Für euch war ich Bischof ...

Dankansprache von Kardinal König anlässlich der Verabschiedung als Erzbischof von Wien im Dom zu St. Stephan am 22. Oktober 1985

Bevor ich den Segen Gottes auf alle herabrufe, die in dieser abendlichen Stunde um den Altar von St. Stephan versammelt sind, um mit mir Abschied zu nehmen von meinem Amt als Erzbischof von Wien, drängt es mich, Ihnen allen - schlicht und einfach - ein Wort des Dankes zu sagen. Ich bin bewegt durch die Vorbereitung und die festliche Gestaltung  dieses abendlichen Gottesdienstes. Aber - kann man als Bischof überhaupt Abschied nehmen von seiner Diözese? Entsprechend meinem Wunsch und nach der Entscheidung des Heiligen Vaters ist das im Sinne des Kirchenrechtes vor fünf Wochen geschehen. In meinem Herzen aber fühle ich mich weiterhin herzlich verbunden mit der Wiener Erzdiözese, mit Stadt und Land, mit den Bischöfen und Priestern, mit all den vielen Menschen, die mir im Laufe der Jahre bei Pfarrvisitationen und bei vielen anderen Gelegenheiten begegnet sind. Ich danke damit allen, die meinen Lebensweg begleitet und mein Lebenswerk mitgetragen haben. Ich danke sehr herzlich den Mitarbeitern im eigenen Hause. Ich danke den Kirchennahen und den Kirchenfernen. Ich versichere euch: In meinen Gebeten und bei meinem täglichen Meßopfer will ich euch alle mit all euren Sorgen und Anliegen miteinschließen, will ich die ganze Erzdiözese, die mir wirklich Heimat geworden ist, vor Gott hintragen und will so Seinen mächtigen Schutz für Kirche und Heimat erbitten.

So ist mein Rücktritt von meinem Amt wohl einerseits eine Zäsur, ein tiefer Einschnitt in mein eigenes Leben: ein Einschnitt aber, der nicht die letzte Tiefe des Herzens erreichen kann.

Der Herr Diözesanadministrator Dr. Krätzl hat in eindrucksvoller Weise meine Devise, die ich am Beginn meines Bischofsamtes erwählt habe, erklärt und in den großen Zusammenhang des Textes und der Zeitgeschichte hineingestellt. Ich danke ihm sehr herzlich dafür, und ich will seiner Bitte um Gebet von ganzem Herzen und jeden Tag entsprechen.

Aber umso mehr wird mir dabei selber bewußt, wie oft und wie weit ich hinter meinem Wollen und Sollen zurückgeblieben bin. Jesus Christus, der mich zum Priester und Bischof berufen hat, damit ich in besonderer Weise Anteil habe an seinem Lehr- und Hirtenamt, er möge sich meiner menschlichen Schwäche erbarmen.

Für mich persönlich war die Beschäftigung mit den großen Weltreligionen der Menschheit aufs neue ein überzeugender Weg, um Christus besser kennen und lieben zu lernen. Er möge mir dereinst ein gnädiger Richter meines Wollens und Vollbringens sein.

Diese Stunde kann nicht vorübergehen, ohne allen, die mir auf verschiedenste Weise verbunden waren und sind, mit einfachen Worten mein Gedenken zu sagen. Ich habe nicht nur versucht, für euch da zu sein; ich habe auch von euch viel empfangen und gelernt. Ich bitte euch, habt Verständnis, wenn es nicht möglich ist, euch alle beim Namen zu nennen; fühlt euch so alle in diesen Dank eingeschlossen: Meine Brüder im Bischofsamt, meine Priester, besonders auch die jüngeren Jahrgänge unter ihnen, die sich so spürbar bemüht haben, die fehlende Quantität durch ihre Qualität auszugleichen.

Besonders danken aber will ich doch den Mitarbeitern im Laienapostolat, die heute auch hierher gekommen sind. Laßt mich euch versichern, eure Mitarbeit ist heute notwendiger denn je. Ihr seid im besonderen Maße die Hoffnung der Kirche.

Ein Letztes liegt mir noch am Herzen: Sehr oft denke ich an die Zukunft der Jugend, der Familien in unserem Lande, besonders an die jungen Familien und an jene, die sich darauf vorbereiten. Mögen sie immer die nötige moralische und wirtschaftliche Unterstützung und Stärkung finden und erhalten. Denn sie sind die Zukunft der Gesellschaft und damit auch der Kirche. Ich empfehle sie ganz besonders der Fürsprache unserer Lieben Frau.

In Stunden wie dieser ist es oft nicht leicht auszudrücken, was das Menschenherz bewegt. Lassen Sie mich daher mit Augustinus, dem großen Bischof einer schwierigen Zeit, der die Geschichte des Abendlandes tief beeinflußt hat, sagen: "Wo mich schreckt, was ich für euch bin, da tröstet mich, was ich mit euch bin. Für euch war ich Bischof, mit euch bin ich Christ. Jenes bezeichnet das Amt, dieses die Gnade. Jenes die Gefahr, dieses das Heil."

Unser aller Heil aber kommt allein von Gott dem Herrn, und so sei der Friede, der Segen Gottes mit euch allen.     

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