätze, die er später immer wieder betonen wird: über die Bedeutung der Religion, ihren Einfluß auf Gesellschaft und Kultur, vor allem über Religion und Gebet. Hier zitiert er den Dichter der Romantik, Novalis, der sagte: Beten ist das in der Religion, was Denken in der Philosophie ist. Beten ist Religion-Machen. Der religiöse Sinn betet, wie das Denkorgan denkt. Diese Haltung war und wurde auch immer mehr zu seiner eigenen. Das nahezu ununterbrochene persönliche Gebet war die Grundnahrung der Seele von Kardinal König. Diese Haltung machte ihn auch frei, immer zuerst über die Bedürfnisse der anderen nachzudenken, als über seine eigenen.

Diese glückliche Zeit ungestörter wissenschaftlicher Arbeit in Salzburg war jedoch nicht von langer Dauer. Am 31. Mai 1952 ernannte ihn Papst Pius XII. zum Titularbischof von Livias und Koadiutor mit dem Recht der Nachfolge des St. Pöltner Bischofs Michael Memelauer. Am 31. August nahm dieser im Dom zu St. Pölten seine Bischofsweihe vor. Im Herbst desselben Jahres wurden ihm in der österreichischen Bischofskonferenz die Jugendfragen, später auch die Aufgaben eines Pressebischofs, übertragen. Die verhältnismäßig ruhigen St. Pöltner Jahre benützte Franz König für die Arbeit an seinem Religionswissenschaftlichen Wörterbuch, das 1956 erschien.

Sein wissenschaftliches Interesse tat aber seinen seelsorglichen Verpflichtungen keinen Abbruch. Der damalige Chefredakteur der St. Pöltner Kirchenzeitung, Franz Willinger, erzählte von einem schwarzen Volkswagen, der in jenen Jahren in mancher Pfarre der Diözese einrollte. Ihm entstieg der Bischofkoadiutor, der oft schwierige Fragen und Anliegen der Mitbrüder gerne vor Ort und mit den betroffenen Pfarrgemeinden besprach. Schon 1953 formulierte er in einer Ansprache über Radio Vatikan: Alles Ringen um die Einheit, um ein gegenseitiges Verständnis und er meinte damit schon damals nicht nur das noch in Besatzungszonen zerrissene Österreich, sondern auch Europa, wird von der versöhnenden Grundlage der Religion ausgehen müssen.

Franz König erlebte das Ringen um und die Befreiung Österreichs 1955 in St. Pölten, erschüttert besuchte er die nach dem Staatsvertrag zugänglich gewordenen Kirchenruinen auf dem verwüsteten Areal des Truppenübungsplatzes im Waldviertel: Döllersheim, Oberndorf, Edelbach, Groß-Poppen.

Im Dezember 1955 führte er zwei Sonderzüge mit Pilgern nach Rom. Dort rief ihn unerwartet Papst Pius XII. zu einer Sonderaudienz. Kurz zuvor, am 9. Oktober, war Kardinal Innitzer gestorben. Nach anfänglichem Zögern gab Franz König dem Papst in einer zweiten Audienz im April 1956 offenbar das Ja-Wort für Wien. Am 10. Mai 1956 erfolgte die Publikation seiner Ernennung als Nachfolger für den verstorbenen Kardinal Innitzer zum Erzbischof von Wien.

In einem Nachwort zu einem Buch über Erzbischof Franz Jachym hielt Erzbischof König seine Erinnerung an diese ersten Tage fest: Diese meine Ernennung war für viele eine Überraschung, weil man ganz allgemein damit gerechnet hatte, daß der für die Sedisvakanz einstimmig gewählte Kapitelvikar Dr. Jachym der Nachfolger des verstorbenen Kardinals Innitzer werden würde. Aus persönlichen Gesprächen wußte ich, daß der Kapitelvikar während der Sedisvakanz auch selbst damit gerechnet hatte. Es lag für mich daher sehr nahe, daß ich mich einige Tage nach meiner Ernennung - es war der 13. Mai 1956 - aufmachte, um am Nachmittag dieses Tages, vor meinen ersten offiziellen Schritten, ganz unbemerkt beim Erzbischof-Koadiutor Dr. Jachym in der Gumpendorfer Straße einen Besuch zu machen. Ich wollte ihm damit zeigen, wie sehr ich seine persönliche Betroffenheit verstehe und daß ich selber alles getan hatte, um eine solche Entscheidung für die Wiener Erzdiözese zu verhindern ... - und König fasste zusammen: ... wenn ich heute im Rückblick daran denke, wie meine öftere Abwesenheit von Wien - aufgrund verschiedener römischer Verpflichtungen und überdiözesaner Aufgaben, vor allem die Vorbereitung und Mitarbeit beim Zweiten Vatikanischen Konzil, das Sekretariat für die Nichtglaubenden, der Aufbau von Pro Oriente usw. -, wie das alles zu noch größeren Schwierigkeiten hätte führen können, so muß ich dankbar feststellen, wie sehr sein Einsatz in der Diözese die Bedeutung seines Amtes als Koadiutor in der Tat herausstellte und wirksam werden ließ ...

Am 17. Juni erfolgte Erzbischof Königs Inthronisation im Wiener Stephansdom. Das Pallium wurde ihm am 29. Juni in Rom übergeben. Er wählte als Wahlspruch eine Stelle aus dem Epheserbrief des Apostels Paulus: Veritatem facientes in caritate - die Wahrheit in Liebe tun (Eph 4,15) und erklärte ihn so: Die Wahrheit in Liebe tun, heißt, Respekt haben vor dem Worte Gottes, vor Christus, dem Gotteswort in Menschengestalt, heißt, es unverfälscht und ohne bequeme Anpassung zu akzeptieren; es heißt aber auch, Respekt haben vor den Menschen, an die eine solche, oft unbequeme Einladung ergeht; Respekt vor den Menschen, die sich frei und ohne Zwang dafür entscheiden sollen.

Am 15. Dezember 1958 nahm ihn Papst Johannes XXIII. in das Kardinalskollegium auf. Mit diesem Papst verband König seitdem ein besonderes Vertrauensverhältnis. Im September 1961 entsandte ihn Johannes XXIII. als Päpstlichen Legaten zur 900-Jahr-Feier des Kaiserdomes in Speyer. Kurz vor seinem Tod übergab Johannes XXIII. ihm eines seiner Brustkreuze, das der Kardinal fortan fast ausschließlich trug.

Am 21. Februar 1959 wurde Kardinal König von Johannes XXIII. zum ersten Militärvikar des Österreichischen Bundesheeres ernannt. Er übte diese Funktion bis zum 7. Mai 1969 aus. In seine Amtszeit fiel der organisatorische und personelle Auf- und Ausbau der Militärseelsorge. Anfang 1960 wurde eine zentrale Matrikenführung im Militärvikariat begonnen. Kardinal König veranlasste die Instandsetzung von bestehenden Kirchen und Kapellen (Schwarzenberg-Kaserne in Salzburg, Martin-Kaserne in Eisenstadt). Neue Kirchen entstanden vor allem an den Truppenübungsplätzen (Wattener Lizum, Seetaler Alpe, später Allentsteig). 1960 nahmen 1.300 österreichische Soldaten erstmals an der Internationalen Militärpilgerfahrt nach Lourdes teil. 1963 bestimmte König die St. Georgs-Kirche in der Theresianischen Akademie in Wiener Neustadt zur Kirche des Militärvikars und knüpfte damit an die traditionsreiche Beziehung der Militärseelsorge zu dieser Stadt an. Im Februar 1969 konstituierte sich die Arbeitsgemeinschaft Katholischer Soldaten als Katholische Aktion der Militärseelsorge. Zum Zeitpunkt der Übergabe an seinen Nachfolger Militärvikar Franz Zak bestanden 16 Militärpfarreien bei den Gruppen- und Militärkommandos. Die Militärseelsorge gehörte zum immer stärkeren Einsatz Königs für den Frieden, gegen Krieg und Atomwaffen, fast bis zur Ablehnung auch des gerechten Krieges.

Als Erzbischof von Wien war Franz König Befürworter und Motor einer den Menschen nachgehenden Seelsorge. Er unternahm persönlich viele hunderte von Besuchen in Pfarren, aber auch in Schulen und Betrieben, um mit der Jugend und mit den arbeitenden Menschen in persönlichen Kontakt zu kommen. Der stets bescheiden auftretende Kirchenmann hatte wesentlichen Anteil daran, dass sich die Kirche in Österreich von ihrer traditionellen einseitigen politischen Bindung an das bürgerliche Lager löste.

Ein Weggefährte dieser Zeit an der Basis, Prof. Josef Steurer, berichtet von den ersten tastenden Versuchen des damals noch jungen Wiener Erzbischofs, Besuche in Betrieben zu machen und auszuloten, ob seitens der sozialistischen Betriebsräte in diesem Zusammenhang Schwierigkeiten zu erwarten wären. Der damalige Präsident des Österreichischen Gewerkschaftsbundes, Franz Olah, verbürgte sich persönlich, dass es keine Schwierigkeiten geben werde. So machte König seinen ersten Betriebsbesuch in der Floridsdorfer Lokomotivfabrik, dem alsbald im Zuge der Pfarrvisitationen viele Ähnliche folgen sollten. Der Kardinal nahm sich für diese Termine viel Zeit, ging durch alle Räume und suchte den Kontakt mit möglichst vielen Menschen. Er stellte viele Fragen und versuchte, ebenso viele zu beantworten. Hier erreichte er Menschen, die aus vielerlei Gründen eher selten Gottesdienste besuchten. Nach jedem dieser Besuche wurde in den Werkskantinen und bei den Stammtischen weiterdiskutiert und ein langsamer Prozeß des Umdenkens begann. Priesterstudenten arbeiteten in den Ferien in Großbetrieben. Gespräche über Christentum und Sozialismus wurden abgehalten. In Wien-Liesing wurde ein Betriebsseelsorgerzentrum errichtet. In vielen kleinen Schritten löste sich die Kirche aus der unseligen Verklammerung von: Kirche ist gleich christlich-soziale Partei. In vielen bürgerlichen Kreisen wurde diese Entwicklung allerdings mit Argwohn beobachtet und trug dem Kardinal den Titel Roter Kardinal ein.

Auf höherer Ebene setzte Kardinal König die von den österreichischen Bischöfen nach dem Zweiten Weltkrieg beschlossene Entflechtung von Kirche und Parteipolitik konsequent fort und unterstützte die Bemühungen um eine Beseitigung der historischen Frontstellung zwischen Kirche und Sozialdemokratie in Österreich. Hand in Hand damit erfolgte eine Entkrampfung des Verhältnisses von Staat und Kirche in Österreich.

Denn um die Gültigkeit des 1933 abgeschlossenen Konkordates, welches von der Sozialistischen Partei, in Erinnerung an das Dollfuß-Regime, mit dem Hinweis auf die sogenannte Annexionstheorie abgelehnt wurde, begann sich in diesen ersten Jahren eine grundsätzliche Auseinandersetzung anzubahnen. Ein weiteres Problem, nämlich die ebenfalls von den Nationalsozialisten angeordnete Einführung der obligatorischen Zivilehe, derzufolge die kirchliche Trauung erst nach vollzogener Ziviltrauung vorgenommen werden konnte, wurde bereits auf der Herbstkonferenz 1950 des österreichischen Episkopates in Angriff genommen.

Aufgrund der allgemein schwierigen politischen Situation konnte die Kirche aber in diesen Jahren lediglich versuchen, durch Klarstellung der Rechtsfragen künftigen positiveren Verhandlungen, vor allem im Hinblick auf die Konkordatsfrage, vorzuarbeiten.

Eine entscheidende Weichenstellung hatte allerdings bereits die von 1. bis 4. Mai 1952 in Mariazell abgehaltene Studientagung geleistet, welche der geistigen Vorbereitung auf den ersten Nachkriegskatholikentag, der unter dem Motto Freiheit und Würde des Menschen stand, dienen sollte. Priester und Laien aus ganz Österreich versuchten gemeinsam, die gegenwärtige Situation ihrer Kirche zu analysieren und zu prüfen, um jene Grundlagen zu finden, auf welchen das zukünftige Leben und Wirken aufbauen konnte. Vergangenheit und Gegenwart wurden durchleuchtet, Mißstände erkannt und neue Ansatzpunkte gefunden.

Das Ergebnis dieser Beratungen von 1952, welches zu Recht als Mariazeller Manifest in die österreichische Kirchengeschichte eingegangen ist, zeichnete in grandioser Weise die Konturen einer freien Kirche in einer freien Gesellschaft vor. Eine solcherart freie Kirche bedeutete daher: Keine Rückkehr zum Staatskirchentum vergangener Jahrhunderte ... keine Rückkehr zu einem Bündnis von Thron und Altar ... keine Rückkehr zum Protektorat einer Partei über die Kirche ... !  Eine solcherart freie Kirche bedeutet aber nicht eine Kirche des katholischen Ghettos; eine solche Kirche ist vielmehr bereit zur Zusammenarbeit mit allen: zur Zusammenarbeit mit dem Staat in allen Fragen, die gemeinsame Interessen berühren, also in Ehe, Familie und Erziehung; zur Zusammenarbeit mit allen Ständen, Klassen und Richtungen zur Durchsetzung des gemeinsamen Wohles; zur Zusammenarbeit mit allen Konfessionen auf der Grundlage des gemeinsamen Glaubens an den lebendigen Gott; zur Zusammenarbeit mit allen Menschen, wer immer sie seien und wo immer sie stehen, die gewillt sind, mit der Kirche für den wahren Humanismus, für "Freiheit und Würde des Menschen" zu kämpfen.

Als große anstehende Probleme, die der Lösung harrten, wurde die Not der Familien, das Wohnungselend, die Rolle der Frauen, der Schutz der Kinder, aber auch die Krise des geistigen Arbeiters und schließlich die Tragödie der hunderttausenden Heimatvertriebenen aufgezeigt.

In logischer Konsequenz dieser Grundeinstellung begann sich der österreichische Episkopat, unmittelbar nach der Befreiung Österreichs durch den Staatsvertrag vom 15. Mai 1955, entschieden zunächst für die Klärung der Konkordatsfrage einzusetzen, deren Behandlung vorher, infolge der schwierigen politischen Lage, nicht möglich gewesen war.

Bereits mit Datum vom 18. Mai 1955 veröffentlichte der damalige Sekretär der österreichischen Bischofskonferenz, Erzbischof-Koadiutor Dr. Franz Jachym, in deren Auftrag ein Weißbuch mit dem unmissverständlichen Titel Kirche und Staat in Österreich, worin der Standpunkt der Kirche zu dem Problem der Gültigkeit des Konkordates, zur Reform des geltenden Ehegesetzes, zu Erziehung und Schulgesetzgebung sowie zu vermögensrechtlichen Fragen nochmals klar dargelegt wurde.

In der Folgezeit begann sich langsam ein wachsendes Verständnis für die Notwendigkeit der Schaffung einer befriedigenden Grundlage des Verhältnisses von Kirche und Staat abzuzeichnen. Zu einer allmählich sich wandelnden Einstellung der SPÖ zur Kirche hat, neben anderen Gründen, vor allem der von Bischof Paul Rusch (Innsbruck) konzipierte Sozialhirtenbrief der österreichischen Bischöfe vom 16. Oktober 1956 beigetragen: neben einer klaren Verurteilung des liberalen Kapitalismus, des Kommunismus sowie einer sozialistisch-materialistischen Weltanschauung anerkennen die Bischöfe den gemäßigten Sozialismus von heute, der eine sozialere Gesellschaftsordnung anstrebt, und bezeichnen diesen Vorgang ausdrücklich als gut. (Sozialhirtenbrief vom 16. Oktober 1956).

Am 22. März 1957, am Tage seiner Angelobung, versprach der neugewählte Bundespräsident Dr. Schärf, alles daranzusetzen, dass in einem nun geänderten Klima in Kulturfragen eine Regelung des Verhältnisses zwischen dem Staat und der römisch-katholischen Kirche erfolgt, ohne daß dabei Sentimentalitäten von einst geweckt werden.

Nun schien die Zeit reif geworden zu sein: mit 28. Mai 1957 wurde kraft eines Ministerratsbeschlusses die Lösung der Konkordatsfrage in Angriff genommen. Infolge divergierender Ansichten über die praktischen Konsequenzen, vor allem in vermögensrechtlicher Hinsicht, kamen die Verhandlungen vorübergehend ins Stocken und wurden bis zum Tode Papst Pius XII. nicht wieder aufgenommen. Unter seinem Nachfolger, Papst Johannes XXIII., änderte sich das Klima. Franz König, damals noch relativ neuer Erzbischof, erzählte des öfteren von seiner Audienz bei Johannes XXIII., bald nach dessen Wahl im Jahr 1958: Ich werde demnächst eine Reihe neuer Kardinäle ernennen, sagte der Papst zu Franz König, - Sie als Erzbischof von Wien wären eigentlich auch an der Reihe. Aber meine Mitarbeiter sagen mir, solange die österreichische Konkordatsfrage nicht gelöst sei und somit Verträge von Regierungsseite nicht eingehalten werden, könne der Wiener Erzbischof nicht Kardinal werden. Sehen Sie, aber ich habe mir gedacht, ich mache es anders: ich ernenne Sie zum Kardinal, und ich denke, dann wird alles anderes auch leichter gehen.

Und Franz König wurde Kardinal und in der Konkordatsfrage begann sich auch etwas zu rühren. Um die Jahreswende 1959/1960 waren die Vorgespräche abgeschlossen, sodass mit Datum vom 23. Juni 1960 der damalige Apostolische Nuntius in Österreich, Giovanni Dellepiane, Außenminister Bruno Kreisky und Unterrichtsminister Heinrich Drimmel die Verträge zwischen dem Heiligen Stuhl und der Republik Österreich zur Regelung von vermögensrechtlichen Beziehungen und über die Erhebung der Apostolischen Administratur Burgenland zu einer Diözese unterzeichnen konnten. Am 9. Juli 1962 wurde der Vertrag zwischen dem Heiligen Stuhl und der Republik Österreich zur Regelung von mit dem Schulwesen zusammenhängenden Fragen abgeschlossen. Neu war in diesem Zusammenhang die Festlegung der Subventionierung der katholischen Schulen durch den Staat im Ausmaß von zunächst 60 % der Personalkosten. Schließlich kam es durch die Verträge mit dem Heiligen Stuhl vom 7. Juli 1964 sowie vom 7. Oktober 1968 zur Errichtung der Diözesen Innsbruck und Feldkirch.

Somit war das Verhältnis von Kirche und Staat sowie auch das Verhältnis zu den beiden großen Parteien des Landes durchaus zufriedenstellend geregelt: von Seiten der Politiker im Großen und Ganzen Verständnis und Mäßigung, von Seiten der Kirche die besonders von Kardinal König immer wieder betonte und bewiesene parteipolitische Unabhängigkeit der Kirche und ihr Offensein zum Gespräch mit allen, die dazu bereit waren. Der seit 1945 von den österreichischen Bischöfen aus seelsorglichen Gründen bewußt eingeschlagene Weg schien sich zu bewähren und hielt auch diversen Wahlgängen sowie einer Reihe von nicht unumstrittener Gesetzesänderungen im Bereich des Strafrechtes stand.

In diesen Jahren begannen auch die behutsamen Kontakte, die der Wiener Erzbischof aus einem grundsätzlichen Verständnis seiner Aufgabe als oberster Hirte Österreichs unmittelbar nach seinem Amtsantritt zu knüpfen begonnen hatte, langsam Früchte zu tragen. Die unverrückbaren Maximen seines bischöflichen Dienstes beschrieb Kardinal König selbst später in seiner Rede am 27. Februar 1973 als erster kirchlicher Würdenträger seit der Gründung der Zweiten Republik vor dem Bundesvorstand des Österreichischen Gewerkschaftsbundes zum Thema Kirche und Gesellschaft klar: Ich bin kein Bischof der ÖVP und kein Bischof der SPÖ, kein Bischof der Unternehmer und keiner der Gewerkschafter, nicht ein Bischof der Bauern und nicht einer der Städter: Ich bin der Bischof aller Katholiken. Die Kirche ist für alle da, sie fühlt sich verantwortlich für alle Menschen, auch für jene, die ihr formell nicht zugehören.

Die Kirche muß politisch handeln, sie darf aber nicht politisieren. Das politische Freund-Feind-Verhältnis kommt für die Kirche nicht in Betracht, da sie grundsätzlich für alle Menschen da sein muß; ihr Blick muß immer so klar sein, daß sie im vermeintlichen Gegner von heute den möglichen Verbündeten von morgen sehen kann.

Eine sehr ernste und eigentlich bis auf den heutigen Tag andauernde Belastungsprobe aber sollte die Auseinandersetzung um die sogenannte Fristenlösung werden. In Fortführung einer alten sozialdemokratischen Tradition aus dem Jahr 1923, welche eine Abänderung der Paragraphen 144-148 des Strafgesetzes anstrebte, hatte die aus 5 Mitgliedern des Justizausschusses des Parlaments bestehende, seit dem Jahr 1954 im Auftrag des Nationalrates eine Gesamtreform des Strafgesetzes konzipierende Strafrechtskommission einen Strafgesetzentwurf erarbeitet, der 1962 auch der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde. Hier wurde nun versucht, auch die bisher immer umgangene Frage der Abtreibung im Sinne eines Kompromisses zu lösen. Eine im Jahr 1968, in der Zeit der ÖVP-Alleinregierung, daraus weiterentwickelte, modifizierte Regierungsvorlage wurde von der Opposition nicht besonders positiv aufgenommen. Die Regierungsvorlage 1971 der SPÖ-Alleinregierung unter Bundeskanzler Bruno Kreisky wollte die Schwangerschaftsunterbrechung ursprünglich nur bei medizinischer Indikation straffrei stellen, allerdings sollte auch die soziale, ethische und eugenische Komponente der medizinischen Indikation mitberücksichtigt werden. Von der ÖVP war zu diesem Zeitpunkt zu erwarten, dass diese einer erweiterten Indikationslösung ihre parlamentarische Zustimmung nicht verweigern würde. Diese Lösung begann sich nun bereits abzuzeichnen, trotz anhaltendem Widerstand in katholischen Kreisen, der sich nicht zuletzt in der beachtlichen Zahl von 823.000 Gegenunterschriften, welche von der von engagierten Katholiken gegründeten Aktion Leben aufgebracht wurden, dokumentierte.

Der Parteitag 1972 in Villach brachte die endgültige Wende: Einem dort vorgebrachten Vorstoß der Frauenbewegung der SPÖ nach Einführung der sogenannten Fristenlösung (= Freigabe der Schwangerschaftsunterbrechung bis zum dritten Monat nach der Empfängnis) schlossen sich der Parteitag und vor allem auch der damalige Justizminister Broda an.

Die leidenschaftlichen Proteste der Aktion Leben verhallten ungehört. Die österreichischen Bischöfe versammelten sich am 31. Jänner 1973 zu einer außerordentlichen Konferenz in Linz, die den Fragen im Zusammenhang mit der geplanten Strafrechtsreform gewidmet war. Als Vorsitzender der Österreichischen Bischofskonferenz richtete Kardinal König in deren Auftrag am 1. Februar 1973 einen Brief an Bundeskanzler Kreisky, worin es hieß: Die Bischöfe bringen ihre wiederholten deutlichen Erklärungen in Erinnerung, daß sie der Preisgabe des Schutzes des ungeborenen Lebens nicht zustimmen können. ... An der Haltung gegenüber den Mitmenschen am Beginn ihrer Existenz erweist der Mensch, ob er sich selbst achtet. Die Anerkennung des unteilbaren Rechtes auf den Schutz des Lebens ist eine wesentliche Grundlage für den Bestand der menschlichen Gesellschaft. Die österreichischen Bischöfe appellieren nachdrücklich an Sie, Herr Bundeskanzler, in dieser, die Lebensinteressen der Gesellschaft so stark berührenden Frage voreilige Beschlüsse zu vermeiden und ehrlichen Willens eine in diesem Land allgemein annehmbare Lösung zu suchen. Eins solche Lösung müßte die prinzipielle Aufrechterhaltung des unbedingten Schutzes des ungeborenen Lebens mit der Milde in überprüften, schwerwiegenden und durch Hilfen nicht behebbaren Konfliktsituationen vereinen und von umfassenden sozialpolitischen Hilfsmaßnahmen für Schwangere und für Familien begleitet sein.

Im Antwortbrief des Bundeskanzlers vom 16. Februar wurde der Standpunkt der Regierungspartei nochmals ausführlich dargelegt, auf die Untauglichkeit der Verhängung gerichtlicher Strafen als Mittel zur Lösung menschlicher Konfliktsituationen hingewiesen und die Gewissensentscheidung der einzelnen Frau absolut gesetzt.

Gerade in diese Zeit fiel ein Ereignis, welches ein wesentliches Element des Programms von Kardinal König augenscheinlich und damals wohl aufsehenerregend dokumentierte: In Konsequenz seines Bemühens von Anfang an, den Dialog zu führen mit allen, die ehrlich dazu bereit waren, anstatt mit bekannten Schlagworten und Pauschalurteilen zu operieren, zu nuancieren und zu differenzieren und vor allem das Verhältnis der Kirche zu den politischen Parteien des Landes zur Diskussion zu stellen, war es eines seiner Hauptanliegen, die in der Vergangenheit aufgebrochenen, zum Teil tiefen Gräben zwischen Kirche und Arbeiterschaft, welche damals nahezu zur Gänze in der SPÖ beheimatet war, zuzuschütten; zu brechen mit der Grabenmentalität, die da lautete: Die stehen drüben, wir stehen da, wir können reden, aber der Graben bleibt. Dieses Zuschütten des Grabens war damals mitten im Gange. Dementsprechend fragil und diffizil war das neu wachsende Verhältnis in der österreichischen gesellschaftspolitischen Szene. Die Gräben verfielen zwar langsam, aber sie waren noch da. Man traute einander nicht ganz. In eben diese Tagen fiel das bereits erwähnte aufsehenerregende Ereignis: die Einladung an den Erzbischof von Wien, vor dem Bundesvorstand des ÖGB zu sprechen. Ganz konsequent seiner Linie folgend, immer das Gemeinsame über das Trennende zu stellen, sprach der Kardinal zum Thema: Die gemeinsame Basis ist der Mensch. Er sprach von einer Kirche, die politisch handelt, aber nicht politisierend ist; er sprach von der gebotenen Zurückhaltung der Kirche in Fragen, wo ihr die nötige Sachkenntnis fehlt; er stellte aber deutlich klar, wo die Kirche reden muss, nämlich: wenn es um die Grundfragen des menschlichen Lebens geht. Hier muß ihre Seelsorge auch Menschensorge sein. Ich bitte, mich zu verstehen, wenn ich vor Ihnen und gerade vor Ihnen, nicht schweigen darf zu einer Angelegenheit, in der viele von Ihnen wahrscheinlich anderer Meinung sind. Sie wissen, was ich meine: die in Gang befindlich Diskussion über die Frage der Abtreibung. Klar und deutlich legte der Kardinal noch einmal den Standpunkt der Kirche dar und wich auch vor einem besonders sensiblen Punkt nicht zurück, als er sagte: In der Diskussion ist das Wort gefallen, die Kirche werde es sich wohl überlegen, wegen dieser Frage ihre guten Beziehungen zu Staat und Regierung aufs Spiel zu setzen. Dahinter steht die Meinung, die Kirche werde sich schon arrangieren, mit der Kirche werde man auch hier auf gleich kommen. Das ist ein großes Missverständnis. Weil ich hier über Kirche und Gesellschaft zu Ihnen spreche, glaube ich, daß es meine Pflicht ist, auch darüber offen zu reden. Natürlich ist die Kirche an guten Beziehungen zu Regierung, Staat und Gesellschaft interessiert. Natürlich anerkennt sie dankbar, daß sie in Österreich in Frieden und Freiheit arbeiten kann, daß der Staat ihr in vielen Fällen Hilfe und Unterstützung gewährt.

Aber in grundsätzlichen Fragen kann sich die Kirche nicht arrangieren, auch nicht um des guten Einvernehmens, auch nicht um des lieben Geldes willen, das dahintersteckt. ... Die Kirche ist nicht in allen Fragen Herr ihrer eigenen Entscheidungen, sie ist gebunden an ein Gesetz, das sie nicht ändern und das sie auch nicht mit Taktik überspielen kann. Als "Geschäftspartner" in Grundsatzfragen, die die natürliche und übernatürliche Bestimmung des Menschen betreffen, ist die Kirche ungeeignet, weil sie sich immer auf eine höhere Instanz berufen muß, die letztlich doch nicht zu umgehen ist, die außerhalb ihrer Einflußsphäre liegt und mit der man auch nicht paktieren kann: nämlich auf Gott.

Entschuldigen Sie, wenn ich auf diese Frage ausführlicher eingegangen bin, aber es wäre mir unehrlich erschienen, sie gerade vor diesem Forum zu umgehen. Denn sie ist nicht nur derzeit sehr aktuell, sondern sie berührt auch im Grundsätzlichen die Möglichkeiten und die Grenzen, die der Kirche im Verhältnis zur Gesellschaft gesetzt sind. Die Kirche kann im Grundsätzlichen keine Arrangements treffen, keine Geschäfte machen.

Am 27. Februar dieses Jahres beschloss der pastorale Diözesanrat die Schaffung eines Diözesanen Hilfsfonds für Schwangere in Notsituationen im Sinne der begleitenden und unterstützenden Maßnahmen. Ungeachtet aller Bedenken, auch von Seiten der Opposition, wurde die große Strafrechtsreform aber dennoch, allerdings nur mit den Stimmen der absoluten Mehrheit der SPÖ, im Nationalrat am 29. November 1973 und nach dem Einspruch des Bundesrates als Beharrungsbeschluss am 23. Jänner 1974 angenommen. Die österreichischen Bischöfe, an ihrer Spitze Kardinal Franz König, sahen in dem Beschluß der Fristenlösung eine starke Belastung des Verhältnisses zwischen der Kirche in Österreich und der derzeitigen Regierungspartei, schlossen aber eine kulturkampfähnliche Frontenbildung der Katholiken gegen die SPÖ und damit eine Rückkehr zur kulturpolitischen Atmosphäre der Ersten Republik, zumindest zu Beginn des Jahres 1974, noch aus. Als Antwort darauf war aber wohl das im Juni desselben Jahres vom Aktionskomitee der Aktion Leben eingeleitete Volksbegehren für ein Bundesgesetz zum Schutz des menschlichen Lebens, das von der Bischofkonferenz am 2. Juli 1974 als eigenständige Initiative der österreichischen Katholiken begrüßt wurde, zu sehen.

Aus einer wohl nicht ganz unbegründeten Angst heraus, mit dem Volksbegehren einen Kirchenkampf zu entfesseln, sollte die Unterschriftensammlung dafür erst nach dem Katholikentag im Oktober 1974 beginnen. Hochgeschaukelte Emotionen auf allen Seiten nötigten Kardinal König schließlich in seiner Rede beim Österreichischen Katholikentag, der unter dem Motto Versöhnung stand, in der Wiener Stadthalle am 13. Oktober 1974, in Anwesenheit des Bundeskanzlers, zu der bitteren Feststellung: Lassen Sie mich hier ein offenes Wort zu einem aktuellen Anliegen sagen. In wenigen Tagen beginnt die Sammlung von Unterschriften für ein Volksbegehren zum Schutz des menschlichen Lebens. Man stellt gelegentlich die Sache so dar, als ob die Bischöfe sich davon distanzieren wollten. Dazu eine Klarstellung. Wir haben uns die Sache nicht leicht gemacht. Im Bewußtsein unserer Verantwortung für den inneren Frieden unseres Volkes haben wir gezögert und lange überlegt, haben gewartet auf ein kleines Zeichen des Entgegenkommens, das dieses Volksbegehren nicht notwendig gemacht hätte. Dieses Zeichen ist nicht gekommen. Heute aber stehen alle Bischöfe, und auch der Kardinal von Wien, hinter dem Volksbegehren, nicht leichtfertigen Herzens, sondern weil man uns keinen anderen Weg gelassen hat. Wir wissen uns aber auch mit der Aktion Leben einig, daß durch dieses Volksbegehren keine Gräben der Vergangenheit aufgerissen werden sollen, daß der Friede im Lande erhalten bleibt. Wir hoffen, daß man uns dabei hilft. Auch diese Hilfe ist ein Beitrag zur Versöhnung. Diesen Worten des Kardinals folgte stürmischer Applaus.

Obwohl das im Spätherbst 1975 eingeleitete Hauptverfahren des Volksbegehrens der Aktion Leben rein zahlenmäßig eine der meist unterstützten Kundmachung des Volkswillens darstellte, wurde an der Fristenlösung nicht mehr gerüttelt. In der Folge schienen sich weite Kreise mit dieser Tatsache abgefunden zu haben; neue ebenfalls zum Teil heftig umstrittene "Errungenschaften", wie die sogenannte "Pille danach" boten neuen Diskussionsstoff. Der Kardinal aber hat die Fristenlösung bis zu seinem Tod als eine offene Wunde bezeichnet.

Und dennoch gehört zum Erbe Kardinal Königs der weltanschauliche Friede in Österreich.

Auf weltkirchlicher Ebene trat Kardinal Franz König erstmals auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-1965) in Erscheinung, das Papst Johannes XXIII. am 25. Jänner 1959 feierlich ankündigte und zu dessen führenden Persönlichkeiten er gehören sollte. (Beiträge zum Offenbarungsschema, zur Religionsfreiheit, zum interreligiösen Dialog und zur Ökumene).

Am Vorabend der Eröffnung des Konzils, am 10. Oktober 1962, sagte Kardinal König in einer Rundfunkansprache unter anderem: Die Kirche kann zu den Menschen des 20. Jahrhunderts nicht so reden wie zu den Menschen des 10. Jahrhunderts, zu den Naturvölkern Afrikas nicht so wie zu den Menschen asiatischer Hochkulturen. Aber alle haben den Wunsch und das Recht, von der Kirche in ihrer Sprache angesprochen zu werden. Jede Zeit erwartet sich eine Antwort von der Kirche, auf ihre Sorgen, Nöte und Probleme ... Und weiter sagte der Kardinal: Das Konzil wird kein Konzil der Kopfnicker sein, es wird klar, offen und vielleicht manchmal auch hart gesprochen werden. Es wird aber auch nicht zum Fenster hinaus geredet werden. Auch Besorgnisse, das Konzil wird zu sehr vom Apparat, das heißt von den Beamten der Kurie, der kirchlichen Zentralverwaltung, beherrscht, und das Wollen der Bischöfe würde gegenüber der Routine des Apparates nicht durchdringen, sind, wie die Erfahrungen der Konzilsvorbereitungen zeigen, unbegründet. Die Bischöfe werden reden, wie es ihrer Verantwortung vor Gott und der Kirche entspricht. Die Bischöfe sind ja nicht, wie manche vielleicht meinen, eine Art vom Papst eingesetzte Kirchenbeamte, sie sind nach göttlichem und kirchlichem Recht, so wie der Papst, Nachfolger der Apostel und sind Gott unmittelbar für die Gläubigen ihres Kirchengebietes verantwortlich. Sie stehen in Treue zum Papst, den sie als Nachfolger des hl. Petrus anerkennen.

Am 11. Oktober, dem Tag der feierlichen Eröffnung des Konzils, löste sich alle Spannung, Hoffnung und Skepsis zugleich in eine große freudige Überraschung. Kardinal König hat diesen Augenblick eindrucksvoll beschrieben: Ich werde jenen 11. Oktober 1962 nie vergessen. Als damals relativ junger Erzbischof von Wien stieg ich inmitten von rund zweieinhalbtausend Konzilsvätern über die Scala Regia hinunter zum Eingang der Peterskirche. Papst Johannes XXIII., der das Konzil einige Jahre zuvor angekündigt und einberufen hatte, wurde in die Peterskirche hineingetragen und stieg dann von seinem Tragsessel herunter, um in der Kirche zu Fuß, zwischen den links und rechts aufgebauten langen Sitzreihen der Bischöfe hindurch, bis zum Petrusgrab zu gehen. Dabei trug er nicht die päpstliche Tiara, sondern eine bischöfliche Mitra, wie alle anderen Konzilsteilnehmer.

Das Hauptschiff der großen Peterskirche war mit den zu beiden Seiten aufgebauten Sitzreihen für die Bischöfe für die nächsten Jahre zur Konzilsaula umgebaut worden. Unvergesslich bleibt mir das mir hier zum ersten Mal deutlich gewordene Bild einer weltumspannenden Kirche. In den Sitzungen selbst und vor allem in den Gesprächen in den Pausen konnten man Bischöfe verschiedener Hautfarbe, Rasse und Sprache miteinander in lebhaftem Gespräche sehen. Das ist, so schien mir, eine vitale und lebendige Kirche!

In der Mitte der Peterskirche, das heißt der Konzilsaula, befand sich auf einem eigens dafür vorbereiteten Tisch eine kostbare Ausgabe der Heiligen Schrift, aus den ersten christlichen Jahrhunderten, aus der Vatikanischen Bibliothek. Dieses Buch und die Messfeier am Beginn einer jeden Hauptsitzung in verschiedenen Riten waren die deutlichen Hinweise auf das Fundament auch dieses Konzils, auf Christus und seine Botschaft an alle Völker!

Und weiter berichtete der Kardinal: In seiner Eröffnungsansprache meinte Papst Johannes XXIII., angesichts der großen Zahl der in St. Peter versammelten Bischöfe aus der ganzen Welt, mit innerer Gelassenheit, man dürfe sich nicht nur für das interessieren, was alt und vergangen ist, sondern - ich zitiere wörtlich - die Bischöfe sollten "freudig und furchtlos das verwirklichen, was die Gegenwart erfordert". Man dürfe sich nicht so verhalten, als ob sich in der Welt alles immer nur zum Schlechteren wende; er wies darauf hin, daß man nicht immer nur auf jene "Unglückspropheten" hören solle, die - ich zitiere wörtlich - "in den modernen Zeiten nichts zu sehen vermögen, als Unrecht und Untergang, als ob zur Zeit der früheren Konzilien alles in vollem Triumph der christlichen Lehre und der rechten Freiheit des Glaubens vor sich gegangen wäre". Es sei daher "wahrhaft nötig", sagte der Papst, "daß die gesamte christliche Lehre vor allem durch ein neues Bemühen angenommen wird; dabei muß die Substanz der alten, im Glauben enthaltenen Lehre von der Formulierung ihrer sprachlichen Einkleidung wohl unterschieden werden". In diesem Bemühen müsse vor allem der pastorale Gesichtspunkt im Vordergrund stehen. Die von überall, aus der ganzen Welt in Rom zusammengeströmten neugierigen Journalisten haben die Zuversicht und den Mut aus diesen Worten herausgehört und darüber einer interessierten Welt auch so berichtet.

Dieses Konzil hat das ganze Priester- und Bischofsleben Kardinal Franz Königs entscheidend geprägt und ist für ihn immer Grundlage seines Denkens und Handelns geblieben.

1962 war er Mitglied der Zentralen Vorbereitungskommission für das Konzil geworden und bereits in der Ersten Sitzungsperiode wurde er in die Theologische Kommission gewählt. Auf dem Konzil selbst, zu dem König die Theologen Karl Rahner SJ, Ferdinand Klostermann und Josef Andreas Jungmann als Periti hinzuzog, errang er rasch eine führende Position. Neben den dem Jesuiten Kardinal Augustin Bea und dem Erzbischof von München-Freising Kardinal J. Döpfner sowie den Theologen Rahner, Klostermann, Hans Küng und dem späteren Erzbischof von München-Freising Joseph Ratzinger spielte König in allen vier Konzilssessionen eine wichtige Rolle. Besonders engagierte sich König in der Diskussion über die Offenbarungskonstitution Dei Verbum, über die Pastoralkonstitution Gaudium et spes, über das Ökumenismusdekret Unitatis redintegratio und über die vom österreichischen Konvertiten und Priesteremigranten Johannes Oesterreicher konzipierte Erklärung über die Juden. Dieses Thema beschäftigte ihn sein Leben lang. Bereits am Beginn seines Episkopats ließ er aus den Religionsbüchern antijüdische Passagen entfernen; auch danach wandte er sich gegen den religiösen Antijudaismus und stand jederzeit für christlich-jüdische Dialoge zur Verfügung.

Immer wieder sprach er von den unverzichtbaren und wegweisenden Impulsen dieses Konzils für eine Kirche auf dem Weg in das dritte Jahrtausend: das Bewußtsein, Weltkirche zu sein, die ihr abendländisches Kleid ablegt; die lebendige Kraft des Ökumenismus: heute ist es entscheidend, das gemeinsame Erbe der Vergangenheit höher zu schätzen als das Trennende, diesen Ausspruch des Kardinals haben viele noch immer im Ohr; weiters die eingehende Auseinandersetzung des Konzils mit dem Stand jener Christgläubigen, die man Laien nennt; weiters und ganz besonders wichtig: das Verhältnis der katholischen Kirche zu den nichtchristlichen Religionen - Kardinal König bezeichnete dieses Konzilsdokument Nostra aetate immer als das kürzeste, aber wichtigste Dokument für das 21. Jahrhundert; und schließlich die heftig umkämpfte Erklärung über die Religionsfreiheit.

In zahllosen Ansprachen, Predigten, Aufsätzen und Vorträgen hat Kardinal König in den darauf folgenden Jahren versucht, den Menschen das Konzil nahezubringen - und er hat dies auch nach seiner Emeritierung als Erzbischof von Wien getan, vielleicht dann sogar noch eindringlicher als zu seinen aktiven Zeiten. Heute wird manchmal geklagt, das Konzil habe auch viel Unruhe und Unsicherheit, viel Oberflächlichkeit und missverständliche Freiheiten gebracht. Dem hat der Kardinal immer entgegengehalten, dass die Unruhe nach einem solchen Weltereignis wie das Konzil eines war, eine heilsame ist, weil sie die Grabesruhe beendet und im Vertrauen auf die Führung durch den Heiligen Geist die Suche nach neuen Wegen unterstützt, ohne die alten, ausgetretenen Pfade ganz zuwachsen zu lassen. Und indem das Konzil versuchte, alle Fragen und Nöte der Zeit in umfassender Weise anzusprechen, keiner Herausforderung auszuweichen, lieferte es das Rüstzeug für die Christen, um im Widerstreit neuer Ideen und Wertmaßstäbe bestehen zu können.

Im April 1965 vertraute ihm Papst Paul VI. die Leitung des im Gefolge des Konzils neu gegründeten Vatikanischen Sekretariats für die Nichtglaubenden an, eine Aufgabe, die er durch 15 Jahre hindurch, bis 1980 innehatte. In dieser Eigenschaft mehrte er die Kontakte zu Vertretern des areligiösen Humanismus im Westen und des Staatsatheismus im Osten. 1968 wurde er von Papst Paul Vl. zum Mitglied der Kongregation für die Evangelisierung ernannt. Im August 1972 reiste er nach Kampala in Uganda zu einer Konferenz von Vertretern afrikanischer Diözesen, bei der die Errichtung eines kontinentalen Sekretariates für die Nichtglaubenden für Afrika beraten wurde. In weiterer Folge nahm Kardinal König an den in regelmäßigen Abständen einberufenen Bischofssynoden teil, im September 1974 war er einer der drei vom Papst "delegierten Präsidenten" der römischen Bischofssynode zum Thema der Evangelisierung. An der Universität Helsinki hielt er Ende September 1978 einen Vortrag über Atheismus, Humanismus und Christentum. Sein Besuch aufgrund einer offiziellen chinesischen Einladung im März 1980 in Peking diente zwar zuerst Gesprächen mit Vertretern der katholischen Nationalkirche Chinas und mit römisch-katholischen Gläubigen, er ermöglichte ihm aber auch Kontakte mit Mitgliedern der Akademie der Wissenschaften in Peking. Das Thema des Umgangs mit den Nichtglaubenden begleitete König sein Leben lang.

In seiner Funktion als Präsident dieses römischen Sekretariates baute Kardinal König auf Wunsch des Präfekten für die Glaubenslehre, Franjo Seper, auch eine Brücke zur "diskreten Gesellschaft", zu den Freimaurern, wo ab 1968 Sitzungen und Besprechungen mit hochrangigen Vertretern und theologischen Fachleuten stattfanden, deren Ergebnis der Wegfall des alten Canon 2335 im kirchlichen Gesetzbuch CIC auf automatische Exkommunikation der Freimaurer im neuen CIC des Jahres 1983 war. Dieser Brückenbau trug ihm die nicht auszurottende Behauptung ein, König sei auch ein Freimaurer.

Die wegweisenden Impulse des Konzils machte Kardinal König auch in seiner Diözese fruchtbar durch die Einberufung der Wiener Diözesansynode (1969-1971). Diese, wie auch der 1973/1974 abgehaltene Österreichische Synodale Vorgang (ÖSV) stellten die Weichen für eine "innere Erneuerung" der Kirche im Geiste des Konzils. Die von diesem beschlossenen Gremien Priesterrat, Pastoralrat und Pfarrgemeinderäte wurden in kurzer Zeit gewählt. Nach der Diözesansynode entschied sich König für die Einteilung der Erzdiözese in die drei Vikariate Wien-Stadt, Wien-Nord, Wien-Süd, die von Bischofsvikaren für die Dauer von je fünf Jahren geleitet werden. Hier wurde auch das von Kardinal König nachdrücklich vertretene Prinzip der gemeinsamen Verantwortung von Klerus und Laien für das Leben und Wirken der Kirche deutlich. Der Kardinal verstand die Kirche immer auch als mitgestaltenden Faktor der Gesellschaft. Zahlreiche öffentliche Stellungnahmen zu gesellschaftspolitischen Fragen, nicht zuletzt seine Hörfunk- und Fernsehansprachen zum Jahreswechsel, fanden in der österreichischen Öffentlichkeit große Beachtung.

Als Praktiker der Pastoral erwies sich Kardinal Franz König im übrigen im Jahr 1968, als die Enzyklika Papst Pauls VI. Humanae vitae auch in Österreich unter den Katholiken Besorgnisse auslöste. Unter seinem Vorsitz nahm die österreichische Bischofskonferenz in einem um Ausgleich bemühten Hirtenbrief, der sogenannten Maria-Troster-Erklärung, vom September 1968 Stellung, indem sie die Ehe-Enzyklika mit dem Hinweis auf das individuelle gebildete Gewissen des Einzelnen im konkreten persönlichen Bereich des Lebensvollzuges befreiend interpretierte. Wie kein anderer nahm er die Menschen damit vor römischer Strenge in Schutz, indem er sowohl den Respekt vor der Enzyklika als auch vor dem Gewissen der Ehepaare einmahnte.

Ebenso deutlich war die Unterstützung für seinen Priesterrat, als dieser unter der Federführung von Weihbischof Krätzl pastorale Anweisungen für den Umgang mit Geschiedenen und Wiederverheirateten formulierte.

Er holte einst das Opus Dei nach Wien und stand auch Kritikern gegenüber immer dazu, indem er auf die dort praktizierte Wertschätzung der Laien und deren Bewährung im christlichen Alltag hinwies; er förderte aber auch, vor allem im Zusammenspiel mit dem unvergessenen Präsidenten Leopold Ungar, der ihn einmal einen "Seelenfriedenstifter" nannte, die Caritas. Dieser hat auch einen bedeutsamen Wesenzug des Kardinals beschrieben, wenn er sagte: Er weiß um die Relativität, um die Zeitbedingtheit gewisser Strömungen, gewisser Stimmungen, und er hat sich daher auch durch entgegengesetzte Stimmungen im heimischen Bereich, oft im engsten Bereich, nicht davon abhalten lassen, tolerant zu sein gegenüber Strömungen, gegenüber Richtungen, die zunächst von den Superorthodoxen als gefährlich angesehen wurden.

Im Jahr 1991 veröffentlichte die angesehene Hamburger Wochenzeitung Die Zeit ein - weltweit beachtetes - Gespräch, das der ehemalige Rom-Korrespondent Hansjakob Stehle moderierte, zwischen dem damals bereits emeritierten Wiener Kardinal und seinem Kollegen, Kardinal Ratzinger, dem Präfekten der römischen Glaubenskongregation, die Kollegialität der Bischöfe betreffend. Nicht als Theoretiker, sondern als Praktiker der Kirche und ihrer Struktur sagte König damals: Die Kirche selbst muß noch einen Lernprozess durchmachen! Sie muß den Eindruck vermeiden, der immer wieder entsteht, daß nämlich die römische Kurie alles dirigieren und beherrschen will. Die Kollegialität der Bischöfe, die ja seit dem Konzil eine wichtige Funktion hat, funktioniert nicht richtig ...

Im April 1999 forderte er in der Herder-Korrespondenz in einem Beitrag über Kollegialität statt Zentralismus - Überlegungen zur Reform der Kirchenführung für die Leitung der Gesamtkirche die Stärkung der Mitverantwortung als Gegengewicht zu einem überzogenen Zentralismus und im Interesse größerer Gemeinschaft mit den anderen christlichen Kirchen, ohne das Petrusamt grundsätzlich in Frage zu stellen.

Im Dezember desselben Jahres führte er in einem Vortrag an der Universität Passau zum Thema: Abschied von Gott? Wert und Bedeutung von Religion und Christentum in der Gesellschaft an der Jahrtausendwende diesen Gedanken weiter aus: Was meinen wir, wenn wir von Kirche  reden? Das Konzil gibt die Antwort, in "Lumen gentium", Nr. 8, sie lautet: Die Kirche Gottes als christliche Glaubensgemeinschaft besteht nicht aus zwei verschiedenen Größen, sie bildet vielmehr "eine einzige komplexe Wirklichkeit, die aus menschlichem und göttlichem Element zusammenwächst." ... Jede Einseitigkeit führt zu Mißverständnissen. Wenn man nur den menschlichen Aspekt - in Christus wie in der Kirche - wahrnimmt, geht etwas vom Geheimnis, von der Faszination verloren. ... Was heute Not tut, ist ein wiederholtes und vertieftes Hinweisen auf das, was Kirche ist. Kirche ist Weltkirche und Ortskirche. Sie umfaßt, mit allen ihren Schwächen, als Glaubensgemeinschaft Frauen und Männer, Priester und Laien, Papst und Bischöfe. Sie ist das „wandernde Gottesvolk“ durch Welt und Zeit, zusammengewachsen aus menschlichem und göttlichem Element; sie ist nicht nur eine hierarchisch-kirchenrechtlich geordnete Struktur. Welt und Zeit ändern sich fortwährend. Dementsprechend ist die Kirche geographisch, geschichtlich und gemeinschaftlich vielfältig. In Vergangenheit und Gegenwart zeigt sie sich in ihrer Einheit und Vielfalt; sie umfaßt eine mögliche Vielfalt in der notwendigen Einheit. Allein Christus als das menschgewordene Gotteswort ändert sich nicht. Das gibt der Kirche Sicherheit im Wandel der Zeiten.

Aus diesem Grund ist auch menschliche Angst in der obersten Kirchenführung vor einer zu großen kirchlichen Vielfalt nicht angebracht; dies hat im Laufe der Zeit zu einem überspannten, defensiven Zentralismus und Bürokratismus geführt. Seit dem letzten Konzil wird überdies immer deutlicher: Hier steht die katholische Kirche vor einem Zukunftsproblem besonderer Art: Das katholische Volk in Pfarrgemeinde und Diözese wird entmutigt, wenn von der zentralen Kirchenführung keine ermutigenden, tröstenden Worte kommen, wenn in den zahlreichen Dokumenten - hier möchte ich aber ausdrücklich die persönlichen Dokumente, Rundschreiben des Papstes ausnehmen -, wenn dort nur Warnungen vor Irrtümern und Irrwegen dominieren. Das katholische Volk erwartet sich Zeichen des Vertrauens und gegenseitige Information im Zeichen der Einheit und der Vielfalt.

Es geht immer um das gute Verhältnis von Einheit und Vielfalt. Diese Vielfalt umfaßt den Wurzelgrund der Kirche, dem man - im Vertrauen auf den Geist von oben - Raum geben muß, in allen Lebensbereichen und Problemen der Kirche. Die Glaubensgemeinschaft hat ihren Wurzelgrund in den Familien, in den Pfarren, wo die Menschen durch die Taufe und die Sakramente in die Glaubensgemeinschaft hineinwachsen, zu Christen werden.

Es sind die kleinen, lebendigen Gemeinschaften, die mit christlichem Wissen, mit religiösem Grundwissen für Erwachsene (Katechismus) und gläubiger Verbundenheit das Netzwerk der Kirche auf Erden bilden, im Dienste der Völkerverständigung, der Menschenrechte, des Eintretens für Schwache und Minderheiten, für die Bewahrung der Schöpfung, für den Frieden. Ein solches Netzwerk braucht Information, Kommunikation, Stärkung und Aufmunterung in den Stürmen der Zeit durch die großen Strukturen der Weltkirche, die nach dem Prinzip der Subsidiarität nicht befehlen, sondern unterstützen sollen. Daraus wächst die Solidarität der kirchlichen Gemeinschaft.

Aber Gott hat lebendige Menschen, nicht Strukturen erschaffen. Daher geht es letztlich immer um den Menschen. Die besten Strukturen helfen nichts, wenn der Mensch versagt. ... Das heißt: es genügt nicht, das Wort Gottes zu diskutieren und zu kommentieren, sondern es geht vor allem darum, es zu leben und im Leben zu bezeugen.

Als spezifische Aufgabe des Wiener Erzbischofs sah Kardinal Franz König die Überwindung der Isolation der Kirche im kommunistischen Machtbereich durch Herstellung brüderlicher Kontakte der österreichischen Kirche zu den Nachbarkirchen im Osten Europas an. Er gilt durchaus zu Recht als Architekt einer "Ostpolitik" des Vatikans.

Als erster "westlicher" Kardinal reiste er nach Osteuropa. Bei der ersten dieser Reisen - auf der Fahrt zum Begräbnis des verfemten Zagreber Kardinals Stepinac, an dem er als einziger Bischof aus dem Westen teilnehmen wollte -, erlitt er im Februar 1960 vor Varazdin einen schweren Autounfall. In den darauf folgenden Wochen auf dem Krankenlager erkannte Kardinal König klar die Verantwortung Österreichs im Herzen Europas für seine östlichen Nachbarn. Er erzählte oft von diesen für ihn so wichtigen Wochen im Krankenhaus von Varazdin: Im Jahre 1960, im Verlauf des 10. Februar, erreichte mich in Wien als damals jungen Erzbischof die Nachricht vom Tode des aus seiner Kerkerhaft früher entlassenen, aber in seinem Heimatbezirk konfinierten Kardinal Stepinac. Ich ahnte damals wohl, wie sehr er nach der Entlassung aus der Kerkerhaft durch seine seelische Einsamkeit zusätzlich zu seiner Krankheit gelitten hatte.

Ich sagte mir damals: Als Erzbischof von Wien würde ich normalerweise aus zwei Gründen an der Beerdigung bzw. Beisetzung in Zagreb teilnehmen. Einmal deswegen, weil ich ihn als Theologiestudent im Germanikum und an der Gregoriana noch kennengelernt hatte; mit 32 Jahren empfing er dort als Spätberufener die Priesterweihe. Ich war damals am Anfang meiner Studentenzeit am Germanikum und zählte zur Handballmannschaft des Hauses, dessen bester Mann Stepinac aus Kroatien war. Der andere Grund war die geschichtliche Verbundenheit Wiens mit Kroatien aus der Zeit der österreichischen Monarchie vor dem ersten Weltkrieg.

In jenem Jahr 1960 aber war die österreichische Staatsgrenze im Osten und Süden zugleich der Eiserne Vorhang, der die kommunistische Welt vom Westen trennte. Ich war damals überzeugt, daß eine Erlaubnis zur Teilnahme mir aus diesem Grunde nie gegeben werden würde, denn auch nach Jugoslawien war der Eiserne Vorhang für einen Priester nicht zu durchdringen. Ich wollte aber vor meinen Landsleuten und vor der Welt dokumentieren, daß ich diese Reise gerne gemacht hätte, aber die Erlaubnis verweigert worden war. Aus diesem Grunde richtete ich ein offizielles Ansuchen an die jugoslawische Botschaft in Wien um ein Visum, um so eine Ablehnung zu besitzen. Zu meiner großen Überraschung erhielt ich einen Tag später die Nachricht, daß der Erteilung eines Visums für mich nichts im Wege stehe.

So fuhr ich am Abend des 12. Februar nach Graz, in die Nähe der jugoslawischen Grenze, um am Morgen die Reise nach Zagreb fortzusetzen. Auf diesem Weg passierten wir das Städtchen Varazdin. Unmittelbar danach, auf einer kurvigen Waldstrecke, kam unser Wagen ins Schleudern und fuhr einem entgegenkommenden Lastwagen direkt in die Flanke. Mein Fahrer war tot und mein Sekretär und ich bewußtlos. Ich erwachte im Krankenhaus von Varazdin. Die Verletzungen waren schwer und für mich zum Teil lebensgefährlich. Die ärztliche Betreuung des kommunistischen Krankenhauses war bemüht, dem damaligen Stand entsprechend, zu helfen. Ein Glücksfall war es, daß noch geistliche Schwestern dort Dienst machen konnten. In den später einsetzenden Tagen der Rekonvaleszenz stellte ich fest, daß ich mich allein im einem kleinen Krankenzimmer befand mit einem einzigen vis-a-vis - einem Bild von dem damaligen Staatschef Tito im kommunistischen Jugoslawien. Damals tauchte - soweit ich mich erinnere - zum ersten Mal umrisshaft die Frage auf, was wohl dieser Unfall in meinem Leben zu bedeuten habe. Auf eine mir nicht ganz erklärliche Weise war es der Gedanke, die Idee: Der Erzbischof von Wien solle in diesem Unfall ein Zeichen sehen, daß er sich um die Kirche hinter dem Eisernen Vorhang auch kümmern solle. Mit meiner Reise zu Kardinal Mindszenty in die amerikanische Botschaft in Budapest im übernächsten Jahr begann ich meine Kontakte zu den Bischöfen und Katholiken des Ostens. Damals wurde mir bewußt, daß der Eiserne Vorhang nicht nur eine geographische Grenze ist, sondern auch eine Barriere in den Herzen und in der Psyche der Menschen darstellt. So wurde für mich der Name "Stepinac" zum Auftakt eines neuen Verständnisses - nicht nur des kommunistischen, sondern des östlichen Europas überhaupt. Auf diesem Weg bestärkten mich die Päpste von Johannes XXIII. bis zu Johannes Paul II.

In der Folge begann Kardinal König eine konsequente Besuchspolitik in die Länder hinter dem Eisernen Vorhang. Ab April 1963 besuchte er im Auftrag Johannes XXIII. regelmäßig den in der amerikanischen Botschaft in Budapest gefangenen ungarischen Primas Kardinal Josef Mindszenty, bis dieser im Herbst 1971 sein selbstgewähltes Exil verließ und nach Rom und später nach Österreich kam.

In den darauffolgenden Jahren unternahm König zahlreiche Besuche in fast alle Oststaaten, deren Hauptziel stets die Begegnung mit Bischöfen, Priestern und Gläubigen war, welchen er auf diese Weise zu verstehen gab, dass sie im Westen nicht "abgeschrieben" waren. In der Überwindung der Isolierung der Kirche im kommunistischen Machtbereich durch Herstellung brüderlicher Kontakte zu den Nachbarkirchen sah König eine der wichtigsten Aufgaben als Erzbischof von Wien. Eine Aufgabe, die nun, auf dem Weg in ein gemeinsames Europa, noch an Bedeutung gewonnen hat.

Erhard Busek beurteilte die Erfolge seiner zahllosen Kontakte zu kirchlichen Institutionen im ehemaligen Ostblock so: Der Zusammenbruch von 1989 wäre ohne den Bezugspunkt Kardinal König nicht erfolgt, weil er die Rostlöcher im Eisernen Vorhang benützte und erweiterte, um damit nicht nur die Freiheit des Glaubens zu fördern.

Von Anfang an bildeten auch ökumenische Kontakte einen weiteren Schwerpunkt im Wirken des Kardinals. Schon im Jahr 1961 führte ihn ein Besuch zum damaligen Ehrenoberhaupt der Orthodoxie, dem Ökumenischen Patriarchen Athenagoras I. nach Konstantinopel (Istanbul), mit dem Ziel, einen Weg zu beginnen zur Überwindung der Spaltungen zwischen den Kirchen des Ostens und des Westens.

Eine besondere Funktion und Aufgabe sollte dabei die von Kardinal König im Jahr 1964 gegründete Stiftung Pro Oriente übernehmen, die - als während des Konzils das Ökumenismus-Dekret Unitatis redintegratio die Türen zu den anderen christlichen Konfessionen weit aufstieß - den Kairos dieses historischen Augenblicks aufgriff und in der Folge vor allem durch ihre internationalen ökumenischen Symposien dem theologischen Gespräch weitreichende Impulse zu geben vermochte. Diese Stiftung war mehr als nur die Umsetzung eines vatikanischen Dokuments. Sie wurde zu einem Markenzeichen für den ökumenischen Dialog mit den Kirchen der Orthodoxie und den orientalisch-orthodoxen Kirchen.

Die erste große Unternehmung von Pro Oriente war ein Besuch des Kardinals beim rumänischen Patriarchen Justinian in Bukarest (1971), welcher diesen Besuch im darauffolgenden Jahr erwiderte. In demselben Jahr wurde auch der inoffizielle Dialog mit den fünf orientalisch-orthodoxen Kirchen aufgenommen.

Das von Pro Oriente 1974 veranstaltete internationale Symposium KOINONIA war gewissermaßen der Beginn des offiziellen theologischen Dialoges zwischen der katholischen Kirche und der Orthodoxie, der 1979/80 auf Rhodos begann.

In den folgenden Jahren besuchte der Kardinal den koptischen Papst-Patriarchen Shenouda III. in Kairo (1975), den syrisch-orthodoxen Patriarchen Yacoub III. in Damaskus (1978), den ökumenischen Patriarchen Dimitrios I. in Istanbul (1979) und den serbisch-orthodoxen Patriarchen German in Belgrad (1986); mit diesen und zahlreichen anderen führenden Persönlichkeiten wurden entscheidende Kontakte für den Dialog mit den orthodoxen Kirchen des Ostens geknüpft. In diesen Jahren besuchten, sozusagen im Gegenzug, die Patriarchen Yacoub III. und Zakka I. Iwas aus Damaskus, Katholikos Vasgen I. aus Etschmiadzin und Tekle Haimanot aus Addis Abeba Wien. Das Ziel war immer die Überwindung der Spaltungen zwischen den Kirchen des Ostens und des Westens und die Bemühung um die Einheit der Christen in versöhnter Vielfalt.

Im Juni 1997 sprach der Kardinal im Vorfeld der zweiten Europäischen Ökumenischen Versammlung in Graz über die Zukunft der Ökumene und stellte fest: Auf dem Weg nach Europa stellt sich uns die Frage nach dem gemeinsamen geistigen Erbe der Vergangenheit als Aufgabe für die Zukunft. Dabei soll es nicht nur um eine Betonung der gemeinsamen Abwehr gegenüber den Sekten und der damit Hand in Hand gehenden Orientierungslosigkeit gehen, sondern es geht um die positive Kraft, die aus einer "echten" Ökumene hervorgeht; es geht um die Herausforderung durch die Gottesfrage, als Antwort auf die großen Lebensfragen aller Menschen: "Woher komme ich? Wohin gehe ich? Welchen Sinn hat mein Leben? Welches ist das große Geheimnis unserer Existenz, aus dem wir kommen und wohin wir gehen?" Ein wachsendes Gefühl der Gemeinsamkeit der getrennten Kirchen verstärkt den Wunsch nach Eintracht, nach Frieden und Gerechtigkeit für alle Menschen.

Für diese Gemeinsamkeit Zeugnis geben zu können, ist ein wachsender Auftrag an die Christenheit, an der Schwelle des dritten Jahrtausends. Denn eine unversöhnte Christenheit, lassen Sie mich mit Nachdruck jene Worte des Ökumenismusdekretes des Zweiten Vatikanums hier noch einmal wiederholen, eine unversöhnte Christenheit "widerspricht dem Willen Christi, ist ein Ärgernis für die Welt und ein Schaden für die heilige Sache der Verkündigung des Evangeliums an alle Geschöpfe".

Der langjährige Landessuperintendent der Evangelischen Kirche H. B. in Österreich, Peter Karner, würdigte das Bemühen Kardinal Königs um einen neuen Stil der Herzlichkeit und Gastfreundschaft der Ökumene an der Basis, der eindrucksvoll ein Zusammenleben der Kirchen in versöhnter Verschiedenheit vorweggenommen hat.

Die Ökumene muß weitergehen sagte Kardinal Franz König zu einem Besucher, kurz vor seinem Tod. Dieser Wunsch des Kardinals ist Erbe und Auftrag.

Großes Interesse brachte Kardinal Franz König, schon auch als Wissenschaftler, den nichtchristlichen Religionen entgegen. 1964 leitete er auf dem Eucharistischen Kongress in Bombay das Große Religionsgespräch, an dem Vertreter aller großen Weltreligionen teilnahmen. Im Frühjahr 1965 folgte er einer Einladung des Rektors der islamischen Al Azhar Universität in Kairo (das "Rom" des Islam genannt), wo er in einem Vortrag über das gemeinsame Anliegen der monotheistischen Religionen dem Atheismus gegenüber sprach. Im November 1973 war der Dalai Lama, das geistliche Oberhaupt des tibetanischen Buddhismus, in Wien sein persönlicher Gast.

In seinen letzten Lebensjahren unterstützte Kardinal Franz König öffentlich den indischen Jesuiten und Religionstheologen Jacques Dupuis, dessen Buch Towards a Christian Theology of Religious Pluralism er für besonders wichtig für den interreligiösen Dialog und die Zukunft der Kirche hielt, und der von der Glaubenskongregation seiner Meinung nach zu Unrecht abgemahnt worden war.

Ein besonderes Anliegen war Kardinal König auch der Dialog zwischen Religion und Wissenschaft. Auch hier setzte er auf internationaler Ebene zahlreiche Initiativen, zum Beispiel im Juli 1968 in Lindau am Bodensee bei einer Tagung der Nobelpreisträger mit einem Referat zum Thema Überwindung des Galilei-Traumas im Verhältnis von Kirche und Profanwissenschaft.

Im April 1978 berief er - unter der Patronanz der Katholischen Akademie in Bayern (München) - ein, von einem großen öffentlichen Echo begleitetes Symposium zum Thema Glaube und Wissen ein; die dort versammelten Gelehrten aus verschiedenen europäischen Ländern machten dort erstmals den Versuch, den geschichtlich schon längst überlebten Galilei-Komplex hinter sich zu lassen und das gegenseitige Gespräch zu suchen. In seiner Eröffnungsansprache sagte er: Eine Begegnung von Wissenschaft und Glaube hat zur Voraussetzung, daß es keine Frageverbote gibt, daß nicht nur die wissenschaftliche Vernunft, sondern auch das Herz des Menschen zu Wort kommt ... - denn: Die Wissenschaft findet keine letzten Gewißheiten, aber auch der Glaube kann Gott nicht beweisen im Sinne von Verifikation. Der Mensch in der Verlorenheit seiner selbstgeschaffenen Welt könnte im Nachdenken darüber wieder auf den Weg zu sich selbst kommen.

Kardinal König suchte das Gespräch mit der Wissenschaft, mit Wissenschaftlern, vor allem aus der Einsicht heraus, die Erkenntnisse der Wissenschaften zur Bereicherung des christlichen Glaubens zu nützen. Glaube war ihm selbst stets auch Wagnis, so Hubert Arnim-Ellissen, deshalb war er auch ein angenehmer und anregender Gesprächspartner für alle jene, die seinen tiefen Glauben nicht teilen konnten. Er wusste, auf welchem Fundament er stand. Im Gespräch blieb jedoch immer spürbar, dass er Zweifel zuließ. Reisen nach Polen (1971), Uganda (1972), Antiochien (1978), in den Libanon (1978), Helsinki (1978), Konstantinopel (1979), Damaskus (1979), Belgrad (1980), China (1980), Moskau (1980), Armenien (1980), Texas (1981), Äthiopien (1983), Ägypten und Israel (1982) usw. dienten der Aufnahme und Vertiefung des Dialoges in einer pluralistischen Welt.

Im August 1980, mit Vollendung seines 75. Lebensjahres, bat König den Papst um Entlassung aus seinen kirchlichen Ämtern. Seine Resignation wurde erst nach seinem 80. Geburtstag, im Herbst 1985 angenommen. Im Juni desselben Jahres war er noch für die nächsten fünf Jahre zum Präsidenten der internationalen katholischen Friedensbewegung Pax Christi gewählt worden.

So übergab er 1985 er eine wohlgeordnete Diözese, die er in einer Zeit großen gesellschaftlichen und auch kirchlichen Umbruchs ruhig und ohne extreme Polarisierungen geführt hatte - immer in dem Bewußtsein, dass es erste Aufgabe des Bischofs ist, zu integrieren, zuzuhören, abzuwarten, zu verbinden. Nie hatte er den Eindruck vermittelt, dass sich an seiner Person die Geister scheiden sollten, er war davon überzeugt, dass sich die Geister einzig und allein an der Person und der Botschaft Christi scheiden.

Kardinal König war, bei aller persönlichen Freiheit und allem Großmut, immer nach Rom orientiert. Umso verwunderlicher war es, dass im Jahr 1986 zu seinem Nachfolger gerade der Benediktinerpater und Wallfahrtsdirektor Dr. Hans Hermann Groer ernannt wurde, der den Kirchenkurs Kardinal Königs nie ganz mitgetragen, ihn vielmehr immer wieder kritisiert hatte. Obwohl es nie einen wirklich konkreten Hinweis gab, liegt die Vermutung nahe, dass Rom, einseitig informiert, den Bitten verschiedener (auch politischer) unzufriedener Gruppen um einen neuen Kirchenkurs - ohne mit dem Kardinal auch nur gesprochen zu haben - nachkam, was für diesen eine Enttäuschung ganz besonderer Art war. Aber dieser blieb trotz allem in großer Loyalität dem Bischof von Rom verbunden und versuchte, ohne innere Resignation, damit fertig zu werden.

Sein Ansehen erlitt dadurch nicht nur keinen Abbruch, er stieg in der Folge zur unangefochtenen moralischen Instanz Österreichs auf und trug "seine" Erzdiözese die nächsten zehn Jahre, bis zum Amtsantritt Christoph Schönborns, weiter und durch alle Stürme hindurch mit.

Fortan wollte er wieder das sein, was er zuallererst immer gewesen war: Seelsorger der Menschen. Aber - kann man als Bischof überhaupt Abschied nehmen von seiner Diözese? fragte er bei seiner Dankansprache anlässlich seiner Verabschiedung 1985. Er konnte es nicht und er musste es auch nicht wirklich tun. Anfänglich fast ununterbrochen, allmählicher weniger, unterstützte er den Ordinarius bei Pfarrjubiläen, Firmungen, Orgel- und anderen Weihen. Der Herr schenkte ihm noch fast zwanzig gute Jahre im Altenheim der Barmherzigen Schwestern in Gumpendorf, wo er - anfänglich infolge vieler öffentlicher Verpflichtungen in und über die Diözese hinaus, noch selten, aber mit zunehmendem Alter immer öfters - mit den alten Leuten von St. Katharina Gottesdienst feierte und mit ihnen zu einer kleinen Gemeinschaft zusammenwuchs. Hier entfaltete er noch einmal seine ganz große Kunst, in einfachen Worten den alten Menschen immer wieder das große Geheimnis der Liebe Gottes zu erklären, sodas jeder und jede ihn verstehen und sich etwas mitnehmen konnte in den oft mühseligen Alltag; so kommentierte er zum Beispiel am Sonntag, den 24. Februar 2002 in der kleinen Kapelle von St. Katharina das Evangelium vom Berge Tabor: ... Und dazu eine kleine persönliche Erläuterung. Wir nennen das, was wir hier gehört haben, eine "Taborstunde" im Leben Jesu, im Leben dieser drei Apostel. Eine Stunde, die ganz herausgenommen war aus dem grauen und üblichen Alltag. Und aus der heutigen Sicht bedeutet das für uns, wenn das am zweiten Fastensonntag gelesen wird: Wir sollen die Fastenzeit nicht nur in den Farben des Leidens, des Kreuzweges und gewissermaßen ein bisschen bedrückt innerlich miterleben, was der Herr für uns getan hat, sondern wir sollen darüber hinausblicken, denn das ist alles ein Stück Weges und noch lange nicht das Ende des Weges. Und so ist das sozusagen in der Fastenzeit ein Hinweis darauf: Denkt doch daran, all die Mühseligkeiten des Lebens, das ist nur alles unterwegs zu einem Ziel, das groß und herrlich sein wird ... Und uns selber soll das auch Mut und Zuversicht geben, wenn wir oft so verzagt sind: ja, ich bin ja unterwegs, es geht vorüber, was mich heute bedrückt und was mich verängstigt und was mich so in die Einsamkeit hineingetrieben hat - das geht vorüber, wir sind unterwegs zu einem Ziel, das sozusagen in diesem Evangelium wie ein Blitz aufleuchtet: ja, da leuchtet eine ganz andere Welt in der Ferne auf! Und, so möchte ich hinzufügen, eine solche Taborstunde, wie sie die Apostel da oben erlebt haben auf dem Berge, das, so kann man wohl sagen, erleben alle einmal in ihrem Leben, nicht oft, aber, so weit ich Einblick habe, kommt das wohl bei jedem Menschen einmal vor; es kann vor Jahren gewesen sein, es kann vor kurzem gewesen sein, es kann in der Zukunft sein, eine Stunde der inneren Zufriedenheit, der Geborgenheit, des Glückes, mein Gott, wie schön ist doch alles, was mich heute so umgibt, ich fühle mich an Gottes Hand geführt, ich fühle mich durch meinen Glauben geborgen und ich weiß, ich bin ja nie allein ... es dauert nicht lange, es kommt dann bald wieder etwas, was uns da herausreißt, aber wir sollten dankbar sein, wenn wir auch eine solche Taborstunde des Glückes, der Zufriedenheit, und der Geborgenheit erleben dürfen.

Hier leuchtet das ganz große Vertrauen in die Liebe und Fürsorge eines guten Gottes auf, ein Vertrauen, das ihn bis zur letzten Stunde seines Lebens sicher und fest getragen hat. So konnte er sein Vorhaben, das, was er am Beginn seiner Laufbahn war und was er sein ganzes Leben lang in allererster Linie unter den unterschiedlichsten Umständen und Bedingungen bleiben wollte, nämlich ein Seelsorger sein, auch hier bei den alten Menschen in besonderer Weise noch einmal in die Tat umsetzen.

Obwohl auch für ihn allmählich das Leben mühsamer wurde, wurden seine bischöflichen Aktivitäten, Firmungen, Pfarrjubiläen, Festgottesdienste, die er in großer Loyalität zum jeweiligen Ordinarius annahm, nicht viel weniger. Kardinal König stand bis zuletzt der ganzen Bandbreite vom liturgischen Feiern vor: Angefangen von Taufen und Firmungen, einfachen Werktagsmessen und festlichen, sonntäglichen Eucharistiefeiern, über Trauung, Weihen von Diakonen und Priestern, auch Altarweihen, und diversen Segnungen in verschiedenen Stationen und Bereichen des Lebens bis hin zu Begräbnissen.

Die letzten sechs Jahre wurde er unterstützt durch Wolfgang Moser, einen jungen Theologiestudenten aus der Pfarre Gumpendorf; der dortige Pfarrer hatte Kardinal König, gemeinsam mit seinem Pfarrgemeinderat, feierlich zum "Ehrenkaplan" ernannt, weil er auch dort alle anfallenden Dienste gerne annahm - das reichte von der alljährlichen Fronleichnamsprozession über die feierliche Pfarrfirmung bis hin zu besonderen Jubiläen der Pfarre, des Haydn-Chores oder einzelner verdienter Pfarrangehöriger.

So war Kardinal Franz König bis zum Sommer 2003 nahezu jedes Wochenende unterwegs. Und immer, wenn ein solcher Termin gut vorübergegangen war und alle zufrieden waren, dann sagte er regelmäßig: Ich muß dem Herrgott sehr dankbar sein, daß ich das noch alles leisten kann!

Und Gott hat ihn nie im Stich gelassen. Und wenn er auf der Hinfahrt zu einem Termin oft schweigsam, mit geschlossenen Augen und ein bisschen nervös, einsilbig und auf sich zurückgezogen, vielleicht auch besonders konzentriert erschien, dann war er, am jeweiligen "Tatort" angekommen, vom Augenblick des Empfanges durch Bürgermeister, Pfarrgemeinderat, Musikkapelle, Kinder mit den obligaten Blumensträußen an, ein anderer, um Jahre jüngerer, gut aufgelegter, sich auf die gemeinsame Feier freuender guter Hirte.

Allmählich aber begannen die Termine doch zunehmend eine Last zu werden. Unmerklich zuerst, entschied er sich immer schwerer und oft erst nach mehrmaliger Anfrage zu einer Zusage. Ich denke rückblickend oft daran, mit welcher Disziplin er dann doch ausrückte, wenn er schließlich überzeugt worden war, dass es ein notwendiger Dienst an den Menschen war, weil alle anderen bereits anderswo eingespannt waren ...

Und so wurde er - weit über seine aktive Zeit hinaus - ein fester und ruhiger Punkt "zum Anhalten", er war einfach immer da, still und bescheiden, im Hintergrund, sich niemals in Wort und Tat vordrängend, aber er war da - als ein Schutzschild, ein Haus auf dem Felsen, um ein Bild aus dem Evangelium zu gebrauchen, das er oft und gerne verwendet hat. Und wenn er auch seine Stimme allmählich immer seltener erhoben hat, gab allein das Wissen um seine Existenz ein beruhigendes Gefühl.

Als er im Sommer 2003 in Mariazell einen Oberschenkelhalsbruch erlitt, dachte sich Kardinal König, wie er später des öfteren versicherte: Jetzt bin ich am Ende meines Weges angelangt. Gott war aber offensichtlich noch nicht dieser Meinung. Und so erholte sich der Kardinal zum Erstaunen vieler auf wunderbare Weise: Mit großer Disziplin trainierte er täglich und konnte bald wieder langsam alleine gehen, zuerst noch mit einem Rollwagen, dann mit und bald ohne Krücken, zuerst noch ein bisschen hinkend und dann - stolz und froh - ohne merkbare äußere Zeichen irgendeiner Behinderung. In dieser Zeit machte er allein durch sein Beispiel vielen Mut, die, in einer ähnlichen Lage, mitunter verzweifeln wollten.

Im Herbst 2003 hatte er seine seelsorglichen Aufgaben wieder aufgenommen, fast so, als ob nichts geschehen wäre. Weihnachten feierte er mit den Heimbewohnern wie jedes Jahr. Im Jänner 2004 fuhr er, auch wie jedes Jahr, nach Mariazell. Dort angekommen, besuchte er, bevor er sein Quartier bezog, zu allererst die Gnadenmutter in der Basilika, um - wie er sagte - ihr zu danken, dass er nach seiner Hüftoperation im vergangenen August wieder ohne Stock gehen konnte.

Täglich konnte er hier wieder das Messopfer feiern, ohne Hilfe und ohne Stock, und abends, wenn die Basilika geschlossen war, ging er zur Gnadenmutter, um in der dunklen Stille zu beten. Trotz des vielen Schnees waren immer wieder kleine Spaziergänge möglich und gut erholt an Leib und Seele kam er nach 10 Tagen nach Wien zurück.

Nachdem er noch am 11. Februar den Altbischof von St. Pölten, seinen Freund Franz Zak, zur letzten Ruhe begleitet hatte, nahm er am 18. Februar 2004 - als Zeichen des zusammenwachsenden Europas - noch ein Ehrendoktorat der Universität von Cluj/Klausenburg entgegen. Dann verließen ihn die Kräfte.

Das Thema "Europa" hatte gerade in seinen letzten Lebensjahren für Kardinal König zusehends an Bedeutung gewonnen. In vielen Reden und Beiträgen unterstützte der Kardinal den Prozeß der europäischen Einigung, immer unter Hinweis auf die christlichen Wurzeln, das christliche Erbe Europas und seine Verantwortung für die Zukunft der Menschen: Heute müssen wir uns fragen: Wie weit sind wir, als Europäer und als Christen bereit, nicht "nur Verwalter der Vergangenheit, sondern auch Gestalter der Zukunft zu sein?"

Die Bauleute eines neuen Europas, eines neuen "Hauses Europas", pochen bereits seit einiger Zeit auch an unsere Türen. Viele kommen und sagen uns: Man sollte, man müsste ...; es gibt viel Interesse, viel Hoffnung, viel guten Willen, aber nur wenige sind es, die an sich selbst Hand anlegen wollen und nicht nur Appelle an andere richten. Es genügt nicht, die wichtigen Probleme eines gemeinsamen Marktes in Europa zu diskutieren; Europa braucht vielleicht mehr noch ein gemeinsames Konzept, um die Vielfalt in der Einheit zu erkennen, und in der Einheit die Vielfalt nicht zu unterdrücken - mit anderen Worten: Europa braucht ein geistiges Antlitz. - Mit Nachdruck sei hingewiesen auf die elementare Bedeutung der Familie, auf den Schutz des menschlichen Lebens von seinem Beginn bis zum Ende, auf die Verantwortung der Lehrer in der Erziehung der Jugend; sei erinnert an die moralische Verantwortung einer sich überstürzenden Forschung; all das steht in Verbindung mit einem christlichen Welt- und Menschenbild, das an der geistigen Einheit Europas schon einmal so entscheidend mitgebaut hat.

Die Geschichte Europas mit seinen christlichen Wurzeln legt immer noch den stärkeren Akzent auf das "mehr sein" als auf des "mehr haben". Die Realität einer einseitigen Wirtschaftsgemeinschaft bleibt nicht selten weit hinter der geistigen Dimension eines erhofften künftigen Europa zurück - schrieb er in einem Beitrag aus Anlass der ersten EU-Präsidentschaft Österreichs im Jahre 1998.

Um Europa im weiteren Sinn ging es daher auch bei seinem letzten öffentlichen Auftritt, als er nun, knapp ein Monat vor seinem Tod, das Ehrendoktorat der rumänischen Universität Cluj/Klausenburg entgegennehmen sollte. In seiner Umgebung überlegte man, im Hinblick auf seinen bereits geschwächten Gesamtzustand, ob diese - letztlich anstrengende - Ehrung an der Universität, in Anbetracht seiner bereits 12 Ehrendoktorate, unbedingt notwendig sei. Der Kardinal antwortete einfach: Es ist eine Universität aus dem Osten und es geht um Europa. - Und er hat, wie immer, genau und sorgsam, seine Dankesworte schriftlich ausformuliert, er hat die anstrengende Zeremonie tapfer durchgestanden, weil er es so wollte - aber er hat sich von dieser Strapaze nicht mehr erholen können. Und doch - menschlich gesehen: Gott hätte ihm keinen schöneren Schlussakkord schenken können. In seiner letzten Ansprache am 18. Februar 2004 sagte der Kardinal: In dieser festlichen Stunde ist es mir ein besonderes Anliegen, auf einige Dinge hinzuweisen, die mir am Herzen liegen: Europa ist weit mehr als die Europäische Union. Die Länder Ost- und Südosteuropas in ihrer Vielfalt, von denen einige mehrheitlich orthodox sind, gehören wesentlich dazu. Das gemeinsame historische Schicksal, die grenzüberschreitende Anziehungskraft gemeinsamer Symbole, geistiger Kultur und Religion macht deutlich, dass Religion und christlicher Glaube das geistige Antlitz des ganzen Europas von Anfang an geprägt haben.

Was Erhard Busek auf politischer Ebene später unternahm, versuchte ich mit meinen Mitarbeitern auf der kirchlichen Ebene schon früher zu erreichen: Beflügelt durch das II. Vatikanische Konzil (1962-65) habe ich als Präsident des Päpstlichen Sekretariats für die Nicht-Glaubenden begonnen, Kontakte mit den Ländern hinter dem Eisernen Vorhang aufzunehmen. Hier nenne ich auch dankbar Rumänien, wo ich 1967 erstmals Gast von Patriarch Justinian war. Meine Besuche wurden von den dortigen Christen als Zeichen der Hoffnung verstanden, dass man sie in schwieriger Zeit nicht vergessen hatte. Heute, nach Wegfall der alles beherrschenden Ideologie des Kommunismus, ist es Aufgabe der Christen des Westens, wie des Ostens, grenzüberschreitend zusammenzuarbeiten für den Neubau des ganzen Kontinentes Europa. ...

Das Jahr 1989 brachte den Völkern und Kirchen des östlichen Europa Freiheit und Selbstbestimmung. Diese historische Wende und die im Gang befindliche Erweiterung der Europäischen Union sind eine historische Chance für die "Europäisierung" des ganzen Kontinents, wie es Johannes Paul II. auszudrücken pflegt.

Abgesehen von einer notwendigen Solidarität des Westens in wirtschaftlicher Hinsicht, erscheint es mir wichtig zu betonen, wie sehr mit der wiedererlangten Freiheit auch das nationale, kulturelle und religiöse Selbstbewusstsein der Völker und Kirchen des Ostens wieder erwacht ist. Das macht den ökumenischen Dialog einerseits leichter, andererseits aber auch schwieriger. Denn die Länder Ost- und Südosteuropas sind nicht nur unterstützungsbedürftig, sie bringen auch viel ein in das zusammenwachsende Europa. Sie bringen vor allem die Erfahrung ein, wie man unter den Bedingungen eines menschenverachtenden Regimes in Würde überleben kann. Sie bringen reiche kulturelle, geistige und religiöse Traditionen ein, insbesondere jene der mehrheitlich orthodoxen Länder, und sind damit eine gewaltige Bereicherung des ganzen Europa.

In diesem Sinne möchte ich die heutige Ehrung durch die älteste Universität Rumäniens, einem Land, das ich im Laufe vieler Jahre kennen und schätzen gelernt habe, nicht nur auf meine Person bezogen verstehen. Ich möchte den akademischen Akt vielmehr hineinstellen in den großen Zusammenhang des Neubaues unseres Kontinentes mit seinem christlichen Erbe - heute gemeinsam zu verantworten von Ost und West.

Nach einem kurzen Spitalsaufenthalt unmittelbar darauf, konnte er nach einigen Tagen in seine Wohnung im Altenheim der Barmherzigen Schwestern, St. Katharina, zurückkehren. Obwohl er zunehmend schwächer wurde, blieb sein Interesse am Leben ungebrochen. Freunde kamen zu Besuch, Priester seiner Diözese feierten mit ihm in seinem Wohnzimmer Gottesdienst. Als die Tage mühsamer wurden, wurde es immer deutlicher, woher der Kardinal seine Kraft holte - nach einer Messfeier sagte er: Daraus lebe ich! [...]

Das Brevier, das er zeit seines Lebens nie ausgelassen hatte, wenn es auch noch so spät geworden war, blieb nun unberührt liegen. Immer wieder sagte er: Beten wir den Engel des Herrn. Langsam wurde alles rundum stiller, meist saß er mit geschlossenen Augen und manchmal schien es, als habe er sich schon auf den Weg gemacht. Er sprach immer seltener und wenn, dann meist vom Frieden und vom gemeinsamen Ziel.

Bei der Mariazeller Matinée im Dezember 2003 hatte Kardinal Franz König seine Meditation mit den Worten beschlossen: So Gott will - auf Wiedersehen in Mariazell! - Gott wollte es anders: Am Samstag, den 13. März 2004, am Muttergottes- und Fatimatag, gegen 3 Uhr früh, ist Kardinal König in seiner Wohnung im Altenheim der Barmherzigen Schwestern - im wahrsten Sinn des Wortes - "selig im Herrn entschlafen".

Sein Tod löste ehrliche Trauer und Betroffenheit in allen "Lagern" aus, sein Begräbnis in St. Stephan war eine eindrucksvolle und vor allem tröstliche Demonstration seiner immer wieder geäußerten festen christlichen Überzeugung, dass der Tod im Leben des Glaubenden nicht das letzte Wort hat.

Und wenn man fragt: Was bleibt von Kardinal Franz König? dann kann man wohl sagen:

Es bleibt die Erinnerung an einen Mann der Kirche, der mit einer natürlichen und unaufdringlichen Würde sein ganzes Leben lang nichts anderes im Sinn hatte, als Zeugnis abzulegen für den, von dem er kam und zu dem er zurückkehrte, als die Zeit gekommen war. Und der immer und immer wieder behutsam versucht hat, darüber auch mit den Menschen zu sprechen. Es bleibt die Erinnerung an einen Meister des Gesprächs; eines Gesprächs, bei welchem er den Gesprächspartner, auch wenn er sich mit dessen Meinung nicht immer identifizieren konnte, ganz ernst nahm, sich mit seinen Beweggründen auseinandersetzte und ihm das Gefühl gab, nicht vorschnell verurteilt zu werden. Ein solches Gespräch konnte manchmal bis zum Äußersten gehen, aber er war nie ängstlich dabei, denn - wie der Kardinal immer wieder sagte - er wusste: ... der eigentliche Gesprächsleiter wird Gott sein müssen. Und das Gespräch des Einzelnen mit Gott ist die Voraussetzung, daß das Gespräch der Kirche gelingen kann. Und nie darf man dabei die Mitte verlieren. Denn auch heute gilt noch, was Blaise Pascal schon vor dreihundert Jahren erkannte und in seinen Pensées so formulierte: ... wer die Mitte verlässt, verlässt die Menschlichkeit. Die Größe der menschlichen Seele besteht darin, daß sie sich in der Mitte zu halten vermag. Der Kardinal hat diese Mitte nie verloren.

Die Kraft dazu holte er sich von Dem, dem er die Treue gehalten hat, sein Leben lang. Er erfüllte ihn ganz. Der Kardinal war überwältigt von Ihm, dessen erhabene Größe der Prophet Jesaias in der Sprache und im Weltbild des 8. vorchristlichen Jahrhunderts mit seiner gewaltigen Stimme so eindrucksvoll beschrieben hatte - der Kardinal hat es oft und oft bei verschiedenen Gelegenheiten zitiert: Wer misst das Meer mit der hohlen Hand? Wer kann mit der ausgespannten Hand den Himmel vermessen? Wer wiegt die Berge mit einer Waage und mit Gewichten die Hügel? Wer lehrt ihn das Wissen und zeigt ihm den Weg der Erkenntnis? Seht, die Völker sind wie ein Tropfen am Eimer, sie gelten so viel wie ein Stäubchen auf der Waage. Ganze Inseln wiegen nicht mehr als ein Sandkorn. Alle Völker sind vor Gott wie ein Nichts, vor ihm sind sie wertlos und nichtig. Mit wem wollt ihr Gott vergleichen und welches Bild an seine Stelle setzen? Weißt du es nicht, hörst du es nicht? Der Herr ist ein ewiger Gott, der die weite Erde erschuf. (Jes 40,12) Sein Gottesbild war wie eine kraftvolle Verheißung.

Er lebte in und aus der Ehrfurcht vor dem Geheimnis Gottes, das für ihn Anfang, Mitte und Ende seines Lebens bedeutete - und in das letztlich jene großen Fragen einmünden, die, wie er nicht müde wurde zu betonen, jedes Menschenherz seit jeher bewegen: Woher komme ich, wohin geht mein Weg, welchen Sinn hat mein Leben? Welchen Sinn hat das Leid? Welches ist jenes letzte und unsagbare Geheimnis meiner Existenz, aus dem ich komme und wohin ich gehe? Und in der tiefen Überzeugung, dass Religion zum Wesen des Menschen gehört, bemühte er sich unverdrossen, gemeinsam mit den Menschen eine Antwort auf jene Fragen zu finden.

Und die Menschen spürten, dass es auch ihm ernst war mit diesen Fragen, sie glaubten ihm, sie wollten ihm glauben, sie hielten inne und wurden nachdenklich - zumindest für eine Zeitlang und sie wollten seine Antwort hören.

So hat Kardinal Franz König uns die Erkenntnis hinterlassen, dass die Frage nach Gott als Schicksalsfrage eines jeden Menschen immer vor uns steht und damit verbunden die feste Überzeugung, dass Religion zum Wesen des Menschen gehört. Aus dieser Gewissheit resultiert ein Satz aus dem Psalm 31, zitiert in seinem Testament: In te, Domine, speravi, non confundar in aeternum (Ps 31,2). - Auf dich, o Herr, habe ich meine Hoffnung gesetzt. In Ewigkeit werde ich nicht zuschanden.

Er war überzeugt von der Kraft des Gebetes, das, seiner innersten Überzeugung nach, seit Anbeginn der Geschichte das Leben der Menschen begleitet und das auch ihn getragen hat. Das persönliche Gebet, das - als letzte Hingabe - still macht und oft komplizierte Dinge vereinfacht. Das persönlichen Gebet, in dem erst Religion sich entfaltet und Glaube lebendig wird. Das fürsprechende Gebet, das alle Grenzen überwindet. In diesem Sinn steht auch auf seinem Erinnerungsbild: Im Gebet verbunden.

aus: Annemarie Fenzl, Kardinal Franz König. Erzbischof von Wien. (1905-2004),
in: Jan Mikrut (Hg.), Faszinierende Gestalten der Kirche Österreichs, Bd. 11,
Wien: Dom-Verlag, 2004, S. 115-164


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