"Der Papst setzt Vertrauen in uns"
Bericht von Erzbischofkoadjutor Dr. Franz Jachym über den ad limina-Besuch der österreichischen Bischöfe bei Papst Paul VI., 1977

Der Papst wollte uns am 13. September in Castel Gandolfo empfangen, seinem Sommersitz hoch über dem Albaner See. Die Audienz begann einige Minuten später als vorgesehen. Ein Kurienkardinal hatte seine regemäßige Amtsbesprechung mit dem Papst, und der Agenden sind immer so viele. Auch hier im Urlaub geht also die Arbeit des Papstes weiter.

Dann kommt der Heilige Vater in seiner schlanken Figur etwas mühsam zu uns herein in den Audienzsaal, heißt uns mit einer umfassenden Gebärde alle willkommen, läßt uns den Pileolus (das rote Käppchen), den wir vor ihm abgenommen haben, wieder aufsetzen, begrüßt jeden einzelnen von uns 10 Bischöfen und lädt uns zum Sitzen ein. Im Halbkreis ihm gegenüber erleben wir aus großer Nähe eine wirklich bedeutsame Begegnung.

Er beginnt in italienischer Sprache zu uns zu reden, und wir verzichten auf den bereitstehenden Dolmetscher, weil wir sein Italienisch alle ganz gut verstehen können. Er will, bevor er seinen vorbereiteten Text in lateinischer Sprache verliest, uns in aller Herzlichkeit und Brüderlichkeit begrüßen, uns danken, uns helfen und bestärken in unseren Mühen und Schwierigkeiten. Andererseits klingt in diesen lebhaften Sätzen auch die, rein menschlich betrachtet, große Hilflosigkeit eines Papstes auf. Er kann nur beten, nur mittragen, die Lehre des Herrn hüten, uns zum Vorbild und zur Wegweisung. Nicht, als ob das nicht viel wäre, aber die große Bescheidenheit, der Dienmut oder die Demut, seine restlose Hingabe an sein Amt und seine Berufung werden schon in diesen ersten Minuten deutlich.

Liebe zu unserem Land

So fühlen wir die ungekünstelte Einfachheit, Lauterkeit, Offenheit des Papstes und zugleich auch das Vertrauen, das er in uns setzt. Während er spricht, vergißt man sein Alter und ist froh, zu dieser großen Gemeinschaft, an deren Spitze er steht, gehören und in dieser echt menschlichen Begegnung vor ihm sitzen und ihn hören zu dürfen. Wie er spricht von der Liebe zu unserem Land mit seiner auch für die Kirche bedeutsamen Geschichte, zu unserem Volk und wirklich zu allen Menschen, nicht nur zu den Priestern und Ordensleuten. Kurzum, man spürt schon hier, daß er uns mit seinem Herzen in dieser Stunde nahe sein will, mehr noch, als er selbst in seiner Muttersprache ausdrücken kann.

In den zurückliegenden Wochen wurde bei uns viel vom österreichischen Philosophen Wittgenstein geredet und geschrieben, der für einen breiten Strom der Philosophie nach ihm die Grenzen der Sprache herausgestellt hat, wenn es gilt Wahrheiten oder gar die Wahrheit auszudrücken. Ähnliches spürten wir hier von der Unzulänglichkeit der Worte, um Werte des Herzens auszudrücken. Das Menschenherz ist weiter und tiefer, als es die Sprache auszudrücken vermag.

Danach nimmt der Papst den vorbereiteten Text der lateinischen Ansprache zur Hand. Sie ist noch am selben Tag samt der lateinischen Grußadresse des Herrn Kardinals im "Osservatore Romano" veröffentlicht worden und wird im deutschen "Osservatore Romano" zu lesen sein.

Aber immer wieder unterbricht sich der Papst, um in freier Rede die eine oder andere Stelle zu unterstreichen oder auch weiter auszuführen. Etwa, wenn er von der uns aufgegebenen Treue zur unverfälschten Lehre des Herrn redet bei allem Pluralismus unserer Zeit.

Er würdigt auch unser scheinbar vergebliches Eintreten für den unverkürzten Schutz des Lebens. So schmerzlich auch die Niederlage zuletzt für unser ganzes Volk und seine Zukunft ist, das Gewissen der Gutwilligen wurde doch geschärft hinsichtlich der Unantastbarkeit des menschlichen Lebens vom ersten Augenblick an. Andere haben sich durch ihre Polemik gegen die Stellungnahme der Bischöfe noch deutlicher als ungläubig zu erkennen gegeben.

Auch dort, wo der Heilige Vater auf das von uns aufgerufene Jahr der Familie zu sprechen kommt, wo es also um die Erneuerung der Familie geht. Was wir da planen, welche Methoden wir uns zurechtlegen, was immer erreicht wird, könnte sogar, so meinte der Papst, zur Anregung und zum Vorbild in anderen Teilen der Kirche werden. Auch für die Förderung geistlicher Berufe hätte die Familie ihre zentrale Bedeutung.

Er kennt unsere Last

So lobt uns der Papst und er weiß um unsere Schwierigkeiten und Lasten. Aber zwischen seinen Worten spüren wir auch seine Sorge, den Auftrag des Herrn zu erfüllen, sein Wort, seine Wahrheit und seine Kraft unverfälscht und unverkürzt weiterzugeben. Da gibt es für ihn keine Müdigkeit , kein sich Zurückziehen in einen Ruhe-Stand.

Nach seiner Ansprache schreitet er von Bischof zu Bischof und beschenkt einen jeden von uns mit einem großen Bildband über das Heilige Jahr. Er läßt sich mit uns noch photographieren. Es ist, als wollte er diese brüderliche Begegnung kein Ende nehmen lassen.

In tiefer Ergriffenheit und doch froh und gehoben, verlassen wir den Audienzsaal. Der Papst ist nicht mehr jung. Von uns sind die meisten schon in den Jahren voran. Wird es noch einmal für uns eine ähnliche Begegnung geben mit diesem großen Papst?

 

Gedruckt in: Wiener Kirchenzeitung Nr. 38, 25. September 1977, Seite 2.


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