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Nach meiner Ernennung als Bischof-Koadiutor in der Diözese St. Pölten frug man mich alsbald, unter welches Leitwort ich meine Verantwortung, mein Planen und Arbeiten als Bischof stellen wolle. Zunächst war ich unsicher, ob ich mich einer solchen Tradition anschließen sollte, doch bald erfaßte ich, daß eine wertvolle Idee in dieser scheinbar etwas veralteten Tradition enthalten sei. - Ich nahm zunächst die Heilige Schrift zur Hand und überlegte, welcher Satz etwa, welches Schriftwort, dem entsprechen könnte, was ich für mich als charakteristisch bezeichnen könnte; wie ich meine Verantwortung, meine Aufgabe als Bischof, selbst verstehen wollte. Ich schlug zunächst die Paulus-Briefe auf, die mir schon lange nicht nur als Zeugnisse einer großartigen Persönlichkeit, sondern auch als eine reiche christliche Gedankenwelt und als wertvolle Fundgrube aufgefallen waren. Ich blieb beim vierten Kapitel (4,15) des Briefes an die Gemeinde zu Ephesus hängen. An dieser Stelle spricht Paulus vom Bau einer Gemeinde christlichen Glaubens nach dem Bilde des Leibes Christi. Dabei weist er darauf hin, wie, in welcher Gesinnung, die Christen dort ans Werk gehen sollten: nämlich "veritatem facientes in caritate". Was für mich im weiteren Sinne bedeutet: sich für die Wahrheit einsetzen, aus Liebe zu den Menschen.
Die heutige Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift, die überall in Gebrauch ist, textiert diese Stelle, gibt sie in deutscher Sprache wieder mit den Worten: "Wir wollen uns, von der Liebe geleitet, an die Wahrheit halten...". Als ich seinerzeit, zehn Jahre vor Beginn des Zweiten Vatikanischen Konzils, zum Bischof geweiht wurde, gab es noch keine Einheitsübersetzung. Wenn ich damals bereits den Satz in der heutigen Einheitsübersetzung gelesen hätte, zur Hand gehabt hätte, so hätte ich diesen Satz in der vorliegenden deutschen Fassung nicht ausgewählt als bischöfliches Leitwort für mich. Der deutschen Einheitsübersetzung kann man sicher nicht den Vorwurf machen, sie hätte falsch übersetzt. Aber jeder Satz kann eine verschiedene Nuancierung haben, die man in der Übersetzung schwer wiedergeben kann. Für mich steckt also im lateinischen "veritatem facientes in caritate" noch mehr drinnen, als die deutsche Einheitsübersetzung erkennen lässt. - Das ist übrigens das Problem aller Übersetzungen. Aus diesem Grunde gab es und gibt es auch heute verschiedene Übersetzungen der Heiligen Schrift, die zwar den gleichen Text übertragen, aber etwas mitschwingen lassen, eine Nuancierung anklingen lassen, die eben in anderen Texten nicht enthalten ist. Wenn ich zwei oder drei deutsche Übersetzungen der gleichen lateinischen Stelle miteinander vergleiche, so sagen sie wohl alle das Gleiche in der Übersetzung, aber es gibt verschiedene "Färbungen", die die andere etwa nicht zum Ausdruck bringen kann.
Und damit bin ich wieder bei meinem lateinischen Satz: "Veritatem facientes in caritate". Und ich wiederhole: Die deutsche Einheitsübersetzung gibt den Satz auf ihre Art richtig wieder, aber für mich sagt das lateinische "veritatem facientes in caritate" noch etwas mehr, nämlich: es ist die kraftvolle Verbindung von Glaube und Liebe. Für mich ist es wichtig, sich für die Wahrheit, für Gottes Wort einzusetzen, aber verbunden mit der Kraft und Stärke der Liebe zu den Menschen. Wenn ich sage: "die Wahrheit tun", so heißt das, sie zur Tat werden zu lassen, weil ich mit diesem Entschluß gleichzeitig getragen bin von der Liebe zum Menschen, der die Wahrheit sucht. Sich für die Wahrheit einsetzen, sie "tun", bedeutet also nicht nur, Antwort geben auf die Frage: Woher komme ich, wohin gehe ich und welches ist das Geheimnis, aus dem wir alle kommen und wohin wir zurückkehren, sondern ich setze mich hier für Gottes Wort ein, nicht nur um selber im Glauben festzustehen, sondern weil ich aus Liebe zum Menschen meine Liebe am besten bezeugen kann, wenn ich ihn zu dieser Kraft der Wahrheit führen kann, wenn ich ihm etwas von dieser Kraft der Wahrheit vermitteln kann.
Das, was im lateinischen Text also besser zum Ausdruck kommt, war und ist für mich der Grund, warum ich mein lateinisches Wort "Veritatem facientes in caritate" in seiner ursprünglichen Fassung beibehalte: es geht darum, die Wahrheit zu tätigen, zur Tat werden zu lassen; aber nicht nur, weil es sich um die Wahrheit des Gotteswortes handelt, sondern weil ich durch das Tätig-Sein im Dienste der Wahrheit gleichzeitig die tiefe Liebe zum anderen bezeugen kann. - Damit reicht dieser Satz hinein in das Gebot, das uns Christus gegeben hat, in Verbindung mit dem ersten und größten: "Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben und du sollst deinen Nächsten wertschätzen und lieben wie dich selbst."
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