SEHNEN UND SUCHEN
Der Advent ist ein Zeichen menschlicher Sehnsucht. Es ist die Sehnsucht danach, daß in der Dunkelheit dieser Welt und unseres eigenen Lebens endlich das große Licht der Freude aufgehe. Der Mensch sucht ein ganzes Leben lang nach diesem Licht. Von den ersten Lebensjahren an sind wir immer auf der Suche nach dem Glück, nach Freude, Freundschaft, Liebe, Erkenntnis, nach Wissen und Bildung und sinnvoller Tätigkeit, nach Besitz, Gemeinschaft, Erfolg und Anerkennung. In unserem Leben gibt es tatsächlich Augenblicke der hellen Freude, Momente der Begeisterung und lange Zeiten der echten, wirklichen Befriedigung. Wir haben erreicht, was wir ersehnt haben, wir haben das Auto, wir haben eine Frau gefunden, einen Freund, einen Beruf, der uns viel bedeutet. Auf dem Lebensweg begegnet uns immer wieder so ein Licht der Freude. Jeden Tag neu, manchmal wie ein heiterer Sonnentag, manchmal umdüstert, aber immer so viel, daß es ausgereicht hat, um uns zu wärmen, zu erfreuen, ein Ziel zu zeigen und innerlich zu befriedigen.
Der Aufbruch
Aber über jedes Menschenleben kommt eine Zeit, in der wir diese Sehnsucht nach dem Licht unseres Lebens in ganz neuer Weise wie einen brennenden Schmerz erfahren. Alles, was uns bisher ein Licht der Freude zu sein vermochte, erscheint uns auf einmal wie Dunkelheit. Solche Augenblicke einer brennenden Sehnsucht nach dem eigentlichen Licht und der eigentlichen Lebenserfüllung können schon in sehr jungen Jahren bei manchen Menschen aufbrechen. Im allgemeinen gehen solche Zeiten bald wieder vorbei. Das alte, normale Leben nimmt dann wieder seinen gewohnten Lauf. Aber eines Tages kommt fast über jedes Menschenleben jener Augenblick, in dem die Sehnsucht nach dem eigentlichen lichtvollen Leben nicht mehr vorübergeht wie ein flüchtiges Erlebnis. Diese Sehnsucht nach dem eigentlichen Leben kommt über den Menschen dann wie eine große Erschütterung. Es ist wie ein tiefer Einschnitt im Leben des Menschen. Was vorher war, vermag ihn nicht mehr so recht auszufüllen. Bei vielen Menschen ist es ein besonderer Anlaß, bei dem sie dann das Ungenügen ihres eigenen bisherigen Lebens schmerzlich verspüren. Bisher haben sie mehr oder minder in Frieden gelebt, aber nun erleben sie zum Beispiel einen Verlust, über den sie nicht mehr hinwegkommen. Vielleicht ist nach Jahrzehnten glücklicher Ehe dem Menschen auf einmal der Partner geraubt worden. Dann schreit er auf in seiner Not und fragt sich: Was ist mein Leben noch wert, was soll es noch sein? Vielleicht wurde den Eltern das Kind genommen und sie fragen sich nun: Wozu arbeite ich noch, für wen spare ich noch, wofür bemühen wir uns noch? Oder vielleicht ist eine große Liebe zerbrochen. Wie soll der Mensch noch weiterleben können? Oder vielleicht ist im Menschen der bisherige Glaube zerbrochen. Er versteht Gott nicht mehr. Die Bitterkeit hat sich in sein Innerstes eingefressen, er wird mit seiner Not nicht mehr fertig. In ihm ist alles wie erstarrt, wie erstorben, wie erloschen.
Neue Einsichten
Bei vielen Menschen ist es eine derartig große Erschütterung, ein Riß, ein Bruch in ihrem Leben, der sie zu einer ganz neuen Einsicht führt. Bei anderen ist es eine große Erkenntnis, eine Entdeckung, eine große Liebe, ein großes Erbarmen oder eine ideale Gemeinschaft, durch die sie zu einer ganz neuen Schau und Beurteilung ihres bisherigen Lebens gelangen. Was ihnen bisher Licht und Wärme und Freude und Erfüllung bedeutet hat, erscheint ihnen jetzt nicht mehr wichtig genug. Es kann ihnen nicht mehr denselben Trost, dieselbe Kraft und Genugtuung geben wie früher. Sie können sich jetzt nicht mehr zufriedengeben mit einem Lebensweg, der morgen oder übermorgen endet. Sie können nicht mehr zufrieden sein mit einer Sache, die nur bis heute oder bis morgen einen Sinn hat. Sie können keine Genugtuung mehr empfinden über einen Menschen, mit dem man ein wenig tändelt und spielt, der aber keine echte, bleibende Gemeinschaft zu bieten vermag; sie können einen Wert nicht mehr bejahen, der heute glänzt und morgen auf den Kehrichthaufen geworfen wird. Sie können einen Besitz nicht mehr so stürmisch begehren, den sie heute haben und übermorgen verlassen müssen, spätestens am Grab. Solche Menschen fordern dann etwas Bleibendes, etwas Erfüllendes, einen Lebensweg, der bis an ein letztes Ziel führt, einen Besitz, den man ihnen nicht mehr rauben kann, eine Erkenntnis, die bleibend gültig ist. Eine Gemeinschaft, die nicht mehr zerrissen wird, einen Lebenssinn, der nicht mehr widerrufen werden muß. Die Menschen fordern jetzt das Ganze, das totale Leben, den unbegrenzten Weg, den unbedingten Sinn, die absolute Gemeinschaft, die absolute Wahrheit, den bleibenden Besitz, die volle Gemeinschaft und Liebe, das totale Leben. Alles andere ist ihnen von nun an zu wenig. So spüren sie. Diese Sehnsucht nach dem Totalen, Ganzen, Unermeßlichen und Unbedingten keimt in diesen Menschen nur allmählich und langsam auf. So langsam, wie sich ein Samenkorn einen langen Winter hindurch entfaltet, bis endlich der Frühling, der Sommer und die Reife kommt. So langsam entfaltet sich diese Sehnsucht des Menschen nach dem Totalen und Ganzen.
Entfaltung braucht Zeit
Bei vielen braucht diese Entfaltung Jahre und Jahrzehnte, ein ganzes Leben lang, bis diese Sehnsucht dem Menschen auf einmal voll bewußt wird, brennend bewußt wird. Er weiß dann, ich kann und will mich nicht abfinden, daß in diesem Leben alles nur ein Weilchen dauern soll bis zum Grab. Ich kann und will mich nicht damit abfinden, daß dieses ganze Leben nur eine Summe von Augenblicken sein soll, von denen ich einen nach dem anderen konsumiere, bis alles vorbei ist. Ich kann und will mich nicht damit abfinden, daß das ganze Leben nur eine Serie von Zufälligkeiten sein soll, von unwesentlichen, unwichtigen, unnötigen und mehr oder minder sinnlosen Ereignissen. Ich kann und will mich nicht damit abfinden, daß ich mich künstlich betäuben soll, um diese Welt ernst nehmen zu können und um sich freuen zu können. Eine Welt, in der das Absolute fehlt, ist eine leere Welt, eine arme Welt, eine im letzten sinnlose Welt, eine wertleere Welt. Eine derartige Welt ist nicht gut, sondern ungut. Sie ist nicht wichtig, sondern unwichtig. Wenn es in dieser Welt wirklich nichts Totales und Absolutes gibt, dann hat mein Lebensweg keinen Sinn. Wer zu solchen Einsichten gekommen ist, der ist nicht mehr gewillt, ein Leben hinzunehmen, in dem dieser eigentliche Sinn und Wert fehlt.
Es ist ein schmerzliches Suchen nach dem Licht, nach dem eigentlichen und totalen Licht, das in so einem Menschen begonnen hat, der sich nach dem Eigentlichen, dem Letzten sehnt. Es ist wie die schmerzliche Sehnsucht eines Menschen, der sich nach der Liebe sehnt und sie doch nicht findet. Diese innere Not des Suchens kann in manchen Menschen elementar werden, wie ein Hungern und Dürsten. Von solchen Menschen sagt Jesus: Selig, die Hunger und Durst haben nach der Gerechtigkeit, nach dem rechten Weg, nach dem eigentlichen Licht, nach der Fülle des Lebens, nach dem totalen Leben.
Die Erfüllung kommt
Viele geben diese Suche eines Tages als hoffnungslos auf oder weil sie müde geworden sind oder weil ihnen niemand dabei hilft. Aber in vielen bleibt diese Sehnsucht nach dem Eigentlichen des Lebens lebendig wie die Sehnsucht nach der Liebe. Sie wissen, daß sie ohne diese totale Sinnerfüllung nicht mehr leben können. Sie tragen diese Sehnsucht durch ihr Leben, bis es sich eines Tages ereignet. Es ereignet sich ähnlich wie die Liebe. So wie die Liebe eines Tages über den Menschen kommt, so kommt eines Tages über solche Menschen der große Augenblick, in dem sie die unermeßliche Wirklichkeit Gottes zum ersten Mal verspüren dürfen. Dieser Augenblick ist ein Geschenk so wie die Liebe. In diesem Augenblick erfährt der Mensch zum ersten Mal die Erfüllung der tiefsten menschlichen Sehnsucht: Der Sehnsucht nach dem Absoluten, Totalen, nach dem Leben und Lieben Gottes. Diese Sehnsucht nach der absoluten Wirklichkeit ist das eigentliche Kennzeichen des Menschen. Durch diese Sehnsucht unterscheidet sich der Mensch vom Tier. Durch diese Sehnsucht nach der absoluten Wirklichkeit Gottes wird der Mensch fähig zur absoluten und bedingungslosen Liebe, zu jener Liebe, in der Gott wohnt.
Diese Erfahrung des Unendlichen kann der Mensch ebenso wenig organisieren, wie er die Liebe organisieren kann. So wie sich die Liebe zwischen zwei Menschen einfach ergibt und plötzlich da ist, nicht erzwungen werden kann, so ist es auch mit der Begegnung des Menschen mit dem unendlichen Gott. Es ist eine tiefe eigene Erfahrung, ein Getroffen-Werden, ein Erfüllt-Werden, es kommt über den Menschen, er weiß sich umfangen, ergriffen, in ein größeres Ganzes hineingenommen. Es ist wie etwas Grenzenloses. Der Mensch hat zum ersten Mal die absolute Wirklichkeit Gottes erfahren, die absolute Gemeinschaft mit Gott erfahren, das absolut Sinnvolle dieser Gemeinschaft mit Gott erfahren, das radikale Leben Gottes erfahren. Er hat den unermeßlichen Gott erfahren. Er weiß nun, daß sein Leben kein Einzelding in diesem Universum ist, sondern in ein unermeßliches Ganzes hineingenommen ist, in Gott hineingenommen ist. Diese Erfahrung Gottes ist für den Menschen erschütternd, im Innersten beglückend, erlösend und dennoch manchmal erschreckend: Weil der Mensch nun ein ganz anderes Leben erfahren hat und weiß, daß von nun an sein Leben ein ganz anderen Verlauf nehmen muß. Denn er hat etwas ganz Neues erfahren. Wer dieses grenzenlos Neue im eigenen Leben nach und nach erfährt, weiß, hier handelt es sich um das Eigentliche seines Lebens, um das eigentliche Ziel, die eigentliche Hoffnung, den eigentlichen Weg. Wenn ich das, was ich erkannt habe, nicht weitersuche, dann ist das Verrat an meinem eigenen Leben. Dann kann mein Leben nie zum eigentlichen Ziel gelangen. Und deswegen sollte sich dieser Mensch auf die Suche machen, das, was er erfahren hat, mehr und mehr zu finden und zu verwirklichen.
Vielfältige Erfahrungen
Bei manchen beginnt diese Erfahrung so leise und so allmählich wie das heraufkommende Licht des Morgens, bei anderen ist es eine plötzliche Erfahrung wie Blitz und Donner. Diese Erfahrung Gottes ist eben ähnlich wie die Erfahrung der Liebe, die manchmal im Laufe von Jahren heranreift, aber bei einzelnen plötzlich da ist. Bei manchen Menschen wird diese Erfahrung des unendlichen Gottes stark und hell wie das Tageslicht, bei manchen bleibt sie immer ein Beginn, wie eine Morgendämmerung. Aber für alle ist diese Erfahrung Gottes die eigentliche Grundlage ihres religiösen Lebens, der Anfang ihrer eigentlich religiösen Erkenntnis. Dieser Anfang des religiösen Lebens ist immer passiv. Wir können ihn nicht machen, organisieren, erzwingen. Wir können uns nur von Gott mit dieser Erfahrung beschenken lassen. Der Anlaß zu dieser Erfahrung kann so verschieden sein wie das Leben. Diese Begegnung mit dem unendlichen Gott kann in den stillen Stunden des Nachdenkens und der Sehnsucht geschehen, kann sich bei einer Predigt ergeben, kann beim Lesen der Heiligen Schrift den Menschen ergreifen, kann bei der Begegnung mit einem wirklich religiösen Menschen gelingen, bei einem erschütternden Naturereignis. Es kann oft ein einziges Wort sein, ein Gedanke, irgendein kleiner Anlaß, den tausend andere übersehen hätten. Aber in diesem Augenblick hat der Mensch etwas Unsichtbares, Ungreifbares, Geistiges erfahren, Gott selbst. Nun weiß der Mensch um den eigentlichen Schatz seines Lebens, nun weiß er um einen totalen und absoluten Wert, nun weiß er um ein totales und ganzes Leben, um eine bleibende, unermeßliche Wirklichkeit, die ihn ergriffen hat. Von nun an weiß der Mensch, daß sein Leben etwas unendlich Kostbares ist, tatsächlich ein grenzenloser Wert, und daß jeder Mensch ebenso kostbar ist und daß er ihm Verantwortung schuldet. Der Mensch weiß nun um eine absolute Verantwortung, die auch über den Tod noch hinausreicht. Der Mensch weiß damit um den Herrn über sich, um Gott, um den unermeßlichen, absoluten, umfassenden, alles umgreifenden Gott.
Urgrund: Gott
Und der Mensch weiß nun auch, daß dieser unermeßliche Gott der eigentliche Grund ist, warum er die anderen Menschen so bedingungslos lieben kann und warum es bedingungslose Pflichten, unbedingte Forderungen, unbedingte Verantwortung und unbedingtes Gewissen gibt. Alle Dinge dieser Welt sind zwar für sich selber genommen nur klein und staubig, begrenzt und zerstörbar, nichtig. Endgültig wertvoll wird mir diese Welt erst dann, wenn ich erkenne, daß sich in ihr diese unermeßliche und totale Wirklichkeit Gottes zeigt: In Seinen Geschöpfen begegnet uns der Schöpfer selber, in den Menschen begegnet uns der Herr selber. Er ist es, der allen Geschöpfen ihren Glanz verleiht, ihren grenzenlosen Wert verleiht, so daß sie nicht mehr zufällig sind, nicht mehr Staub sind. Jetzt erst versteht der Mensch, daß dieser unendliche Gott der Ursprung aller Ordnung und Sinnfülle in dieser Welt ist, denn er hat die Gemeinschaft mit dem unermeßlichen Gott erfahren als total sinnvoll, als unendliche Harmonie, als innersten Frieden, als Einordnung des eigenen Lebens in die unermeßliche Wirklichkeit Gottes. Und deswegen weiß der Mensch nun, daß Gott der total Sinnvolle ist, und daß daher alle kleinen Dinge dieser Welt ihren Sinn, ihre Ordnung, ihr harmonisches Ganzes nur von diesem absolut sinnvollen Gott empfangen haben können; denn Er ist die absolute Wirklichkeit, der Schöpfer und Urgrund aller geschaffenen Dinge.
Die Gotteserfahrung
Der Mensch glaubt nun an Gott, er glaubt an Ihn, weil er diese totale und erfüllende Wirklichkeit Gottes erfahren hat und weil er sich über diese Erfahrungen Rechenschaft geben kann und seine Erfahrung gedanklich ordnen kann. So wie die erste Erfahrung der menschlichen Liebe nach Fortsetzung verlangt, so hungert auch dieser Mensch jetzt nach Fortsetzung seiner Gottes-Erfahrung. Er hungert nach Fortsetzung und Vertiefung dieser einzigartigen Gemeinschaft nach Gott. Wer diese absolute Wirklichkeit Gottes erfährt, will nicht mehr hungrig bleiben, sondern will diese unendliche Liebe, diesen unendlichen Frieden, diese absolute Wirklichkeit, dieses grenzenlose Leben mehr und mehr erfahren. Wer aber diese Erfahrung noch nicht gemacht hat, möge sich aufmachen und keine Mühe scheuen, bis er dies ahnen und erfassen kann. Wenn sich diese Begegnung mit Gott immer wieder ereignet, ähnlich wie die menschliche Liebe, wird es in diesem Menschen allmählich Weihnacht. So ein Mensch weiß nun um das eigentliche Licht seines Lebens, um das absolute und totale Licht, nach dem er sich immer gesehnt hat.
Unser Leben: Ein Advent
Brüder und Schwestern, um diese Weihnacht in uns geht es heute: daß Gott auch in uns gegenwärtig ist ja nur Symbol unserer Sehnsucht nach dem eigentlichen, ganzen Leben, das wir in der Gemeinschaft mit Gott erfahren sollen. Es ist ein starkes Leben, bewußtes, verantwortungsbewußtes Leben von ganz neuer Tiefe, in der Kraft einer großen Liebe, mit einem großen Ziel vor Augen, voll von gewaltigen Hoffnungen. Um diese Weihnacht in uns geht es heute: daß Gott auch in uns gegenwärtig wird und uns ergreift. Sie alle kennen das Wort des gläubigen Dichters, der sagt: "Und wäre Christus tausendmal in Bethlehem geboren und nicht in dir, du wärest dennoch ewiglich verloren". Es wäre ein verlorenes Leben, ein vertändeltes Leben, wenn wir zu diesem großen Licht Gottes nicht gelangen.
Dieser Advent kann ja nur Symbol sein. Aber unser Leben soll der eigentliche Advent werden, soll ein Hungern und Dürsten nach diesem eigentlichen Leben mit Gott werden, ein Suchen nach der eigentlichen Weihnacht unseres Lebens. Ich glaube daran, daß jeder von uns zu dieser eigentlichen Weihnacht finden kann und finden soll. Deswegen wünsche ich es Ihnen heute von ganzem Herzen, daß Sie alle diese tiefe, innere Weihnacht finden, diesen tiefen, inneren Frieden, dieses tiefe, sinnvolle Leben. Ich wünsche Ihnen allen in diesem Sinne einen gesegneten Advent.
DIE GROSSE ERWARTUNG
Der Advent ist ein Zeichen der Sehnsucht des Menschen nach dem Unendlichen, nach dem grenzenlosen Gott, nach der totalen Erfüllung des menschlichen Lebens. Die Muttergottes stellt uns diese Sehnsucht des Menschen in besonderer Weise vor Augen. Ihr ganzes Leben war eine einzige große Erwartung Gottes.
Solche Sehnsucht kann der Mensch nur deswegen haben, weil er schon etwas von dieser Liebe erfahren hat. Sehnsucht nach dem unermeßlichen, großen Gott kann der Mensch nur deswegen haben, weil er schon etwas von diesem großen, unendlichen Gott erfahren hat.
Das Tiefste und Kostbarste
Diese Sehnsucht des Menschen nach Gott, dem absoluten, grenzenlosen, totalen, ist das Tiefste und Kostbarste im Menschen, das Innerste. Sie entfaltet sich daher auch am spätesten im Menschen. So wie sich bei einer Blume erst die äußeren Kelchblätter entfalten und dann die äußeren Blütenblätter und erst allmählich das Innerste der Blüte sichtbar wird, so ist das auch bei dieser Sehnsucht des Menschen nach dem Absoluten. Zuerst sehnt sich der Mensch nach Sinn und Wert und nach Gemeinschaft, nach Wahrheit, Besitz und Anerkennung, nach Liebe, Familie und Heimat. Und erst allmählich bricht im Menschen diese innerste Sehnsucht nach Gott durch, diese Sehnsucht nach dem bleibenden und grenzenlosen, nach dem unendlichen Gott. Diese Sehnsucht nach dem Unendlichen ist das, was den Menschen zum Menschen macht, was ihn unterscheidet von allen anderen lebenden Wesen.
Das eigentliche Leben
Diese Erfahrung des unendlichen Gottes kommt über den Menschen so ähnlich wie die Liebe. Denn Gott ist die Liebe. Man kann diese Erfahrung nicht erzwingen. Sie kann plötzlich über den Menschen hereinbrechen oder langsam aufkeimen. Aber wenn der Mensch diese unfaßbar große Wirklichkeit Gottes erfährt, dann weiß er, hier ist das eigentliche Leben, hier ist die eigentliche Lebenserfüllung, hier ist die eigentliche Wirklichkeit, die eigentliche Geborgenheit des Lebens. Und er soll dann wissen, daß er diese volle Wirklichkeit Gottes weiterhin suchen muß. Er empfindet es wie einen Verrat, wenn er es nicht täte. Es ist wie bei der Liebe zwischen zwei Menschen: Wer sie erfährt, weiß, daß er sie nie mehr preisgeben darf, wenn er das eigene Leben nicht verraten will. Das ist der Grund, warum alle wirklich gläubigen Menschen die Stunden der Stille und des Gebetes suchen. So wie der Mensch, der von einer großen Liebe zu einem anderen erfaßt wurde, die Gemeinschaft mit diesem Menschen sucht, so sucht jetzt der Mensch nach Gott. Das Gebet ist für jeden Menschen die große Suche nach dem unendlichen Gott, und deswegen nimmt sich dieser Mensch Zeit für die Stille. Denn in dieser stillen Zeit der Suche nach Gott erfährt dieser Mensch immer wieder jene Berührung mit dem Unendlichen, die er einst schon erfahren hat. Er erfährt sie nicht immer. Auch hier ist es ähnlich wie bei der menschlichen Liebe. Man sucht zwar die totale Gemeinschaft mit dem anderen, aber wenn sie sich ereignet, dann ist es Geschenk, Gnade, Ereignis. Man kann diese letzte Gemeinschaft mit dem anderen nicht erzwingen, nicht herbeiführen, nicht organisieren, planen und machen. Der gläubig gewordene Mensch sucht Gott auch dann, wenn diese Stunden des Gebetes oft scheinbar dürr bleiben, ergebnislos bleiben, nicht zur Begegnung führen. Denn die Liebe sucht immer den anderen, auch wenn sie ihn nicht immer findet. Und gerade deswegen ist es ein absoluter Glaube. Und dieser Glaube ist tiefer verwurzelt als das rein menschliche Wissen um alle irdischen Dinge. Denn dieser Glaube stammt aus einer abgründigen Erfahrung, die tiefer reicht als alle anderen Erfahrungen des Menschen.
Berührung mit Gott
Diese Suche nach dem unermeßlichen Gott ist genau das, was Jesus mit den Worten ausdrückt: "Du sollst Gott, deinen Herren, lieben aus ganzem Herzen, aus ganzer Seele und mit deinem ganzen Gemüte." Jesus meint damit das Ergriffensein des ganzen Menschen vom unendlichen Gott. So wie die wirkliche und große Liebe den gesamten Menschen ändert und ergreift, so und noch radikaler ist es bei der Begegnung mit Gott. In dieser lebendigen Berührung mit dem unendlichen Gott erlebt der Mensch die absolute Wirklichkeit Gottes. Aus dieser Begegnung im Gebet erwächst daher der tiefste Glaube des Menschen. Jede wirklich tiefe Liebe weckt im Menschen eine bisher ungeahnte Kraft, Hoffnung, Lebendigkeit. Diese Begegnung mit dem lebendigen Gott ist daher wie eine innere Stärkung und Erneuerung des ganzen Menschen, wie ein Jungbrunnen, wie ein reinigendes Bad, das uns erfrischt. Alle wirklich Gläubigen wissen um diese starke, religiöse Kraft.
Die Läuterung
In dieser stillen Begegnung mit Gott wird der Mensch tief innerlich gewandelt, geändert. Denn je mehr sich im Menschen die tiefste Sehnsucht entfalten kann, umso mehr wird dem Menschen sein eigenes Innerstes bewußt. Je mehr der Mensch in dieser abgründigen Sehnsucht Gott begegnet, umso abgründiger wird sich der Mensch seiner innersten Strebekräfte bewußt. Und so läutert sich der Mensch in dieser Begegnung mit Gott tiefer und tiefer. Alle menschlichen Sehnsüchte und Triebkräfte sind wie ein Bündel, bei dem es mehr Äußerliches gibt und ein Innerstes gibt. Zuerst entfaltet sich das Äußerlichste und dann mehr und mehr das Innere und erst zuletzt das Innerste, nämlich die Sehnsucht nach dem Absoluten, nach dem Unendlichen, nach dem Totalen und Ganzen, die Sehnsucht nach Gott. Je innerlicher die Sehnsucht des Menschen ist, umso tiefer reicht sie hinunter. Je tiefer der Glaube im Menschen verwurzelt ist, je tiefer der Mensch religiös wird, je inniger er Gott begegnet, umso mehr wird sich der Mensch all seiner Sehnsüchte bewußt und umso mehr ordnet und läutert sich all dieses innere Drängen und Streben des Menschen. Das ist der Grund, warum alle großen Heiligen ein viel stärker bewußtes Leben gelebt haben, als es sonst üblich ist. Im allgemeinen leben wir wenig bewußt, mehr oder minder oberflächlich. Je tiefer unsere Begegnung mit Gott wird, je beständiger sie wird, umso bewußter wird unser Leben, umso mehr können wir es verantworten, umso mehr können wir es ordnen, umso mehr wird es unser eigenes Leben. Und umso mehr wird es Ausdruck der tiefsten Sehnsucht, der Liebe. Diese Zeit der Suche nach Gott, diese Zeit der Stille und des Gebetes ist daher nie verlorene Zeit. Sie ist ebenso wenig verlorene Zeit, wie die Zeit der Liebe zwischen zwei Menschen verlorene Zeit ist. In solchen Zeiten wachsen die Pläne, die Hoffnungen, die neuen Kräfte. In dieser Zeit der Stille und des Gebetes wächst die Einsicht, die Ordnung im Menschen. Jesus hat uns verheißen, daß diese Mühe um die Begegnung mit Gott in unserem Leben Frucht bringen wird, dreißigfältig, sechzigfältig, hundertfältig Frucht bringen wird. Wie viele Irrwege müssen wir im Leben doch gehen, einfach weil wir das Leben nicht richtig gesehen haben. Wir können uns viel ersparen, wenn wir diesen Weg der Gemeinschaft mit Gott suchen. Diese Zeit der Stille, des Gebetes und der Gottessehnsucht ist wahrhaft nie verlorene Zeit: Für uns nicht und für andere nicht. Denn auch die anderen werden durch uns das Hundertfältige, Sechzigfältige, Dreißigfältige empfangen.
Sehnsüchtige Liebe
Bei diesem Hungern und Dürsten nach dem unendlichen Gott ist es ganz ähnlich wie bei der Liebessehnsucht des Menschen. Oft haben wir Sehnsucht, doch die Liebe ereignet sich nicht, oft müssen wir suchen, doch wir finden nicht, oft ersehnen wir das Licht wie ein Blinder, aber nichts macht unsere Dunkelheit hell. Oft beenden wir diese Stunde des Gebetes ebenso müde, wie wir sie begonnen haben. Und doch weiß es jeder, der wirklich Gott liebt, daß er diese Suche nach Gott nie aufgeben darf, auch wenn sie nicht immer Erfüllung findet - zumindest scheinbar nicht. Wer sich Tag für Tag Zeit nimmt für diese Stunde der Stille, der weiß, daß diese Suche nach Gott immer Segen bringt, immer Frucht bringt, immer zu einer inneren Erneuerung führt, immer an uns etwas verändert. Auch dann, wenn wir scheinbar mit leeren Händen ausgehen, vergeblich gesucht haben und scheinbar an verschlossene Tore geklopft haben. Wer wirklich liebt, wird die Suche nach Gott nie aufgeben. Und er wird immer und gewiß finden, was er sucht. Gott selber hat sich dafür verbürgt, und alle, die wirklich gläubig waren, haben dies bestätigt.
Es ist meine Überzeugung, daß die Krise des religiösen Lebens, die wir heute trauernd zur Kenntnis nehmen müssen, im wesentlichen daher stammt, daß wir Christen auf dieser Suche nach dem unendlichen Gott lahm und lässig geworden sind. Diese sehnsüchtige Suche nach dem unendlichen Gott geschieht nicht mehr allgemein. Die wenigsten nehmen sich dafür Zeit. Wir haben uns hineinhetzen lassen in eine technisierte Leistungsgesellschaft, wir gönnen uns nicht mehr diese stille Stunde des Gebetes Tag für Tag. Den Christen von heute fehlen diese stillen sehnsüchtigen Stunden des Gebetes und der Gemeinschaft mit dem Unendlichen, der uns ergreift und erfaßt und verändert bis in unser Innerstes hinab. Wo sind die Menschen, die sich Tag für Tag für diese sehnsüchtige Suche nach Gott noch Zeit nehmen? Und wir Christen belehren die Menschen darüber nicht genügend. Wir zeigen und ermöglichen ihnen nicht mehr diesen Weg der Stille. Vielleicht deswegen, weil es heute schon zu wenige gibt, die selber Tag für Tag stille werden, Gott suchen und betrachten und beten. Wo sind die Beter, die Tag für Tag diese lange Zeit der Suche nach Gott noch wagen? Wo sind die Lehrmeister, die den anderen diesen Weg heute noch zeigen? Wo sind sie, die davon Zeugnis geben, daß aus dieser Stunde des Hungerns und Dürstens nach Gott wirklich neues Leben erwächst? Es gibt solche Christen, Gott sei Dank, Priester und Laien, Männer und Frauen. Aber sie sind viel zu wenige. Wir brauchen mehr solche Menschen.
Der Weg zu Gott
Das ist meine Überzeugung: Der Weg zur Erneuerung der Kirche ist ein Weg zurück zu dieser Stille und zu diesem Gebet, zu dieser täglichen Suche nach der lebendigen Gemeinschaft mit Gott. Sonst werden wir schuldig an dem Gebot, das uns Jesus Christus aufgetragen hat: "Du sollst Gott, deinen Herrn, suchen mit deinem ganzen Herzen, mit deiner ganzen Seele und mit deinem ganzen Gemüte und mit allen deinen Kräften."
Es fehlt der Kirche unserer Tage nicht an gutem Willen. Im Gegenteil. Aber es ist oft ein hilfloses Suchen. Das Herz sucht nicht mehr, der Mensch nimmt sich nicht mehr die Zeit der liebenden Vereinigung mit Gott. Wir haben das Geheimnis dieser Begegnung mit Gott unter Stößen von Papier verloren, verstauben lassen, vergessen, vergraben. Das ist meine Überzeugung, daß wir solche Menschen finden werden. Je härter die Not in der Kirche wird, umso mehr wird dieses sehnsüchtige Hungern und Dürsten nach Gott in den Menschen aufbrechen. Schon heute weiß ich um tausende Menschen in den verschiedensten Gruppierungen unserer Kirche, die um dieses Geheimnis der täglichen Gottbegegnung wissen. Sie wissen, daß hier der eigentliche Kraftquell und die eigentliche Erneuerung des Lebens liegt. Gerade solche Menschen spüren, daß ihr Gebet noch zu wenig ist, daß ihre Zeit der Stille noch zu spärlich ist und daß sie diesen eigentlichen Weg der Gottesbegegnung noch zu treulos gehen. Alle diese Menschen möchte ich ermuntern: Geht euren Weg, kargt nicht mit der Zeit der Stille und des Gebetes. Ihr müßt zu Zeugen werden, daß Gott ein großzügiger Gott ist, der euch in dieser Zeit des Gebetes reich beschenkt, Kraft gibt, Mut und Hoffnung gibt. Nur wenn ihr eurer Berufung treu bleibt, werdet ihr lautes Zeugnis geben für die anderen, die zwar Sehnsucht in sich verspüren, aber um den Weg zur Gemeinschaft mit Gott noch nichts wissen, weil ihnen niemand den Weg zeigt.
Gott ist die Liebe
Gott ist die Liebe. Wo ein Mensch sich von dieser Liebe Gottes ergreifen läßt, dort wird die Allmacht der Liebe Gottes in diesem Menschen gegenwärtig. Und deswegen vermag Gott aus diesen Menschen, die sich Zeit zur Stille und zum Gebet nehmen, die Wunder der Erneuerung zu wirken. So hat Er es immer in der Geschichte der Kirche gemacht, und so wird Er es auch jetzt tun. Immer wenn die Not groß wurde, hat Gott Menschen erweckt, in denen das Geheimnis dieser Begegnung mit Gott wundermächtig und stark wurde. Auf diese Menschen warten wir, auf diese Wunder Gottes warten wir, und diese Wunder Gottes sehen wir heute da und dort schon vor Augen.
Brüder und Schwestern, glaubt daran, daß die Liebe Gottes auch in euch wachsen soll. Vielleicht müßt ihr mit zwei Minuten täglich anfangen, mit fünf Minuten, mit zehn Minuten der Stille und des Gebetes. Wenn Gott euch in diesen wenigen Minuten beschenkt und oft beschenkt, dann werdet ihr wissen, daß hier der Weg zum Leben führt und daß ihr diesen Weg nicht mehr verlassen dürft. Dann werdet ihr auch wissen, daß ihr diesen Weg tapfer und rascher voranschreiten müßt. So wird eure Zeit der täglichen Stille länger werden. Eine Viertelstunde, eine halbe Stunde, und ihr werdet erkennen, daß ihr diese Zeit in eurem Tag spielend wieder hereinbringt. Wenn ihr zur täglichen Stunde der Stille und des Gebetes gelangt, werdet ihr voll Kraft und Überzeugung den anderen verkünden: Ohne diese Stunde des Gebetes und der Stille würden wir das Doppelte an Zeit vertrödeln oder Irrwege gehen, das Doppelte an Zeit würden wir für Tätigkeiten aufwenden, die nicht zum eigentlichen Leben führen. So möchte ich euch in dieser Stunde des Advents ermuntern: Glaubt an die große Weihnacht des Lebens, glaubt an das große unendliche Licht, das schon Millionen Christen ergriffen hat in aller Welt. Glaubt daran und sucht; ihr werdet finden, denn Gott hat es euch verheißen, Er wird auch euch diese Weihnacht schenken!
MUT ZUR STILLE
Der Advent ist ein Symbol für unsere Sehnsucht nach dem Unendlichen, nach Gott selber, der uns mitnimmt in Seine unermeßliche, bleibende, grenzenlose Fülle des Lebens. Der Advent ist für uns keine bloß liturgische Angelegenheit, sondern unser ganzes Leben soll ein Advent sein. Wir müssen dieser geheimen Sehnsucht nach Gott in den Stunden der Stille und des Gebetes Raum geben und Erfüllung ermöglichen. Diese Sehnsucht nach Gott ist ja ähnlich der menschlichen Sehnsucht nach der großen Liebe. Wenn wir von der Liebe getroffen werden, müssen wir uns Zeit nehmen für diese Liebe, für das Gespräch der Liebe, für die Gemeinschaft der Liebe. Tun wir es nicht, dann versandet und verwelkt die Liebe. So kann auch unsere Sehnsucht nach dem absoluten, nach dem totalen, nach dem unermeßlichen Gott verschüttet werden vom lauten Alltag, vom Leistungsdruck, vom Hetzen und Jagen. Nur wenn wir uns dafür Zeit nehmen, wird diese Liebe wach werden, bewußt werden, stark werden in uns. Nur dann werden wir Menschen des wirklichen Glaubens an den unendlichen Gott, nur dann werden wir aus dieser Begegnung mit dem unendlichen Gott die Kraft der Liebe schöpfen, die Klarheit der Liebe, die Hoffnung und den Auftrag der Liebe. Nur so werden wir die Welt verändern können und die Kirche in der Krise unserer Tage zur inneren Erneuerung führen.
Mit dieser Zeit der Stille und des Gebetes werden wir vielleicht klein anfangen müssen, mit zwei Minuten, fünf Minuten täglich, mit einer Viertelstunde. Gott wird uns in dieser Zeit irgendwann anrühren. Geben wir ihm diese Chance, so werden wir seine Wirklichkeit erfahren. Wir werden dann erkennen, daß hier das eigentliche Leben ist und daß wir Verrat am eigenen Leben begingen, wenn wir diesem Weg nicht folgten. So werden wir uns allmählich mehr und mehr Zeit für diese Stille nehmen, für diese Suche nach Gott.
Gebet ist Suche
Gebet ist immer Suche nach dem unendlichen Gott, nach dem unermeßlich großen, nach dem totalen Leben, das Gott ist und gibt. Aber nicht immer werden wir fähig sein, Gott direkt zu suchen. Oftmals wird uns in der Zeit der Stille und des Gebetes unser tägliches Leben mit allen Sorgen und Hoffnungen vor Augen stehen. Wir werden dann gar nicht fähig sein, Gott selber und direkt zu suchen. Wir sollen dann gar nicht abschalten von unseren Sorgen und Aufgaben, von unserer quälenden Not, sondern unser Gebet wir dann die Suche nach dem unendlichen Gott sein, aber in seiner Schöpfung, in unserem eigenen Leben, in unseren eigenen Nöten. Wir werden dann Gott suchen, indem wir unser eigenes Leben zu bewältigen suchen. In dieser Zeit der Stille müssen wir zuerst zur Ruhe kommen, uns innerlich beruhigen, bis wir nachdenken können. Wir müssen warten, bis die ganze Hast von uns abfällt und wir innerlich ruhiger werden, bis uns endlich bewußt wird, was im Augenblick eigentlich unser Leben bestimmt, um welche Not es geht, um welche Aufgabe, um welche Sehnsucht. Erst wenn wir uns bewußt werden, wie es in unserem eigenen Inneren eigentlich ausschaut, werden wir es vielleicht überlegen und bedenken können. Und dann werden wir bitten können: "Herr, hilf Du mir, weil ich noch keinen Weg weiß."
Gott kommt
Wir werden vielleicht lange vor Gott so dasitzen oder knien und keine Lösung wissen. Aber wenn wir Gott suchen, heißt das doch, daß unsere innerste Sehnsucht lebendig wird. Und diese innerste Sehnsucht geht nach Gott, der die absolute Wirklichkeit ist, das totale, sinnvolle Leben ist. Und weil uns Gott diese innerste Sehnsucht gegeben hat, wird diese Sehnsucht uns bewegen. Deswegen werden, wenn wir so dasitzen vor Gott, allmählich in uns Bilder wie in einem Traum aufsteigen: das Bild von der wirklichen Gemeinschaft, das Bild von der dienenden Liebe, die sich einsetzt für andere, das Bild vom echten und bleibenden Reichtum, das Bild vom schuldlosen Leben, das Bild vom Leben ohne Furcht und Angst, das Bild von der Geborgenheit bei Gott, das Bild von der Vergebung und Versöhnung, das Bild vom mutigen Glauben, der Großes wagt für Gott und Sein Reich, das Bild vom gütigen Menschen ... . Solche Bilder werden wie Leitbilder sein, die uns Gott gegeben hat. Sie werden uns vor Augen stehen wie eine lichte Hoffnung, wie ein Morgenrot, wie ein Wegweiser, wie eine Aufforderung und Ermunterung Gottes. Er zeigt sie uns nicht als Drohung, nicht nach der brutalen Art der Menschen, sondern nach der gütigen Art Gottes. Diese Bilder werden uns still und leise vor Augen stehen wie eine große Sehnsucht und Ermunterung, wie ein großes Leuchten. Diese Bilder werden uns locken und Mut machen. Und je länger sie uns vor Augen stehen, umso eindringlicher werden wir wissen: dort ist der Weg, dort ist das Leben, dort ist die Wahrheit, das ist der Weg zur wirklichen Gemeinschaft, es ist die richtige Aufgabe oder Lösung meiner Probleme, das muß ich tun. Es ist mehr als Ermunterung, es ist Einsicht in die Wahrheit. Es wird ein inneres Wissen sein, daß es der rechte Weg ist. Es wird ein inneres Gewissen sein. Nicht brutal und fordernd, denn Gott ist nicht brutal und fordernd. Sondern Er ist der Gütige, der uns etwas zeigt, und vor allem: Der uns etwas ermöglicht. Wenn wir diese Bilder vor Augen haben, werden wir auf einmal wissen: Das soll ich tun, das werde ich tun. Wir werden es so sagen, nicht weil wir uns eigenmächtig etwas vorgenommen haben, sondern weil wir den Weg gesehen und erkannt haben. Diese Bilder, die uns vor Augen stehen, zeigen uns ein Stück von der absoluten, unendlichen Gegenwart Gottes. Gott selber hat uns heimgesucht, innerlich gekräftigt, ermuntert, erfüllt.
Die Zwiesprache
Wir können gleichsam unser Leben, unsere Sorgen, Nöte, Ängste vor Gott ausbreiten, sie mit Ihm besprechen. Was willst Du Herr, daß ich tue, in dieser oder jener Situation? Wie kann ich meiner Familie, meinen Freunden am besten helfen, am wenigsten weh tun? Und wenn wir dies alles vor Gott erwägen, wird Er uns auch Antwort geben auf unser Bitten und unser Fragen. Wir werden von einem solchen Gebet aufstehen in einer neuen Hoffnung, neuen Einsichten, einer neuen Zuversicht, einer neuen Kraft, einem neuen Gewissen, einem neuen Pflichtbewußtsein. Gott hat es gegeben. Wir wissen es und wir danken Ihm. Und wir bitten Ihn: "Herr, mach es möglich, hilf Du uns, denn aus eigenem vermögen wir es nicht."
Nicht nur die Aufgaben und Sorgen tragen wir in dieser Stunde der Stille und des Gebetes vor Gott hin, sondern auch unsere Freude, unser überschäumendes Inneres. Denn auch da werden wir dann wissen, Herr, woher kommt diese Glück, diese überschäumende Freude mit meinen Kindern, mit meinem Beruf, mit meiner Frau, mit meinem Mann? Nicht aus mir kommt all das, Du hast es gegeben, denn nur von Dir kommt alle Liebe und Stärke, nicht wir können es erzwingen, nicht wir können es bewahren, nicht wir können es machen. Du allein kannst es geben. Du hast es heute gegeben. Nur wenn Du es morgen gibst, wird es auch morgen wieder so sein. Gib es, Herr, auch morgen, denn in Deiner Hand allein liegt es. - So werden wir dann beten. Unser Beten wird in dieser Stunde der Stille ein großes Danken werden Tag für Tag.
Wie alle Probleme meistern?
Am ärgsten bedrängt uns in dieser Zeit der Stille und des Gebetes auch unsere eigene Not, das Leid, die Angst, die Schuld, die Einsamkeit. Wir werden uns dann vor Gott fragen: Wie sollen wir mit dem Streit fertig werden, wie sollen wir mit unserer Verzweiflung fertig werden, wie mit der inneren Bitterkeit, wie mit unserer Angst, wie mit den Scherben fertig werden, die wir selber geschlagen haben? Wie sollen wir mit unserem Chef fertig werden, mit unserer Frau, mit unseren Kindern? Wie sollen wir fertig werden mit den täglichen Reibereien, mit unserer Erschöpfung, mit unserer inneren Not, mit der qualvollen Einsamkeit und Vereinzelung unseres Lebens? In dieser Stunde des Gebetes und der Stille wollen wir diese Not nicht verdrängen, sondern zu bewältigen suchen: Mein Gott, hilf mir, daß ich fertig werde mit dieser Not, zeig mir den Weg, zeig mir Deinen Weg! Wenn wir so zu Gott reden, dann ist das in Wirklichkeit jenes Hungern und Dürsten nach der Gerechtigkeit, von der Jesus Christus gesprochen hat. Es ist unser Hungern und Dürsten nach dem rechten Weg, nach dem rechten Leben, nach dem rechten Tun, nach der rechten Liebe, nach der rechten Wahrheit unseres eigenen Lebens. Wir suchen den unendlichen Gott dann in unserem eigenen Leben. Denn unser eigenes Leben will ja lieben, will ja sinnvoll werden, froh werden, gereinigt werden von der Schuld, ganz frei werden von der Angst, will zur totalen Gemeinschaft mit Gott gelangen. Wenn wir nach diesem totalen, rechten Leben suchen, suchen wir in Wirklichkeit nach dem totalen Leben Gottes, nach der totalen Liebe, und damit nach Gott. Denn Gott ist die Liebe.
Unsere ganze Not vor Gott
In dieser Zeit der Stille und des Gebetes wollen wir unsere ganze Not vor Gott hintragen, das geheime Unbehagen mit unserer eigenen Lebensführung. Manchmal werden uns die Worte dazu fehlen, weil wir nicht imstande sind zu reden. Die Not verschließt uns den Mund. Aber dann, so sagt die Heilige Schrift, weiß Gott selbst um unser innerstes Sehnen und unsere innersten Nöte. "Der Geist Gottes tritt für uns ein mit unaussprechbaren Seufzern", so sagt die Heilige Schrift. Gott, der das Innerste der Herzen kennt, weiß, worum wir beten, auch wenn uns die Bitterkeit und Not des Augenblicks den Mund verschließt und das ausdrückliche Gebet nicht ermöglicht. Wenn wir nur dasitzen vor Gott und warten, bis der Alptraum von uns weicht und das Herz wieder reden kann, hat Gott uns schon gehört, bevor wir die Worte noch formulieren konnten. Er ist in uns und bei uns, ehe wir Ihn bewußt suchen können und unsere Herzen zu Ihm erheben können.
So einfach ist dieses Gebet, so einfach ist diese Zeit der Stille und des Suchens. Denn Tag für Tag steht uns eine neue Aufgabe, Sorge und Freude vor Augen. Und deswegen können wir unser Leben Tag für Tag neu vor Gott ausbreiten und Ihn bitten: "Herr hilf, segne uns, denn aus eigenem vermag ich es nicht."
Selbstfindung
Brüder und Schwestern, nehmen wir uns die Zeit, haben wir doch den Mut, in dieser täglichen Stille des Gebetes unser eigenes Leben anzuschauen. Wagen wir es doch, unserer eigenen inneren Nöte bewußt zu werden. Auch wenn das scheinbar gar nichts mit Gott zu tun hat und scheinbar auch gar nicht Gebet ist, wird es in Wirklichkeit Suche nach Gott sein. Wenn wir still werden und einen Überblick über unser eigenes Leben gewinnen wollen und nach dem rechten Weg trachten, das ist schon die erste Suche nach Gott. Meine lieben Freunde, Sie werden es beglückend erfahren, wie befreiend das ist, wenn Sie in dieser Zeit der Stille zu sich kommen und allmählich vom Lärm und Trubel des Alltags frei werden und es innerlich ruhig wird. Sie werden es so dankbar empfinden, daß Ihnen Ihr eigenes Inneres bewußt wird, Sie werden eine Vertiefung des Lebens empfinden, eine Verinnerlichung und allmählich eine gewisse Gegenwart Gottes. In diesem Frieden, den Sie verspüren, werden Sie schon etwas vom Frieden Gottes merken. Und Er ist tatsächlich damit zu Ihnen gekommen, in diesen zwei Minuten, fünf Minuten, zehn Minuten, in dieser Zeit des Ruhigwerdens und Bewußtwerdens.
Sie werden es so dankbar empfinden, daß Sie auf diese Art und Weise viel bewußter leben können, weil Sie sich Ihres Innersten bewußt werden, Ihrer Sehnsüchte und Ängste, Ihrer Aufgaben, Ihrer inneren Nöte, Begierden und Sünden. Sie werden es als reinigend empfinden und hilfreich. So wird aus Ihrem gehetzten Leben ein viel mehr bewußtes Leben werden, ein Leben, das Sie viel mehr verantworten können, weil Sie nun wissen, was Sie tun, und wissen, was in Ihrem eigenen Inneren vor sich geht. Sie werden dann sagen können: "Es ist jetzt wirklich mein eigenes Leben, ich werde jetzt nicht mehr mitgerissen und fortgeschwemmt vom Strudel des Lebens, sondern bekomme mein Leben allmählich in die Hand, in die eigene Verantwortung, ins vollere Bewußtsein." So wird viel mehr Wahrheit und Klarheit in Ihrem Leben sein, viel mehr Licht.
Tägliche Weihnacht
Diese tägliche Stunde der Stille und des Gebetes wird in Wirklichkeit zu Ihrer täglichen Weihnacht werden: Da wird es Licht in der Dunkelheit unseres bedrängten Lebens, da ereignet sich Gott in unserem Leben. Diese tägliche Zeit der Stille und des Gebetes ist unser Advent, unsere tägliche Suche nach dem unermeßlichen Gott, den wir brauchen und ersehnen. In dieser Zeit der Stille und des Suchens und Betens wird Gott immer wieder in unser Leben eintreten, unbemerkt, wie von selbst, beglückend und befriedigend, so wie die Liebe. Sie läßt sich nicht zwingen, sie kommt über den Menschen wann sie will, wie sie will, in welchem Maße und wo sie will. Gott wird über uns kommen wie ein Friede, wie eine tiefe Freude, wie eine große Hoffnung, wie eine neue Kraft. Wir können nicht sagen, hier ist Er oder dort ist Er in unserem Leben, aber Er hat uns erfüllt, so wie die Liebe. Und Er gestaltet uns um, so wie die Liebe. Und er gibt uns jene unwahrscheinlichen Kräfte, die aus jeder wirklichen Liebe erwachsen.
Liebe Freunde, diese Weihnacht wünsche ich Ihnen allen, diese tägliche Weihnacht. Aber wir wissen wohl: Ohne Advent gibt es keine Weihnacht. Ich wünsche Ihnen, daß Sie den Mut und die Tapferkeit haben, die tägliche Zeit der Stille und der Suche nach Gott zu beginnen. Gott wird es segnen.
UMGESTALTUNG UND WANDLUNG
Der Advent ist ein Zeichen der Sehnsucht nach Gott. Wir alle, die wir gläubige Menschen sind, haben mehr oder minder diesen lebendigen Gott erfahren. Und doch sind wir unzufrieden mit unserem Glauben, mit unserer Sehnsucht nach Gott, mit unserer Liebe zu Gott. Es ist so vieles brüchig an unserem Glauben, es ist so vieles dürr an unserer Liebe, es ist uns so vieles entschwunden, was einst in uns war an Glaube, Hoffnung und Liebe. Woher kommt das? Gewiß, der Glaube ist Gnade, die Liebe ist Gnade. Aber wir sind an dieser Liebe und am Wachsen dieser Liebe wesentlich beteiligt. Wir wissen uns dafür verantwortlich, ob unsere Liebe wächst oder ob wir untreu werden. Das ist bei jeder Liebe so, vor allem bei jener Liebe, die Gott gibt.
Mein Beitrag
Was haben wir dazu beigetragen, daß die erste Liebe zu Gott, die wir erfahren haben, in uns wach bleibt? Gilt nicht auch für uns jenes große Wort aus der Geheimen Offenbarung, in der Jesus zu uns sagt: "Aber ich werfe dir vor, daß du deine erste Liebe nicht mehr hast. Bedenke, von welcher Höhe du herabgesunken bist! Geh in dich und vollbringe wieder Taten wie früher. Sonst komme ich über dich und stoße deinen Leuchter von seiner Stelle" (Offb 2,4). Macht nicht auch uns Gott diesen Vorwurf, daß wir unsere erste Liebe nicht mehr haben? Wo sind die Zeiten geblieben, da wir Gott mit der ganzen Sehnsucht unseres Herzens gesucht haben, da wir wirklich mit brennendem Herzen nach der Wahrheit gesucht haben, nach einem Leben ohne falsche Kompromisse? Wo sind die Zeiten geblieben, da wir Gott in der Stille und im Gebet gesucht und gefunden haben? Wo blieben die Zeiten, da das Gewissen in uns erwachte und wir wußten, welchen Weg wir gehen müssen? Wie lange haben wir es ausgehalten ohne Verrat und wie hat sich dieser Verrat dann gehäuft, bis wir eines Tages vergessen hatten, wie wir früher gelebt haben, früher uns gesehnt haben. Es lag hinter uns wie eine ferne, verblaßte Wirklichkeit, wie ein Traum aus Kinderzeiten. Ist es überhaupt noch möglich, daß wir zurückkehren zum Glanz und zum Glauben jener Zeit? Kann die große Liebe in uns überhaupt noch erwachen? Sind wir nicht zu bloßen Routiniers des religiösen Lebens geworden? Ist nicht das meiste verkümmert? Haben wir nicht das große und eigentlichste Anliegen unseres Lebens zur Seite gelegt, als unmöglich abgetan?
Umkehr und neuer Beginn
Noch ist etwas von dieser großen Sehnsucht in uns wach. Noch ist nicht alles erloschen. Unter einem Berg von Asche oder Schutt spüren wir noch etwas von jener geheimen Glut, die unser Leben wärmt und lebendig macht. Noch haben wir nicht alles preisgegeben. Noch hat uns Gott eineen Lebenskeim gelassen. Wir danken Dir, Gott, dafür, aber wir wissen: Viele dürre Äste hat der Baum unseres Lebens, vieles ist weggebrochen, vieles ist im Sturm des Lebens zugrunde gegangen.
Gibt es eine Rückkehr, eine Umkehr, einen Neubeginn? Wir wissen es, daß das möglich ist und unsere geheime Sehnsucht sagt uns im Innersten, diese Umkehr soll sein, muß sein. Gott kann sie uns ermöglichen, aber es wird auf uns ankommen. Auch wenn wir jetzt keinen Weg wissen, wie diese innere Erneuerung möglich ist, auch wenn wir niemand in unserer Umgebung kennen, der dieses Kunststück und Wunder zuwege gebracht hat. Wir wissen, daß diese geheime Sehnsucht nach dem unermeßlichen Gott, nach dem totalen Leben, nach der grenzenlosen Liebe, nach der Befreiung von der Schuld in unserem Leben Wirklichkeit werden kann und allmählich Wirklichkeit werden soll. Und deswegen, Herr, bitten wir Dich für uns und für alle, die wir kennen, hilf uns zu dieser inneren Erneuerung.
Die kleinen Rebläuse
Wie kann es geschehen, daß in uns die Liebe und Sehnsucht nach dem absolut gültigen Leben aufwacht? Wir wissen den Weg dazu, denn etwas von dieser Erfahrung der absoluten Wirklichkeit Gottes steht uns auch heute noch vor Augen. Und deswegen wissen wir: Diese unermeßliche Wirklichkeit Gottes, die wir erfahren haben, hat Vorrang vor allem anderen, steht an erster Stelle und fordert den ersten Platz in unserem Leben. Das wissen wir ebenso wie es ein liebender Mensch weiß, diese Liebe hat Vorrang vor allen kleinlichen Wünschen seines sonstigen Lebens, und daran wird sich seine Liebe entscheiden, ob ich dieser großen Liebe den Vorrang gewähre vor allen kleinlichen Zänkereien und Süchten meines Lebens oder ob ich sie untergehen lasse in den zahllosen kleinlichen Augenblicken des kleinen Verrates an dieser Liebe. Hier ein bißchen Gift, dort ein bißchen Gift, so wird diese Liebe nach und nach vergiftet. Hier ein kleiner Verrat und dort ein kleiner Verrat, bis er sich häuft und ein Gebirge wird, das ich nicht mehr überschreiten kann. Ich komme nicht mehr hinüber und der andere kommt nicht mehr zu mir herüber. Im Hohen Lied der Liebe im Alten Testament ist von den vielen Füchsen die Rede, die den Weinberg der Liebe verwüsten. Haben wir dieses kleine Untier auch nicht im Weinberg unserer eigenen Liebe frei schalten und walten lassen? Hat nicht viel kleines Ungeziefer unsere Liebe verwüstet? Sind es nicht die kleinen Rebläuse, die in millionenfacher Anzahl den Weingarten verwüsten und fruchtlos machen? Müssen wir nicht anfangen, mit dem kleinen Ungeziefer in unserem Leben aufzuräumen, uns wieder selber zu säubern und reinen Tisch zu machen?
Das totale Ziel
Wir wissens insgeheim um den eigentlichen Weg zur großen Liebe. Diese große Liebe braucht Vorrang vor allem kleinlichen Verrat unseres Alltags. Bei unserer Liebe und Sehnsucht nach Gott ist es dasselbe. Diese absolute Wirklichkeit Gottes steht als das eigentliche Große vor uns, als das totale Ziel unseres Lebens, als die unermeßliche Fülle unseres Lebens. Dieser unermeßliche Gott braucht Vorrang vor allen kleinlichen Wünschen und Wollen unseres egoistischen Lebens. Seine Wahrheit und Liebe hat Vorrang vor allem anderen und muß in unserem Leben an erster Stelle stehen. Hat nicht Jesus genau so gesprochen? Er sagte doch dieses eindringliche Wort: "Suchet zuerst das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit und alles andere wird euch hinzugegeben werden" (Mt 6,33). Gott muß an erster Stelle stehen, so sagt damit Jesus. Das ist der erste Weg zur großen Liebe und zur großen Sehnsucht, zum Reifen der Sehnsucht, zur Erfüllung der Liebe und zum Wachstum des Glaubens. Im Alten Testament hat Gott ebenso eindringlich gesprochen: "Du sollst neben mir keine anderen Götter haben." Das ist der Weg zum religiösen Ergriffenwerden, zur vollen Gemeinschaft mit Gott, daß Gott an erster Stelle in unserem Leben steht und wir diesen ersten Platz nicht unseren Götzen überlassen.
Götzen in meinem Leben?
Ein Götze ist das, was nicht Gott ist und dennoch in unserem eigenen Leben den ersten Platz beansprucht und gleichsam am Altar unseres Lebens thront. Bei einem ist das die Karriere, beim anderen das Vergnügen, beim dritten das gedankenlose Darauflosleben, beim vierten ist es das Haben und Raffen, beim fünften ist es der Alkohol und das betäubende Leben, beim sechsten ist es das Rennen nach den ersten Plätzen dieser Welt, nach Macht und Einfluß, beim siebenten ist es die eigene Leistung, an der er sich berauschen will. So ist es bei jedem etwas anderes, was ihn beherrscht und dessen Knecht er wird. Der Knecht von Wein und Alkohol, der Knecht des eigenen Karrierestrebens, der Knecht der selbstgeforderten Leistung, der Knecht seines eigenen Habenwollens und immer mehr Habenwollens, der Knecht der Konsumangebote, der Knecht dessen, was die Leute über ihn denken, der Knecht der Massenmeinung, der Knecht seiner Gewohnheiten, seiner eigenen Feigheit, seiner eigenen Trägheit. Und all das nennt er schließlich noch Freiheit. Aber in Wirklichkeit ist er ein Sklave. Seine Freiheit ist eine Freiheit zum Tode, er trinkt sich zu Tode, er strebert sich zu Tode, er rennt sich zu Tode, er ißt sich zu Tode, er ärgert sich zu Tode. Götzen üben eine tödliche Herrschaft aus. Insgeheim weiß der Mensch das. Er stöhnt unter den Götzen, die sein Leben beherrschen, dennoch dient er ihnen. Es ist eine Haßliebe. Er haßt zum Beispiel dieses gehetzte Leben und kann dennoch nicht mehr heraus. Es ist wie eine Betäubung: In diesem gehetzten Leben spürt er seine eigene Macht und dient er dem Götzen Macht. Er dient ihm, obwohl er weiß, daß dieses gehetzte Leben unter Druck ihn zu Tode peitscht, daß dieser Götze ihm das Lebenslicht ausbläst. Er dient ihm dennoch weiter, fluchend und dennoch anhänglich. Ein gespaltetes Leben, ein verblendetes Leben, das die Wirklichkeit nicht mehr sieht wie sie ist. Solche Menschen wagen der eigentlichen Wirklichkeit nicht mehr ins Auge zu schauen. So stirbt in ihnen dieses Wissen um die absolute Liebe Gottes, um das unbedingt gültige Leben, um den grenzenlosen Lebensweg, um die absolute Wirklichkeit, um den unendlichen Gott. Das ist der eigentliche Grund, warum die Kirche unserer Tage in eine so tiefe Krise geraten ist: Das selbsterfahrene Wissen um den lebendigen Gott liegt unter Bergen von Schutt und Asche begraben, weil der Mensch diesen selbstgewählten Götzen dient und sich von ihrer Herrschaft nicht frei machen will.
Gottes Zusage
Wie wächst unsere Sehnsucht nach Gott, wenn wir lieben? Indem wir uns mehr und mehr frei machen von diesen Götzen, die unser Leben beherrschen und indem wir mehr und mehr diese absolute Wirklichkeit Gottes wieder an die erste Stelle unseres Lebens stellen, ihr Raum schaffen, Platz gönnen in unserem Leben. Wir müssen zurückkehren zu diesen Minuten der Stille und des Gebetes, so daß uns die totale Wirklichkeit Gottes wieder wie eine Morgenröte vor Augen steht, verlockend, ermutigend, fordernd, kräftigend. Wenn wir den Schatz der unermeßlichen Größe Gottes wieder mehr und mehr leuchten sehen im Zentrum unseres Lebens, werden wir uns aufmachen, um Ihn zu gewinnen, wir werden dann viel Banales verlassen können, leichten Herzens, um diesen Schatz zu gewinnen. Es wird uns dann nicht schwerfallen, auf manches zu verzichten, denn der großen Liebe fällt es nicht schwer, auf manche Bagatelle zu verzichten, weil ja die Liebe ein überreicher Dank und Lohn für diesen kleinen, mutigen Augenblick darstellt. Und je mehr wir uns innerlich befreien und dem Locken der absoluten Liebe folgen, umso mehr wird Gott Raum gewinnen in unserem Leben und an die erste Stelle in unserem Leben rücken. Diese absolute Liebe wird mehr und mehr unser Leben erfüllen. Nicht wie ein Kuckuck, der alles andere aus dem Nest wirft, sondern wie eine große Glut, die alles mit ihrem Licht und ihrer Wärme erfaßt und erfüllt, bis alles in uns zur einen, großen Liebe wird. Wenn wir dieser Wirklichkeit und Wertfülle Gottes in uns Raum geben, werden wir nicht beraubt, werden wir nicht geplündert, nicht geängstigt, nicht ärmer, sondern vom Leben Gottes erfüllt. Wir werden dann wissen, daß dieses große Leben Gottes unser Schatz ist, unser Besitz, unsere Gemeinschaft, unser Sinn, unser Du, unsere Wahrheit, unser Alles, unser Leben. Haben wir etwas verloren, wenn wir Gott an die erste Stelle unseres Lebens stellen? Man kann nur sagen: gewonnen, gewonnen! Wir sind dann wie der Mann aus dem Evangelium (Mt 13,44), der den Schatz im Acker seines Lebens entdeckt hat. Er ging hin, und verkaufte alles andere, um diesen großen Schatz zu gewinnen. Meine lieben Freunde, haben wir doch den Mut, diesen Schatz zu suchen in der täglichen Zeit der Stille und des Gebetes. Wer sucht, der findet. Das ist die absolute Zusage Gottes.
Eine unsagbare Einheit
So werden wir Menschen des Gehorsams gegen Gott. Es ist ein Gehorsam gegenüber jener absoluten Liebe, die uns in der Zeit der Stille und des Gebetes so lockend vor Augen steht. Es ist kein harter Gehorsam, weil Gott nie hart ist. Es ist kein blinder Gehorsam, weil wir ja selber diese lockende Liebe vor Augen haben, als Sehnsucht, als innerstes Wissen, als Gewissen. Es ist kein erniedrigender Gehorsam, denn durch diesen Gehorsam erfahren wir die ergreifende Wirklichkeit Gottes, die uns erfaßt und zu jenem totalen Leben führt, das Gott selber ist. In dem Maße, als wir dieser inneren Erkenntnis gehorchen, wissen wir uns ergriffen und aufgenommen in das Leben Gottes, eins mit Ihm, mehr als ein Freund, mehr als ein Partner. Es ist eine unsagbare Einheit, die Gott allein zu geben vermag. Nur wer wahrhaft Liebe erfahren hat, das Hungern und Dürsten nach Gott wirklich lebt, der weiß um diese unermeßliche und einmalige Einheit: "So wie Du, Vater, in mir bist und ich in Dir, so laß sie in uns eins sein" (Joh 17,21), so sagt Jesus.
Was soll ich tun, Herr ?
Wir müssen den Mut haben, all das Sinnlose zu zu verweigern, das uns die Welt zumutet. Ist nicht wirklich so vieles gemein in dieser Welt und trotzdem tun so viele mit? Es ist so vieles verlogen und wirklliches Unrecht und dennoch schwimmen wir mit und tun wir mit. Wir müssen uns weigern, da mitzutun. Wir werden nicht alles auf einmal bewältigen. Und wir werden Tag um Tag in diesen Stunden der Stille und des Gebetes Gott unser Problem vorlegen müssen: "Herr, wie soll ich das tun? Alle Welt geht einene verkehrten Weg, und dennoch duldest Du es nicht, daß ich ebenso tue? Wie soll ich da tun?" Und wir werden vielleicht lange fragen müssen, Monate und Jahre, ehe uns mehr und mehr der rechte Weg aufgeht. Nur wenn diese Zeit der Stille und des täglichen Gebetes ein wirkliches "Hungern und Dürsten nach der Gerechtigkeit" ist, werden wir mehr und mehr diesen rechten Weg erfahren.
Der Herr sagt uns: "Seht, ich sende euch wie Lämmer unter Wölfe", und dieses Wort besagt: Es wird nicht einfach sein, in dieser Welt den rechten Weg zu gehen. In dem Maße, als wir es erkennen, werden wir uns weigern müssen, das Unrecht zu tun und beim Unrecht weiter mitzutun. Und je mehr wir uns weigern, je mehr wir den rechten Weg suchen, umso mehr wird Gott an die erste Stelle unseres Lebens treten und umso mehr wird jene bedingungslose Liebe in uns Raum finden und unser Leben umgestalten und wandeln. Das wird nach und nach jene große Bekehrung werden, zu der uns Jesus aufruft. Dann wird der Advent unseres Lebens Wirklichkeit werden, bis wir es deutlicher und deutlicher spüren im eigenen Leben, daß Gott gegenwärtig ist, in uns Platz findet, geboren wird. Dann wird auch in uns Weihnacht sein.
DAS WUNDER DER WEIHNACHT
Heute ist Heiliger Abend. Die ganze Welt sollte heute einen Schimmer jener großen und ewigen Weihnacht erleben, die Gott uns Menschen bereiten will. In dieser Heiligen Nacht sollte unser Herz weit werden, weil wir mit großen Augen jenes strahlende Licht schauen, das Gott uns Menschen schon bereitet hat und endgültig bereiten will. Aber wen wir Realisten bleiben, dann müssen wir uns am heutigen Tag eingestehen, daß uns dieser Weihnachtsabend mit einiger Wehmut erfüllt. Wir würden gerne etwas von der großen Weihnachtsfreude erleben, die wir einst als Kinder gekannt haben. Wir würden gerne das Weihnachtswunder im eigenen Leben erfahren, so wie manchmal die Zeitungen von einem Weihnachtswunder berichten. Aber wir müssen uns eingestehen, daß uns auch dieser Heilige Abend kaum aus der Härte des Alltags herauszureißen vermag. Gewiß, wir freuen uns auf die paar freien Weihnachtstage, die wir vor uns haben. Wir freuen uns auf ein Beisammensein mit unserer Familie, mit unseren Freunden. Und wir haben auch eine kleine Hoffnung, daß uns an diesem Heiligen Abend irgend jemand eine kleine Freude bereiten wird, von der wir jetzt noch nichts wissen. Aber insgesamt mußt du dir doch sagen, es waren gehetzte Tage bis heute. Die Vorbereitungen für diesen weihnachtlichen Urlaub haben mich viel Nerven und viel Arbeit gekostet, und ich bin nun müde von alldem, was ich vorher noch rasch erledigen muß.
So fragen wir uns heute, gibt es für uns, die wir in diesem jagenden Alltag drinnenstehen, eigentlich wirklich noch jenen Heiligen Abend, nach dem wir uns insgeheim sehnen? Kann es für uns moderne Menschen überhaupt noch diese stille, heilige Nacht geben, über die wir uns im innersten Herzen freuen können? Kannst du an jenes Christkind noch glauben, das den eigentlichen Zauber dieser Heiligen Nacht ausmacht? Viele Menschen wagen es nicht mehr, dieses Weihnachtswunder für ihr eigenes Leben zu erhoffen. Wer will heute schon an das große Wunder im eigenen Leben glauben? Und doch, lieber Freund, möchte ich dir sagen: Wenn in deinem Leben dieses Wunder nicht geschieht, dann bleibt dein Leben arm und kalt und öd. Und ich möchte euch alle heute bitten: Glaubt daran, daß sich auch in eurem Leben dieses Weihnachtswunder vollziehen soll. Vielleicht sogar schon heute, in dieser Heiligen Nacht.
Die geheime Hoffnung
Im geheimen lebt in sehr vielen Menschen die Hoffnung auf dieses große Wunder des Lebens, die Hoffnung auf dieses Weihnachtswunder. Woher nährt sich diese Hoffnung? Vielleicht stammt sie schon aus frühester Kindheit. - Kannst du dich noch zurückerinnern an die große Erwartung, da du als Kind am Heiligen Abend hinter einer verschlossenen Tür standest und mit klopfendem Herzen gewartet hast, bis die Tür aufging und der strahlende, erleuchtete Christbaum sichtbar wurde? Kannst du dich an diese Kinderzeit noch zurückerinnern, da du mit großen Augen in das Wohnzimmer eintratest und den Christbaum mit den brennenden Kerzen sahst? Du konntest nur schauen. Es war wie ein Wunder. Es hat dich damals als Kind ergriffen. Du spürtest die große Hoffnung in deinem Herzen, die Hoffnung auf die Geschenke unter dem Christbaum, die Erwartung einer großen Freude und das Wunder des strahlenden Lichtes in diesem warmen Zimmer. Es war der Geruch der Kerzen und der Äpfel am Baum und der Geruch von Lebkuchen. Und es war vor allem das Wissen, daß dir jetzt eine große Freude widerfahren wird. Du durftest Geschenke auspacken, und es sollte alles dir gehören, was da lag.
Das Wissen aus den Kindertagen
Liebe Freunde, wir sollten uns nicht schämen, an diese Tage der Kindheit zurückzudenken, denn der Herr hat uns gesagt: "Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, werdet ihr in das Reich Gottes nicht eingehen." Vielleicht stammt aus diesen Kindertagen das geheime Wissen im Herzen der meisten Menschen: Es muß für unser Leben noch einmal dieses große Weihnachtswunder kommen. Auch wir werden einmal in einen großen erleuchteten Saal eintreten dürfen, wir werden das große Licht schauen dürfen - und wir werden die Geschenke auspacken dürfen, die für uns bereit liegen. Wer an dieses Weihnachtswunder nicht mehr glauben kann, ist ein armer Mensch. Wer nicht mehr daran glauben kann, daß auch seinem eigenen Leben dieses große Weihnachtswunder noch begegnen wird, ist müde geworden, ein trister Mensch, ohne wirkliche Hoffnung. So ein Leben bleibt an der Oberfläche, wo es die Freude bei einem Glas Champagner sucht, aber die wirkliche Freude verloren hat. An diesem heutigen Tage möchte ich Sie alle aufrufen: Habt Glauben an das Wunder der Weihnacht in Eurem eigenen Leben!
Weihnacht der Einsamen
In diesen Stunden, die den Heiligen Abend einleiten, möchte ich mich in besonderer Weise an jene leiderfüllten Menschen wenden, die es schon aufgegeben haben, auf die Weihnacht des eigenen Lebens zu hoffen. Ich wende mich in dieser Stunde an die Alten und Einsamen, die sich so oft vor dem Heiligen Abend fürchten, weil ihnen gerade an diesem Tag ihre eigene Einsamkeit, Dunkelheit und Kälte schrecklich zum Bewußtsein kommt. An dich, lieber Freund, wende ich mich in dieser Stunde und möchte dir sagen: Glaube daran, daß in der Kälte deines Lebens und in der Dunkelheit deiner Nacht der Herr zu dir kommen wird. Er ist in jener Nacht zur Welt gekommen als ein Licht in der Nacht. Die Hirten auf dem Felde haben bei ihrer Nachtwache das große Licht über sich erlebt, bis es ihnen klar wurde: Unser Heiland und Erlöser ist unter uns und Friede ist uns Menschen geschenkt, wenn wir nur guten Willen haben. - Wenn du einsam bist, so möchte ich dir sagen, ich bete für dich, daß dir in dieser Nacht das Licht des Herrn zuteil werde. Du sollst erleben, daß er bei dir ist, dich nicht verläßt. Er wird auch dir zeigen, daß er das Licht ist, das allen Menschen in der Dunkelheit leuchtet. Ich wünsche dir heute den Weihnachtsfrieden, der aus dieser Begegnung mit dem Herrn stammt. Hab Mut und Tapferkeit im Herzen und wende dich heute an Gott, der deine Hilfe ist. Rufe heute zu Ihm und sage Ihm: Herr, schenke mir Deinen Frieden, damit ich an Dich glauben kann! Du wirst Seinen Frieden erfahren, den Frieden im innersten Herzen, und so wirst du an die Wunder der Weihnacht glauben können, auch wenn dein Zimmer so einsam bleibt wie vorher. Aber der Herr wird mit dir sein.
Weihnacht der Verlorenen
Ich wende mich in dieser Stunde auch an die verbitterten und zerbrochenen Menschen unserer Heimat. Euch möchte ich sagen: Glaubt daran, daß der Herr euch eine Weihnacht bereiten kann. Er ist in der Dunkelheit der Nacht zu uns gekommen, und er ist in jenen Stunden voll Dunkelheit gestorben, von denen die Heilige Schrift berichtet. Er hat durch die vielen dunklen Stunden des Ölberges und der durchwachten Nächte hindurchgehen müssen. Er weiß um die Dunkelheit deines Lebens. Er weiß um die Bitterkeit deines Herzens. Er weiß um die vielen Scherben in deinem Leben, um deine Angst, Hilflosigkeit und Mutlosigkeit. Aber glaube an Ihn, der dieselbe Dunkelheit wie du erlebt hat. Bitte Ihn um das Wunder der Weihnacht auch für dein Leben. - Vor kurzem habe ich von einem gehört, der im Zuchthaus einige Exerzitientage miterlebt hat, die für ihn zur geistigen Weihnacht geworden sind. Er wurde ein anderer Mensch dabei, und er hat anschließend zu seinen Freunden gesagt: Ich bin jetzt so froh, daß ich eingesperrt worden bin, denn sonst hätte ich diese Tage niemals miterleben können. Und von jemand anderem habe ich gehört: Meine Augen sind seit einigen Jahren blind geworden, so daß ich nicht mehr gewußt habe, wie ich dieses furchtbare Schicksal ertragen soll. Aber heute weiß ich, seit meine Augen blind wurden, ist mein Herz sehend geworden. Denn nun sehe ich das Leben ganz anders als vorher. So eine geistige Weihnacht wünsche ich auch dir: Daß das Wunder der Weihnacht die Dunkelheit deiner Nacht hell machen möge, daß du sehend werdest und den tiefen Frieden der Weihnacht erlebst.
Weihnacht der Gehetzten
Ich wende mich in diesen Stunden des Heiligen Abends auch an die vielen gehetzten Menschen unserer Zeit. Ich kann Sie gut verstehen, denn mir selber geht es nicht viel besser als Ihnen allen. Wir alle sind gejagt, wir müssen uns beeilen, um Tag für Tag unser Pensum zu erfüllen, wir tun unser Äußerstes, und dennoch ist es scheinbar immer noch zu wenig, weil man von uns mehr erwartet, als wir zu erfüllen imstande sind. Ich kann lebhaft mit Ihnen mitfühlen, wie sehr Sie in Gefahr sind, am Leben zu zerbrechen. Ich denke dabei an die Mütter und Hausfrauen, die zugleich für den Haushalt, für Kind und für den Beruf dasein sollen und mit ihren 70 bis 80 Arbeitsstunden pro Woche kaum noch zurechtkommen. Ich denke auch an die vielen Männer, denen die Anforderungen eines modernen Berufslebens kaum noch Luft zum Atmen lassen. Weihnachten ist für viele von Ihnen wie ein ferner Kindertraum geworden. Weihnachten bedeutet dann kaum noch mehr als die Hoffnung auf ein paar ruhige Tage zum Ausspannen irgendwo draußen bei einem Skiurlaub oder bei einem Spaziergang im verschneiten Wald. Wenn ich Sie ganz ehrlich fragen möchte: Erwarten Sie sich das Weihnachtswunder von etwas anderem als von einer Gehaltserhöhung, einem neuen Auto oder einem beruflichen Erfolg? Können Sie noch an das wirklich große Wunder Ihres eigenen Lebens glauben? Ist nicht Ihr Leben fast schon erstickt und untergegangen in der Arbeitsflut, aus der Sie sich selber nicht mehr erretten können? Gerade an Sie, meine gehetzten und gejagten Freunde, möchte ich mich an diesem Heiligen Abend in besonderer Weise wenden. Sie sind vielleicht noch mehr als alle anderen in Gefahr, den Glauben an das große Wunder der Weihnacht zu verlieren. Deswegen möchte ich gerade Ihnen - an diesem Heiligen Abend - den großen Mut und tiefe Hoffnung wünschen.
Glaubt daran, daß sich auch in Eurem Leben noch das eigentlich Große ereignen kann. Glaubt an das große Weihnachtswunder Eures Lebens. Sie dürfen sich nicht erschlagen lassen von den tausend quälenden Forderungen des Alltags. Sie dürfen nicht zu einer Nummer in der Arbeitswelt werden. Sie dürfen nicht zu einer seelenlosen Arbeitsmaschine werden, denn dann würde es für Sie wirklich kein Weihnachtswunder mehr geben. Das Weihnachtswunder Ihres Lebens wird dann beginnen, wenn auch in Ihrem Leben jener Stern aufleuchtet, der den Weisen im Morgenland erschienen ist. Ihr Leben darf sich nicht blindlings von alltäglichen Notwendigkeiten jagen lassen, sondern muß sich führen lassen von jenem großen Licht, das Gott auch Ihrem Leben zeigen will.
Dieser Stern, dieses innere Licht, wird Sie auf einen Weg leiten, der zur Krippe führt, zur Weihnacht Ihres Lebens führt. Dann werden Sie den Eindruck haben: Hier führt mich Gott, hier finde ich zu meinem Ziel, hier habe ich einen Lebensweg vor mir, hier finde ich zu einer Sinnerfüllung, hier führt der große Weg zur großen Vollendung und Freude meines Lebens. Dann werden auch Sie einer von jenen Weisen, die aus fernen Ländern durch dieses Licht zur Weihnachtskrippe und zur ewigen Weihnacht hingefunden haben.
Weihnacht der Zweifler
Manche von Ihnen sind vielleicht ungehalten, daß ich Ihnen den Glauben an das große Weihnachtswunder unseres Lebens im Zusammenhang mit unserer Kindheitserfahrung geschildert habe. Sie sind ungehalten, weil Sie ja Weihnachten als erwachsene Menschen erleben wollten und die Unbefangenheit der kindlichen Freude verloren haben. Ich verstehe diesen Einwand. Wir dürfen als erwachsene und mündige Christen tatsächlich Weihnachten nicht nur als eine Reminiszenz an vergangene Kindheitserlebnisse begehen. Das wäre nicht jener Glaube der Kinder, von dem Jesus Christus spricht, sondern kindischer Glaube und eine unwahrhaftige Haltung.
Aber gerade diesen Menschen, die von Zweifel und Kritik erfüllt sind, möchte ich sagen: Auch Sie sollten an das große Wunder der Weihnacht in Ihrem eigenen Leben glauben. Aber gerade Ihnen möchte ich sagen, was den Unterschied zwischen einer kindlichen Weihnacht und der Weihnacht der erwachsenen Christen ausmacht: Als Kinder hatten wir das Recht, uns zu Weihnachten einseitig beschenken zu lassen. Aber als erwachsene Menschen haben wir nicht mehr das Recht, uns das Wunder der Weihnacht in so einseitiger Weise zu erwarten.
Wenn wir uns als erwachsene Menschen von Gott nur einseitig beschenken lassen wollen, ohne selber zu schenken, dann wird unser Glaube an diesem Egoismus zerbrechen. Der Lebensweg Jesu läßt sich durch das eine Wort charakterisieren: Geben und noch einmal geben. Sich an die Menschen hingeben und sich an Gott hingeben. Nur Kinder haben das Recht, sich einseitig beschenken zu lassen, ohne selber zu geben. Als wir im religiösen Leben noch Kinder waren, hatten wir das Recht, uns auch von Gott einseitig beschenken zu lassen. Wenn wir aber im religiösen Leben wachsen wollen, dann müssen wir die Lebensart Christi immer mehr und mehr in unser eigenes Leben aufnehmen. Unsere erste religiöse Weihnacht war ein einseitiges Geschenk Gottes, ein erstes großes Weihnachtswunder in unserem Leben. Aber unsere religiöse Weihnacht als erwachsener Christ wird anders sein müssen als unsere erste Kinderweihnacht - aus unserem einseitigen Beschenktwerden durch die Wunder Gottes wird ein Schenken werden müssen. Nur wenn wir mehr und mehr leben in Jesus Christus, werden sich die Wunder Christi auch in unserem Leben ereignen. Nur wenn wir selber zu schenkenden Menschen werden, wird sich das Weihnachtswunder immer neu in unserem Leben vollziehen. Allen Zweiflern und Kritikern dieses Heiligen Abends möchte ich heute sagen: Kehrt zurück und ändert Euch und werdet schenkende, gebende Menschen. Wenn Ihr für andere sorgt, wird Gott für Euch sorgen. Wenn Ihr anderen gebt, wird Gott Euch geben. Wenn Ihr heute anderen vergebt, wird Gott auch Euch vergeben. Wenn Ihr heute anderen einen Schimmer von Freude bereitet, wird Gott auch Euch das hundertfache Licht schenken. Wenn Ihr anderen zum Leben verhelft, wird Gott Euch zu jenem hundertfachen Leben verhelfen, das Ihr als inneren Frieden und als Weihnachtswunder erleben werdet.
Weckt das Wunder!
Ihr dürft nicht klagen, wenn die Weihnachtswunder aus dieser Welt verschwunden sind ins Märchenland, sondern Ihr müßt die Wunder der Liebe zuerst in Eurem Leben wirken, dann wird Gott auch in Eurem Leben die großen Weihnachtswunder wirken. Er wird Euch beschenken, bis auch Ihr mit gläubigem Herzen bekennen könnt: Wahrhaftig, auch in mein Leben ist der Herr eingetreten. Dann wirst auch du an das große Weihnachtswunder glauben können, das sich einst in deinem Leben in Fülle ereignen wird.
So wünsche ich Ihnen an diesem Heiligen Abend, daß der Herr auch zu Ihnen kommen möge. Er soll auch Sie zur Krippe hinführen, damit auch Sie die Stimme des Himmels hören können und daran glauben dürfen: Ehre sei Gott in der Höhe und Friede den Menschen auf Erden, die guten Willens sind.
Ich wünsche Ihnen eine gesegnete Weihnacht!
DAS GESCHENK JESU CHRISTI
Heute ist Christtag. Wir feiern die Geburt des Herrn, Sein Kommen zu uns, Seine Gegenwart in unserem Leben. Was hat sich dadurch geändert an meinem Leben? Am Leben der Welt? Ist Christus schon zum Ereignis unserer Welt geworden? Ist Christus schon so in diese Welt gekommen, daß sie nun ergriffen ist von der Liebe Christi, der Güte und wundersamen Macht Christi? Ist Christus schon zum Leben der Welt geworden?
Gott will dieser ganzen Welt eine Weihnacht bereiten. Er will, daß Jesus Christus zum großen Ereignis dieser Welt wird, daß Er im Leben dieser Welt mehr und mehr Raum gewinnt, gegenwärtig wird, führend ist, den Verlauf der Welt bestimmt. Denn nur dann wird diese Welt eine erlöste Welt sein, geeint durch Seine Liebe, befreit von den Blutströmen der Kriege, befreit von tyrannischen Götzen, denen wir uns unterworfen haben und die unser Leben bestimmen. Und nur dann wird dieser Welt die letzte und absolute Wahrheit aufleuchten, die letzte Ehrlichkeit unter Menschen herrschen, das total sinnvolle Leben beginnen. Die unermeßliche Freude und Liebe Gottes wird dann mehr und mehr das Leben der Welt formen. So soll die große Weihnacht Gottes für diese Welt kommen.
Aber es ist noch nicht so weit. Wir alle müssen uns dessen anklagen. Du stöhnst noch darunter, daß mehr Dunkelheit in dieser Welt herrscht als Licht. Wie kann es dazu kommen, daß dieser Welt Weihnacht werde und Jesus zum großen Ereignis dieser Welt wird?
Liebet einander!
Jesus hat uns den Weg zu dieser großen Weltweihnacht gewiesen. Er sagte: "Liebet einander! Wie ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben. Daran sollen alle erkennen, daß ihr meine Jünger seid" (Joh 13,35). Wenn wir Christen uns von Christus ergreifen lassen und sein Wort mehr und mehr an die erste Stelle unseres Lebens rücken, dann wird die Welt erkennen, wer Jesus Christus ist. An dir und an mir, an uns Christen wird die Welt erkennen, was die totale Liebe Christi ist und was die absolute Wahrheit und Wirklichkeit Christi ist und wo das unermeßliche Leben in Fülle zu finden ist. Wir Christen, so hat Er gesagt, müssen Ihn, unseren Herrn, gegenwärtig machen. Uns soll es nicht besser ergehen als Ihm. Wir sollen in Seine Fußstapfen steigen, wir sollen leben wie Er. Dann wird Christus gegenwärtig werden in dieser Welt, mehr und mehr. Dann wird die Welt Christus erkennen. Christus wird zum Ereignis der Welt werden, zum Weg der Welt, zur Wahrheit der Welt, zur Liebe der Welt, zum Leben der Welt. Dann wird sich das Wort Christi erfüllen: "Wer euch hört, hört mich, wer euch verachtet, verachtet mich" (Lk 10,16). Und dann wird die Welt den Vater erkennen, so wie Jesus Christus gesagt hat: "Wer mich sieht, der sieht den Vater", und erkennt die unermeßliche Lebensfülle Gottes gegenwärtig in Jesus Christus.
Folget mir nach!
Damit es in der ganzen Welt Weihnacht werde, will Jesus Christus, daß wir bei Ihm in die Schule gehen und von Ihm etwas lernen. Er sagt zu uns: "Folget mir nach", verlaßt eure bisherigen Denkgewohnheiten, verlaßt eure bisherige Bequemlichkeit, verlaßt eure bisherigen Ängste und Sorgen und kleinlichen Streitereien und folget mir nach, meinem Leben nach. Verlaßt eure unnötige Angst um dieses kleine Leben, verlaßt den Gedanken an eure bisherigen Sünden, verlaßt eure Zaghaftigkeit und Bequemlichkeit und nehmt ein kleines Stück von meinem Leben zu Herzen. Dann wird die Kraft der Liebe in euch wachsen, dann wird die Kraft meiner Liebe in euch gegenwärtig werden und dann werdet ihr den starken Weg mit mir gehen, den starken Weg bis zum Ölberg und bis unter das Kreuz, trotz allen Zitterns und Bangens, trotz aller inneren Nöte und Verlassenheit, trotz aller Dunkelheit, die in deinem Leben sein wird wie in meinem. Es gibt nur diesen einen Wunsch Jesu Christi an dich, damit es Weihnacht werde in dieser Welt: daß du verläßt, was du bisher an armseligen Lebensgewohnheiten gelernt hast und daß du in die Fußstapfen Jesu Christi trittst, in Sein Leben eintrittst, Sein Leben studierst.
Und wieder wirst du mit dieser Stunde der Stille und des Gebetes und der Sehnsucht nach Jesus Christus beginnen müssen. In diesen Zeiten der Stille und des Gebetes wirst du das Leben Jesu Christi mehr und mehr vor Augen haben müssen.
Wenn du zum Beispiel den Rosenkranz betest, steht das ganze Leben Jesu Christi vor deinem geistigen Auge. Es lockt zum Mittun, es drängt, ermutigt, macht dein Leben licht und gibt deinem Leben Ziel und Hoffnung und Wegweisung. Um in die Fußstapfen Jesu Christi zu treten, kannst du auch die Heilige Schrift aufschlagen, irgendwo, gar nicht systematisch, und anfangen zu lesen, besonders die Evangelien, besonders die Bergpredigt. Du sollst in dieser Heiligen Schrift aber nur so lange lesen, bis in deinen Adern das Blut sich regt und bis in deinen Gedanken der Lebensfunke sich entzündet. Dann weißt du, daß Jesus Christus in deine Stunde der Stille und des Gebetes eingetreten ist. Dann wird dir Sein Leben wieder wie ein Bild vor Augen stehen, wie ein Gedanke oder wie eine lebendige Wirklichkeit. Jesus Christus ist selber in dein Leben eingetreten. Wir können es nicht erzwingen, nicht organisieren, nicht machen, durch keine technischen Kunstgriffe erreichen. Er kommt einfach, weil Er die Liebe ist und Er kommt wie die Liebe: wann Er will, in welchem Maße Er will, wie selten oder wie oft Er will.
Wenn Christus kommt
Wenn Christus in dieser Stunde der Stille und des Gebets zu dir kommt und wenn Sein Leben vor deinem Auge steht, dann mußt du Ihn fragen und bitten: Herr, was bedeutet Deine Armut? Warum liebtest Du die Armut, und kannst Du mir erklären, wie das mit meinen zwei Kindern zusammenpaßt, mit meiner kranken Frau? Jesus wird es dir wohl nicht gleich erklären, aber ein Stück davon wird dir aufgehen. Er wird dir zeigen, was Er gemeint hat und daß auch du alles verlassen sollst. Er wird dir vielleicht sagen: Verlaß doch zunächst einmal das, was unnütz und Unfug und Unsinn ist. Merkst du nicht, wieviel in deinem Leben nur Ballast ist, mit dem du dich abschleppst, wozu willst du immer einen neuen Wagen? Nur damit die anderen dann auf deine PS-Zahl schauen? Genügt dir nicht ein alter Wagen, der noch blendend fährt? Hast du ein Recht darauf, die Tausender zum Fenster hinauszuwerfen, da doch so viele Menschen in dieser Welt Not leiden? Merkst du nicht, daß du nur ein Knecht deiner Kollegen bist, die möglicherweise auf deinen alten Wagen mit einem Seitenblick hämisch schauen könnten? Mach dich doch frei! Verlaß doch deine Ängste, bleib bei deinem alten Wagen, der so gut ist wie der neue.
Wo stehe ich?
In dieser Zeit der Stille und des Gebetes wird dir Jesus Christus vor Augen stehen, den Seine Zeitgenossen für einen kleinen Mann in einem kleinen Land gehalten haben, wirklich auf dem letzten Platz der Welt. Und du wirst dich fragen: Herr, was meinst du mit dieser Demut, mit diesem letzten Platz? Wie soll ich mich auf den letzten Platz setzen, wenn ich in meiner Familie vorangehen muß und wenn ich in meinem Betrieb hohe Verantwortung trage? Und allmählich wird es uns vielleicht klar werden, daß wir wirklich nicht nach dem letzten Platz streben, sondern zunächst immer nach dem ersten. Uns geht es immer noch um den "Wirklichen Amtsrat" oder um eine neue Auszeichnung. Geht es dir nicht immer noch darum, daß du deinen Kameraden übertrumpfst und als der Beste oder der Bessere dastehst, und du bist immer noch neidig und eifersüchtig, wenn einmal der andere oder die andere in der Nähe des Chefs steht und du in der zweiten Reihe sitzt? Warum solltest du nicht endlich zufrieden sein mit dem Platz, der ebenso vernünftig ist, auch wenn er nicht der erste ist? Können wir unserem Chef nicht ebenso dienen, wenn wir in der zweiten Reihe sitzen? Dienen ihm wirklich diejenigen am besten, die immer den Platz rechts und links neben ihm haben wollen, sich durchboxen zu diesem ersten Platz? Sind solche Leute nicht der Ruin der Firma? Und allmählich wird dir vielleicht klar werden, daß Jesus tatsächlich vom letzten Platz der Welt aus, als Gekreuzigter, als ein zum Tode Verurteilter in dieser Welt mehr geleistet hat, als alle Würdenträger und Ordensausgezeichnete dieser Welt zusammen; mehr als alle Generäle miteinander, mehr als alle Konzerndirektoren, mehr als alle Staatschefs miteinander. Sie sind vergessen, Jesus wird nie vergessen werden. Allmählich wird dir aufgehen, daß du vom geringsten Platz aus in dieser Welt unglaublich viel tun kannst, wenn du ihr wirklich dienen willst und nicht nur deine eigene Ehre suchst, deine eigene Auszeichnung, dein eigenes Renommee, deine eigene Selbstbestätigung, deinen eigenen Glorienschein, das Rampenlicht für dich. Und so wirst du allmählich ruhig werden und wissen: Von jedem Platz aus kann ich Gewaltiges tun. Und je mehr ich ein selbstloser Arbeiter bin, der wirklich der Sache dienen will, um so mehr wird man mir vertrauen und wird man zu mir sagen: "Freund, rücke höher hinauf" (Lk 14,10). Und das wird dir dann zur Ehre gereichen. Und wenn ich dann wirklich oben bin, werde ich ein Mann sein, der sich nicht aus krankhaftem Ehrgeiz hinaufgeboxt hat und oben mehr Schaden stiftet als Nutzen, sondern ich werde dann wirklich den Menschen dienen wollen und können, weil ich es ein Leben lang und Jahrzehnte hindurch gelernt habe zu dienen, den Menschen zu helfen, das Wohl der Menschen zu meinen und nicht nur meine klägliche Figur ins Rampenlicht zu stellen.
In dieser stillen Stunde der Sehnsucht und des Gebetes wird dir vielleicht eines Tages jener Jesus vor Augen stehen, der sich das Kreuz auf die Schulter legen ließ und der es Seinen Jüngern verboten hat, zum Schwert zu greifen, um Ihn freizuhauen.
Gewaltlose Liebe
In dieser Stunde der Stille werden wir dann Jesus fragen müssen, was diese Worte bedeuten: "Wenn dich jemand auf die rechte Wange schlägt, so halte ihm auch die andere hin" (Mt 5,39). - Und sei bereit, auch den nächsten Schlag einzustecken, auch wenn er auf die andere Wange geht. Wenn man dich geplündert hat und dir den Rock genommen hat, nimm´s nicht tragisch, es ist kein Malheur. Wenn man dir noch dazu den Mantel wegnimmt und wenn man dich schon zwingt, eine Meile weit mitzugehen mit den anderen, mache keinen Krach, sondern begleite den Menschen auf dem Weg seiner Wünsche. Vielleicht kommst du darauf, was er eigentlich will, vielleicht kannst du ihm dann helfen. Christus wird uns in dieser Stunde der Stille allmählich bewußt machen, was all diese Worte von der gewaltlosen Liebe und Geduld bedeuten.-
Die Liebe greift nicht gern zum Schwert und haut nicht drein. Es wird uns vielleicht eines Tages aufgehen, daß auch wir noch nicht diese gewaltlose Liebe haben. Es wird dir vielleicht eines Tages aufgehen, daß auch du in Wirklichkeit noch Gewalttäter bist. Geschieht dir auch nur um ein Haar Unrecht, dann beginnst du zu toben, auf Gerechtigkeit zu pochen und weist den anderen zurecht, forderst von ihm Umstellung und Gerechtigkeit. Aber daß du selber dreimal am Tag den anderen Unrecht tust, war für dich noch nie so erschütternd. Ich habe ja Gründe, warum ich so gewesen bin. Ich konnte nicht anders, so sagst du dann. Aber mißt du da nicht mit zweierlei Maß? Muß nicht auch der andere stille halten, wenn du Scherben schlägst und grob wirst und gewalttätig wirst, wenn du schreist, tobst, brutal forderst, bis der andere seelisch zusammengeschlagen ist?
Wann? Warum? Wieso?
Wann kommt die große Weihnacht für die ganze Welt? Weihnachten ereignet sich in der ganzen Welt überall dort, wo ein Mensch wirklich sein bisheriges dürftiges Leben vergißt, in die Schule Jesu Christi geht, in seine Fußstapfen eintritt und wirklich Christ wird. Das Wunder der Weihnacht ereignet sich überall dort, wo du in einem Menschen auf einmal die wundersame Nähe Jesu Christi erfährst. Wenn uns so ein Mensch begegnet, der einfach anders ist als die anderen, dann schauen wir öfters hin auf diesen Menschen: Wieso ist der so? Der ist anders, er hat so ein ausgeglichenes Wesen, man bringt ihn nicht leicht auf die Palme, und er redet sogar mit denen, die gestern auf dem Gang über ihn getuschelt haben; wieso vermag er das? Warum tut er das? Weiß er nicht, daß das seine Feinde sind, die gegen ihn intrigieren und über ihn Schlechtes geredet haben, beim Chef, bei mir, im anderen Büro? Wir denken über diesen sonderbaren Menschen nach, bis wir draufkommen, daß er sogar weiß, was der andere hinter seinem Rücken redet, und daß er dennoch an diesen Menschen glaubt; und er sagt von diesem Intriganten sogar: Ich glaube an das Gute, das in den Menschen ist, ich glaube an das Gute in diesem Menschen, vielleicht hat er es nie anders gelernt, vielleicht ist ihm nie ein Mensch begegnet, der sich anders verhalten hätte; auch in diesem Intriganten steckt noch viel Gutes, denn er ist ein guter Vater seiner Söhne, er legt sich in seinem Beruf wirklich ins Zeug, er liebt die Natur und vieles mehr; und weil ich das Gute in diesem Menschen sehe, suche ich seine Freundschaft, Gemeinschaft mit ihm; ich suche mit jedem Menschen Gemeinschaft, Verbundensein; denn das ist Liebe.
Weihnacht der Welt
Wir Christen können die Weihnacht der Welt nicht herbeiführen durch Organisation oder gewaltige Anstrengungen, durch Papierkrieg und große Versammlungen. Die Welt ist voll von Dunkelheit und Machtgier und Herrschaftsgelüsten; wir werden dieses Gewirr von Schuld und Sünde und Machthaberei und Lüge nicht entwirren können und nicht entknoten können und nicht mit der Liebe Christi durchdringen können. Die Mächte und Gewalten dieser Welt sind zu dunkel und zu mächtig und zu allgegenwärtig, als daß wir durch die Liebe Christi diese Welt einfach verwandeln können. Wir können nicht die weltweite Weihnacht herbeiführen, machen, organisieren. Aber Weihnacht wird dort, wie ein helles Licht, wo Christus sich im Leben eines gläubigen Menschen ereignet; wo Er wie die Liebe über diesen Menschen kommt und zur Mitte dieses Lebens wird. Dann wird in einer tobsüchtigen Welt auf einmal irgendwo Weihnacht, weil dieser Christ dort steht und dort lebt: Er denkt nicht mehr im Freund-Feind-Denken, er denkt gütig noch über die Verworfene, über die Dirnen und Zuhälter und Steuerhinterzieher, er ist ein gewaltloser Mensch, der nicht dreinschlägt, er hat wirklich ein anstrengendes Leben, aber es ist die Mühe der Liebe, und er bleibt dabei ein froher Mensch. Wenn so ein Christ inmitten dieser verbogenen, oft so hinterhältig intrigierenden und machtlüsternen Welt lebt, ist er tatsächlich oft wie ein Lamm mitten unter Wölfen, und sie machen ihm das Leben sauer und bedrohen ihn, aber er fürchtet nicht um Geld und Ansehen, er fürchtet nicht um die Randschichten seines Lebens, weil ihm den Kern seines Lebens niemand rauben kann. Er ist wahrhaftig bereit, wie ein Samenkorn zu sterben, damit sein Leben hundertfältige Frucht bringt; er ist wahrhaftig bereit, die dünne Oberfläche eines banalen Lebens zu lassen, wo es sein muß, um das Eigentliche und Ganze zu gewinnen, das ungebrochene Leben, das total sinnvolle, das absolut wirkliche Leben, das Leben einer radikalen Liebe: "Wer sein Leben um meinetwillen verliert, der wird es gewinnen" (Mt 11,39), so hat Christus gesagt, und so zeigt es uns jener Christ. Christus wird dort gegenwärtig, wo er steht. Wo er steht, wird Christus verkündet: wo er spricht, spricht Christus, Christus lockt durch diesen Menschen die anderen zur Nachfolge. Und so entsteht eine Gemeinde, ein zweiter Christ, ein dritter Christ, der diesen gläubigen Christen zum Freund genommen hat. Das ist dann jene Gemeinschaft von Berufenen, die Jesus gegründet hat: seine Kirche. Die Kirche soll jene Gemeinschaft sein, die sich bildet, wenn der eine oder der andere und dann ein paar miteinander in die Fußstapfen Christi treten und zur Gegenwart Christi werden, zur Weihnacht werden.
Wenn in dieser Welt hie und da in einzelnen Menschen Weihnacht wird, dann wird allmählich wieder eine starke Kirche entstehen. Weil sich ein zweiter und dritter findet, der diesen Menschen achtet und auch so leben will. Gott selber hat das Herz dieses Menschen angerührt und den Glauben in sein Herz gesenkt. Und deswegen sind sie dann miteinander Kirche, sie feiern gemeinsam die Messe und die Gegenwart Jesu Christi und die Gemeinschaft mit Jesus Christus; und sie werden gemeinsam zu Zeugen für den Glauben an Jesus Christus. Wie von selber verwirklichen sie jenes Wort, das über die alte Kirche berichtet wird: "Sie hielten fest an der Lehre der Apostel, an der Gemeinschaft, am Brotbrechen und am Gebet." Diese Menschen haben es erfahren, daß nur so wirklich Weihnacht werden kann in der Welt und nur so das Reich Gottes in diese Welt kommen kann, und daß nur so die Kirche wirklich bestehen kann und stark werden kann.
Und in dem Maß, als die Wundermacht der Liebe Christi in diesen weihnachtlichen Menschen lebendig ist, wird von diesen Menschen Wunderbares ausgehen, so wie von einzelnen Heiligen, von kleinen Gruppen und von kleinen jungen Erneuerungsbewegungen der Kirche geistige Kräfte ausgegangen sind und ausgehen.
Die Liebe Christi
Ich möchte heute allen denen danken, die sich in der Kirche um diese gläubige weihnachtliche Gemeinschaft bemühen und die wirklich weihnachtliche Christen sind, von denen die Wunder der Liebe ausgehen. Sie sind die Großmacht der Kirche, sie sind unser eigentliches Heer, unsere Stärke, unsere Rüstung, unser Schatz und unser Geld. Durch diese Menschen kann und wird alles werden. Heute möchte ich dich bitten, hilf mit, daß es Weihnacht werde in dieser Welt. Wir werden nicht zugrunde gehen und nicht versagen dabei. Denn der Herr hat es uns versprochen. Er selber wird bewirken, daß einst über die ganze Welt die große Weihnacht kommt, wenn er sich dieser ganzen Welt zeigt und in ihr Leben eintritt und zum Ereignis der gesamten Welt wird. Wenn er kommt, den neuen Himmel und die neue Erde und die erneuerte Gemeinschaft der Menschen endgültig in sein Leben aufzunehmen, dann wird die große und endgültige Weihnacht der Welt sein. Ich wünsche dir und allen an diesem heutigen Tag, daß auch du ein Stück von dieser Weihnacht in dieser Welt spüren darfst, im eigenen Leben, im Leben deiner Freunde und deiner Familie und im Leben jenes kleinen Bereiches, für den Gott dich verantwortlich gemacht hat.
Gesegnete Weihnacht!
ERNEUERUNG DER WELT
Heute ist Silvester, der letzte Tag dieses Jahres. In aller Welt fragen sich heute die Menschen, was die Zukunft bringen wird, was das nächste Jahr bringen wird. Es ist das Erlebnis einer Schwelle, die wir überschreiten, aus einer Zeit, die hinter uns liegt, in eine ungewisse Zukunft, die niemand von uns kennt. Dieses Bewußtsein einer ungewissen Zukunft ist immer ein Gemisch aus großer Hoffnung und einem gewissen Bangen. Denn wir kennen die Welt, wir wissen um den Lärm der Waffen, um Ströme von Blut, um Zerklüftung und Spaltung in der Welt, um Feindschaft und Machtblöcke. Empörte Nationen, hungernde, machtlose Völker, die mit hungrigen Augen auf die anderen schauen, die das Zehnfache zum Leben haben. Wie kann da Friede werden? Wird der Friede und die Zukunft durch Konferenzen gesichert werden, durch Besprechungen, Geheimabkommen, Volksabstimmungen, intelligente Politiker? Aber kann da Friede werden, wo die einen noch herrschen und haben wollen und ihren reichen Platz mit den anderen nicht teilen wollen? Kann da Friede werden, wo ganze Völker ihren Platz nicht teilen wollen mit anderen, die nur ein Zehntel davon haben an Wissen, Nahrung, Komfort, Bildung, Vergnügen und Reichtum?
Dunkle Mächte und Gewalten
Die Völker ahnen, was in der Heiligen Schrift steht: Diese ganze Welt ist in der Macht des Bösen, wird beherrscht von oft dunklen Mächten und Gewalten, die diese Welt in Bann geschlagen haben. Die Götzen dieser Welt heißen Habsucht, Herrschsucht, Sinnenrausch. Wie wird die Welt zum Frieden finden, solange sie von diesen Netzen umhüllt ist, die in jedem einzelnen von uns gewoben werden?
Ist nicht jeder einzelne von uns beteiligt an diesen dunklen Mächten und Gewalten, in die diese Welt und der einzelne sich immer mehr und mehr verstricken? Hat man nicht vor wenigen Wochen zum erstenmal in der Geschichte der Welt von Verbrechern sich anhören müssen, daß sie ein ganzes Atomkraftwerk vernichten wollten und damit ungeahntes Unheil über die Menschheit zu bringen beabsichtigten? Wird sich der Terror nicht fortsetzen, die selbstmörderische Drohung mit dem Tod für Millionen, die Machthaberei um jeden Preis?
Wie wird es weitergehen?
So blickt der Mensch mit Bangen in ein kommendes Jahr. Die Welt fragt sich: Wie finden wir den Weg zum großen Frieden, zur großen Völkergemeinschaft, zu einer wirklichen Menschlichkeit für alle, zur Sicherheit für den einzelnen, zur wirklichen Hoffnung für unsere Kinder und zur Gerechtigkeit für alle Welt? Dieses Bangen umgreift die ganze Welt, auch die vielen Millionen Christen dieser Welt, denn auch sie sind ein Teil dieser Welt.
Auch die Kirche ist in dieses Bangen hineingezogen, in diese Zerklüftung, in diesen Terror, in diese Verblendung, ins Abgleiten, in den Sinnenrausch, in die Machthaberei, in feindlich gegensätzliche Lager, in Herrschsucht, Habsucht und Rechthaberei. Wir fragen uns als gläubige Christen - und gerade weil wir mitfühlen mit dieser Kirche - wie wird das weitergehen? Gibt es Hoffnung, wenn wir als Realisten denken und die Mächte des Bösen in dieser Zeit am Werke sehen? Sind nicht viele schon mutlos geworden? Haben die Hände in den Schoß gelegt und warten auf das Gericht Gottes? Haben nicht andere ganz unangemessene Hoffnungen, utopische Zukunftsgedanken, unrealistische Programme für die Zukunft der Kirche und der Welt? Mein Gott, was denkst Du darüber? Was wird das nächste Jahr bringen, was wird die nächste Zukunft bringen?
Erlösung der Welt
Jesus hat die Verstrickung dieser Welt in das Böse deutlich genug ausgesprochen, und er hat uns nicht verheißen, daß wir uns mit unserer Kraft und Anstrengung aus dieser Verstrickung würden lösen können. Wir können sie nicht besiegen. Die endgültige Lösung und Erlösung hat er sich vorbehalten für das große Ereignis für die ganze Welt, als letztes Ereignis dieser Welt. Aber uns Christen hat er gesagt und aufgetragen: Wir sollen nicht fragen, wann die Stunde Gottes kommt, denn die weiß der Vater allein. Wir wollen vielmehr tapfer das Reich Gottes dort begründen, wo wir leben. Wo wir leben, dort soll das Reich Gottes sein, dort soll Christus gegenwärtig werden. Dort soll die Erlösung der Welt beginnen und sich ausbreiten wie ein Sauerteig, der in ein paar Stunden die ganze Masse des Teiges verdoppelt. Wir Christen sollten wie ein Licht sein, das inmitten einer dunklen Nacht auf hunderte und tausende Meter sichtbar wird. Wir Christen sollten wie Salz werden, das das schale Leben dieser Welt genießbar macht, würzt, reinigt, schmackhaft macht. Uns Christen, die wir oft auf scheinbar verlorenem Posten stehen, hat Jesus einen geradezu ungeheuerlichen Auftrag gegeben: "Gehet hin und macht euch alle Völker zu Jüngern, tauft sie im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehret sie alles halten, was ich euch geboten habe" (Mt 28,19).
Wie sollen diese wenigen überzeugten Jünger Jesu diese so ungeheuerliche Aufgabe bewältigen? Wo sollen sie die Menschen hernehmen, wo finden sie Mitarbeiter? Das ist gerade heute eine der aktuellsten Fragen der Kirche. Wo finden wir hunderte, tausende und zehntausende Mitarbeiter Christi, die die Kirche überall benötigt, um ihren Auftrag zu erfüllen an den Alten und Kranken, an den Familien, an der Jugend, an den Kindern, an den Alleinstehenden, den Vereinzelten, den Hilflosen, an den Entlassenen, Verwahrlosten, Verkommenen? Wo nehmen wir diese Zehntausende Mitarbeiter her? Wie kommen wir zu diesen Mitarbeitern, da wir schon nicht jeden Pfarrhof unserer Diözese mit einem Pfarrer besetzen können, weil wir keine mehr haben? Wo nehmen wir diese Mitarbeiter her, die dieses Reich Gottes machtvoll in die Häuser und Dörfer und Großstädte tragen? Die das Leben Christi in die ganze Welt tragen, das Leben Seiner Liebe, Seiner Wahrheit, die volle Gemeinschaft, Seinen Frieden, Seinen Geist? Wie findet die Gesellschaft jene Mitarbeiter Gottes, die die ganze Welt noch einmal umwandeln zu einem Orte des Friedens? Wie findet die Kirche jene Mitarbeiter Christi, die diese Kirche von innen her erneuern? Willst du nicht mithelfen, wo immer Mitarbeiter Christi gesucht werden? Denke an die Jugend, die Kinder, die Alten, die Familien, denke an die Hilflosen, Verwahrlosten und Verkommenen. Denke an die vielen einsam und alt Gewordenen.
Von Gott ergriffen
Das Geheimnis der Berufung zum Mitarbeiter Gottes ist das Geheimnis der Begegnung mit Gott, der Berührung mit diesem unermeßlichen Gott. Wenn ein Mensch in seiner Sehnsucht nach dem unbedingt sinnvollen Leben, nach dem absolut gültigen Leben, in seiner Sehnsucht nach dem Unermeßlichen, Gott begegnet und von Gott ergriffen wird, dann weiß sich dieser Mensch zugleich für diese absolute Wirklichkeit Gottes verantwortlich. Er weiß sich für die absolute Wahrheit und Wirklichkeit Gottes in dem Maße verantwortlich, als er ihr begegnet, von ihr ergriffen wird und in diese Wirklichkeit Gottes aufgenommen wird. Dann ist Gott sein eigenes Leben geworden, sein eigenes Interesse geworden. Es geht in diesem Menschen von nun an nur noch um eine einzige Wirklichkeit und die ist Gott und sein eigenes Leben zugleich. Dieser Mensch hat dasselbe erfahren, was jeder Mensch der Liebe erfährt. Wer wirklich liebt, wird mit dem anderen ein einziges Ganzes, er unterscheidet dann nicht mehr zwischen den Interessen des anderen und den eigenen Interessen; wird der andere gekränkt, ist man selber beleidigt, erfährt der andere Leid, dann erfährt man das eigene Mitleid, erlebt der andere Frohes, Großes, Alltägliches, so fühlt man mit, lebt man mit, freut sich mit und leidet mit. Es ist ein einziges Leben geworden, denn Jesus sagt: Die zwei werden "ein Leib", ein Leben, ein Ganzes; für das Leben des anderen setzt man sich ein wie für sein eigenes Leben, und geht das Leben des anderen zugrunde, dann geht zugleich das eigene zugrunde, weil man ohne den anderen nicht leben kann, mit ihm verwachsen ist zu einem Ganzen. So ist es auch, wenn der Mensch in dieser unermeßlichen Begegnung mit dem grenzenlosen Gott ergriffen wird, von dieser totalen Wirklichkeit Gottes. Mein und sein Leben wird ein einziges werden. Wenn ich mich um ihn nicht kümmere, verkümmert in mir selber das Leben. Wenn ich mich nicht sorge, daß sein Leben diese Welt erfaßt, dann wird sein Leben auch mich nicht mehr erfassen.
Die Wirklichkeit Gottes
In dem Maße, als ein Mensch diese absolute Wirklichkeit Gottes erfährt, kann er nicht anders, als sich für diese totale und umfassende Wirklichkeit Gottes einzusetzen, daß sie die ganze Welt ergreife und umgestalte. Denn diese Wirklichkeit Gottes ist ja die eigentliche Wirklichkeit, die letzte und totale Wirklichkeit, das eigentliche und totale Leben, die umfassende und radikale Liebe, die Wurzel aller Gemeinschaft, aller Sinnerfüllung, aller Ganzheit und aller Freude. Und deswegen weiß sich der Mensch für diese Wirklichkeit Gottes in der Welt verantwortlich, auch wenn es ihm niemand aufträgt, und sogar dann, wenn man ihm Schwierigkeiten in den Weg legt. Er weiß sich hinausgesendet, so wie ein Mann, der seine Familie liebt, sich in die Welt gesendet weiß, um für sie und für sich reiche Ernte heimzubringen. Und so wie sich die Liebe im Leben des Menschen manchmal ganz außerordentlich ereignet, über den Menschen kommt, so wird auch diesen gläubigen Menschen der Ruf Gottes manchmal besonders eindringlich bewußt als Berufung, als Sendung, als Auftrag zum Apostolat, als Mission. Und diese Worte Apostolat, Mission, Sendung bedeuten dasselbe. Ich weiß mich dafür verantwortlich, daß das Reich Gottes in dieser Welt überall wächst, weil es sonst auch in mir nicht wächst. Ich bin verantwortlich dafür, wenn dieses Reich Gottes irgendwo zugrunde geht, weil es auch dann in mir gefährdet ist. Reich Gottes bedeutet, daß dieses Stück der Welt sich von Gott ergreifen läßt, sich von der unfaßbaren Liebe Gottes erfüllen läßt, in die totale Ganzheit Gottes aufnehmen läßt, bis Jesus auch dort sagen kann: "Vater, laß sie mit uns eins sein, so wie du mit mir eins bist und ich mit dir eins bin" (Joh 17,21).
Ich und das Reich Gottes
Wer sich verantwortlich weiß für das Reich Gottes in der Welt, der wird erfinderisch sein, weil jede Liebe erfinderisch ist. Er wird einen Weg finden, um den Menschen die Liebe Gottes und die unfaßbare absolute Wirklichkeit Gottes nahezubringen, begreifbar zu machen. Er wird diese unermeßliche Wirklichkeit Gottes vor allem dadurch verkünden, daß er Christus gegenwärtig macht durch sein eigenes Leben, nicht nur durch leere Worte. - So sollen die Menschen uns Christen als Gegenwart Christi erkennen und in unsere Fußstapfen treten und mit uns gemeinsam gehen, damit "Kirche" werde. Indem sie uns als Christen erkennen, sollen sie Christus erkennen, und so soll Kirche entstehen, d.h. Gemeinschaft der Jünger Christi werden.
Apostolat kann man nicht nur einfach organisieren, planen, konstruieren und kommandieren. Apostolat ist eine Frage der inneren Berufung des Menschen, der der unermeßlichen Fülle Gottes begegnet ist. Bei diesen Menschen wächst das Apostolat, die Sendung, die Berufung - sonst nicht. Solche Menschen werden dieses Apostolat ausüben, wo sie stehen und gehen, wo immer sie leben: In der eigenen Familie, in ihrer Fabrik, in ihrem Büro, unter ihren Freunden, im Staat, an den verantwortlichen Stellen der Welt, als Arbeiter, als Mann, als Frau oder Kind. Sie werden dieses Apostolat nicht in aufdringlicher, gewaltsamer Weise ausüben, sondern so, wie man eine große Liebe weitergibt, die man empfangen hat. Denn was sich im Inneren ereignet hat, ist die Liebe Christi, die unfaßbare Liebe Gottes.
Freunde und Mitarbeiter Gottes
So werden diese berufenen Mitarbeiter Gottes, wo immer sie stehen, etwas von ihrer eigenen Erkenntnis, eigenen Liebe, eigenen Überzeugung, Geduld und Kraft in ihre Umgebung hineintragen. So wird das Reich Gottes wachsen. Sie werden dessen Künder sein, und sie werden die Menschen zu ihrer Nachfolge bewegen. Diesen ungeheuren Auftrag hat Jesus Christus uns, seinen Jüngern, gegeben. Und wir werden uns einmal fragen müssen, wieweit wir in unserem eigenen persönlichen Leben diesem Auftrag Christi gerecht geworden sind.
Wie kann es geschehen, daß diese vielen Tausende von Mitarbeitern Gottes zur Mitarbeit in der Kirche berufen werden? Wieder werden wir mit dieser Stunde der Stille und des Gebetes beginnen müssen. Wir werden klein anfangen müssen, weil es oft ein langer Weg ist zu dieser lebendigen, ergreifenden Begegnung mit Gott. Wir werden mit ein paar Minuten anfangen müssen, aber damit werden wir wirklich anfangen müssen. Wir werden beginnen müssen, Tag für Tag eine Zeit der Stille zu finden. Zunächst ein paar Minuten der Besinnung, daß wir zu uns kommen, wieder bewußt erleben, unser Leben wieder ordnen. Allmählich wird diese Zeit der Stille und der Besinnung wie von selber mehr und mehr Raum greifen in unserem Leben, und wir werden erkennen, daß es die fruchtbarste Zeit unseres Lebens ist, die uns viel Verdruß und Ärger, viele Schwächen und Irrwege erspart und unser Leben stärkt, zur Tatkraft bringt, zur Liebe befähigt, zur wundersamen Macht der wirklichen und wirksamen Liebe führt. Wir werden dann diese Stunde der Stille und des Gebetes in unserem Leben nie mehr missen wollen. Und wenn sie einmal unter den Tisch fällt, vielleicht lange Zeit unter den Tisch fällt, werden wir die sauren Früchte dieser Versäumnisse spüren, und unser Leben wird selber wieder sauer werden, bis wir wieder mit dieser stillen Zeit der Besinnung beginnen, mit dieser Zeit der Sehnsucht, des Gebetes und der Begegnung mit Jesus Christus. Dann wird uns der Herr als Seine Freunde auch zur Mitsorge und Mitarbeit in Seinem Reich berufen.
Ich wünsche es Ihnen am Ausgang dieses Jahres und am Beginn dieses ungewissen kommenden Jahres, daß Sie zu diesen Zeiten der Stille und der inneren Kräftigung und zum Gebet gelangen. Das wird unser sehr realistischer Beitrag zur Veränderung der Welt sein. Das wird zugleich ein merklicher Beitrag zur inneren Erneuerung der Kirche sein. In diesen Zeiten der Stille und des Gebetes wird uns viel klar werden, was wir heute noch gar nicht ahnen, aber im kommenden Jahr vielleicht schon verwirklichen können. Ich wünsche es Ihnen von ganzem Herzen. Sie selber werden darüber glücklich sein, und die Welt wird es Ihnen danken.
Im Vertrauen auf unseren Herrn grüße ich Sie am letzten Tag dieses Jahres mit allen Segenswünschen des Herrn.
Ihr Franz Kardinal König
zitiert nach: Kardinal König, Advent- und Weihnachtszeit,
in der Reihe "Worüber wir meditieren" 3, Veritas Verlag