Der belgische Jesuit Jan Kerkhoffs - er ist als Religionssoziologe über sein Land hinaus bekannt - hat in seinem heuer erschienen Buch Europe without priests aufmerksam gemacht, daß die sinkende Zahl geistlicher bzw. priesterlicher Berufe eine europaweite Tendenz zeige. In seinem gut belegten statistischen Bericht über dreizehn verschiedene Länder, Staaten in Europa, die einen Zeitraum von zwanzig Jahren umfassen, gäbe es praktisch Jahr für Jahr eine sinkende Zahl von Priesterberufen. Die Belege hiefür finden sich ausführlich in seinem Buche. Der Wiener Pastoraltheologe Paul Zulehner zeigt in seiner großen Untersuchung Gott nach dem Kommunismus ebenfalls deutlich, daß der Einfluß des religionsfeindlichen Kommunismus in den sogenannten Reformstaaten (früher kommunistischen Oststaaten) viel tiefer reiche, als man dies ursprünglich meinte. Im früheren kommunistischen Ostdeutschland beträgt die Zahl derer, die keiner kirchlichen Glaubensgemeinschaft angehören, rund 73 Prozent; eine ähnliche Zahl ergibt sich auch für Tschechien. In einem neuen, soeben von Zulehner mitherausgegebenen Bande solcher Untersuchungen zeigt sich, daß zum Beispiel sowohl in Ungarn, in Slowenien und auch in Litauen die religiöse Unwissenheit, die Distanz zu einer christlichen Kirche viel höher ist, als man angenommen hatte.
Für den Bereich der katholischen Kirche in England und Wales hat ein bekannter Religionssoziologe, Gordon Heald, ausführliche statistische Berichte vorgelegt über die vergangenen dreißig Jahre und festgestellt, daß in England und Wales die Zahl der Kirchenbesuche an Sonntagen, die Zahl der geistlichen Berufe, der Taufen, der Erstkommunion, besonders auch der kirchlichen Trauungen Jahr für Jahr beständig weiter absinkt. Und Kerkhoffs meint dazu anhand einer gesamteuropäischen Studie European Values Studies, daß jene rückläufigen Zahlen in der katholischen Kirche Englands auch - und zum Teil noch mehr - für die anglikanische und protestantischen Kirchen in England gelte. Und dies ergibt das Fazit: Die vorliegenden statistischen Berichte zeigen deutlich, es gebe einen gesamteuropäischen Trend, weg von den christlichen Positionen, hin zu einem vagen Agnostizismus, zu einem postmodernen, postchristlichen, säkularisierten Europa.
Zu einer ganz ähnlichen Feststellung kommt der Havard Professor Huntington, bekannt geworden durch sein (nicht unumstrittenes) Buch Clash of Civilizations (Kampf der Kulturen). In bezug auf Europa stellt er wörtlich fest: "Immer weniger Europäer bekennen sich zu einer religiösen Überzeugung, beachten religiöse Gebote und beteiligen sich an religiösen Aktivitäten. Dieser Tendenz spiegelt weniger eine Feindschaft gegen die Religion wider als die Gleichgültigkeit gegen sie. Und trotzdem ist die europäische Kultur durchdrungen von christlichen Begriffen, Werten und Praktiken." Und das bedeutet nach Huntington, daß Europa durch die "Schwächung seines zentralen Elementes, des Christentums", im Begriffe sei, in schwere Krisen zu geraten. - Und ähnlich ist die Meinung des englischen Religionssoziologen David Martin, seinerzeit Vorsitzender der Internationalen Gesellschaft für Religionssoziologie. In Europa, so sagt er, habe der Prozeß der Säkularisierung, das heißt, der Befreiung von jeder Religion, besonders des Christentums, ein Ausmaß erreicht, das in der modernen Welt einmalig ist und schließlich wörtlich: "Europa ist der einzig wirklich säkulare Kontinent der ganzen Erde geworden." Der Einfluß der Aufklärung, die in Europa ihren Anfang nahm, hat somit die gesellschaftliche Basis voll erreicht und die vorgelegten Berichte wollen besagen, daß das Christentum in Europa mehr oder weniger bedeutungslos geworden sei. -
Mit der Frage, ob Religion Zukunft hat, ob Gott verlorengegangen sei, befaßte sich zum Beispiel auch die deutsche Zeitschrift Der Spiegel. Er beauftragte ein deutsches Meinungsforschungsinstitut, zu untesuchen, "was die Deutschen glauben" (1992). Das Ergebnis der Untersuchungen lautete: "Abschied von Gott", das will besagen, die Deutschen haben den Gottesglauben und damit ihre christliche Weltanschauung verloren oder sind im Begriffe, es zu tun.
Auf jeden Fall stellt sich damit die Frage, wie weit solche statistischen Ergebnisse eine Allgemeingültigkeit für und über Europa hinaus beanspruchen können.
Denn es gibt eine Reihe von Fakten, die einem solchen Ergebnis widersprechen. Ich bringe hierfür folgende Beispiele. Die statistischen Angaben für das Christentum, das katholische Christentum, sprechen heute von einem starken Zuwachs auf dem asiatischen und afrikanischen Kontinent. Das Ansehen des gegenwärtigen Papstes als ökumenischer Vertreter der gesamten Christenheit auf Weltebene, besonders außerhalb Europas, erweckt große Aufmerksamkeit in der Berichterstattung. Das amerikanische Time-Magazin (26.12.94) wählte ihn zum Mann des Jahres. Ihre englische Tageszeitung Independent (12.11.95) meinte, der Papst sei der einzige Fels in der Verwirrung der Zeit. Die überaus große Anteilnahme am Tod des Londoner Kardinals Hume, weit über die englische Öffentlichkeit hinaus, galt der Gestalt eines vorbildlichen Christen unserer Zeit. Das Interesse an den katholischen Schulen ist - nicht nur in Österreich - zahlenmäßig größer ist als je zuvor.
Und so fehlt es nicht an bekannten Stimmen, die sogar von einer weltweiten religiösen Renaissance sprechen, deren Zeichen bereits festzustellen seien. Eine solche Meinung vertritt der französische Religionssoziologe Gilles Keppel in seinem Buch Die Rache Gottes (La revanche de Dieu, 1994); eine solche Meinung vertreten amerikanische Historiker wie Weigel und Huntington. Der bereits genannte Huntington meint wörtlich: "In einem umfassenderen Sinn ist das Wiederaufblühen der Religion weltweit eine Reaktion auf Säkularismus, moralischen Relativismus und Hemmungslosigkeit, ist eine Bekräftigung von Werten wie: Ordnung, Disziplin, Arbeit, Hilfsbereitschaft und Solidarität" (S. 147). Eine solche Feststellung bezieht sich allerdings nicht in besonderer Weise auf das Christentum, sondern gilt allgemein.
Es gibt eine ökumenische Bewegung in der jungen Generation mit dem Namen "Taizé", die erstaunliche Erfolge aufweisen kann. Bei einem Treffen in Wien zum Beispiel kamen insgesamt in der Weihnachtszeit an die Hunderttausend junge Menschen aus Ost- und Westeuropa zusammen. Auch das Weltjugendtreffen (im Sommer 1997) in Paris, zu dem Papst Johannes Paul II. eingeladen hatte und es auch präsidierte, zählte, wie berichtet, rund eine Million junger Menschen und wurde - trotz aller Komplexität der Motive - zu einem Weltereignis. Die zahlreichen Kommentare, die sich in jenen Tagen in der französischen und der Weltpresse fanden, mußten feststellen, daß solches in die Richtung eines religiösen Aufbruches deutet.
Schließlich müssen wir zur Kenntnis nehmen: Im säkularisierten Europa gibt es kaum ein religiöses Vakuum, sondern eher, wie bereits erwähnt, ein wachsendes religiöses Interesse; dazu kommt die große Zahl der neureligiösen Bewegungen und besonders der Sekten. Diese haben dort eine größere Chance, wo die Christen nicht mehr in Erscheinung treten. So sind auch die Sekten trotz ihrer Probleme eine Illustration dafür, daß der Mensch ein religiöses Vakuum auf die Dauer schwer ertragen kann.
Wie sehr die religiöse Frage zum Wesen des Menschen gehört, zeigt uns heute die Existenzphilosophie und vergleichende Religionswissenschaft. Der Mensch sucht eine transzendentale Bindung an Gott oder an die Gottheit. Dafür folgende Beispiele:
Es war seinerzeit der Franzose Pascal, der die existentielle Erfahrung des suchenden Menschen zusammenfaßte in dem bekannten Satz: „Das Herz hat seine Gründe, die der Verstand nicht kennt.“ Dieser Satz ist in der europäischen Geistesgeschichte noch nie vergessen.
Bei aller Skepsis in unserer Zeit gegenüber wissenschaftlichem Fortschritt und wissenschaftlichem Erkennen ist das Interesse an den Fragen der modernen Atomphysik, sowie an astronomischen Vorgängen sehr groß. Wenn sich daher Spitzenleute dieser Disziplinen zu Wort melden, um auf die Gottesfrage eine Antwort zu geben, so findet dies in unserer Zeit große Aufmerksamkeit. Zwei Beispiele: Der Generaldirektor des Europäischen Forschungszentrums für Atomwissenschaft (CERN) und Nobelpreisträger für Physik, Charles Rub(b)ia stellt in einem Gespräch (Züricher Zeitung vom März 1992) wörtlich fest: "Wenn wir die Galaxien der Sternenwelt zählen oder die Existenz von Elementarteilchen beweisen, so sind das wahrscheinlich keine Gottesbeweise. Aber als Forscher bin ich tief beeindruckt durch die Ordnung und die Schönheit, die ich im Kosmos finde, sowie im Inneren der materiellen Dinge. Und als Beobachter der Natur kann ich den Gedanken nicht zurückweisen, daß hier eine höhere Ordnung der Dinge im Voraus existiert. Die Vorstellung, daß dies alles das Ergebnis eines Zufalls oder bloß statistischer Vielfalt sei, das ist für mich vollkommen unannehmbar. Es ist hier eine Intelligenz auf einer höheren Ebene vorgegeben, jenseits der Existenz des Universums selbst." - So der Atomphysiker.
Zu einem ähnlichen Schluß kommt der größte Physiker des 20. Jahrhunderts, Albert Einstein. Er gehörte selber keiner kirchlichen Gemeinschaft an. In seinem letzten Aufsatz Science and Religion stellt er fest - wörtlich: "Meine Religion besteht in meiner demütigen Bewunderung einer unbegrenzten geistigen Macht, die sich selbst in den kleinsten Dingen zeigt, die wir mit unserem gebrechlichen und schwachen Verstand erfassen können. Diese tiefe, emotionelle Überzeugung von der Anwesenheit einer geistigen Intelligenz, die sich im unbegreiflichen Universum eröffnet, bildet meine Vorstellung von Gott." So weit Einstein.
Das Zweite Vatikanische Konzil ergänzt in eindrucksvoller Weise solche Feststellungen der Wissenschaft, wenn es auf die Sinnfrage des Menschen hinweist: "Die Menschen erwarten von den verschiedenen Religionen Antwort auf die ungelösten Rätsel des menschlichen Daseins, die heute wie eh und je die Herzen der Menschen am tiefsten bewegen. Was ist der Mensch? Was ist Sinn und Ziel unseres Lebens? Woher kommt das Leid und welchen Sinn hat es? Was ist der Weg zum wahren Glück? Was ist der Tod, das Gericht und die Vergeltung nach dem Tode? Und schließlich: Was ist jenes letzte, unsagbare Geheimnis unserer Existenz, aus dem wir kommen und wohin wir gehen?" (Nostra aetate, Nr. 1)
Das heißt, wir sind alle unterwegs und fragen nach Sinn und Ziel unseres Lebensweges. Weil die ungelösten Rätsel des menschlichen Daseins weder durch einen vagen Agnostizismus, noch durch eine säkularisierte Umwelt beantwortet werden können, deswegen sucht man Antwort dort, wo man sie zu finden hofft oder auch zufällig angeboten erhält (cf. Sekten und neuereligiöse Bewegungen).
Die Sinnfrage gehört heute zu den großen Themen der Philosophie, der Literatur, sowie der Psychiatrie. Der aus der Schule Freunds kommende Viktor Frankl in Wien hatte seine Logotherapie begründet mit der Frage nach dem Sinn des Daseins. Diese Frage sei zwar nicht identisch mit der Frage nach Gott, wohl aber führe sie in die unmittelbare Nähe. Es gehe nicht darum, irgendeinen Sinn zu finden, sondern für sich selbst einen solchen zu finden. Selbst irregeleitete Ausdrucksformen des religiösen Lebens in unserer kulturellen Vielfalt sind nicht zuletzt auch Sehnsucht nach einer verläßlichen Antwort auf letzte Fragen des Menschseins, eine Antwort auf die Unsicherheit des eigenen Lebens.
In diesem Zusammenhang ist es die Religionsgeschichte, die vergleichende Religionswissenschaft, die uns mit aller Deutlichkeit zeigt, daß es, soweit unsere Kenntnis reicht, niemals ein religionsloses Volk, einen Stamm, gegeben hat. Diese Tatsache wäre allein schon geeignet, hinreichend zu bezeugen, daß Religion mit dem Menschen eng verbunden ist, zu seinem Wesen gehört. Die Geschichte der Religionen bzw. der Religion zeigt somit, daß der religiöse Akt eine "wesensnotwendige Mitgift" der menschlichen Seele ist.
Wenn wir das Buch der Geschichte aufschlagen, stellen wir fest, daß sich Menschen überall und zu allen Zeiten - Naturvölker, Hochreligionen verschiedener Kulturen - bittend und suchend an ihren Gott oder ihre Götter gewandt haben. Überall, wo Menschen uns Zeichen, Denkmäler ihres Lebens hinterlassen haben, sehen wir Beweise dafür, daß sie ihrem Gott geopfert und ihn um Hilfe angefleht haben. In allen Kontinenten und Zeiten haben Menschen bittend und lobend, dankend und sühnend, vor der Gottheit, den Göttern das Knie gebeugt, haben Formeln von Anrufungen und Gebeten hinterlassen, durch die wir heute noch einen Blick in das Innerste der Menschen längst vergangener Zeiten tun können.
Das schlichte Dankgebet der Yamana auf Feuerland, das Bittgebet in den ägyptischen Grabkammern, die auf kleinen Tontäfelchen in Keilschrift verewigten Klagerufe, die Anrufung es Himmels in China, die Bittgebete der Griechen und Römer um Sieg und Erfolg, die Formel der Ergebenheit in den Büchern des buddhistischen Kanons, die Lobrufe an die Götter des awestischen und vedischen Pantheons in Indien und Persien sind ein vielstimmiges, nicht verstummendes Gloria, in Felsen geritzt, auf Ton geschrieben und in Stein gemeißelt. Sie sind ein ergreifendes Miserere und De profundis einer um Erlösung zu den Superi rufenden, um Hilfe von oben flehenden Menschheit vergangener Jahrtausende. Soweit wir imstande sind, den Weg menschlicher Lebensäußerung und Kultur durch die menschliche Geschichte zu verfolgen, so weit begleiten uns die Zeichen und Stimmen suchender und betender Menschen.
Und wenn wir einen Menschen befragen, der es aufgegeben hat, Gott zu suchen, der nicht mehr beten will, so ergreift uns gerade die leidvolle Klage eines solchen Menschen, der seine Hände beschwörend gegen Gott erhoben hat; es ist die Stimme Friedrich Nietzsches, der auszog, um Gott zu töten, das heißt, um den Menschen an Gottes Stelle zu setzen:
"Du wirst niemals mehr beten, niemals mehr anbeten,
niemals mehr im endlosen Vertrauen ausruhen.
Du versagst es dir, vor einer letzten Weisheit,
letzten Güte, letzten Macht stehen zu bleiben
und deine Gedanken abzuschirren.
Du hast keinen fortwährenden Wächter und Freund
für deine sieben Einsamkeiten.
Du lebst, ohne den Ausblick auf ein Gebirge,
das Schnee auf dem Haupte und Gluten in seinem Herzen trägt.
Es gibt für dich keinen Vergelter,
keinen Verbesserer letzter Hand mehr.
Es gibt keine Vernunft in dem mehr, was geschieht,
keine Liebe in dem, was dir geschehen wird.
Deinem Herzen steht keine Ruhestatt mehr offen,
wo es nur zu finden und nicht mehr zu suchen hat.
Du wehrst dich gegen irgendeinen letzten Frieden ...
Mensch der Entsagung, in alledem willst du entsagen?
Wer wird dir die Kraft dazu geben?
Noch hatte niemand diese Kraft." (F. Nietzsche, Fröhliche Wissenschaft, Aph. 285).
Das ist die Stimme eines Mannes, der den Menschen an die Stelle Gottes setzen wollte und dabei innerlich fast zugrunde ging.
Damit stehen wir schließlich vor der Frage: Was bedeuten diese entgegengesetzten Standpunkte für uns Christen am Beginn eines neuen Millenniums? Einerseits berichten die Zahlen über eine Loslösung von den christlichen Kirchen als Glaubensgemeinschaft, andererseits gibt es das sehnsuchtsvolle Fragen nach Gott. Damit will ich darauf hinweisen, daß Religion und Christentum nicht einfach ident sind, obwohl man allgemein von christlicher Religion spricht. Religion meint das menschliche Suchen und Fragen nach Gott, nach der Möglichkeit und Vielfalt seiner Verehrung; das Christentum aber ist eine Zäsur in der Religionsgeschichte: Nicht nur der Mensch fragt, sondern Gott antwortet in der Offenbarung als Gottes Wort in Menschengestalt - und reicht damit weit über das hinaus, was in den anderen Religionen "wahr und heilig" ist (Gaudium et spes, Nr. 2). Die Religionswissenschaft unterscheidet heute zwischen drei großen Religionstypen: Monotheismus (Juden, Christen, Moslems), Dualismus (das böse und gute Prinzip) und Polytheismus in seiner Vielfalt.
Als katholischer Christ möchte ich aber jetzt fragen: Woher kommt der rückläufige Trend in den christlichen Kirchen aus europäischer und ökumenischer Sicht? Liegt es an der Gesellschaft, den Menschen, liegt es an den Christen oder an der Vermittlungsaufgabe der christlichen Kirchen, die die Zeichen der Zeit nicht verstehen oder nicht verstehen wollen?
Ich versuche eine knappe Zusammenfassung möglicher Gründe anhand einer bereits umfangreichen Literatur zum Thema "Krise der Kirche" oder: "Ist Gott tot?"
Unsere Gesellschaft ist in diesem Jahrhundert plural und multikulturell geworden wie nie zuvor. Wissenschaft und Technik haben unsere Lebenswelt von Grund auf verändert. Aber auch der wissenschaftliche Fortschritt als Religionsersatz am Beginn unseres Jahrhunderts ist ins Wanken geraten.
Ein Bewußtseinswandel in der öffentlichen Meinung ist eingetreten. Die stabile Ordnung fest gefügter Systeme der Vergangenheit wurde abgelöst durch die Dynamik und Flexibilität der Mediengesellschaft. Ein allgemeiner Wertewandel greift um sich. Davon betroffen sind vor allem Ehe und Familie. Frei und unabhängig zu sein, wird zur Parole der jungen Generation ab den 60-er Jahren. Aber Freiheit ohne Verantwortung für sich und die anderen wird brüchig.
Die ambivalente Macht der Medien als Instrument der Information in der wachsenden Vielfalt wird, kaum bewußt, zum bestimmenden Faktor einer multikulturellen öffentlichen Meinung. Alles ist im Fluß und alles scheint möglich: Einerseits eine große Bereicherung des Wissens und der Erfahrung, eine neue Bereitschaft zum Helfen durch globale Information, andererseits spricht man von der "Macht der bösen Bilder". Ein Klima der Rücksichtslosigkeit und Gewalt wird von nicht wenigen mit dem Einfluß der Medien in Verbindung gebracht, ob zu Recht oder Unrecht, kann ich nicht entscheiden. Es scheint jedoch die Überzeugung zu wachsen, daß man Konflikte besser durch Gewalt als durch Dialog lösen könne. Wo hat christliche Religion hier überhaupt noch ihren Platz?
Grundsätzlich werden lokale Berichte global vergrößert und einzelne Fakten global verallgemeinert; jeder glaubt, vollkommen informiert zu sein und alles, auch die entferntesten Vorgänge, kommentieren und kritisieren zu können.
In diesem Zusammenhang ist auch das Image der Kirche in der Öffentlichkeit sehr negativ geworden. Dazu stelle ich fest: Das größte Anliegen der christlichen Kirchen, jeder Kirche, besonders der katholischen Kirche, für die ich spreche, kann nicht primär das öffentliche Image sein, sondern die Weitergabe der Botschaft mit ihrem wandelbaren und nicht-wandelbaren Aspekt. Und so stehe ich vor der Frage: Wie entspreche ich meinem Auftrag der Vermittlung meiner Botschaft in einer Welt, wie sie eben heute ist. Diese Aufgabe ist nicht leicht und verlangt heute, viel mehr als früher, die ehrliche Zusammenarbeit von Bischöfen, Priestern und Laien. Auch hier war es das letzte Konzil, das auf die Notwenidgkeit einer solchen Zusammenarbeit wiederholt hingewiesen hat. Ich erinnere an den Satz aus Lumen Gentium, Nr. 33, wo es heißt: "Die Laien sind besonders dazu berufen, die Kirche an jene Stellen und in den Verhältnissen anwesend und wirksam zu machen, wo die Kirche nur durch sie Salz der Erde werden kann." Und das zeigt in die Richtung: Das gelebte Beispiel, Zeugnis des Lebens, leuchtet in das Dunkel.
Aber was meinen wir, wenn wir von Kirche reden? Hier ist zunächst wieder die Antwort des Konzils, LG, Nr. 8; sie lautet: Die Kirche Gottes als christliche Glaubensgemeinschaft besteht nicht aus zwei verschiedenen (geschiedenen) Größen, sie bildet vielmehr - wörtlich - "eine einzige komplexe Wirklichkeit, die aus menschlichem und göttlichem Element zusammenwächst". So das Konzil. Dies ist zugleich ein Hinweis auf die beiden Naturen in Christus, eine menschliche und eine göttliche, zu einer Person in Christus verbunden. Jede Einseitigkeit führt zu Mißverständnissen. Wenn man nur den menschlichen Aspekt - in Christus wie der Kirche - wahrnimmt, geht etwas vom Geheimnis, von der Faszination verloren. Etwas Ähnliches gilt auch von der Kirche. Als humanistische Institution allein ist sie einseitig und verliert das Geheimnis ihres Wurzelgrundes So wiederhole ich: Entscheidend ist das Zusammenwachsen aus menschlichem und göttlichem Element. Das heißt, die breite menschliche Vielfalt allein als bloß irdische Institution geht am eigentlichen Wesen der Kirche vorbei. Daraus erklärt sich zum Teil auch die europaweit sinkende religiöse Praxis, soweit sie sich in Zahlen darstellt. Wohlstand, Unwissenheit und Skepsis drängen eine christliche Lebensordnung aus der objekten Gegebenheit in die subjektive Beliebigkeit.
Was heute Not tut, ist: ein wiederholtes und vertieftes Hinweisen auf das, was Kirche, was christliche Glaubensgemeinschaft wirklich ist. Das in der Öffentlichkeit transportierte verkürzte und subjektiv adaptierte Bild der Kirche muss in die Irre führen.
Kirche, und ich spreche jetzt wieder als katholischer Christ, ist Weltkirche und Ortskirche. Sie umfaßt, mit allen ihren Schwächen, als Glaubensgemeinschaft Frauen und Männer, Priester und Laien, Papst und Bischöfe. Sie ist das "wandernde Gottesvolk" durch Welt und Zeit, zusammengewachsen aus menschlichem und göttlichem Element; sie ist nicht nur eine hierarchisch-kirchenrechtlich geordnete Struktur. - Welt und Zeit ändern sich fortwährend. Dementsprechend ist die Kirche geographisch, geschichtlich und gemeinschaftlich vielfältig. In Vergangenheit und Gegenwart zeigt sie sich in ihrer Einheit und Vielfalt; sie umfaßt eine mögliche Vielfalt in der notwendigen Einheit. Allein Christus als das Mensch gewordene Gotteswort ändert sich nicht. Das gibt der Kirche Sicherheit im Wandel der Zeiten.
Aus diesem Grund ist auch menschliche Angst in der obersten Kirchenführung vor einer zu großen kirchlichen Vielfalt nicht angebracht; - dies hat im Laufe der Zeit zu einem überspannten defensiven Zentralismus und Bürokratismus geführt. - Seit dem letzten Konzil wird überdies immer deutlicher: Hier steht die katholische Kirche vor einem Zukunftsproblem besonderer Art: Das katholische Volk in Pfarrgemeinde und Diözese wird entmutigt, wenn von der zentralen Kirchenführung keine ermutigenden, tröstenden Worte kommen, wenn in den zahlreichen Dokumenten - hier möchte ich aber ausdrücklich die persönlichen Dokumente, Rundschreiben des Papstes ausnehmen - wenn dort nur Warnungen vor Irrtümern und Irrwegen dominieren. Das katholische Volk erwartet sich Zeichen des Vertrauens und gegenseitige Information im Zeichen der Einheit und der Vielfalt.
Es geht immer um das gute Verhältnis von Einheit und Vielfalt. Diese Vielfalt umfaßt den Wurzelgrund der Kirche, dem man - im Vertrauen auf den Geist von oben - Raum geben muß, in allen Lebensbereichen und Problemen der Kirche. Die Glaubensgemeinschaft hat ihren Wurzelgrund in den Familien, in den Pfarren, wo die Menschen durch die Taufe und die Sakramente in die Glaubensgemeinschaft hineinwachsen, zu Christen werden.
Es sind die kleinen, lebendigen Gemeinschaften, die mit christlichem Wissen, mit religiösem Grundwissen für Erwachsene (Katechismus) und gläubiger Verbundenheit das Netzwerk der Kirche auf Erden bilden, im Dienste der Völkerverständigung, der Menschenrechte, des Eintretens für die Schwachen und Minderheiten, für die Bewahrung der Schöpfung, für den Frieden. Ein solches Netzwerk braucht Information, Kommunikation, Stärkung und Aufmunterung in den Stürmen der Zeit durch die großen Strukturen der Weltkirche, die nach dem Prinzip der Subsidiarität nicht nur befehlen, sondern unterstützen sollen. Daraus wächst die Solidarität der kirchlichen Gemeinschaft.
Aber Gott hat lebendige Menschen, nicht Strukturen erschaffen. Daher geht es letztlich immer um den Menschen. Die besten Strukturen helfen nichts, wenn der Mensch versagt.- Das hat auch Jesus gemeint, als Lehrer in Israel, wenn er, wie Matthäus berichtet, im Anschluß an die Bergpredigt sagt: "Ihr seid das Salz der Erde. Wenn das Salz seinen Geschmack verliert, womit kann man es wieder salzig machen? Es taugt nichts mehr und wird weggeworfen. ... Ihr seid das Licht der Welt. Eine Stadt, die auf dem Berge liegt, kann nicht verborgen bleiben. ... So soll euer Licht vor den Menschen leuchten, damit sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen." (Mt 5,13ff) Und abschließend heißt es: "Wer diese meine Worte hört und danach handelt, ist wie ein kluger Mann, der sein Haus auf Felsen baute."
Das heißt: Es genügt nicht, das Wort Gottes zu diskutieren und zu kommentieren, sondern es geht vor allem darum, es zu leben und im Leben zu bezeugen.
Daher lassen Sie mich zusammenfassen: Eine seit der ersten Konstantinischen Wende, am Beginn des 4. Jahrhunderts, vom Respekt der öffentlichen Meinung gestützte christliche Glaubenswelt in Europa, wird heute wie in den Anfängen durch eine entchristlichte, gleichgültige, mitunter feindliche öffentliche Meinung auf sich zurückverwiesen, auf ihre eigene Lebenskraft, zusammengewachsen aus göttlichem und menschlichem Element. Denn das Christentum war und ist eine Herausforderung, der man - besonders und verständlicherweise in einer Konsumgesellschaft - zu entgehen sucht. Die Spuren der Konstantinischen Reichskirche scheinen heute zu schwinden und eine zweite Konstantinische Wende kommt auf uns zu: Das heißt, im rauen Wind des Widerstandes wächst die Kraft der ökumenisch verbundenen, christlichen Glaubensgemeinschaft, wird wieder Salz der Erde und Licht auf dem Berge. Denn die Forderung nach dem Licht auf dem Berge, das leuchten soll, nach dem Salz, das nicht schal werden soll, gilt für alle Jahrhunderte christlichen Lebens.
Hören wir dazu die Stimme eines Mannes, dem die Frage nach dem Zeugnis des Lebens besonders am Herzen lag - ich zitiere wörtlich: "Leuchtet wie Licht in der dunklen Welt ... man brauchte so etwas nicht zu sagen, wenn unser Leben wirklich leuchtete. Es brauchte keine Belehrung, wenn wir Taten sprechen ließen. Es gäbe keine Heiden, wenn wir wahre Christen wären, wenn wir die Gebote Christi hielten ... aber: dem Geld huldigen wir genauso, wie sie (d. h. die Heiden), ja, noch mehr als sie. Vor dem Tod haben wir Angst wie sie. Armut fürchten wir wie sie. Krankheit ertragen wir schwerer als sie ... wie sollen sie vom Glauben überzeugt werden? Durch Wunderzeichen? Wunder geschehen nicht mehr. Durch unser Verhalten? Das aber ist schlecht. Durch Liebe? Keine Spur davon ist zu sehen. Darum werden wir auch einst nicht nur über unsere Sünden, sondern auch über den Schaden Rechenschaft ablegen müssen, den wir angerichtet haben." - Der dieses Anliegen so lebendig formuliert hat, - Johannes Chrysostomus, Patriarch von Konstantinopel - war ein Zeitgenosse des hl. Augustinus und lebte im 5. Jahrhundert. Soweit Chrysostomus. - Was dieser am Beginn eines christlichen Europa gesagt hat, gilt auch heute unverändert für unseren Weg in einer multikulturellen Gesellschaft in ein neues Millenium. Das Entscheidende ist letztlich immer der Mensch und das, was er tut. Schöne Worte allein genügen nicht.