Priesterweihe 1970
Predigt von Kardinal König bei der Priesterweihe im Dom zu St. Stephan am 29. Juni 1970

Wenn ich als Bischof  nach dem Evangelium und nach der Einleitung zur Priesterweihe das Wort ergreife, so möchte ich zuerst und vor allem die Ordinandi, ihre Angehörigen, ihre Freunde, die Mitbrüder im Priesteramt und das ganze hier versammelte Volk Gottes herzlich grüßen. Ich freue mich mit Ihnen in dieser festlichen Stunde und bitte Sie um Ihre rechte, gläubige Mitfeier an dem, was der Herr durch unsere schwachen Kräfte vollbringen will.

Soeben sind junge Männer aus unserem Priesterseminar aufgerufen worden, um ihre Bereitschaft zu bekräftigen, vom Bischof die Priesterweihe zu erbitten. Wenn damit die Weihehandlung ihren Anfang nimmt, dann klingt noch einmal wie ein Echo der Satz aus dem Evangelium an unser Ohr: "Ihr aber, für wen haltet ihr mich?" Diese Frage gilt uns allen, besonders aber den Weihekandidaten am heutigen Tage. Ihre Entscheidung, ihre Annahme der Berufung ist eine hochherzige Antwort auf diese Frage. Ihr "Ich bin bereit" ist der wohl überlegte Entschluß, "in Seinem Namen" - das heißt im Namen Jesu - unwiderruflich "für die Menschen des priesterlichen Amtes zu walten."

"Ihr aber, für wen haltet ihr mich?" Diese Frage können wir in unseren Tagen nicht überhören, wenn von Krisis, von Entmythologsierung des Priesterbildes oder einer indirekten Aufhebung des Unterschiedes zwischen dem "Priesteramt des Dienstes", das heißt des hierarchischen Priestertums - wie das II. Vaticanum sagt-, und dem allgemeinen Priestertum der Gläubigen die Rede ist.

1. Von einer Krisis des Priestertums kann man sprechen. Es gibt viele Dinge, von denen man heute sagt, daß sie sich in einer Krise befinden. Krisis bedeutet soviel wie Scheidung, Entscheidung. Damit schwingt die Bedeutung von Reinigung, Läuterung mit. In diesem Sinne kann es nur gut sein, wenn das Priesterbild, der priesterliche Dienst, einer Scheidung zugeführt, einer Läuterung unterworfen wird, um Menschliches, allzu Menschliches zu reinigen, das Wesentliche vom Unwesentlichen zu scheiden. - Daß sich die äußeren Lebensformen der Priester im Laufe der Zeit je nach den Ländern und Kulturkreisen geändert haben, ist kein Zweifel und auch nicht verwunderlich. Aber außer Zweifel steht, daß es unveränderliche Grundzüge im Priesterbilde unserer Kirche gibt, die sich nie geändert haben und nie ändern werden. Darüber mehr zu sagen, scheint mir ein Gebot der Stunde zu sein. Kurz zusammengefaßt finden wir das Unveränderliche des Priesterbildes in einem Dokument der 2. Vatikanischen Kirchenversammlung, genannt 'Über Leben und Dienst der Priester': "... Die Priester des Neuen Testamentes werden zwar auf Grund ihrer Berufung und Weihe innerhalb der Gemeinde des Gottesvolkes in bestimmter Hinsicht abgesondert, aber nicht um von dieser, auch nicht von irgendeinem Menschen getrennt zu werden, sondern zur gänzlichen Weihe an das Werk, zu dem sie Gott erwählt hat. Sie können nicht Christi Diener sein, wenn sie nicht Zeugen und Ausspender eines anderen als des irdischen Lebens wären."

Die Kirche ist heute nicht in der Lage, ihrer Aufgabe voll zu entsprechen ohne das Laienapostolat, das heißt ohne die vielen aus der Jugend, aus der Männer- und Frauenwelt, die sich zwar durch keine Weihe an die Kirche gebunden haben, aber - auf Grund der Taufe und der Firmung - sich für sie verantwortlich fühlen und sich mit ihr identifizieren. Sie stellen sich ihr, soweit es der Beruf und die Pflichten gegenüber der Familie erlauben, nur begrenzt, gleichsam auf Widerruf, zur Verfügung. Die Bildung und Formung des Laienapostolates aber ist nicht möglich ohne den Dienst derjenigen, die es als ihren Beruf erkannt haben, sich auf Dauer in den Dienst der Kirche zu stellen und eine Entscheidung zu treffen, die kein Nein mehr kennt. Darum hat die letzte Allgemeine Kirchenversammlung, als letzte und oberste Instanz in Glaubensfragen, in der Dogmatischen Konstitution über die Kirche (Nr. 11) festgehalten: "Das gemeinsame Priestertum der Gläubigen und das Priestertum des Dienstes, das heißt das hierarchische Priestertum, unterscheiden sich dem Wesen und nicht bloß dem Grade nach. Dennoch sind sie einander zugeordnet."

Diese so geweihten Diener der Kirche nehmen daher auch eine Lebwensform auf sich, die sich von jener anderer Menschen in manchen Dingen unterscheidet, ohne deswegen von ihnen geschieden zu sein. (vgl. PO 3)

Wenn Christus in dieser feierlichen Stunde die Frage an uns richtet: "Wofür haltet ihr mich?", so bekennen wir nicht nur mit Petrus, daß Er der Sohn des lebendigen Gottes ist, sondern wir wissen auch: Er ist nicht gekommen, seine Aufgabe zu erfüllen und daneben sein eigenes Leben zu leben, sondern er ist gekommen, um in seiner Aufgabe sein Leben dranzusetzen. So braucht die Kirche auch heute den Dienst derer, die sich dieser Aufgabe ohne Bedingung verschreiben. In dieser Hinsicht ist auch die Verpflichtung zum ehelosen Leben zu verstehen, von der die Vatikanische Kirchenversammlung erklärt: "... Der Zölibat ist in vielfacher Hinsicht dem Priestertum angemessen. Durch die Ehelosigkeit um des Himmelreiches willen werden die Priester in neuer und vorzüglicher Weise Christus geweiht. Sie hangen Ihm leichter ungeteilten Herzens an, schenken sich freier in Ihm und durch Ihn dem Dienst für Gott und die Menschen, dienen ungehinderter Seinem Reich."

Daß es sich damit um unbequeme Züge des Priesterbildes handeln kann, sei gerne zugegeben. Aber wenn etwas unbequem ist, folgt daraus noch lange nicht, daß es falsch ist.

2. Wenn aber der Glaube unsicher geworden ist, dann folgt begreiflicherweise auch die Unsicherheit in bezug auf das Kirchliche Amt, in bezug auf das grundsätzliche Verständnis des Priesters. Dann kann man schließlich nicht wissen, was der Priester ist oder was er in der heutigen Welt will.

Das Schreiben der Bischöfe des deutschen Sprachraumes über das priesterliche Amt gibt eine ausführliche Darstellung der geschichtlichen Wurzeln und der unaufgebbaren Züge des Priesterbildes. Die Geschichte unserer Kirche ist eine ausführliche Erläuterung dessen, was unter Führung des Heiligen Geistes in der Kirche auf biblischer Grundlage als Priesterbild wesentlich gewachsen ist. Daraus geht aber auch hervor, daß theologische Einseitigkeiten und Verkürzungen dieses Bild in Mißkredit bringen.

Das katholische Priesterbild ist heute wieder vielgestaltig geworden und umfaßt eine Fülle von Aufgaben: Es umfaßt den Dienst an Gott und an den Menschen. Wer nur den Dienst am Menschen sieht, verfälscht das Priesterbild. Wer aber nur den Dienst an Gott ohne Sorge um den Menschen sucht, gerät ebenso in Einseitigkeit. Der priesterliche Dienst umfaßt den Kult wie die Verkündigung der Frohbotschaft. Das eine gehört so notwendig dazu wie das andere. Der priesterliche Dienst enthält den Auftrag zur Bußpredigt wie zum Bußsakrament. Beides gehört dazu. Der priesterliche Dienst zielt schließlich immer wieder auf die Eucharistie als seinen Mittelpunkt und damit auf den tiefen, echten Glauben.

3. Ob es glücklich ist, eine Krise des Priesterbildes, eine Scheidung von Veränderlichem und Unveränderlichem mit Entmythologisierung zu bezeichnen, will ich nicht beurteilen. Denn mit dem Worte 'Mythos' ist ein nicht geschichtliches, urzeitliches Ereignis gemeint, welches in einer Bildersprache vergegenwärtigt wird.

"Ihr aber, für wen haltet ihr mich?" ... Die Antwort darauf ist nicht eine Sache des Mythos, sondern der Geschichte und des Glaubens. Wer für den ausschließlichen Dienst Christi geweiht und verpflichtet ist, der wurzelt in einer geschichtlichen Sendung und gläubigen Hingabe an das Priestertum Christi.

Sind frühere Generationen von Priestern, denen wir unseren Glauben in irgendeiner Weise mitverdanken, auf einen Mythos geweiht worden? Jeder Geweihte weiß, daß er einem Rufe Gottes verpflichtet ist, den er gewiß nicht nach Art einer Vision oder Audition erkannt hat, sondern zu dem er sich in harter Selbstprüfung, in Auseinandersetzung mit seinen Brüdern, mit der theologischen Wissenschaft und der Wirklichkeit der heutigen Kirche durchgerungen hat. Seit den Zeiten der Apostel bis zu den Dokumenten des kirchlichen Lehramts unserer Zeit ist es die Praxis der Kirche gewesen, den Beruf aufzufassen als "konstante Antwort des Getauften auf einen konstanten Appell Gottes" (vgl. Klostermann, Pastoraltheologie IV, 459). Von jeder solchen Berufung gilt das Wort des Propheten Jeremias (20,7-9): "Du hast mich verlockt, Herr, und ich ließ mich verlocken. Du packtest mich und bliebst Sieger. ... Und nähme ich mir vor: 'Ich denke nicht daran und rede nimmermehr in seinem Namen', dann ist's in meinem Inneren wie ein lodernd Feuer .. Ich quäle mich, es auszuhalten und kann es nicht."

Ich darf Ihnen, meine lieben Weihekandidaten, danken für die Entscheidung, die Sie durch Ihre Bitte um die Weihe getroffen haben. Sie sind die Hoffnung der Kirche, daß die "Krise des Priestertums" nicht zum Tode führt, sondern zur Verherrlichung Gottes (vgl. Joh 11,4). Wenn die Kirche als Werk Christi auf dem Fundament der Apostel Christi aufgebaut ist, wenn sie sein mystischer Leib ist und vom Geiste Gottes geführt wird, so können wir unsere priesterliche Berufung nicht mit einer mythologischen Umformung und Verzerrung in Verbindung bringen, die im Frühmittelalter in die Kirche eindrang und damit ein wesentliches Element der Kirche entstellt hätte, das erst heute wieder korrigiert wird. Wir nehmen unseren Dienst als Dienst am Volke Gottes und seine Krise betrachten wir als Läuterung unseres Dienstes, der sich heute vielgestaltiger Form in der Kirche zeigen kann.

Die Worte des Apostels Paulus aus der 2. Lesung des heutigen Tages (2Kor 4,1-5) erfüllen Sie und uns mit Trost und Zuversicht: "Weil wir diesen Dienst bekleiden zufolge der Barmherzigkeit, die wir erlangt haben, darum kennen wir keine Mutlosigkeit. Wir ... kennen keine Hintergedanken und verdrehen nicht das Wort Gottes. Wir verkündigen ganz offen die Wahrheit und empfehlen uns so jedem menschlichen Gewissen vor Gott - wir verkünden ja nicht uns selbst, sondern Christus Jesus als den Herrn, uns aber als eure Diener um Jesu willen."


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