Mitbruder, nicht Herr
Ansprache von Kardinal König bei der Inthronisationsfeier zum Erzbischof von Wien im Dom zu St. Stephan am 17. Juni 1956

Bei meinem ersten offiziellen Einzug in den Dom von St. Stephan habe ich vorerst und vor allem mein Knie dort in Ehrfurcht gebeugt, wo das Ewige Licht brennt und wo Jesus Christus unter der Gestalt des Brotes der geheimnisvolle-lebendige Mittelpunkt des großen Domes ist. Er ist es, "der mich mit Kraft umgürtet" (Ps 17,33). Er ist es, "der durch die Fülle seiner Kraft mich retten wird" (Ps 32,17). - "In diesem Glauben hoffe ich fest zu stehen" (2Kor 1,23) in der Gemeinschaft mit dem Nachfolger des hl. Petrus.

Ich bitte den hochwürdigsten Apostolischen Nuntius, der Dolmetscher dieser meiner Gefühle an den großen Pius XII. sein zu wollen.

Der festliche Glanz des ersten Einzuges hat mich nicht gehindert, mir gleichzeitig auch meinen letzten Auszug als Toten vorzustellen, wenn ich dann den Rechenschaftsbericht abzulegen habe über meine Verwaltung. Das ist ein nützlicher und heilsamer Gedanke.

Nach diesem Bekenntnis neige ich mich in Ehrfurcht vor dem Andenken des verstorbenen Kardinals, dessen Abschied von diesem Dom und seiner Stadt uns noch allen in so lebendiger Erinnerung ist. Ich wage es kaum, in die Fußstapfen dieses großen Mannes der Kirche, des österreichischen Volkes und der Stadt Wien zu treten. In diesen Tagen bin ich hinabgestiegen in die Gruft, um mir an seinem Sarge den Segen zu holen.

Ich entbiete in Verehrung meinen Gruß dem Oberhaupt des österreichischen Staates. Es wird auch in meinem neuen Amte mir eine Ehre sein, mich Bürger des österreichischen Staates nennen zu können. Ich stehe nicht an zu erklären, daß ich jederzeit bereit bin, auch als Bischof dem Staate zu geben, was dem Staate gebührt. Die Kirche, der ich diene, erwartet vom Staat keine Privilegien und Vorteile, wohl aber das Recht, welches sie zu ihrer freien und unabhängigen Existenz im Staat benötigt.

Ich neige mich in Dankbarkeit vor dem bisherigen Kapitelvikar Erzbischof Dr. Jachym, vor seiner Leistung und seinen großen Taten im Verborgenen. Ich neige mich vor seiner Größe, die wir gerade in den vergangenen Wochen bewundern durften.

Mein verehrungsvoller Gruß gilt der Bundesregierung mit dem Bundeskanzler an der Spitze. Ich darf in dieser Ehre, die Sie durch Ihre Anwesenheit dem neuen Erzbischof erweisen, ein Zeichen dafür sehen, daß der österreichischen Staatsführung ein gutes und friedliches Einvernehmen mit der Kirche ein Anliegen ist.

Ich grüße in Verehrung die hochwürdigsten Bischöfe, unter Ihnen vor allem Bischof Memelauer von St. Pölten. Ich bitte Sie schon heute um Ihren Rat und Ihre Mithilfe in meinem neuen Amte, dessen Schwere und Verantwortung Sie am besten kennen.

Mein verehrungsvoller Gruß gilt dem Dom- und Metropolitankapitel von St. Stephan, den Vertretern der katholischen Fakultät, den akademischen Amts- und Würdenträgern. Ich betrachte es als eine Auszeichnung hier hinweisen zu können, daß ich einige Jahre dem akademischen Lehrstand angehört habe, in einer Zeit, in der man so auffällig Brücken schlägt zwischen Wissen und Glauben. Es wird zu den besonderen Aufgaben des Bischofsamtes einer so ruhmreichen Universitäts- und Hochschulstadt gehören, engen Kontakt zu halten mit der akademischen Lehr- und Forschertätigkeit. Ebenso mit der akademischen Jugend, welche heute mehr als frühere Generationen die Grenzen des menschlichen Wissens erfährt und die großen Lebensfragen im Licht der Religion einzusehen lernt.

Ich grüße in besonderer Verbundenheit die Mitbrüder im Priestertum, seien es Welt- seien es Ordenspriester. Ihr tragt die Last un Hitze des Tages in der Seelsorgearbeit. Ich komme nicht als euer Herr, sondern als euer Mitbruder. Ich bin selber 10 Jahre Kaplan gewesen und kenne die ermüdende Last der vielen Schulstunden, des langen Dienstes im Beichtstuhle, der Vorbereitung auf Vorträge und Predigten und die Mühe der administrativen Verwaltung. Euch gilt in erster Linie mein Dienst im Bischofsamte. Meine lieben Mitbrüder, laßt und alle eins sein, nicht in einer Person, sondern durch das Bischofsamt, das auf meinen Schultern ebenso schwer lastet, wie die Seelsorgearbeit auf euch. Laßt uns alle eins sein im Glauben an Jesus Christus, in der Liebe zur Kirche und im Dienste an ihr. Mit den Mitbrüdern in der Seelsorge grüße ich die geistlichen Frauen der verschiedenen Orden, die durch ihre Opferbereitschaft und Treue unsere Arbeit so überaus wirksam unterstützen. Ebenso herzlich grüße ich die Laien, welche mit uns mitarbeiten in der Katholischen Aktion und in der Arbeitsgemeinschaft der Katholischen Verbände. Das Erwachen eines neuen Kirchenbewußtseins unter den katholischen Laien und ihre Mitarbeit am hierarchischen Apostolat scheint mir eine Signatur unserer Zeit zu sein und wenn nicht alles täuscht, auf das Erwachen eines neuen religiösen Frühlings hinzuweisen.

Ich grüße unter ihnen vor allem die Mitarbeiter in den kirchlichen Ämtern, in der Männer- und Frauenbewegung sowie im Familienverband. Ich grüße vor allem die katholische Jugend, in der die Idee der Katholischen Aktion auf breiter Basis Fuß gefaßt hat.

Mein Gruß gilt nicht zuletzt den Kranken, die vom Krankenlager aus durch ihre Geduld und Opfer unsere Arbeit unterstützen.

Wenn ich zum Schluß noch auf die großen Sorgen hinweisen darf, die ich mit meinem Amtsantritt übernehme, so muß ich allen voranstellen die Sorge um den Priesternachwuchs und den Kirchenbau, um mit der Seelsorge und dem Wachstum der Großstadt Schritt halten zu können.

Im Erzbischöflichen Palais der Rotenturmstraße hängen heute noch Bilder mit Rissen und Stichen, die noch vom Sturm auf das Palais im Jahre 1938 herrühren. Sie sind für mich heute ein Mahnzeichen, was unter Umständen das Bischofsamt von seinen Trägern forden muß. Und wenn ich den Blick über die Grenzen von Osten und Süden der Diözese richte, dann wird mir noch einmal eindringlich klar, daß der Bischof bereit sein muß, seinen Gläubigen in den Kerker und in das Martyrium voranzugehen.

Ich bin aber ein armer und schwacher Mensch und mir wird bange vor der Größe der neuen Aufgabe. Aber "ich habe auf den Herrn gehofft und werde in Ewigkeit nicht zu schanden werden." Amen.

 


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