Fronleichnam

© KK-Archiv

Nach seiner Emeritierung im Jahr 1985 bezog Kardinal König eine Wohnung im obersten Stockwerk des Altenheimes der Barmherzigen Schwestern in Wien-Gumpendorf und übernahm dort, so oft es seine Zeit erlaubte, die Aufgaben eines Haussselsorgers. In seiner Pension wollte er wieder das sein, was er zuallererst immer gewesen war: Seelsorger der Menschen. 

Und Gott schenkte ihm dafür noch fast zwanzig gute Jahre in Gumpendorf, wo er - anfänglich infolge vieler öffentlicher Verpflichtungen in und über die Diözese hinaus, noch selten - aber mit zunehmendem Alter immer öfters, mit den alten Leuten von St. Katharina Gottesdienst feierte und mit ihnen zu einer kleinen Gemeinschaft zusammenwuchs.

Er feierte, wenn er zu Hause war, täglich gemeinsam mit ihnen in der Hauskapelle die hl. Messe. Er rückte, nach Information der Hausoberin, immer gerne, mit einem Blumenstrauß bewaffnet, zu den runden Jubilarinnen oder Jubilaren aus. Er gestaltete die Weihnachts- und Altjahresfeiern mit. Er war auch regelmäßiger Gast bei den Personalfeiern. Er betete mit den Angehörigen der Verstorbenen.

Und ebenso feierte er alljährlich mit dem Haus und darüber hinaus mit dem ganzen Krankenhaus und der Pfarre Gumpendorf das Fronleichnamsfest und trug, solange es ihm noch möglich war, die Monstranz mit dem "Herrn Jesus", wie er zu sagen pflegte, durch die Gassen des sechsten Bezirks. Und dazu gab es auch immer eine Predigt, die er sorgfältig vorbereitete und mit aktuellen Hinweisen versah. So war es zum Beispiel auch im Jahr 1993.

 

© Franz Rupprecht

Fronleichnam 1993 - Gumpendorf

Die Pfarre Gumpendorf versammelt sich heute wieder im schönen Garten der Barmherzigen Schwestern, inmitten von Blumen, von sommerlicher Wärme und weitauslandenden grünen Bäumen, um den Fronleichnamsgottesdienst in Gottesfreier Natur, außerhalb der Kirche, festlich zu begehen. Im Anschluß an den Gottesdienst sind alle eingeladen, an unserer Fronleichnamsprozession teilzunehmen. Wir tragen so das Geheimnis unseres Glaubens durch die Straßen des Bezirkes und unserer Pfarre. Die Fronleichnamsprozession soll ein äußeres Zeichen unserer inneren Gefolgschaft im Glauben sein.
Dabei wollen wir miteinander dem Herrn unsere Anliegen vortragen. Denn wir wissen: "Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind" - und ich füge hinzu, unterwegs sind, - "dort bin ich mitten unter ihnen". So lesen wir in der Heiligen Schrift.
Bei unserem Fronleichnamsgottesdienst wollen wir aber auch alle Patienten unseres großen Krankenhauses nebenan miteinschließen. Sie können auf die eine oder andere Art ebenfalls mitfeiern. - Liebe Patienten! Eure Teilnahme an unseren Gottesdienst legt uns alle nahe, eure Anliegen und Sorgen, eure Bitten um Genesung, mit hineinzunehmen in unseren festlichen Gottesdienst und in die anschließende Prozession. Mit euch wollen wir auch die Ärzte und Schwestern miteinschließen, die, wie ihr wißt, mit vorbildlicher Hingabe euch auf euren Krankenlagern betreuen.
Im Evangelium haben wir soeben gehört: "Ich bin das lebendige Brot, das vom Himmel herabgekommen ist. Wer von diesem Brote ißt wird in Ewigkeit leben". - In vergangenen Jahren ist die Sorge um das tägliche Brot zunehmend in Vergessenheit geraten. Die Kostbarkeit des Brotes kommt fast niemanden mehr zum Bewußtsein. Doch im Verlaufe der letzten Zeit sind wieder Gewitterwolken aufgezogen; ein Blick über die Grenzen unserer Heimat macht uns nachdenklich, sodaß wir nach dem täglichen Brot in neuer Weise wieder fragen gelernt haben. Wenn die Wälder sterben, sterben da nicht auch die Felder? Woher werden wir das Brot nehmen, wenn der Boden verwüstet ist? Der Glaube an den Fortschritt allein hat seine Überzeugungskraft verloren.
Ein Blick in die Welt um uns, mit ihrem Egoismus und ihrer Aggression, mit ihrem Haß und ihrer Gleichgültigkeit, macht uns nachdenklich. Die wachsenden Sorgen und Probleme bringen uns wieder zum Bewußtsein, daß der Mensch zum Leben auch das geistige Brot braucht. Ich meine damit jenes Brot, das unsere Seelen stärkt.
Wieviel Kraft, wieviel innere Kraft braucht man, um den Glauben an den Menschen nicht zu verlieren, wenn vor unseren Toren Haß und Krieg alles zerstören und kein Ende in Sicht ist? Wieviel Kraft braucht man, um dort an die Zukunft zu glauben, wo der Aufbau einer neuen Gesellschaftsordnung in wirtschaftlicher und menschlicher Hinsicht fast nicht voranzukommen scheint? Wieviel Kraft braucht man, um an die allgemeinen Menschenrechte, an die unveräußerlichen Lebensrechte zu glauben, am Vorabend der großen Menschenrechtskonferenz, die in diesen Tagen in Wien beginnt, angesichts des Zynismus, mit dem gerade in unserer Zeit solche Rechte mit Füßen getreten werden? -
Wieviel seelische Kraft aber brauchen auch jene Familien, in denen der Vater arbeitslos geworden ist? Was für eine seelische Kraft ist notwendig, um nach einer zerbrochenen Ehe durchhalten zu können? Wer weiß um die Not jener Kinder, deren Eltern sich haben scheiden lassen? - Alle diese großen Sorgen wollen wir am heutigen Tage, auf dem Wege in unsere eigene Zukunft, mitnehmen.

© R
Kardinal Franz König nach der Fronleichnamsprozession im Jahr 2000 im Pfarrgarten von Gumpendorf.

"Ich bin das Brot des Lebens" sagt Christus. Wenn wir ihn im Glauben in unser Leben aufnehmen, dann kann er uns göttliche Lebenskraft schenken. Wer ihn aufnimmt, der erkennt einen Weg, wo andere längst schon vor einer Mauer stehen. Wer seine Seele mit dem Worte Gottes nährt, der wird von innen her stark. 
In den vergangenen Monaten hat das Schicksal der Fremden, der vielen Flüchtlinge, unser ganzes Land bewegt und beschäftigt. Ich möchte auch heute betonen, wieviel Gutes in unserem Lande geschehen ist, wieviel geholfen wurde. Es ist unglaublich, was ein so kleines Land, so sagt uns das Ausland, zustandebringen kann. 
Aber das Teilen braucht auch Kraft und die nicht immer leichte Bereitschaft des Herzens. Wenn der Wohlstand unsre Herzen verengt uns selbstsüchtig macht, dann kann die Kraft des Glaubens, in Verbindung mit der Gottes- und Nächstenliebe, eine solche Verengung überwinden. Denn Selbstsucht isoliert, der Glaube verbindet.  Dort, wo Glaube und Leben noch in enger Verbindung stehen, schätzt man das Brot als irdische Gabe noch sehr. Ich war immer ergriffen, wenn ich in meiner Jugendzeit erlebte, wie in christlichen Familien der Vater oder die Mutter mit ihrer Hand das Kreuzeichen auf ein Leib frischen Brotes machten, bevor sie sich anschickten, das erste Stück abzuschneiden. 
Auch im Lande und Volke Israels, in jenen Zeiten des einfachen Lebens, schätzte man das Brot sehr. Un hier setzte Jesus an, um seine Frohe Botschaft mitten in das menschliche Leben hineinzustellen. Dieses gewöhnliche Brot hat der Herr genommen, um es zum Sakrament, das heißt, zum äußeren sichtbaren Zeichen seines unsichtbaren Lebens und seiner Herrschaft zu machen. So wie das Brot als Nahrungsmittel den menschlichen Hunger stillt, so wollte Jesus durch das Sakrament des Brotes jenen Hunger stillen, der nach dem verlangt, was nicht vergeht, sondern bleibt. Dieses Sakrament, das heißt, als äußeres Zeichen einer unsichtbaren Wirklichkeit, hat er der Kirche zu treuen Händen übergeben, damit er nicht nur eine Gestalt der Geschichte bleibt, sondern dauernd in der Welt der Menschen gegenwärtig ist. 
"Wer von diesem Brote ißt, wird leben in Ewigkeit", - so sagte Jesus; - das heißt, inmitten eines, auch im Überfluß vergänglichen Lebens, wies er uns auf eine Welt hin, wo der Tod seine Macht verloren hat. Mit anderen Worten: die Gemeinschaft mit Christus schenkt uns all das, wonach wir in der Welt des Vergänglichen umsonst suchen.
Mit dieser Botschaft geht die Kirche heute hinaus, tritt sie mitten in das Leben der Menschen, um allen zu sagen, daß zwar das irdische Brot für den Hunger des Leibes wichtig ist, daß wir aber noch ein anderes Brot brauchen, wenn wir eine Antwort suchen auf die großen Fragen: "Woher komme ich, wohin gehe ich, welchen Sinn hat mein Leben?"
Die Aufgabe des Fronleichnamsfestes ist es, darauf die Antwort zu geben. 

Predigt von Kardinal König


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