Nachruf auf Hubert Feichtlbauer

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Vieles wurde im Lauf der Jahre über Kardinal König, seine Person und seine Zeit geschrieben - berichtet, bewertet, beurteilt, verurteilt  und kommentiert. Aus der Flut der zahllosen Texte über Franz König ragt die Sicht Hubert Feichtelbauers auf den Menschen hinter dem Kardinal zweifellos heraus: mit großer Sachkenntnis geschrieben, immer ausgewogen, oft humorvoll, manchmal ironisch bis spitz (im Hinblick auf kleine kritische Geister rechts und links), aber immer mit Fairness und festem Standpunkt - vor allem aber aus der geerdeten Kraft eines unverwüstlichen Konzilschristen heraus und, das ist wohl das Wichtigste: ungeachtet auch so mancher kritischer Anmerkungen immer mit Wohlwollen und Liebe! 

In diesem Sinn bringen wir in Erinnerung an Hubert Feichtlbauer aus seiner Feder die Einleitung zu seinem leider bereits vergriffenen Werk: "Der Jahrhundertkardinal".

 

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Hubert Feichtlbauer (85), "Urgestein" der Publizistik in Österreich und früherer langjähriger Vorsitzender des "Verbandes katholischer Publizistinnen und Publizisten", ist am 23. September 2017 verstorben.

Hubert Feichtlbauer, ehemaliger Chefredakteur des "Kurier", der "Wochenpresse" und der "Furche", Pressesprecher der Bundeswirtschaftskammer und Club 2-Moderator, wurde 1932 geboren. Er wurde mit zahlreichen Journalistenpreisen ausgezeichnet, darunter 1972 der Karl-Renner-Publizistikpreis, 2014 der Concordia-Preis und zuletzt 2016 das Österreichische Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst. Feichtlbauer war Mitglied des Cartellverbands und langjähriger Vorsitzender des Verbands Katholischer Publizisten. Er war Autor mehrerer Bücher zu kirchlichen Themen, u.a. über Kardinal König und den Hl. Franz von Assisi.

Requiem für Hubert Feichtlbauer
Das Requiem für den am Samstag verstorbenen Publizisten Hubert Feichtlbauer wird am Freitag, 6. Oktober, 15 Uhr, in der Wiener Pfarre Krim/Kirche Franz von Sales (1190, Pater-Zeininger-Platz 1) gefeiert. Die Beisetzung findet im Familienkreis statt.

 

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Kardinal König überreicht dem österreichischen Journalisten und Buchautor, Hubert Feichtlbauer den 10. Kardinal-Innitzer-Preis (1979)

Franz König - Der Jahrhundert-Kardinal
von Hubert Feichtlbauer

So kennt ihn die Welt

Franz König ist zeitlebens sich selbst treu geblieben. Aber er hat viele Gesichter. In feste Kategorien lässt sich seine facettenreiche Persönlichkeit nicht zwängen. Er hat ein weites Herz, aber er kann auch streng sein. Er ist ein Mann der Versöhnung, der immer lieber den Ausgleich als Konflikte suchte. So hat er mit einfühlsamer Geduld für die der Kirche entfremdete Arbeiterschaft Türen und Herzen geöffnet, die durch Parteien- und Bürgerkrieg erzürnte Sozialdemokratie behutsam wieder für die Kirche interessiert. Aber er demonstrierte auch auf der Straße gegen die von der Regierung Kreisky beschlossene Lockerung des Abtreibungsverbots, als es seine Kirche von ihm erwartete. Weil sein Reden mit seinem Handeln immer zusammenpasste, weil er nie Wasser predigte und selbst Wein trank, geriet er mehr als einmal in den Verdacht, im Geheimen ein Anhänger jener zu sein, mit denen er den Dialog pflegte. Aber der "rote Kardinal" war seiner inneren Natur nach nie ein Sozialist, und er war und ist mit Sicherheit kein Freimaurer, obwohl er auch diese aus Gerechtigkeitsempfinden als namentlich genannte Missetäter aus dem kirchlichen Gesetzbuch herausreklamierte.

Franz König hat früh erkannt, dass ein in miteinander streitende Teilkirchen gespaltenes Christentum im Zeitalter des Zusammenwachsens der Menschheit viel an Glaubwürdigkeit verliert. So wurde er ein überzeugter und überzeugender Verfechter der Ökumene. Aber nie war er ein Anwalt billiger Umarmungskameraderie. Er war der erste Kardinal der römisch-katholischen Kirche, der in der Zeit des Kalten Krieges den Eisernen Vorhang überschritt und im kommunistischen Herrschaftsbereich nicht nur mit Glaubensbrüdern, sondern auch mit Staats- und Selbst Parteifunktionären des Systems redete, das viele von Königs Bischofskollegen noch auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil am liebsten in einer öffentlichen Erklärung in Grund und Boden verdammt hätten.

Auf diesem Konzil war König einer aus dem Dutzend von Kardinälen, die von der Weltpresse zu den Schrittmachern und Weichenstellern der größten Kirchenversammlung der Geschichte gezählt wurden. Von da an war sein Ruf als einer Leitfigur des "progressiven" oder "liberalen" Kirchenflügels gefestigt. In Wirklichkeit war sein Kirchenbild niemals von radikalen oder auch nur extremen Zielvorstellungen geprägt, sondern immer in solider philosophischer Mitte angesiedelt. Seine kirchenpolitische Linie entstammte nicht ideologisch verbrämten Programmen, sondern seelsorglicher Besorgtheit. Nie suchte er Änderungen um Änderungen, sondern immer um der Rettung von Glaubwürdigkeit willen.

Immer wieder wurde er nach gesellschaftlichen Konzepten und pastoralen Programmen gefragt. Immer wieder sagte er selbst, dass er solche im herkömmlichen Sinn nicht hatte. Aber auch das führte zu Trugschlüssen. Viele kamen im Laufe der Zeit sogar zu dem Entschluss, dass er gar nicht viel eigene Meinung hatte, weil er diese selten mit Nachdruck in einer Debatte vertrat. Aber wer ihn genauer kennen lernte, bemerkte bald, dass aus seinen Fragen die Richtung seines Denkens erkennbar wurde. Kardinal König konnte unglaublich intelligent fragen. Damit verblüffte er Amtskollegen der eigenen und von Schwesterkirchen, Journalisten und Nobelpreisträger. Seine manchmal geradezu naiv wirkende Neugierde war entwaffnend, aber unwahrscheinlich produktiv. Er holte aus Gesprächspartnern alles heraus, was er zur Definition und Weiterentwicklung eigener Positionen brauchte. Er fragte und hörte zu. War eine Antwort einleuchtend, logisch, klar, dann floss sie in sein Weltbild ein. Entsprach sie diesen Anforderungen nicht, fragte er weiter oder ließ von weitem Forschen ab. Wirklich gescheiten Menschen imponierte diese Haltung ungleich mehr, als wenn er ihnen juristische Katechismusantworten aufgedrängt hätte. Und dass es in wichtigen Dingen nicht bei Fragen blieb, bewies er unter anderem dadurch, dass er vom Papst eine Zurücknahme der Verurteilung Galileo Galileis erwirkte.
Zuhören, Gesprächspartner reden lassen, notwendige Entscheidungen in Ruhe, ohne Hektik treffe - das war auch der Stil, den er als Ordinarius, also Bischof, seiner Diözese befolgte. Er suchte sich gute Mitarbeiter aus (dafür hatte in der Regel ein besonders feines Gespür) und ließ ihnen ziemlich freie Hand in ihren Verantwortungsbereichen. "er lässt andere für sich arbeiten", würde man dazu vielleicht in weltlichen Berufsbereichen sagen, wo radikales Konkurrenzdenken zu vorschnellen Urteilen verleitet. In einer Kirche, die noch viel zu stark von einem autoritären Führungsstil mit undurchschaubaren Entscheidungsvorgängen geprägt ist, wirkt sich das Delegieren von Befugnissen wohltuend und befruchtend aus. Dass männliche und weibliche Laien viel mehr in der Kirche mitreden und auch mitbestimmen sollten, gehörte zu den frühen Überzeugungen des Kardinals. Aber es wäre falsch, daraus zu schließen, er hielte das Amtspriestertum für nicht mehr so wichtig oder gar entbehrlich. Am traditionellen Amtsverständnis war in seiner Amtszeit nicht zu rütteln. Aber schon nach der Wiener Diözesansynode 1969 bis 1971 und bald darauf folgenden gesamtösterreichischen Kirchenversammlung (Synodaler Vorgang") war sein Ruf als größter "Gestatter" in Reformbereichen gefestigt, wo andere schon vor allem Gefahren witterten und nach Verboten Ausschau hielten.

Im Vatikan sind die Gestatter ein Sonderfall für innerkirchlichen Artenschutz. Dort setzte sich nach dem Konzil immer deutlicher eine Linie durch, die von Überlegung ausging: In einer Zeit, in der immer mehr Menschen der Kirche davonlaufen, muss man den verbleibenden Rest einzäunen, niederhalten, anbinden und Festnageln. Genützt hat es nichts, aber gelernt hat man aus dem Misserfolg dieser Methode auch noch nicht viel. Kardinal König blieb bei seinem Weg: alle anhören, mit allen reden, niemanden vorschnell ausgrenzen, alte Werte verteidigen, neue Wege suchen, das Gewisse über papierene Weisungen, die Menschen über eherne Gesetze stellen, keine faulen Kompromisse eingehen, aber "die Wahrheit in Liebe tun", wie es sein frei gewählter bischöflicher Leitspruch verlangt. Das trug ihm zu Hause immer mehr Dank und Wertschätzung, in Rom freilich auch Vorbehalte und Misstrauen ein.

Wie die beiden Papstwahlen 1978 gelaufen sind, wird man in den Details wohl nie erfahren – im Ernstfall sind Kardinäle pflichtgetreue Schweiger. Aber je mehr Jahre seit einem Konklave vergangen sind, umso mehr wird dann doch bekannt. Und es gibt Anzeichen dafür, dass auch dieses Misstrauen dazu beigetragen haben könnte, dass Franz König als möglicher Papst ins Konklave ging und als Kardinal herauskam. Auf jeden Fall war dieses römische Misstrauen bei der Bestellung seines Nachfolgers als Erzbischof von Wien offenkundig: Hier war Kardinal König wohl zu vornehm, um rechtzeitig durch energisches Einschreiten in Rom die Katastrophe mit Hans Hermann Groer zu verhindern, die da mutwillig herbeigeführt worden sind.

In seiner Pensionszeit freilich, die 1985 begann, wuchs Kardinal König noch einmal über sich hinaus. Wenn er mit seinem Nachfolger Hans Hermann Groer öffentlich auftrat, war der Unterschied in der Länge des Beifalls so donnernd, dass selbst die Klatscher um die Peinlichkeit ihres Verhaltens wussten. Aber hat schon je jemand aus purem Amtsrespekt Applaus dosiert? Es war nicht zu übersehen, dass für viele Bewohner der Erzdiözese Wien Franz König noch immer der heimliche Bischof war und blieb. Bald mied der neue Purpurträger solche Simultanauftritte, ließ König allein predigen und zelebrieren, Grußworte sprechen und Festakte eröffnen, schickte ihn manchmal gleich als Vertreter selbst hin. Franz König kam und segnete, flog weiter zu Symposien und Kongressen. Erst als er auf den Hunderter zuzuschreiten begann, strich er Auslandsreisen, die er ein Leben lang geliebt hat. Aber er tat mehr als zuvor, was immer sein Anliegen gewesen war, wiewohl ihm hier manche, was ihn kränkte, Unterlassungen vorhielten: Er betrieb Seelsorge ("Pastoral" heißt das blutleere Fachvokabel dafür im heutigen Kirchenjargon), war sich zu keinem Akt der nachgehenden Seelsorge zu gut, besuchte Alte und Kranke, tröstete Einsame und richtete jene auf, von denen die offizielle Kirche nichts mehr als allenfalls Reue und Unterwerfung hören wollte.

Er, den man früher kerzengerade aufgerichtet zu sehen gewohnt war, geht jetzt gebeugt und gemessenen Schrittes. Aber seine Stimme ist immer noch fest, er stimmt auch heute noch gesungene Wechselreden in feierlichen Messen an, und niemand kann sich der Erkenntnis entziehen: Er ist im persönlichen Umgang viel gelöster geworden. Schalkhafter Humor bricht öfter durch als früher, auch wenn eine gewisse Distanz geblieben ist, die immer zu den Markenzeichen seiner Persönlichkeit gehört hat. Ein Kumpeltyp ist Frenz König nie gewesen. Ein Freund der Menschen immer. Viele Ehrentitel hat man ihm zugedacht: Brückenbauer, Kirchendiplomat, Integrationsfigur in Kirche und Welt; Österreichs Oberrabbiner Paul Chaim Eisenberg hat ihn sogar als "Kirchenkönig" geadelt. Aber aller Glanz der großen Welt konnte seiner Hingabe an den Erstauftrag als Priester nichts anhaben: Er ist immer ein Seelsorger gewesen und immer mehr eine Art Kardinal-Seelsorger einer ganzen Nation geworden.

Nach zwei Weltkriegen, Bürgerkrieg und Gewaltherrschaft hat er die katholische Kirche in Österreich wie kein zweiter Wiener Erzbischof im 20. Jahrhundert geprägt und auf neuen Kurs gebracht: Ein Jahrhundert-Kardinal!

Aus: "Franz König - Der Jahrhundert-Kardinal" von
Hubert Feichtlbauer

Holzhausen-Verlag, Wien 2003

 




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