Pfingsten

© KK-Archiv

"Pfingsten, das liebliche Fest war gekommen: es grünten und blühten Feld und Wald; auf Hügeln und Höhn, in Büschen und Hecken übten ein fröhliches Lied die neu ermunterten Vögel; jede Wiese sprosste von Blumen in duftenden Gründen, festlich heiter glänzte der Himmel und farbig die Erde..." so wunderschön beginnt der erste Geang des berühmten Versepos "Reineke Fuchs", das Johann Wolfgang Goethe im Jahr 1794 verfasst hat.

Heute ist man versucht zu fragen: von welcher Welt sprach der Dichterfürst damals? Freilich grünt und blüht es auch heute noch, aber wir haben die Leichtigkeit, darüber in dieser Form zu sprechen, fast verloren.

Pfingsten, das christliche Fest selbst, bedeutet freilich, damals wie heute, immer noch dasselbe: Gott lässt uns nach der Himmelfahrt Jesu nicht ganz verlassen zurück, er überträgt uns seinen Geist, der uns stärken soll für unseren Auftag in der Welt, wie das Johannesevangelium(20,19-23) berichtet. Darum wird Pfingsten auch mitunter als "Geburtstag der Kirche“ bezeichnet.

Am Pfingstsonntag 1976 sagte Kardinal König beim Pfingsthochamt im Dom zu St. Stephan: "...Damals wurden mutige Männer und Frauen ergriffen vom Geist Gottes, sie hatten dieselben Ideale und sie wurden auch damals schon zusammengeschmiedet durch dieselbe Verfolgung, dasselbe Schicksal. Sie haben voll Kraft Zeugnis abgelegt für ihren Glauben... sie haben damals den Grundstein gelegt durch das Zeugnis ihres Blutes und durch die Kraft jenes Geistes, der durch sie durch Jahrtausende wirksam wurde in der ganzen Welt." Aber dann fuhr er fort: "Heute fragen wir uns: hat Gott uns bis heute ein neues großes Pfingsten verweigert? Sind die Hoffnungen von damals gescheitert? Ist nicht die Welt erfüllt von Angst und Unsicherheit?"

Und wenn wir uns heute - zu Pfingsten 2017 - umsehen, müssen wir bekennen: immer noch sind es die Menschen selbst, die Gottes großherzigen Plan verdunkeln. Auch heute werden immer noch Christen verfolgt, sind Christen auf der Flucht, werden Christen allein um ihres Glaubens willen getötet. Es ist eine traurige, aber unwiderlegbare Tatsache: Heute sind Christen die weltweit am meisten verfolgte Glaubensgemeinschaft.

Aber es sind nicht nur Christen, die leiden. Es sind Menschen aller Religionen, die sich nach Frieden sehnen, nach dem Geist Gottes. "Die Herabkunft dieses Heiligen Geistes stiftet Gemeinschaft im Leben der Menschen. In den Gottesdiensten wird heute aus der Apostelgeschichte die wunderbare Schilderung vorgelesen, wie Menschen der verschiedensten Völker, Parther und Mesopotamier, Bewohner Kleinasiens und Ägyptens, Griechen und Römer plötzlich die Botschaft Gottes und damit auch einander verstehen..." sagte Kardinal König 1992 in einer Pfingstansprache im Jahr 1992 im ORF, die wir Ihnen nachstehend in Erinnerung rufen wollen und die uns in ihrer erschreckenden Aktualität - man müsste nur einige Namen austauschen, die schrecklichen Fakten sind dieselben wie heute - sehr nachdenklich stimmen sollte.

Darum geht es auch zu Pfingsten 2017, darum müssen wir Gott bitten: dass der Geist Gottes den Menschen hilft, einander zu verstehen. Nicht mehr und nicht weniger. 

In diesem Geist wünschen wir allen unseren Besucherinnen und Besuchern ein frohes und gesegnetes Fest und mögen wir alle gemeinsam "vielsprachig" werden!  

 

 

©

Pfingstansprache 1992
zum Flüchtlingsproblem für den ORF-Hörfunk

Das heutige Fest, Pfingsten, ist nicht so populär wie Weihnachten oder Ostern. Und doch ist die Botschaft dieses Festes - in dessen Mittelpunkt der Heilige Geist steht - von größter Bedeutung. Wenn der Glaube der Christen von der Dreifaltigkeit Gottes spricht, klingt das auf das erste Hinhören schwierig, geheimnisvoll und kaum verstehbar. Aber diese Glaubensüberzeugung sagt etwas sehr Wesentliches: alles Leben ist Gemeinschaft, auch und zuallererst das Leben Gottes.

Die Herabkunft des Heiligen Geistes stiftet Gemeinschaft im Leben der Menschen. In den Gottesdiensten wird heute aus der Apostelgeschichte die wunderbare Schilderung vorgelesen, wie Menschen der verschiedensten Völker, Parther und Mesopotamier, Bewohner Kleinasiens und Ägyptens, Griechen und Römer plötzlich die Botschaft Gottes und damit auch einander verstehen.

In diesen Tagen wird uns besonders schmerzlich bewusst, wie weit wir von diesem Bild der Apostelgeschichte entfernt sind. Die furchtbaren Bilder vom Bruderkrieg im zerfallenden Jugoslawien sind für Christen ebenso wie für Nichtgläubige ein Stachel, der das Gewissen nicht zur Ruhe kommen lässt.

Dieser Krieg, der so viel Leid und Unglück über die Bevölkerung unseres Nachbarlandes gebracht hat, ist das Produkt menschlicher Schuld. Menschen tragen Schuld dran, dass eine Lösung der Probleme nicht mehr am Verhandlungstisch gesucht wurde. Menschen tragen Schuld daran, dass man der Bevölkerung weismachen wollte, ein jahrhundertelang eingeübtes Zusammenleben von Angehörigen unterschiedlicher Glaubensgemeinschaften, unterschiedlicher ethnischer Herkunft und unterschiedlicher Kultur sei nicht länger möglich und wünschenswert. Menschen tragen Schuld daran, dass Misstrauen, Feindschaft und Hass gesät wurden und dass man das Heil in der Herrschaft eines Volkes über das andere suchte.

Menschen erteilten den Schießbefehl, Menschen tragen Schuld daran, dass geschossen und zurückgeschossen wurde. Dass Tausende getötet und Abertausende verwundet wurden. Menschen tragen Schuld daran, dass Leichen geschändet wurden. Menschen tragen Schuld daran, dass weite Landstriche verwüstet, die Lebengrundlage einer ganzen Generation vernichtet und unwiederbringliche Kulturgüter zerstört wurden. Menschen tragen Schuld daran, dass bereits eineinhalb Millionen Männer, Frauen und Kinder ihr Zuhause, ihre Arbeitsstätten, ihre Heimat und oft auch ihre Angehörigen verloren haben.
Menschen sind schuld daran, dass die internationale Gemeinschaft in dieser Frage weitgehend versagt hat. Menschen sind schuld daran, dass es lange viel zu wenig internationale Solidarität und Hilfe gab. Und Menschen tragen auch die Schuld dafür, dass immer noch geschossen, zerstört und getötet wird.

Viele sind schuldig. Aber ungleich größer ist die Zahl jener Kroaten, Serben, Slowenen, Bosnier, Montenegriner, Angehörigen anderer Völkerschaften des ehemaligen Jugoslawien, die an diesem Krieg nicht die geringste Schuld trifft. Die weiter mit ihren Nachbarn in Frieden leben wollten, die Nein zum Hass sagten und denen auch vor jenen Verbrechen graute, die ihre eigenen Landsleute verübten. Sie alle wurden gegen ihren Willen zu Opfern des Krieges.

Ihnen, den schuldlosen, den Verzweifelten, den Geschändeten, den heimatlos Gewordenen - ihnen gilt es in dieser Stunde zu helfen! Ich zweifle keine Minute daran, dass Sie, meine Zuhörer, sehr genau zwischen schuldigen Tätern und schuldlosen Opfern unterscheiden. Es gehört zur humanen Tradition Österreichs, Menschen in der Stunde größter Not nicht im Stich zu lassen. Ich bin mir gewiss, dass Sie auch diesmal den schuldlosen "Nachbarn in Not" nicht einfach seinem Schicksal überlassen werden.

In der Heiligen Schrift ist an einer gar nicht leicht zu interpretierenden Stelle die Rede davon, dass die "Sünde wider den Heiligen Geist" die schlimmste aller Sünden sei. Ist nicht das furchtbare Geschehen im ehemaligen Jugoslawien ein Beispiel dieser Sünde? Und bedeutet die Konfrontation mit diesem Geschehen nicht andererseits eine umso stärkere Herausforderung zu größerem Vertrauen auf den Heiligen Geist?

Der Heilige Geist wirkt in jeder Zeit. In unserer Generation ist das nirgendwo so deutlich empfunden worden wie beim II. Vatikanischem Konzil, in dem der Heilige Geist die Kirche auf neue, unserer Zeit entsprechende Wege geführt hat. Aber bis heute gibt es auch in der Kirche Kräfte, die sich diesem Wirken des Heiligen Geistes, wie er im Konzil offenbar geworden ist, widersetzen. Die vom Weg abkehren wollen, auf die er die  Kirche geführt hat. Auch diesen Kräften ist ein umso größeres Vertrauen auf das Wirken des Heiligen Geistes entgegenzusetzen.

Der Heilige Geist wirkt aber nicht nur in der Kirche. Sein Wirken ist in der ganzen Menschheit festzustellen. Wenn heute überall in der Welt das Bewusstsein von der Verantwortung des Menschen für Gerechtigkeit, Frieden und die Bewahrung der Schöpfung wächst, dann erkennen wir Christen dahinter das Wirken des Heiligen Geistes. Und wir erkennen gleichzeitig, dass auch in diesem Punkt die "Sünde wider den Heiligen Geist" verheerende Folgen zeitigt.

Die schrecklichen Bilder aus dem einstigen Jugoslawien gemahnen uns ebenso daran. Ebenso aber auch die trockenen Zahlen, die vom Erd-Gipfel der Vereinten Nationen aus Rio de Janeiro zu hören sind. Zahlen, die zeigen, wie weit sich der Mensch vom Bild des Gärtners entfernt hat, dem die Schöpfung zur Pflege anvertraut ist.

Das eine wie das andere Todessymbol - die Schreckensbilder und die trockenen Zahlen - zeigen, wie sehr der Egoismus, der nationale, der wirtschaftliche, der kontinentale Egoismus, die Lieblosigkeit im persönlichen und gemeinschaftlichen Leben die Erde unwirtlich gemacht haben.

Umso inniger beten die Christen: "Komm Heiliger Geist, erfülle die Herzen deiner Gläubigen und entzünde in ihnen das Feuer deiner Liebe".

Kardinal Franz König

 


Druckansicht
Zurück






   Impressum | Links | Stichwortverzeichnis | Suche