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Wenn ich, Herr Vizekanzler, Herr Unterrichtsminister, Herr Bürgermeister der Bundeshauptstadt, - meine Damen und Herren, - wenn ich heute Gelegenheit habe, vor diesem illustren Forum das Wort zu ergreifen, - soeben ausgezeichnet durch den "Ehrenpreis des österreichischen Buchhandels", - so tue ich es, um zunächst Ihnen, Herr Präsident Dr. Mang meinen Dank zu sagen für die hohe Ehrung meiner Person und meines Amtes. Ich fühle mich zusätzlich geehrt, weil Sie damit auch eine Verbindung herstellen wollten zwischen dem Buch und der Religion, dem christlichen Glauben, das heißt, den großen geistigen Fragen, die seit eh und je den Menschen bewegen; weil Sie damit hervorheben wollten, welche Rolle das Buch auch heute spielt in den großen geistigen Auseinandersetzungen unserer Tage.
Ich danke Ihnen, Herr Vizekanzler, für die Laudatio, die Sie als Christ und als Mann der Politik im Dienste des Allgemeinwohles und unserer österreichischen Heimat vorgenommen haben. Ich danke für die anerkennenden Worte, die Sie dafür gefunden haben. Die Spannung zwischen gelebter Wirklichkeit und idealer Zielsetzung wird mir allerdings in einer solchen Stunde der Auszeichnung schmerzlich bewußt. Wenn ich in meiner Zeit als Wiener Erzbischof etwas beitragen konnte, um dort Brücken zu schlagen, wo der Graben sehr tief geworden war, so ist das nicht ausschließlich mein Verdienst, sondern ebenso der vieler anderer, die mitgeholfen haben. Das Kapitel der Spannungen und Gegensätze zwischen christlicher Weltanschauung, katholischer Kirche und demokratischer Ordnung in Staat und Gesellschaft war in unserem Lande oft schmerzlich. Aus diesem Grunde möchte ich mir erlauben auf dieses Thema noch einmal zurückzukommen.
Bevor ich dies tue, möchte ich Ihnen noch mitteilen, daß ich den hohen Geldbetrag, der mit meiner Ehrung verbunden ist, bereits P. Sporschill und seinen rumänischen Straßenkindern versprochen habe. Lassen Sie mich damit die Frage aufgreifen, ob demokratisches und christliches Denken Gegensätze sind oder Partner sein können.
Das Wort "Demokratie" ist in der zweiten Hälfte unseres Jahrhunderts zu einer Art Symbolbegriff geworden für ein gutes menschliches Zusammenleben, nicht nur im Rahmen des Staates, sondern auch der gesellschaftlichen Ordnung. Die Anziehungskraft dieses Wortes wurde so groß, daß auch Diktaturen und Formen des Totalitarismus sich seiner bedienten; allerdings mit der Beifügung, daß sie, das heißt, die Diktaturen, die einzig wahre oder echte Form der Demokratie repräsentieren. Das Schlagwort der Französischen Revolution von Freiheit und Gleichheit aller Menschen ist heute damit gemeint, wenn man von Demokratie spricht. Das durch angelsächsische Vorstellungen beeinflußte Demokratieverständnis ist seit dem Zusammenbruch des Nationalsozialismus des Jahres 1945 und seit dem Sturz des kommunistischen Imperiums vor rund drei Jahren heute in einem europaweiten Vormarsch. Der Respekt vor menschlicher Freiheit und Würde, vor den menschlichen Grundrechten, ist Grundlage unseres heutigen Demokratieverständnisses. In den ersten Monaten nach dem Zusammenbruch des Kommunismus erwartete sich der Osten den Beginn eines neuen Zeitalters; der Grund hierfür war das Verschwinden des Eisernen Vorhanges, sowie die Einführung demokratischer Ordnung anstelle der marxistisch-leninistischen Diktatur. Der Westen erwartete sich damit den Beginn eines neuen Zeitalters, das Ende des Krieges überhaupt und den Beginn einer europäischen Friedensordnung.
Auf die Euphorie der ersten Monate des Jahres 1990 folgte aber in kurzer Zeit eine Enttäuschung; man fragte sich: Wo ist der Triumph der Demokratie, von der man sich so viel im Osten erwartet hatte?
Das östliche Europa war enttäuscht; das westliche Europa war verwirrt und schwieg. Der Westen verstand nicht, daß in den Staaten nach dem kommunistischen Zusammenbruch ein langwieriger, sehr schwieriger Prozeß eines gesellschaftlichen und menschlichen Neuaufbaues beginnen müsse; - und dies nicht nur in materiellem Sinne, sondern ebenso in seelischer und geistiger Hinsicht. Auf eine materielle und vor allem moralische Unterstützung hat sich der Westen leider erst spät besonnen. Der Osten war zudem enttäuscht, weil er die vermeintlichen Segnungen eines westlichen Wohlstandes, in Verbindung mit einem demokratischen Staatsgefüge, nicht einfach über Nacht mit dem Verschwinden des Eisernen Vorhanges erreichen konnte. Und so schuf der Zusammenbruch im östlichen Europa jene Perplexität und Verwirrung, die eine Zeitlang fast alles lähmte.
Wie sollte man jetzt eine neue demokratische Ordnung aus dem Boden stampfen? - Ebensowenig war es möglich, die Passivität gegenüber Freiheit und Verantwortung über Nacht zu ändern; der Westen wartete ab, der Osten verzweifelte. Kein Wunder, daß die große Hoffnung auf ein neues Europa mit gemeinsamer demokratischer Verfassung sich bald in Skepsis wandelte und weiter wandeln wird. Im Osten wie im Westen tauchte immer wieder die Frage auf:
Und die christlichen Kirchen, die katholische Kirche, die aus dem Untergrund in die Freiheit zurückkehrten, was oder wie war ihre Reaktion? Es war wieder der Westen, der auf ein glanzvolles Wiedererstehen der vefolgten Kirche wartete; wartete, weil er nicht zuletzt einen erneuernden Einfluß auf die müden Kirchen des Westens erhoffte. Aber auch hier geschah nichts Spektakuläres. Die Sorge des neuen Anfanges und des grauen Alltages deckten alle übertriebenen Erwartungen zu. Man hoffte, daß Demokratie und Kirche mithelfen würden, um aus dem Nullpunkt der Resignation sich wieder zu erheben. Daher kam die Frage: Wie weit können heute Demokratie und christliche Kirchen, - ich meine hier vor allem die katholische Kirche, - wie weit können Demokratie und Kirche überhaupt eine Phase gegenseitigen Mißtrauens überwinden und den Anfang einer neuen Partnerschaft setzen?
Ich will hier nicht auf die Geschichte des Wortes "Demokratie" als politische Staatsform eingehen, sondern ich beschränke mich auf das Verhältnis von Kirche, das heißt, Katholischer Kirche und Demokratie. Das Wort, der Begriff "Demokratie" begegnete bis ins 19. Jahrhundert hinauf im Bereiche der Katholischen Kirche immer wieder einem gewissen Mißtrauen. Die Vorstellung von Demokratie war nicht einheitlich, weil verschiedene philosophische, sozialpolitische und revolutionäre Ideen sich mit demokratischen Vorstellungen in der einen oder anderen Weise verbunden hatten.
Die heilige Schrift als Glaubensbuch nimmt zur Frage demokratischer Staatsformen nicht Stellung. Die oft zitierte Stelle Mt 22,21: "Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist und Gott, was Gottes ist" - weist im Grunde nur auf die Unterscheidung eines diesseitigen und jenseitigen Bereiches hin. Von einer verständlichen Neigung zur Form eines Obrigkeitsstaates, zu geschichtlichen Zusammenhängen wie: "Thron und Altar", - von solchen Neigungen abgesehen, beginnt erst mit Leo XIII., Pius XII., dem II. Vatikanum, Papst Johannes Paul II., ein steigendes Interesse für demokratische Staatsformen aus der Sicht der Kirche.
Papst Pius XI. erklärte in seiner Weihnachtsansprache 1944 - vor dem Hintergrund eines zusammenbrechenden Nationalsozialismus einerseits, andererseits angesichts der sich verfestigenden kommunistischen Diktatur -, daß die Kirche keine Regierungsform ablehnt, wenn sie geeignet ist, dem Wohl der Staatsbürger zu dienen und die menschliche Würde zu schützen.
Johannes XXIII. sprach sein "Ja" zur Demokratie als Staatsform, ohne damit sagen zu wollen, daß sie die beste sei.
Das Vatikanische Konzil faßte das Verhältnis der Kirche zur Demokratie, (ohne das Wort "Demokratie" zu gebrauchen), zusammen und meinte (LG, Nr. 76):
"Die politische Gemeinschaft und die Kirche sind auf je ihren Gebieten voneinander unabhängig und autonom. Beide dienen, wenn auch mit verschiedener Begründung, der persönlichen und gesellschaftlichen Berufung des gleichen Menschen".
Wenn auch der direkte Hinweis auf Demokratie als Staatsform vom Konzil nicht gemacht wird, so ist dies indirekt doch deutlich der Fall. Denn, so heißt es weiter (LG, Nr. 73): "Aus dem lebendigen Bewußtsein der menschlichen Würde wächst in den verschiedenen Teilen der Welt das Bestreben, eine neue politisch-rechtliche Ordnung zu schaffen, in der die Rechte der menschlichen Person im öffentlichen Leben besser geschützt sind ... eine Voraussetzung ... daß die Bürger einzeln oder im Verbund am Leben und in der Leitung des Staates tätigen Anteil nehmen können. Für den Aufbau eines wirklich menschenwürdigen politischen Lebens ist aber nicht so wichtig, wie die Pflege der inneren Einstellung auf Gerechtigkeit, Wohlwollen und Dienst am Gemeinwohl, sowie die Schaffung fester Grundüberzeugungen über das wahre Wesen politischer Gemeinschaft und über den rechten Gebrauch sowie die Grenzen der öffentlichen Gewalt."
Dieser Hinweis ist deutlich so zu verstehen, daß im Konzil die Meinung bestand, in einem demokratischen Gemeinwesen bestünden die besseren Voraussetzungen für den Schutz solcher menschlicher Grundrechte. Das Konzil fügt dem noch hinzu, daß jene politischen Formen - die einer Demokratie entgegenstehen, abzulehnen sind, weil sie "die staatsbürgerliche und religiöse Freiheit schmälern, und daher die Opfer politischer Leidenschaften und Verbrechen vermehren, die Ausübung der staatlichen Gewalt nur zum Eigennutz einer bestimmten Partei oder gar der Machthaber selbst mißbrauchen und daher zum Schaden des Gemeinwohles sind". (a.a.O.) Das Konzil hebt anerkennend jene Nationen hervor, "in denen ein möglichst großer Teil der Bürger am Gemeinwesen beteiligt ist" (Nr. 31).
Besonders deutlich wird der Blick auf die demokratische Staatsform durch die Aufforderung des Konzils "vom Recht und von der Pflicht der freien Wahl Gebrauch zu machen zur Förderung des Gemeinwohles".
Papst Johannes Paul II. hat in seinem großen Rundschreiben Centesimus annus das Wort "Demokratie" ausdrücklich verwendet und das Verhältnis von Kirche und Demokratie folgendermaßen charakterisiert: "Die Kirche weiß das System der Demokratie zu schätzen, insofern es die Beteiligung der Bürger an den politischen Entscheidungen sicherstellt und den Regierten die Möglichkeit garantiert, sowohl ihre Regierungen zu wählen und zu kontrollieren ... Eine wahre Demokratie ist nur in einem Rechtsstaat und auf der Grundlage einer richtigen Vorstellung vom Menschen möglich" (Nr. 46).
Dazu gehört im Sinne von Centesimus annus notwendigerweise die Schaffung von Strukturen für eine Beteiligung an der Mitverantwortung.
Dazu aber gehört wieder das Festhalten an vorgegebenen Werten und Grundsätzen, die nicht erst durch Mehrheitsbeschlüsse gefunden werden. "Eine Demokratie", so wörtlich, "ohne Werte verwandelt sich wie die Geschichte beweist, leicht in einen öffentlichen oder hinterhältigen Totalitarismus". Aus diesem Grunde macht Papst Johannes Paul II. aufmerksam auf die Gefahr des Fanatismusses oder Fundamentalismusses "derer, die glauben, im Namen einer angeblichen Wissenschaft oder religiösen Ideologie den anderen Menschen ihre Auffassung aufzwingen zu können, von dem, was wahr und gut ist". (Nr. 46)
Daher wird der Christ wörtlich "im Dialog mit anderen Menschen jedem Beitrag an Wahrheit und Werten Achtung zollen, soweit er ihnen in der Lebensgeschichte und in der Kultur der einzelnen und der Nationen begegnet. Er wird aber nicht darauf verzichten, all das zu vertreten, was ihn sein Glaube und der rechte Gebrauch der Vernunft gelehrt haben". (Nr. 46)
Es sind nicht zuletzt die geschichtlichen Erfahrungen der jüngsten Zeit, die das Interesse der Kirche an demokratischen Staatsauffassungen verdeutlichen. "Nach dem Zusammenbruch des kommunistischen Totalitarismus", so der Papst, "und verschiedener totalitärer Regime, einer sogenannten "Nationalen Sicherheit" erleben wir heute - wenn auch nicht unbestritten, ein Überwiegen demokratischer Vorstellungen; besonders auch deswegen, weil sie verbunden sind mit einem lebendigen Bewußtsein und einer Sorge für die Menschenrechte".
Besonders wichtig scheint mir der Hinweis zu sein auf jene Völker, "die ihre innere Ordnung jetzt neu gestalten", daß sie durch eine audrückliche Anerkennung solcher Rechte der Demokratie eine glaubwürdige und solide Grundlage geben. (Solche Gedanken finden sich bereits in Redemptor hominis, Nr. 17)
In Wien ging vor einigen Monaten die große Konferenz der Menschenrechte zu Ende. Bei den Gegensätzen und großen Schwierigkeiten, die sichtbar geworden sind, scheinen mir zwei Gesichtspunkte wichtig zu sein:
1. Nur eine demokratische Staatsform ist bereit und imstande, die Universalität der Menschenrechte anzuerkennen; das heißt, daß alle Menschen unabhängig von Rasse, Sprache, Kultur gleich sind.
2. Man muß die der staatlichen Ordnung vorgegebenen, nicht von staatlichen Beschlüssen abhängigen Rechte anzuerkennen bereit sein.
Wenn man weder den ersten noch den zweiten Punkt annimmt, ist ein Gespräch über universale Menschenrechte sinnlos. Daher sind demokratische Strukturen, so sagte der Vatikan-Vertreter auf der Menschenrechtskonferenz in Wien, ein gewisser Schutz gegen die Verletzungen der Menschenrechte. Wer Menschenrechte von Kulturen oder staatlichen Traditionen abhängig sein läßt, der relativiert sie, leugnet ihre allgemeine Gültigkeit.
Dies ist ein kurzer Hinweis auf das positive Verhältnis von Kirche und Demokratie, wie es sich seit Pius XII., Johannes XXIII., dem II. Vatikanum und besonders Johannes Paul II. entwickelte.
Das Verhältnis von Kirche und Demokratie wurde stark beeinflußt durch die schmerzlichen Erfahrungen, die die katholische Kirche in den bekannten Diktaturen machen mußte. Es ist der Kirche in diesem Zusammenhang sehr deutlich geworden, welche Bedeutung persönliche Freiheit, menschliche Würde, elementare Grundrechte für Kirche und Demokratie haben.
Im Folgenden versuche ich noch, mit einigen Hinweisen, auf die Schwierigkeiten aufmerksam zu machen, die sich für die Kirche im östlichen Europa ergeben, in der Zeit des Überganges nach dem Zusammenbruch des Kommunismus in eine neue, demokratische Ordnung.
In diesen Diktaturen war das Wort "Demokratie" zu einem Zeichen der Hoffnung geworden. Ein Zeichen der Hoffnung, frei und unabhängig zu sein, als Einzelmensch und als Gesellschaftswesen.
Die Enttäuschungen im östlichen Europa angesichts der egoistischen Haltungen des westlichen Europa haben aber den Begriff Demokratie auf den Prüfstand östlicher Skepsis gestellt. Dem prüfenden Blick des Staatsbürgers im östlichen Europa, der sich des schmerzlichen Überganges von der absolutistischen Diktatur zu einer demokratischen Ordnung bewußt ist, tauchen im Bezug auf Demokratie wie sie der freie Westen bietet, zwei Defekte auf: einmal ist es die rückläufige Tendenz gemeinsamer außer Streit gestellter Werte für das demokratische Zusammenleben.
Zweitens ist es die Permissivität, die sich in der Demokratie westlicher Prägung breitmacht, sie verängstigt zum Teil den Staatsbürger des Ostens.
Demokratie im freien Westen betont immer mehr die Freiheit und schiebt, die mit Freiheit verbundene Verantwortung beiseite. Im Namen demokratischer Freiheit nimmt Pornographie in TV und Medien überhand, wächst die Brutalität, die Entwürdigung und Schändung der Frau, nimmt Lüge und Verleumdung überhand; in Verbindung mit Drogen, Jugendbanden, Zerstörung der Familie, scheint das christliche Welt- und Menschenbild ohne Einfluß auf eine demokratische Wertordnung zu sein. Im Neuaufbau demokratischer Staaten im östlichen Europa ist das Bewußtsein einer christlichen, europäischen Überlieferung, eines frei gewordenen christlichen Lebens und Bekenntnisses noch stärker vorhanden. Aber mit dem Blick auf die Freiheitsordnung westlicher Demokratien hört man im Osten die Frage: Ist denn das alles die Frucht einer kraftlos und haltlos gewordenen Demokratie, im Bereiche der Gesellschaft sowie der Familie?
Dazu die weitere Frage: Wie soll sich die Kirche in der Zeit des Neuanfangs im Osten auf das Verhältnis von Demokratie und Kirche einstellen? Dazu taucht im Hintergrund noch eine andere Schwierigkeit auf: Ende der 60er Jahre, der Zeit der sogenannten Studentenrevolte machte sich das Schlagwort breit von einer Demokratisierung aller Lebensbereiche. Demokratie auch in der Kirche.
Kein Wunder, wenn in manchen Kreisen derer, die für die Kirche Verantwortung oder letzte Verantwortung tragen, zur Vorsicht gegenüber dem Westen, dem westlichen Europa gemahnt wird: Vorsicht angesichts einer morsch gewordenen demokratischen Gesellschaft; Vorsicht vor einem überbordenden Subjektivismus in Glaubensfragen der Kirche und einer liberalen Theologie des Westens, Vorsicht vor dem, was als nachkonziliare Kirche uns aus dem Westen als Reifeprozeß kirchlichen Lebens nahegelegt wird. Das sind schwierige und heikle Fragen, auf die ich kurz mit Blick nach Osten zu antworten versuche:
1. Demokratie ist gewiß nicht die beste Staatsform unter den sonst möglichen, aber wie aus den angeführten Stellungnahmen kirchlicherseits, das heißt, seitens des Konzils und des gegenwärtigen Papstes Johannes Paul II. zu ersehen ist, besteht bei einer demokratischen Staatsform die größere Chance für die Achtung von Freiheit, menschlicher Würde, sowie Religionsfreiheit.
2. Eine Demokratie ist aber auch immer in Gefahr, durch einzelne politische Parteien, wirtschaftliche Gruppen und nicht zuletzt auch durch die Medien manipuliert zu werden.
3. Nicht das politische Kozept einer Demokratie ist schwach und daher auch immer reformbedürftig; es liegt letztlich immer an den Menschen, die in den politischen Lebensvorgängen einer Demokratie Verantwortung oder Mitverantwortung tragen. Ihre Aufgabe ist es, das Gemeinwohl nicht ausschließlich durch die Brille einer politischen Partei oder wirtschaftlicher Gruppen zu sehen. Es ist aber auch nicht Aufgabe der Kirche, durch Bischöfe und Priester politische Parteien leiten und führen zu wollen. Aufgabe der Bischöfe und Priester ist es immer wieder, katholische Laien, vor allem auch jüngere Frauen und Männer, aufgrund des christlichen Welt- und Menschenbildes, einzuladen, in den Dienst des Gemeinwohles zu treten. Aufgabe der Bischöfe und Priester ist es, auf die Grundsätze der christlichen Soziallehre ohne Unterlaß hinzuweisen und so katholische Laien zum Dienst im demokratischen Staate zu ermuntern; und auf diese Weise auf den Grundsatzfragen einer Demokratie hinzuweisen. Diesen Dienst selbstlos und im Großen und Ganzen gut zu leisten, ist nicht leicht und braucht eine ständige Ermunterung.
Die Aufgabe des Klerus ist es aber nicht, in die tägliche Arbeit der politischen Parteien und Tagesentscheidungen einzutreten. Nicht die demokratischen Strukturen stehen für die kirchliche Hierarchie im Vordergrund, sondern die Freiheit und Verantwortung des Menschen, das heißt, im Bereiche für diese Welt und für seinen Weg als Christ in Verbindung mit seiner kirchlichen Gemeinschaft. Demokratie einseitig nur mit Freiheit zu verbinden, führt in die Irre. Freiheit schließt immer, für sich und andere, Verantwortung mit ein. Freiheit und Gleichheit sind immer zu sehen im Lichte des abendländischen Humanismus und der christlichen Wert- und Weltordnung. Das ist kein Widerspruch, denn das christliche Menschenbild ergänzt und erhöht das humanistische.
4. Das Schlagwort von der "Demokratisierung der Kirche" stammt nicht aus den Dokumenten des II. Vatikanums. Wohl aber war es dem letzten Konzil ein Anliegen, in seinem Dokument über die Kirche, wie über das Laienapostolat den Akzent einer einseitigen Klerikerkirche zurechtzurücken durch die Verbundenheit von Priestern und Laien im wandelnden Gottesvolk. Das manchmal einseitige Kirchenbild einer sogenannten "Zweiklassengesellschaft" in der Kirche - die höhere Klasse wäre der Klerus, das dienende Element der Laien - dies sollte durch ein erneuertes Kirchenbewußtsein korrigiert und für die Zukunft der Kirche sichergestellt werden. Das heißt, Klerus und Laien arbeiten zusammen, zum Wohle der einen Kirche Christi. Dabei ist die Komplexität von sichtbaren und unsichtbaren Strukturelementen zu beachten. Das "Priesteramt des Dienstes" der Priester ist in eine richtige Verbindung zu setzen zum "gemeinsamen Priestertum aller Gläubigen".
Daraus ergibt sich die grundsätzliche Bedeutung und Einschätzung des Laienapostolates für die Zukunft der Kirche. Lumen gentium Nr. 30 sagt: Die Behandlung des Laienapostolates, in Verbindung mit der Kirche, sei wichtig geworden, "wegen der besonderen Verhältnisse unserer Zeit" und "... weil die geweihten Hirten sehr wohl wissen, wieviel die Laien zum Wohl der ganzen Kirche beitragen". LG Nr. 33 fügt dann wörtlich hinzu: "Die Laien sind besonders dazu berufen, die Kirche an jenen Stellen und in den Verhältnissen anwesend und wirksam zu machen, wo die Kirche nur durch sie Salz der Erde werden kann. So ist jeder Laie, kraft der ihm geschenkten Gaben, zugleich Zeuge und lebendiges Werkzeug der Kirche selbst".
In der Geschichte der Kirche war es übrigens zum erstenmal, daß ein solches Thema auf einem ökumenischen Konzil behandelt wurde. Aber am 18. November 1965, das heißt, ca. drei Wochen vor Konzilsschluß, wurde dieses Dokument nach langen Beratungen und vielen Änderungsvorschlägen, mit 2340 Ja-Stimmen und - nur 2 Nein-Stimmen feierlich verabschiedet.
Das Konzil wollte damit auch ausdrücken, daß Laien nicht nur Lückenbüßer im Falle des Priestermangels sind, sondern daß sie aufgrund von Taufe und Firmung am allgemeinen Priestertum der Kirche teilhaben.
Dies bedeutet keine "Demokratisierung" der Kirche im Sinne der staatlich-politischen Strukturen; wohl aber bedeutet es eine Wiederbesinnung im Sinne der Schrift und der Väterzeit, auf die Fülle ihres inneren Reichtums, mit menschlichen und göttlichen Strukturelementen, - aber auch mit dem Blick auf die Erfordernisse der Zukunft. Demokratie und Kirche gehen in der nachkonziliaren Zeit verstärkt aufeinander zu. Aufgabe der Kirche ist es, dabei vor allem den Menschen zu sehen, im Sinne eines christlichen Welt- und Menschenbildes. Dieser Dienst der Kirche für die Menschen wird nicht zuletzt ein wichtiger Dienst auch für die Demokratie der Zukunft sein.
zitiert nach: Magazin. Literatur, Kunst und Gesellschaft, Extraausgabe zur Buchwoche 1993 in Wien, Verlag Österreich
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