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Das heutige Thema führt uns direkt in eine Welt, die als Bauwerk, als Skulptur und Bild nicht zuletzt als Musik, Poesie mit der Welt des Glaubens und der Religion eng verbunden ist. Für mich aber ist es ein willkommener Anlaß, um in Ihrer Mitte, in Ihrer schönen Stadt und damit im weitbekannten Münsterland das Wort ergreifen zu können.
Wenn ich dies tue, so möchte ich Ihnen einige einfache Gedanken vorlegen, über das Verhältnis von moderner Kunst zur Welt des Glaubens in unserer Zeit. Meine Absicht ist es dabei, auf folgende Gesichtspunkte skizzenhaft einzugehen: 1. Die Verständnisschwierigkeiten in bezug auf alte und neue Kunst. 2. Kirche und Künstler aus der Sicht des Glaubens, gegenseitige Mißverständnisse. 3. Eine zerissene, das heißt, eine säkularisierte Welt mit den Schwierigkeiten für die Sprache des Künstlers. 4. Kirchliche Kunst, Liturgie im Weltbild von heute.
Die heute kaum mehr übersehbare Fülle religionsgeschichtlichen Materials führt uns intensiv vor Augen, in welchem Umfang und Vielfalt religiöse kultische Handlungen und Kunst in der Geschichte der Völker miteinander verbunden sind. Daher kann man mit Recht sagen, daß Religionsgeschichte zu einem großen Teil auch Kunstgeschichte ist. Auch im Verlauf unserer heimatlichen und europäischen Geschichte sind die Beziehungen zwischen Kunst und Glaube, zwischen Kirche und Kunst reichhaltig und mannigfach. Daher sind auch die engen Verbindungen von Kirche und Kultur in unserer Heimat sowohl in der Geschichte wie in der Gegenwart als selbstverständlich zu bezeichnen. Aus einer solchen Sicht können wir daher ebenfalls sagen, daß Kirchengeschichte in unserer Heimat, in unseren Ländern weithin auch Kunstgeschichte ist. Von Anfang an war es allerdings nicht so. Zur Zeit der Kirchenväter, in der ersten christlichen Zeit, war das Thema Glaube mit oder ohne Bild -wie Sie wissen - sehr umstritten.
Ich komme aus einem Land, wo ebenso wie bei Ihnen, die Zeugnisse einer fruchtbaren Wechselbeziehung zwischen Kirche und Kunst in einer kaum übersehbaren Fülle vorhanden sind. Die Stichworte Romanik, Gotik und Barock sind nicht nur Anlaß für kunstgeschichtliche Kommentare der Touristen, sondern ebenso auch ein Hinweis auf das zu bewahrende, zu behütende Erbe der weltlichen und geistlichen Geschichte unserer Heimat. Und wenn wir selbst als Urlauber auf Reisen gehen, sind wir erstaunt und beglückt, was die enge Verbindung von Kunst und Glaube in unseren Gotteshäusern und Museen vor unsere Augen und Ohren hinstellt. Das ist umso mehr dann gegeben, wenn wir über nur kunstgeschichtliche Kommentare hinaus die ursprünglich religiösen, gläubigen Aussagen erfassen oder zu erfassen versuchen. In der alten Kunst, so spüren wir, ist das Vermitteln einer von Religion und Glaube erfüllten Welt unmittelbarer, leichter zu erfassen als in der neuen oder modernen Kunst.
Es scheint fast, als ob die Künstler unserer Zeit durch die reiche Last der Kultur- und Kunstgeschichte unserer Vergangenheit sich selber belastet und nicht beschenkt fühlten. Es scheint - ich will mich damit keineswegs identifizieren - als ob die Vergangenheit die künstlerische Aussagekraft in unserer Zeit einenge. Es scheint, als ob der Ausweg in die Abstraktion die Folge sei. In dem Büchlein ''Heilige Zeichen'' von Bischof Kapellari finde ich in diesem Zusammenhang den Satz: ''Das Schöne, worauf der einfache Mensch in der Kunst vor allem aus ist, wird so zum Aschenbrödel der Moderne und diese wieder wird für den durchschnittlichen Zeitgenossen zum unverstandenen Luxus einer beneideten Elite'' (S. 96). Auch die Verbindung von Gesellschaft und Kunst ist so in der Sicht unserer Zeit schwierig geworden. Davon ist auch das Verhältnis von Kirche und moderner Kunst mitbetroffen.
Diese früher so selbstverständliche Verbundenheit ist heute mit Problemen, Fragen und Vorwürfen belastet. Wenn in der Vergangenheit Kunst mit ihren verschiedenen Ausdrucksformen eine Deutung der Geschichte und Kultur gewesen ist, so ist die Kunst wohl auch heute Symptom für unsere Zeit. Man hört in unseren Tagen oft das Schlagwort: In der Krise der Kunst spiegelt sich die Krise der Kirche und umgekehrt. Oder man hört den Vorwurf: Der Verlust des Bildes, die Gegenstandslosigkeit einer abstrakten Kunst sei mit schuld am Verlust einer christlichen Spiritualität, einer geistlichen Tiefe in den kirchlichen Lebensformen. Moderne Kunst sei - so sagt man - in ihrem innersten Wesen profan geworden, ohne erhebende Kraft und ohne Ausstrahlung in ihrer Sprache. Daraus ergibt sich dann die Frage: Ist die Tradition von fast zweitausend Jahren Kunstgeschichte heute erschöpft? Sind vielleicht neue, bisher nicht begangene Wege zu suchen, um aus einer scheinbaren Sackgasse herauszuführen?
Angesichts so pessimistischer Fragen antwortet uns die Religionsgeschichte der Menschheit: Überall hat das Religiöse - nicht nur in der christlichen Gemeinschaft Kirche - nach einer Sprache gesucht, die das Unvergängliche hinter dem Vergänglichen, das Transzendente im Diesseitigen suchte, um es zeit- und lebensnah zu deuten. Das Fragen und Suchen in Verbindung mit der modernen Kunst gibt uns allen aber auch zu verstehen, daß wir in der Kunst den Künstler, den Menschen nicht vergessen dürfen. Nicht die Wissenschaft, die neuen technischen Möglichkeiten sind es, die uns das Fürchten lehren, sondern der Mensch ist es, der auch in Wissenschaft und Technik die Verantwortung trägt, um zu unterscheiden zwischen richtig und falsch, zwischen Gut und Böse, zwischen Wahrheit und Lüge. - Er ist es, der Wege weist zu richtigen oder falschen Zielen.
Eine Kunst aus der Perspektive des Glaubens wird daher nicht zuletzt das Verhältnis von Kirche und Künstler mitbedenken, des Künstlers in unserer Welt und Zeit. Der Künstler folgt in seinem Schaffen einem schwer ergründbaren inneren Antrieb. Er muß bauen und Bildwerke schaffen, malen und zeichnen, dichten und komponieren. Das alles ist nicht nur Sache des Talentes, der künstlerischen Begabung sondern gleichzeitig auch ein Berührt-werden vom Geheimnis des Schöpfers und seiner Geschöpfe. Die Person des Künstlers gibt uns zu verstehen, daß seine Kunst hinausreicht über seinen eigenen persönlichen Lebensbereich. Er ist Mittler in einer Gemeinschaft, und das Kunstwerk vollendet sich erst dann, wenn der Beschauer und Hörer lebensnah angesprochen wird, wenn er als Dialogpartner des Künstlers mitlebt und sich verstanden fühlt. Die Botschaft des Künstlers vervielfältigt sich mit dem Blick auf den, der sie aufnimmt.
Wenn wir in einem solchen Zusammenhang uns wieder dem Thema Kirche und Kunst, besser Kirche und Künstler zuwenden, so heißt das: Die Geschichte der christlichen Kunst gibt uns zu bedenken, daß auch von seiten der Kirche ein bleibendes pastorales Interesse an der Förderung des Künstlers und seines Schaffens besteht. Andererseits eröffnet aber die Perspektive des Glaubens für den Künstler große Zusammenhänge, Fragen, die den Menschen schon immer und besonders heute bewegen. Dazu kommt die Botschaft vom menschgewordenen Wort Gottes als eine bleibende Herausforderung an alle, die nach der unvergänglichen Wahrheit und ihren Werten suchen.
Verschiedene Mißverständnisse unserer Zeit haben leider auch das gegenseitige Interesse an Kunst und Glauben gemindert oder teilweise blockiert. Auf Seite der Kirche wurden viel Zeit und Kraft absorbiert durch die schweren Auseinandersetzungen von Wissenschaft und Glaube durch einen zeitweisen politischen Druck und durch die Verfolgungen des Marxismus und Nationalsozialismus. Dazu kam das Ringen der Kirche mit einer säkularisierten Welt, mit einer ausschließlichen Hinwendung zum Diesseits - absorbierte viel Zeit und Kraft, die notwendig gewesen wären, um sich intensiv mit Fragen von religiöser Kunst und Literatur zu beschäftigen. Der Künstler aber sah sich in dieser Welt immer mehr verlassen und nicht verstanden. Zudem erwuchsen ihm durch das Auseinanderfallen, die völlige Trennung von Diesseits und Jenseits, zusätzliche Anforderungen. Heute müssen wir alle sagen: Die Umwelt, in der wir leben, die Luft, die wir atmen, die Gemütswerte, die uns umgeben, die Gesellschaft, in die wir hineingeboren sind, tragen den Stempel einer entsakralisierten Welt. Skulpturen und Bilder mit religiösen Themen gehören nicht mehr zur Welt, in der wir wohnen und leben, so heißt es. Das ist keine Anklage, sondern eine nüchterne Feststellung. Die Perspektiven des Glaubens haben sich verflüchtigt, das bloße Wissen um religiöse Werte ist kaum mehr vorhanden.
Bei einem Besuch im Dom zu Gurk in Kärnten kam mir das eines Tages eindrucksvoll zu Bewußtsein. Zu den wertvollen Schätzen alter Kunst gehört dort die Kaiserkapelle. In einem überwölbten kleinen Raum zeigen die Fresken aus dem 12. Jahrhundert, mit zum Teil leuchtenden Farbresten in grün und blau, die großen biblischen Themen des Alten und Neuen Testamentes in ihrem inneren Zusammenhang. Von der Genesis bis zur Apokalypse werden die darin enthaltenen Glaubens- und Gemütswerte dem Beschauer bewußt gemacht. Die Generation von damals, vom Kaiser bis zum Bauer, waren durch die Bildersprache einer religiösen Kunst mit Verstand und Herz hineingestellt in die lebendigen Perspektiven des Glaubens - ohne Trennung von Diesseits und Jenseits. Die Fresken zeigen die Inkarnation des Sakralen im Profanen. Es war die religiöse und kirchliche Kunst von damals, auf deren Schultern eine Welt ruhte, die nicht auseinanderfiel. Ein anderes Beispiel einer solchen Welt findet sich am Riesentor des Domes zu St. Stephan in Wien. Im untersten Bereich sehen Sie dort zwischen Pfeilern und Säulen zeichenhaftes Dekor. Der Mittelbereich zeigt Handlungen und Leben. Sie sehen Menschen, Tiere und Kampfszenen. Daneben finden sich Bilderhinweise auf Schuld, auf die Entscheidung zwischen Gut und Böse. Im obersten Bereich findet sich die heilige Welt: die Apostel, Apokalypse und Christus, der als Tür zum Leben führt. Für den Beschauer ergibt sich die Präsenz beider Welten und die Vielfalt der Kräfte und Mächte in dieser Welt. Der Beschauer spürt zugleich die damit verbundene offene Zone der notwendigen Entscheidung, die der Beschauer selber zu treffen hat.
Das sollen nicht kunstgeschichtliche Betrachtungen sein. Es ist vielmehr ein Versuch, die ganz andere Welt zu begreifen, in der der Künstler von heute versuchen muß, das auszudrücken, was die Fresken von Gurk in einer versunkenen Welt in ihrer Sprache taten.
Wenn christliche Kunst zu einem großen Teil auch heute als kirchliche Kunst im engeren Sinn in Erscheinung tritt, so wird ein Gespräch zwischen Kirche und Künstler heute besonders Bezug nehmen auf das Thema Liturgie der Kirche, Liturgie in der Kirche. Hier wird man in einem auf die Gegenwart bezogenen Rahmen neu ansetzen müssen. Unser Dichter Eichendorff meinte für den künstlerischen Bereich des Wortes: Es schläft ein Lied in alle Dingen - die da träumen fort und fort; - und die Welt hebt an zu singen, - triffst du nur das Zauberwort.
Das Zauberwort, der Schlüssel, der Begriff für eine Kunst unserer Zeit aus der Perspektive des Glaubens, einer christlichen Kunst auf dem Weg zur Kirche, mit der Kirche, liegt nach meinem Dafürhalten in zwei Dingen beschlossen. Erstens ist zu bedenken, daß Kunst und der Künstler autonom sind, vielmehr als dies in der Vergangenheit der Fall war. Damit wird die persönliche Verantwortung des Künstlers, das Vertrauen auf die eigene Schöpfungskraft im Sinne einer persönlichen Sendung betont. Ein zweites: Aus der Sicht des Glaubens ist der Mensch als Gottes Bild und Gleichnis zu sehen. Nach dem Buch der Genesis: ''Gott schuf also den Menschen als sein Abbild, als Abbild Gottes schuf er ihn. Als Mann und Frau schuf er sie''. Und einige Zeilen weiter: ''Hiermit übergebe ich euch alle Pflanzen auf der ganzen Erde''... und "alles, was Lebensatem in sich hat''. Die Schöpfung und der Mensch tragen daher Gottes Spuren. Die in der christlichen Tradition aufbewahrte Vorstellungswelt der Bibel enthält zudem die Urbilder der menschlichen Existenz und Archetypen jeder menschlichen Gesellschaft. Diese christlichen Bildvorstellungen sind nicht überholt, sondern in unserer orientierungslos gewordenen Zeit neu zu entdecken. Es geht also nicht um private Vorstellungen, mit denen der Künstler aufzufallen versucht; es geht um eine in Vergessenheit geratene Neubesinnung auf das Welt- und Menschenbild einer früheren Zeit und Kultur, wie es sich aus der Perspektive des Glaubens ergibt; solches ist nicht etwa in sondern hinter den Fresken eines Gurker Domes zu suchen; zu suchen für die ganz anderen Voraussetzungen und Gegebenheiten unserer Zeit.
Solche Überlegungen dürften auch der Vatikanischen Liturgiekonstitution zugrunde liegen, wenn wir in Nr. 23 dort lesen: ''Die Kirche hat niemals einen Stil als ihren eigenen betrachtet, sondern hat je nach Eigenart und Lebensbedingungen der Völker (und Kulturen) und nach den Erfordernissen der verschiedenen Riten die Sonderart eines jeden Zeitalters zugelassen. So wurde im Laufe der Jahrhunderte ein Schatz zusammengetragen, der mit aller Sorge zu hüten ist. Auch die Kunst unserer Zeit und aller Völker und Länder soll in der Kirche Freiheit der Ausübung haben'' ... "sofern dies auch mit der entsprechenden Ehrerbietung geschieht."
Das heißt über den engeren Rahmen von Menschen und Welt hinaus will die Liturgie das Jenseitige im Diesseitigen, das Wort Gottes in verschiedenen heiligen Zeichen verständlich und begreiflich machen. Sie will das Heilige im Profanen inkarnieren. Der dadurch gegebene Hinweis auf Riten und Symbole ist eine fortdauernde Einladung auch an den Künstler, Symbole und (heilige) Zeichen auch in unserer Zeit wieder in Verbindung zu bringen mit der gläubigen Tradition und damit mit den Urbildern menschlicher Existenz, wie sie in den heiligen Büchern aufgezeichnet sind. Diesem Anliegen kann die Kirche in Verbindung mit dem Künstler nur in der Sprache unserer Zeit Ausdruck geben. Die religiöse Sehnsucht des Künstlers wird dabei wichtig sein. Es bedarf dazu aber auch einer Beschäftigung - getragen von Verstand und Herz - mit dem Anliegen der Liturgie als Sprache des Glaubens. Zur menschlichen Sehnsucht und zum menschlichen Ahnen von einem Schöpfer des Himmels und der Erde muß noch das schlichte Glaubenswissen hinzukommen. Daß Gott als Vater im Himmel sich nicht nur als Schöpfer einer wunderbaren Welt manifestiert, sondern selbst sein Wort als Offenbarung an uns gerichtet hat, als Jesus Christus inkarniert und in die Geschichte dieser Welt und Menschheit eingetreten ist, das macht das Christentum zu einer Herausforderung an den Menschen einer jeden Zeitepoche.
Liturgie ist normalerweise im Kirchenraum beheimatet. Architektur gibt nicht nur Raum, sondern beeinflußt auch die Sinnrichtung der im Kirchenraum beheimateten Künstler. Die Schwierigkeit besteht darin, daß es in unserer Zeit besonders schwer ist, eine Synthese zu finden zwischen einer christlichen, gläubigen Vorstellungswelt und einem künstlerischen Stil, einer künstlerischen Ausdrucksform, wie sie sich heute im weltanschaulichen Pluralismus herausgebildet hat. Es geht nicht nur um ein entweder-oder. Eine andere Schwierigkeit kommt von seiten vieler Christen und Kirchenbesuchern, die im kirchlichen Raum und in den künstlerischen Themen eine heile Welt vorfinden wollen, ohne Bezug auf die geistige Realität des uns umgebenden Lebens. Sie wollen das himmlische Jerusalem in der künstlerischen Ausstattung eines sakralen Raumes sehen und nicht die dazu gehörenden apokalyptischen Reiter der Geheimen Offenbarung. Sie wünschen eine Darstellung des Heilandes als menschliche Idealgestalt, aber nicht den Schmerzensmann. Sie wollen das Fest des heimgekehrten verlorenen Sohnes, aber nicht einen Hinweis auf die Irrwege, die er früher gegangen ist.
Die Welt des Glaubens in ihrer umfassenden Einheit aber hineingestellt in die vielfältige und zerrissene Welt unserer Zeit. Hier nach einer Synthese zu suchen, ist die schwierige aber auch dankenswerte Aufgabe des Künstlers als Zeit- und Weggenosse. Im Wirrwarr der Worte einer auseinanderfallenden Welt, im oft apostrophierten Werteverfall stellt sich die Sinnfrage in der Kunst umso mehr: Welchen Sinn hat das Leben, woher komme ich, wohin gehe ich - welchen Sinn hat mein Leben? - In dieser unserer Welt wird Kunst - christliche Kunst im besonderen - nur dann zum Wegweiser werden können, wenn sie sich den wesentlichen Anliegen unserer Zeit nicht verschließt. Die Frage nach einer Unterscheidung der Geister wird dabei aber immer mehr in den Vordergrund rücken. Christliche Kunst kann nicht nur Kompromiß sein, sondern muß auch zu einer Entscheidung herausfordern.
Vor sieben oder acht Jahren - es war anläßlich des Berliner Katholikentages - hatte der Münchner Ordinarius für Kunstgeschichte an der dortigen Akademie der Bildenden Künste eine Ausstellung vorbereitet unter dem Motto ''Zeichen des Glaubens - Geist der Avantgarde''. Wie ich aus Berichten weiß, hat die Darstellung seinerzeit ein größeres Aufsehen erregt. Mit der Ausstellung sollte darauf hingewiesen werden, daß die moderne Kunst des 20. Jahrhunderts spirituell bestimmt sei, mehr als jene des 19. Jahrhunderts. Ein solches Motto wollte der sehr verbreiteten Meinung offen widersprechen, daß moderne Kunst durch einen Verlust des Humanen und damit auch des Religiösen gekennzeichnet sei. Achtzig Bilder sehr bekannter Maler von Picasso bis Kandinsky wollten das deutlich machen. Vor einigen Monaten, im heurigen September, meinte jener Prof. Schmid auf einer Pressekonferenz - laut einer KNA-Meldung - daß die jüngere Malergeneration noch stärker als früher von einem Trend zur Transzendenz geprägt sei. Der Grund hierfür liege in der allgemeinen Verunsicherung und Zukunftsangst, die durch die Atombombe und die Umweltprobleme ausgelöst wurden. Die Sorge, ob wir überleben, lasse bei jungen Künstlern das Interesse am Transzendenten, am Unvergänglichen inmitten einer vergänglichen Welt noch deutlicher werden. Eine neue Ausstellung, die für den Berliner Katholikentag 1990 in Aussicht genommen ist, sollte noch mehr darauf eingehen.
Der brüchig gewordene Optimismus eines ausschließlich dieser Welt zugekehrten Weltgefüges sucht ohne Zweifel neue Wege, klare Antworten, für die sich aufdrängenden letzten Fragen. Die Perspektive des Glaubens rückt in dieser Welt in größere Zusammenhänge ein. Das Gespräch zwischen Kirche und Künstlern erhält neue Impulse, es wird zu einem pastoralen Anliegen. Das heißt von seiten der Kirche, von seiten der Seelsorge wird mehr Verständnis aufzubringen sein, daß seit dem 18. Jahrhundert jene Welt auseinandergebrochen ist, die seit dem 3. Jahrhundert das geistliche Antlitz Europas geformt hat. Die Zerstörung dieser Welt hat außerdem zur Folge, daß der Künstler sich viel intensiver als früher mit dem Glauben, dem Welt- und Menschenbild des Glaubens auseinandersetzen muß. Es ist nicht mehr die Welt um ihn, sondern die Welt in ihm, die zum künstlerischen Schaffen und Ausdruck drängt. Das alles weist wieder in die Richtung regelmäßiger Gespräche und Begegnungen.
Es war in Wien, wo während und nach dem Krieg ein Otto Mauer den Versuch machte, Künstler und Kirche zu regelmäßigen Begegnungen anzuregen. Seine Gesprächskreise, Diskussionen, Sammlungen von Werken neuer Kunst in einer dazu begründeten Galerie nächst St. Stephan waren nicht eine Quelle der Information über diese Begegnungen; es war gleichzeitig ein Anlaß, zu überlegen, zu verstehen, wieweit Kunst auch ein Spiegelbild der Zeit ist; ein Spiegelbild, das hinführt zu dem, was als Not, Sehnsucht und Hoffnung die Menschen in der Gegenwart bewegt.
Daran möchte ich noch anschließen, was Kirche, Kirchenführung und kirchliche Gemeinde von heute mitbringen sollen, vorbereiten sollen, um den Boden für solche Gespräche, solche Begegnungen zu bereiten. Zuerst und vor allem ist es das richtige Verständnis der Liturgie. Dies darf nicht so aufgefaßt werden, als sei in ihr nur dem Menschen in seiner irdischen und nicht vor allem in seiner geistigen Not beizustehen. Eine bloße Ästhetik oder irdisch-politische Anliegen können dabei nicht im Vordergrund stehen. Bei der Kirchweihe zeigt der Bischof die Bibel als Buch der Lesungen und ruft damit der Gemeinde zu: Das Wort Gottes erfülle diesen Raum. Die Salbung der Wände an 12 Stellen ist ein Hinweis auf die Fundamente der Apostel und damit auf die Geschichte der Kirche. Auf dem konsekrierten Altar werden alle Lichter angezündet mit den Worten: ''Christus, Licht, leuchte auf in seiner Kirche und alle Völker mögen zur Fülle der Wahrheit gelangen''. - Solche Zeichen und Worte muß auch die Kirche als Gemeinschaft bedenken, um den geistigen Boden für das Verständnis und die Zeichen der Liturgie zu bereiten. Auch eine gläubige Gemeinde muß mithelfen, dem Künstler verständlich zu machen, in welcher Weise er heilige Zeichen zu deuten und zu interpretieren hat. [So gesehen, wird zum Beispiel der Kirchenbau mit seinen Kunstwerken zur Raststätte auf dem Pilgerwege des Christen zu Gott.]
Zu den Aufgaben der Kirche wie der Kirchengemeinde wird es in einem weiteren Sinn gehören, das sorgfältig zu bewahren und zu schützen, was sie an Kunstwerken aus der Vergangenheit überkommen hat. Als Abglanz einer überzeitlichen Schönheit, als Hinweis auf das Überzeitliche der christlichen Botschaft soll dieses künstlerische Erbe nicht nur kunstgeschichtliche Bedeutung haben, sondern auch für die Verkündigung eingesetzt werden. - Auch für unsere Länder und für unsere Zeit ist zu bedenken, was man von einem französisichen Kunsthistoriker erzählt: er meinte, er könne das geistige und geistliche Erbe der Kathedrale vor Chartres besser deuten und für unsere Zeit besser auslegen, als es der Klerus dieser Kathedrale tun könne. Wenn das allgemein zuträfe, dann wäre das für die Verantwortlichen in der Kirche als Hüter eines kostbaren Erbes, immerhin ein Armutszeugnis. - Auch das Verstecken von Altarbildern und Skulpturen in den Depots von Diözesanmuseen, der Verkauf von, wie man sagt, überflüssigen Kunstgegenständen ist sicher nicht im Sinn einer evangelischen Einfachheit und Armut. Was man in manchen schönen Privatwohnungen an elegantem Schmuck gelegentlich sieht, Teile eines gotischen oder barocken Meßgewandes, ist damit auch ein Vorwurf gegenüber uns und unseren kirchlichen Gemeinden, denen das rechte Verständnis für das sakrale Erbe verloren gegangen ist.
Für eine religiöse, kirchliche Kunst aus der Perspektive des Glaubens geht es daher, muß es daher darum gehen, Verständnis zu wecken, für das, was durch Ausdruckskraft, die Sprache des Künstlers, als religiöses und menschliches Erbe zu suchen und zu finden ist. Daraus folgt weiter, daß nicht nur der religiöse Künstler die Kirche braucht, sondern ebenso die Kirche den Künstler, als Propheten des Ewigen im Menschen, als verantwortungsbewußten Deuter der christlichen Botschaft. Das gilt besonders für eine Zeit, in der Worte an der Oberfläche verblassen, Zeichen aber in die Tiefe des Unvergänglichen reichen und auch leichter erfaßt werden.
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