3. August 1905 - 112. Geburtstag von Kardinal Franz König

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Auch dieses Jahr wollen wir unsere Besucherinnen und Besucher wieder daran erinnern: Am 3. August 1905, also vor genau 112 Jahren, wurde einem jungen Ehepaar, Franz und Maria König aus Warth bei Rabenstein an der Pielach ein erstes Kind geboren - ein Bub, der zwei Tage darauf, am 5. August, in der Pfarrkirche zu Rabenstein auf den Namen Franz Borgias getauft wurde. Später sollten noch neun weitere Geschwister nachfolgen.

Dieser älteste Sohn war schon von früher Jugend auf ein etwas anderes Kind, an dessen vielseitige Interessen sich sein späterer Volksschullehrer noch erinnern sollte. Dementsprechend unterschiedlich zu seinen Geschwistern sollte sich dann auch sein weiterer Lebensweg gestalten, welchen wir Ihnen aus Anlass seines 112. Geburtstages auszugsweise in Erinnerung rufen wollen.

 

© KK-Archiv
Geburtshaus in Warth bei Rabenstein (NÖ)

Erinnerung ist eine Form der Begegnung

"Erinnerung ist eine Form der Begegnung" - sagte einmal der aus dem Libanon stammende Schriftsteller Khalil Gibran. Woran werden sich die Leute erinnern, wenn sie an Kardinal König denken?

Wenn man heute an ihn denkt, dann kommen einem Eigenschaften in den Sinn, die in unseren Tagen eher selten zu finden sind: Weite des Herzens, unendliche Geduld, demütige Dankbarkeit, Bescheidenheit, tiefe Frömmigkeit, ein wacher Geist, fundiertes Wissen, ein fester Standpunkt, aber immer bereit, mit dem anderen zu sprechen und absolute Furchtlosigkeit und keine Form von irgendeiner Berührungsangst.

 

© A. Fenzl
Kopten-Papst Shenouda III. und Kardinal König anlässlich des ersten Regionalsymposiums 1991 im Wadi Natrun, Ägypten

Und wenn man sich fragt: Was bleibt von Kardinal König? - dann kann man wohl sagen:

Es bleibt die Erinnerung an einen Mann der Kirche, der mit einer natürlichen und unaufdringlichen Würde sein ganzes Leben lang nichts anderes im Sinn hatte, als Zeugnis abzulegen für den, von dem er kam und zu dem er zurückkehrte, als die Zeit gekommen war. Und der immer und immer wieder behutsam versucht hat, darüber auch mit den Menschen zu sprechen. Es bleibt die Erinnerung an einen Meister des Gesprächs; - eines Gesprächs, bei welchem er den Gesprächspartner, auch wenn er sich mit dessen Meinung nicht immer identifizieren konnte, ganz ernst nahm, sich mit seinen Beweggründen auseinandersetzte und ihm das Gefühl gab, nicht vorschnell verurteilt zu werden. Ein solches Gespräch konnte manchmal bis zum Äußersten gehen, aber er war nie ängstlich dabei, denn - wie der Kardinal immer wieder sagte - er wusste: "...der eigentliche Gesprächsleiter wird Gott sein müssen. Und das Gespräch des Einzelnen mit Gott ist die Voraussetzung, daß das Gespräch der Kirche gelingen kann." Und nie darf man dabei die Mitte verlieren. Denn auch heute gilt noch, was Blaise Pascal schon vor dreihundert Jahren erkannte und in seinen Pensées so formulierte: "...wer die Mitte verlässt, verlässt die Menschlichkeit. Die Größe der menschlichen Seele besteht darin, daß sie sich in der Mitte zu halten vermag". Der Kardinal hat diese Mitte nie verloren.

Die Kraft dazu holte er sich von Dem, dem er die Treue gehalten hat, sein Leben lang. Er erfüllte ihn ganz. Der Kardinal war überwältigt von Ihm, dessen erhabene Größe der Prophet Jesaias in der Sprache und im Weltbild des 8. vorchristlichen Jahrhunderts mit seiner gewaltigen Stimme so eindrucksvoll beschrieben hatte - der Kardinal hat es oft und oft bei verschiedenen Gelegenheiten zitiert: "Wer misst das Meer mit der hohlen Hand? Wer kann mit der ausgespannten Hand den Himmel vermessen? Wer wiegt die Berge mit einer Waage und mit Gewichten die Hügel? Wer lehrt ihn das Wissen und zeigt ihm den Weg der Erkenntnis? Seht, die Völker sind wie ein Tropfen am Eimer, Sie gelten so viel wie ein Stäubchen auf der Waage. Ganze Inseln wiegen nicht mehr als ein Sandkorn. Alle Völker sind vor Gott wie ein Nichts, vor ihm sind sie wertlos und nichtig. Mit wem wollt ihr Gott vergleichen und welches Bild an seine Stelle setzen? Weißt du es nicht, hörst du es nicht? Der Herr ist ein ewiger Gott, der die weite Erde erschuf." (40,12) Sein Gottesbild war wie eine kraftvolle Verheißung.

Er lebte in und aus der Ehrfurcht vor dem Geheimnis Gottes, das für ihn Anfang, Mitte und Ende seines Lebens bedeutete - und in das letztlich jene großen Fragen einmünden, die, wie er nicht müde wurde, zu betonen, jedes Menschenherz seit jeher bewegen: "Woher komme ich, wohin geht mein Weg, welchen Sinn hat mein Leben? Welchen Sinn hat das Leid? Welches ist jenes letzte und unsagbare Geheimnis meiner Existenz, aus dem ich komme und wohin ich gehe?"

Und die Menschen spürten, daß es auch ihm ernst war mit diesen Fragen, sie glaubten ihm, sie wollten ihm glauben, sie hielten inne und wurden nachdenklich - zumindest für eine Zeitlang und sie wollten seine Antwort hören.

Erinnerung ist eine Form der Begegnung... So hoffe ich, daß Sie - wenn Sie durch diese Straße gehen, sich an Kardinal König erinnern werden, indem Sie sagen:

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Franz König mit "seinen" Vietnamesischen Kindern am Berg






Kardinal König war einfach ein Mensch.
Kardinal König hatte keine Berührungsängste. Er konnte lachen – auch über sich selbst - und fröhlich sein, Kinder und Hunde liefen ihm nach, wie man so schön sagt. Fairerweise muß man aber auch dazusagen, daß der liebe Gott ihm die Gnade eines biblischen Alters geschenkt hat, - wahrscheinlich war er nicht von Anbeginn an so - aber er hat lange genug leben dürfen, daß die Menschen diese Seite an ihm kennenlernen konnten... –

Auf jeden Fall erlebt haben diese Seite seines Wesens aber seine Vietnamesenkinder und am Ende seines Lebens seine Hausgenossen im Altenheim der Barmherzigen Schwestern – und dazwischen wohl auch viele, viele andere.

Kardinal König wird wollen, daß man, wenn man an ihn denkt, sagen wird:

 


 

 

© KK-Archiv
Franz König, Bossigasse 1995 bei einer Agape anlässlich der Visitation

Kardinal König war einfach ein Christ.
Er wollte kein Heiliger sein, einfach nur ein Christ: "I do not want to be a Saint, some of them are so hard to live with..." (Ich will kein Heiliger sein, mit manchen von ihnen lebt es sich so schwer) – dieser Bitte einer prominenten Nonne (Teresa von Avila) des 16. Jahrhunderts hat er sich vollinhaltlich angeschlossen. - Er wollte einfach ein Christ sein, der durch das Beispiel seines Lebens, - nicht durch viele Worte, - andere davon überzeugen konnte, daß es sich lohnt, alles, sein ganzes Leben, auf Gott zu setzen. Und weil er sich einfach nur als Christ fühlte, als nichts Besonderes, auch nicht in der Hierarchie der Kirche, deswegen war er frei genug, oft Dinge zu tun, die andere in seiner Position - vielleicht - nicht getan hätten.

Woher nahm er die Sicherheit, woher nahm er die Kraft? - Glaube und Leben waren eins bei ihm, er war ununterbrochen im Gespräch mit Gott. Und das nicht nur in seinen späten Jahren, am Ende seines Lebens, wo man vielleicht annehmen könnte, daß es sich – auch für einen Kardinal - nahelegt, so knapp an der Himmelstür, fromm zu sein – nein, Kardinal König hat schon als Professor in Salzburg, in den 50er Jahren des vergangenen Jahrhunderts, auf der Höhe seines Lebens sozusagen, in seinem Einleitungstext zu dem von ihm herausgegebenen dreibändigen Werk über "Christus und die Religionen der Erde" den Dichter der Romantik, Friedrich von Hardenberg (1772-1801), besser bekannt als Novalis, zitiert, der sagte: "Beten ist das in der Religion, was Denken in der Philosophie ist. Beten ist Religion-Machen. Der religiöse Sinn betet, wie das Denkorgan denkt." Das nahezu ununterbrochene persönliche Gebet war die Grundnahrung seiner Seele. Diese Haltung machte ihn auch frei, immer zuerst über die Bedürfnisse der anderen nachzudenken, als über seine eigenen.

Das ist, umso mehr sich sein Leben dem irdischen Ende zuneigte, immer deutlicher hervorgetreten. Und es hat viel Mut gemacht, das miterleben zu dürfen.

Und schließlich, so denke ich, wird Kardinal König wollen, daß man, wenn man an ihn denkt, sagen wird:

© KK-Archiv
Franz König in Mariazell mit der "Mariazeller Infel"

Kardinal König war einfach ein Seelsorger.
Kardinal König war ein sensibler, ein diskreter und ein eher scheuer Mensch, der niemanden erschrecken oder gar einengen wollte durch die Kraft seiner Überzeugung. So lebte er schlicht und einfach vor, wovon er selbst hundertprozentig überzeugt war.

Kardinal König wäre kein guter Kreuzfahrer gewesen – es war nicht seine Sache, den Glauben mit Feuer und Schwert zu den Menschen bringen – er hat, gemäß seiner Erziehung bei den Benediktinern und dann vor allem bei den Jesuiten in Rom – für sich einen anderen Weg gewählt: den Weg der diskreten Liebe des hl. Ignatius von Loyola, den Weg der liebevollen Hinführung.– Der liebevollen Hinführung zum Glauben - und dann immer noch unbedingt nicht zu jener Art von Glauben, die er sich vielleicht für den Betreffenden vorgestellt hatte.

Er hat es dann letztlich immer dem Herrgott überlassen, in welcher Form dieser dem Menschen begegnen wollte. Kardinal König hat immer nur versucht, die Vorarbeit für die Begegnung zu leisten. Und er hat es – im Verlauf seines langen, gesegneten Lebens, darin zur Meisterschaft gebracht. Und viele können heute noch davon Zeugnis geben.

Kardinal König war überzeugt von der Kraft des Gebetes, das, seiner innersten Überzeugung nach, seit Anbeginn der Geschichte das Leben der Menschen begleitet und das auch ihn getragen hat. Er hat das immer wieder gesagt und geschrieben: Das persönliche Gebet, das - als letzte Hingabe - still macht und oft komplizierte Dinge vereinfacht. Das persönlichen Gebet, in dem erst Religion sich entfaltet und Glaube lebendig wird. Das fürsprechende Gebet, das alle Grenzen überwindet. In diesem Sinn steht auch auf seinem Erinnerungsbild: "Im Gebet verbunden."

Und schließlich hat Kardinal König uns die Erkenntnis hinterlassen, daß die Frage nach Gott als Schicksalsfrage eines jeden Menschen immer vor uns steht und damit verbunden, die feste Überzeugung, daß Religion zum Wesen des Menschen gehört. Aus dieser Gewissheit resultiert auch der Satz aus dem Psalm 31, zitiert in seinem Testament: "In te, Domine, speravi, non confundar in aeternum" (Psalm 31,2) - "Auf dich, o Herr, habe ich meine Hoffnung gesetzt. In Ewigkeit werde ich nicht zuschanden", den wir bei seinem Begräbnis in St. Stephan in Brucknerscher Interpretation so eindrucksvoll gehört haben.

Text: A. Fenzl, anlässlich einer Veranstaltung im Geiste von Kardinal König in Kottingbrunn, 2004

 


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