Aus aktuellem Anlass: Kardinal König - Über das Gemeinwohl

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In diesen letzten Tagen und Wochen vor der Nationalratswahl verfolgen viele Österreicherinnen und Österreicher die fast täglichen Diskussionen in unterschiedlicher Zusammensetzung in den fünf landeseigenen Kanälen. Wie Gladiatoren stehen unsere Politiker vor gläsernen Pulten und versuchen, bereits bekannte Positionen immer wieder aufs Neue zu erklären.

So leicht es nun sein mag, vom warmen Wohnzimmer aus zu kritisieren, so schwierig ist es aber, die jeweils eigene Position kurz und prägnant darzustellen, ohne dabei dem politischen Gegner, der politischen Gegnerin, den notwendigen Respekt vorzuenthalten. Kardinal König hat uns hier ein überzeugendes Beispiel gegeben. Mit ehrlichem Respekt vor der Überzeugung des anderen, der anderen, verband er Zeit seines Lebens eine Dialogkultur auf Augenhöhe und gestaltete in dieser Grundhaltung auch wesentlich das neue konstruktive Miteinander der politischen Parteien in Österreich mit.

Ein in seinen Wortmeldungen immer wiederkehrender Begriff war jener des "Gemeinwohles", als Voraussetzung für ein intaktes Gemeinwesen, das man nicht leichtfertig aufs Spiel setzen sollte: "Das Gemeinwohl ist ein orientierender Grundsatz für den Menschen als soziales und geschichtliches Wesen. Es erinnert zusätzlich daran, daß das Schicksal des Einzelmenschen vom Wohl des Gemeinsamen abhängig ist."

Daran sollten wir alle in diesen Tagen besonders denken.


Kardinal Königs
Dialogregeln

Zum Nachlesen:
DiePresse: "Elefantenrunde auf ATV: Eine angriffige, emotionale Debatte"

 

 

 

© APA/Georg Hochmuth
Elefantenrunde auf ATV: Eine angriffige, emotionale Debatte


Kardinal König: Kirche und Staat - Über das Gemeinwohl


Für Christen, denen ihre Religion eine gelebte Wirklichkeit ist, ist es ein feststehender Brauch, daß sie für jede schwere Arbeit, die ihrer wartet, sich des Segens Gottes versichern. Kaum eine andere Arbeit ist heute schwieriger als die der Politik. Damit verstehe ich hier die über alle Parteipolitik hinausgreifende Sorge für das staatliche Gemeinwesen. In diesem Sinne wurde seit der Antike bis in die neuste Zeit von großen Denkern der Politik stets der höchste Rang unter jenen menschlichen Tätigkeiten zuerkannt, die sich an den großen Zielen ausrichten.
Wir wollen nicht verschweigen, daß im heutigen Sprachgebrauch das Wort "Politik" keine besondere Achtung abnötigt. Es sei mir daher gestattet, bei dieser festliche Gelegenheit wieder an die rechte Bedeutung des Wortes "Politik" zu erinnern. In vielen sozialwissenschaftlichen Erörterungen ist man dieser Frage nachgegangen. Die einen vertreten die Ansicht, daß Politik es einzig und allein mit Macht zu tun habe. Aber gerade die jüngsten Erfahrungen machen es deutlich, daß damit nicht das Wesen der Politik ausgedrückt sein kann.
Mir scheint, daß wir dem Wort "Politik" dann seinen Sinn wieder geben, wenn wir damit den Dienst am Volke meinen. Durch die Politik dem Volke zu dienen, daß muß für den Begriff maßgebend sein. Ich denke dabei an das bekannte Wort von Abraham Lincoln, daß nämlich Demokratie die Regierung des Volkes durch das Volk für das Volk sei.
Das Ziel einer jeden Politik hat daher im Gemeinwohl zu bestehen, und das Gemeinwohl muß ein Grundelement in jeder Politik bilden. Es ist das Element, welches über jedes bloße Parteiinteresse hinausweist. Daran schließt sich die Frage, was wir unter "Gemeinwohl" genauer zu verstehen haben. Ich werde kaum auf Widerspruch stoßen, wenn ich sage, daß es in der verhältnismäßigen Anteilnahme aller Gruppen der Gesellschaft am Ertrag besteht, am Ertrag, der sich aus der Zusammenarbeit aller in den verschieden Wirtschafts- und Kulturbereichen ergibt.
Eine realistische Politik im Interesse des Gemeinwohls, das ja immer nur annäherungsweise verwirklicht werden kann, verlangt neben dem Grundsatz der Verantwortung und Sachlichkeit ein gutes Maß an Verständigungsbereitschaft. Die Verständigungsbereitschaft ist das Um und Auf einer lebendigen Demokratie. Verständigungsbereitschaft sucht das Gemeinsame trotz alles Trennenden. Verständigungsbereitschaft zielt auf echten Kompromiß, durch den dem Interesse der Parteien und Gruppen, vor allem aber dem Gemeinwohl auf das beste Rechnung getragen wird. Und noch etwas ist die Frucht echter Verständigungsbereitschaft: Sie sichert den Frieden im Gemeinwesen.
Jede Gemeinschaft unter Christen muß eine brüderliche Gemeinschaft sein. Der Glaube an Christus unseren Herrn soll Ausdruck finden in unserem Verhalten untereinander. Den Bruder beschimpfen, verleumden oder hassen ist gegen das Gesetz der Bergpredigt Christi. Was immer in diesem Wahlkampf an unguten Dingen geschehen ist, wir wollen heute des Wortes Christi eingedenk sein: "Wenn du also deine Opfergabe zum Altar bringst und dich dort erinnerst, daß dein Bruder etwas gegen dich hat, so laß deine Gabe dort vor dem Altar, geh zuvor hin und versöhne dich mit deinem Bruder, dann komm und opfere deine Gabe. Verständige dich ohne Verzug mit deinem Gegner, solange du noch unterwegs bist. "-So lesen wir in der Bergpredigt.
Die Versöhnung politischer Gegner, die Brüderlichkeit unter Christen soll Gegensätze politischer Anschauungen nicht auslöschen, sie soll und wird auch nicht die politischen Meinungen aufheben. Sie soll aber die Grundlage sein für ein gemeinsames Wirken.
Immer muß im politischen Leben die Mehrheit Rücksicht nehmen auf die Minderheit, der Stärkere darf den Schwächeren nicht unterdrücken, muß auch seine Ansichten und Meinungen gelten lassen, muß auch manches von ihm übernehmen. Aber so wie der Starke den Schwächeren nicht ausschließen darf, so soll auch der Schwächere sich nicht von selbst ausschließen, sich nicht selbst zurückziehen von einer gemeinsamen Verantwortung tragen alle in diesem Staate.
Jede Ihrer Entscheidungen werden Sie als Christen auch vor Ihrem Gewissen und vor Gott zu verantworten haben. Bei allen harten politischen Auseinandersetzungen vergessen Sie bitte eines nicht: So wie Sie hier vor dem Altar eine Gemeinschaft bilden, eine Gemeinschaft untereinander, so sollen Sie auch in Ihrer Tätigkeit und in Ihrem Leben eine Gemeinschaft bilden. Sie sollen sich untereinander stets so verhalten, daß Sie immer wieder als Brüder vor diesen Altar treten können.
Man kann sich als Christ ausweisen, der in den Auseinandersetzungen des täglichen Lebens, auch in den wirtschaftlichen und politischen Auseinandersetzungen, nicht den Haß steigert, sondern den Haß abbaut, der nicht Unfrieden sät, sondern für Frieden und Verständigung eintritt.
Für Frieden und Verständigung, für das gemeinsame Wirken am gemeinsamen Vaterland wollen wir in dieser Stunde beten.

Messe für Abgeordnete, Votivkirche, 30. März 1996

 

© KK-Archiv

Gemeinwohl - "Gedanken zum Thema" von Kardinal König

Im "Mariazeller Manifest" – so wurde erst später jener zusammenfassende Schlußbericht der Studienwoche bezeichnet – heißt es: Freiheit könne nur "in Einigkeit" errungen werden; Zwietracht und parteipolitischer Egoismus seien daher eine "ernste Gefahr für die Existenz und Zukunft Österreichs". – So wurde es damals gesehen und gesagt. Und heute? Es bleibt in seiner Gültigkeit bestehen, denn in einem demokratischen Staat müssen sich die politischen Parteien auch heute am Gemeinwohl orientieren, und dazu braucht es die Zusammenarbeit aller, die guten Willens sind. Bedenkenswert scheint mir auch der weitere Satz: "Haltet Maß in der politischen Auseinandersetzung! Räumt Barrikaden von gestern weg. Denn der Staat ist nicht Parteienbesitz, und die Parteien dürfen den Staat nicht unter sich aufteilen."

So selbstverständlich solche Hinweise damals waren, so scheint es doch heute niemand mehr zu wagen, die Dinge so direkt beim Namen zu nennen, unter dem Druck einer öffentlichen Meinung, die Grundsätze relativieren will und die Verbindung von Freiheit und Verantwortung nicht mehr ganz ernst nimmt. Aus heutiger Sicht scheint daher zu folgen: Obwohl die Freiheit des Einzelnen als selbstverständlicher Besitz im Denken unserer Zeit gesehen wird, so scheint die Gefahr des Verblassens gegeben zu sein, angesichts des persönlichen Handelns und Entscheidens vieler. Man versucht, den Begriff der Freiheit aus einer polaren Bindung an Verantwortung herauszulösen. – Denn es geht auch heute um Verantwortung für sich, für die anderen, für das Gemeinwohl, für die Umwelt. Dabei geht es letztlich immer um eine mutige und persönliche Entscheidung zwischen Recht und Unrecht. Heute aber geht es mehr darum, flexibel zu sein, anpassungsfähig zu sein und dazu erfolgreich; denn im Bereich der statistischen Erhebungen der wirtschaftlichen Orientierung beruft man sich auf Freiheit, aber wenig auf Verantwortung. – Ist der Weg zur Beliebigkeit in vielen Lebensbereichen nicht letztlich auch ein Weg zur Unentschiedenheit, zur Feigheit?

 

Im geschichtlichen Rückblick auf die Zeit des ersten österreichischen Katholikentages der Nachkriegszeit ist es wohl zu verstehen, daß man in einem besetzten, der Freiheit beraubten Land, mit einer Kirche in der Gefahrenzone des atheistischen und weltanschaulichen Gegners, in solidarischer Gemeinsamkeit nach einer freien Kirch in einer freien Gesellschaft rief. Es war wohl zu verstehen, daß jener Appell wie ein zündender Funke großes Interesse und Aufmerksamkeit weckte, über die Grenzen des eigenen Landes hinaus. Jene Vorstellung von Freiheit der demokratischen Staatsführung bewegte nicht nur die christliche Mehrheit des Landes, sondern gehörte zum menschlichen Grundanliegen aller Staatsbürger, unabhängig von ihrer politischen und religiösen Einstellung. Deswegen bezog jener Katholikentag Stellung zu solchen Fragen, im Bewußtsein jener Freiheit und Verantwortung, die alle angeht. Demokratie, so hieß es im Schlußdokument, fordere die Mitarbeit aller, nicht nur Kritik. Wer abseits stehe oder alles vom Staat erwarte, dürfte über sein wachsendes Überhandnehmen nicht klagen. "Wir Katholiken", so hieß es wörtlich, "rufen jeden einzelnen zur Verantwortung für das Gemeinwohl auf."


Ebenso notwendig ist ein anderer Hinweis: Auch in unserem Lande gilt der gesunde Grundsatz von einer Trennung von Staat und Kirche. Dies kann aber mißverstanden werden. Denn es besteht die Gefahr, eine solche Einstellung als Signal zu verstehen, daß Christen sich aus der Politik zurückziehen sollen, weil die Schwierigkeiten der Zusammenarbeit oft nicht zielführend sind. Das wäre aber ein Mißverständnis. Das Gegenteil ist richtig: Katholische Christen sollten, im Falle entsprechender Voraussetzungen, bewußt in die Politik und das heißt auch, in das politische Parteiengeflecht einsteigen, um ihre menschlichen und christlichen, ihre staatsbürgerlichen Vorstellungen in bezug auf das Gemeinwohl entsprechend einzubringen.

Wenn also, wie gesagt, es zu den wesentlichen Aufgaben der politischen Parteien gehört, das zu fördern, was das Gemeinwohl verlangt, und wenn politische Parteien ihre Sonderinteressen nicht über das Gemeinwohl stellen dürfen, - dann ist es heute mehr denn je Aufgabe der katholischen Christen, nicht der Priester, wohl aber der Laien in der Kirche, ihre Talente, ihre Ideen, ihr politisches Können in die offizielle Politik des Landes einzubringen. Vor allem aber ist es aus österreichischer Sicht Aufgabe der vielen, die ihrer Kirche auch im öffentlichen Leben zur Verfügung stehen wollen, - ich denke an die vielen, die der Idee einer Katholischen Aktion entsprechen, - in Gewerkschaften, Verbänden, in der Kommunalpolitik, am Gemeinwohl mitzuarbeiten.


 

 

 


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