Leonhardifest 1991
Predigt von Kardinal König in Wartberg am 10. November 1991

Wenn jemand seinen ganzen Besitz verkauft, - und ein Kaufmann war damals wahrscheinlich nicht arm, - um mit dem Erlös eine einzige, kleine, wertvolle Perle zu erwerben - so hörten wir es jetzt im Evangelium - dann muß ihm wohl auch sehr daran gelegen sein, in den Besitz dieser Sache zu kommen. Er hatte den großen Wert der kleinen Perle erkannt, - andere sind wahrscheinlich achtlos daran vorbei gegangen, - und er war nun glücklich über diesen Besitz.

Das Evangelium, das heißt, die frohe Botschaft, wie sie Christus verkündet hat und wie wir sie durch den Religionsunterricht, durch die heilige Schrift, durch die Lesungen bei der Heiligen Messe kennen, spricht oft in Bildern vom Himmelreich oder Gottesreich. Jesus selbst sucht durch solche Bilder und Gleichnisse die Wichtigkeit, das Kernstück seiner Botschaft deutlich zu machen.

Aber bevor ich noch ein wenig näher auf die kurzen, aber inhaltsreichen Gleichnisse des heutigen Evangeliums eingehe, möchte ich euch sagen, meine liebe Pfarrgemeinde von Wartberg, daß ich trotz zahlreicher anderer Einladungen, gerne zu euch gekommen bin; und dies aus zwei Gründen: erstens, weil ihr die kleinste Pfarre im Dekanat seid; und gleichzeitig seid ihr bemüht, eine lebendige und gute Pfarre zu sein. Und dazu möchte ich auch eurem Pfarrer meine Anerkennung für sein seelsorgliches Bemühen in drei Pfarren aussprechen. Und der zweite Grund: weil ihr heute, in Verbindung mit eurem Dekanat, das Leonhardifest feierlich begehen wollt.

Auch Heilige haben ihre Geschichte. Der aus dem Frankreich des 6. Jahrhunderts stammende Heilige ist - wir können keine näheren Gründe dafür angeben - erst im 11. Jahrhundert im westlichen Europa und im deutschen Sprachgebiet ein volkstümlicher Heiliger geworden. Wir erkennen das daraus, daß ihn zahlreiche Kirchen zu ihrem Patron erwählt haben; wir erkennen das auch daraus, weil er in den Nöten des bäuerlichen Berufsstandes überall als Fürsprecher bei Vieh- und Wetterproblemen angerufen wurde. Verschiedene Volksbräuche haben das zum Anlaß genommen, um besonders auf den hl. Leonhard bezug zu nehmen.

Der hl. Leonhard war aber auch immer ein Hinweis auf die Wichtigkeit der Verbindung von Glaube und Leben. Wenn sich dabei mitunter auch Formen von Aberglauben eingeschlichen haben, so wurde dies durch die Wachsamkeit der Gläubigen wieder korrigiert.

Aber, und das scheint mir noch wichtiger zu sein: Heilige ragen deswegen aus dem pilgernden Gottesvolk der Kirche heraus, weil sie ein Beispiel dafür sind, was es heißt, den Glauben wirklich ernst nehmen; weil sie uns zeigen, was es heißt, die Folgerungen für unser persönliches Leben daraus zu ziehen. Das heißt, sie lassen sich von der Welt des Vergänglichen nicht einfangen, sondern sie richten ihren Weg jeden Tag - manchmal in heroischer Weise - auf das Ziel des Lebensweges; sie sagen uns: es gehe darum, im Glauben an Christus, im Vertrauen auf sein Wort, dem Reiche Gottes näher zu kommen. Ihr Glaube ist in ihrem Leben wirksam wie ein Samenkorn, das in die Erde fällt, Wurzel faßt und Frucht bringt; oder wie ein Sauerteig, der die Masse des Mehls durchsäuert, um schmackhaftes Brot daraus zu backen.

Als Christen aber stehen wir gleichzeitig mit beiden Füßen in diesem Leben. Wir sollen in unserem Berufe vorbildlich und tüchtig sein. Weil wir aber als Christen nicht nur auf menschliche Klugheit und Tüchtigkeit vertrauen, sondern uns auch vom Worte Gottes, vom Evangelium Christi leiten lassen, wissen wir zum Beispiel, wie wichtig heute eine gesunde Familie ist, wie wichtig die Vorbereitung der jungen Menschen auf Ehe und Familie zu bewerten ist.

Wir sollen aber auch unsere Pflichten im öffentlichen Leben wahrnehmen: Friede und Eintracht, im kleinen wie im großen, sind notwendig, um Haß und Streit und kriegerische Auseinandersetzungen hinanzuhalten.

Nächstenliebe ist nicht nur ein schönes Wort, sondern heißt: helfen, wo Hilfe not tut; heißt vor Unglücksfällen in der Nachbarschaft, vor Katastrophen, von denen uns die Medien berichten, nicht die Ohren verschließen; und auch in der Frage der Heimatvertriebenen und Flüchtlinge darf nicht der Egoismus unsere letzte Antwort geben. Durch Fernsehen und Radio werdet ihr täglich hineingezogen in den Jammer und das Elend der Menschen in anderen Ländern: seien es Hungersnöte, Umweltkatastrophen, politische Verfolgungen oder Krieg. Angesichts solcher bedrückender Nachrichten sollt ihr nicht der Versuchung erliegen, und sagen: Das ist alles weit weg von uns und geht uns im Grunde nichts an; denn was können wir schon tun? - Eine solche Einstellung entspräche nicht einem christlichen Welt- und Menschenbild. Wir sind alle aufeinander angewiesen und werden es in Zukunft noch mehr sein.

Der heilige Leonhard, von dem wir wissen, daß er nicht nur das Evangelium verkündete, sondern auch tatkräftig mithalf, Gefangene zu befreien, er sei uns Vorbild und Fürsprecher, daß wir nicht die Augen verschließen vor den Nöten unserer Zeit.

Denn was nützt es einem jeden von uns, wie das Evangelium an einer anderen Stelle sagt, - "Was nützt es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, aber an seiner Seele Schaden leidet" - Schaden leidet auf seinem Weg ins Gottesreich.

Zahlreiche Bilder und Gleichnisse weisen auf die Bedeutung des Himmelreiches, bzw. des Gottesreiches hin. Wie zum Beispiel das Gleichnis vom Sämann, vom Senfkorn, vom Sauerteig, vom Schatz im Acker und auch von der Perle.

Alle diese Bilder machen deutlich, daß es angesichts der Botschaft vom Himmelreich kein sowohl als auch, sondern nur ein: entweder-oder gibt.

Das sind Gedanken, die gewiß auch das Leben des hl. Leonhard bestimmt haben. Solche Gedanken sollen auch unser Leben prägen, bei all unseren irdischen Sorgen und Nöten.

Ich lade euch an, solche Gedanken am heutigen Festtag nach Hause mitzunehmen und in euren Familien zu bedenken. Damit wird, das wünsche ich euch von ganzem Herzen, der Segen Gottes auch in Zukunft mit euren Familien und mit eurer Pfarrgemeinde sein.


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